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Der heisse Himmel um Mitternacht

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Der heisse Himmel um Mitternacht
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Memphis und Cairo sind abgeriegelt.

Die Fernstraßen und Flugverbindungen blockiert, keiner kann rein, keiner kommt raus. Memphis und Cairo hätten ebenso gut von der Landkarte gelöscht worden sein können. Affen stürmen in Louisiana aus dem Dschungel und tun ihr Werk für die Kräfte des Chaos, und deine Stadt verschwindet von der Erde, während du auf die Oropouche-Viren oder wie immer das Zeug heißen mochte, wartest, das dir in die Blutadern kommt, dich anschwellen und zu einem Sack voll schwarzem Blut werden lässt. Himmel, erbarme dich, dachte er.

Christus, erbarme dich. Heilige Maria, du Mutter Gottes, bitt für uns, jetzt und in der Stunde unseres Todes.

Endlich, gegen vier Uhr nachmittags, war er in Chicago und rief Jeanne Gabel in der Samurai-Zentrale von Wacker and Michigan an und bekam die Verbindung nach nur etwa einer halben Minute, bis man sie aufgespürt hatte.

»Wo bist du?«, fragte Jeanne.

»Auf 'nem Parkplatz an – hmmm – der Ecke Monroe-Green.«

»Gut. Bleib dort. Ich kann gut hier etwas früher weg. Ich komm und hol dich.«

Müde und verdreckt von der langen Fahrt blieb er im Wagen hocken und blickte voll missmutiger Ergriffenheit in den düsteren Smoghimmel. Die Luft in dieser Stadt war wie eine ölige Suppe und hinterließ dunkle Streifen auf der Windschutzscheibe. Sie war phantastisch gefleckt und gemasert von dicken Farbtupfern, gelb, purpur, grün, blau, alles ineinander laufend, es sah aus wie eine eklige Prellung unter der Haut, und die Sonne lugte blässlich durch den Vorhang von Schmutz wie eine kleine angelaufene Kupfermünze. Er war schon lange nicht mehr in diesem Teil des Landes gewesen; er hatte vergessen, welche Gifte hier die Luft belebten. Wohin er sah, trugen die Leute ihre Schutzmasken. Er setzte sich seine auf und vergewisserte sich, dass sie an den Wangen und am Kinn dicht schloss.

Jeanne traf mit verblüffender Schnelligkeit bei ihm ein. Freude schoss bei ihrem Anblick in ihm auf – das erste vertraute Gesicht seit Oakland – und dem folgte sogleich als Gegenreaktion eine tiefe Verwirrung. Er hatte keine Ahnung, weshalb er zu ihr hergefahren war, noch was er von ihr erwartete, von dieser Frau, zu der er seit fast einem halben Dutzend Jahren eine distanzierte Flirtfreundschaft unterhalten hatte, ohne sie je auf die Lippen geküsst zu haben.

Jetzt hätte er sie gern geküsst, aber mit der Gesichtslungenmaske war das schwierig zu bewerkstelligen. Er begnügte sich mit einer Umarmung. Jeanne war eine kräftige Frau, von der Mutterseite her irgendwie ein wenig orientalisch, doch ohne eine Spur von orientalischer Zerbrechlichkeit, und sie nahm ihn stark und fest und herzlich in die Arme.

»Los, komm«, sagte sie. »Du brauchst ganz dringend eine Dusche, und dann was zu essen, richtig?«

»Richtig getippt.«

»Gott, ist das schön, dich wiederzusehen, Paul.«

»Ich freu mich auch.«

»Aber es steht wohl ziemlich schlimm, ja? Ich hab dich noch nie mit so einem Gesicht gesehen.«

»Nein, es steht nicht sehr gut. Das stimmt genau.«

Jeanne stieg auf der Fahrerseite ein und befahl dem Wagen, wohin er sie bringen sollte. Während sie sich in den Verkehr einfädelten, sagte sie: »Ich hab in der Personalzentrale nachgefragt. Anscheinend bist du nicht mehr in der Firma.«

»Sie haben mich terminiert.«

»Ich habe noch nie gehört, dass die sowas machen, außer es gibt Gründe.«

»Es gab Gründe, Jeanne.«

Sie schaute ihn an. »Um Himmels willen, was war los?«

»Ich hab Mist gemacht«, sagte er. »Ich tat etwas, das ich für richtig hielt, und es war falsch. Ich kann dir das Ganze erzählen, wenn es dich interessiert. In der Hauptsache war es so, dass die Sache eine Menge schlechte Werbung bedeutete und der Firma Ärger mit Kyocera brachte, also haben sie mich mit 'nem Tritt in den Arsch rausgesetzt. Eine Sache der Firmenpolitik. Sie mussten mich feuern.«

»Armer Paul. Da haben sie dir aber richtig einen reingewürgt. Was hast du jetzt vor?«

»Duschen und irgendwas essen«, sagte er. »Weiter kann ich derzeit nicht planen.«

Jeanne bewohnte ein Zweizimmerapartment – Wohnzimmer mit Küche, ein Schlafzimmer – draußen in einer der westlichen Vorortbezirke Chicagos. Die Räume waren dermaßen dicht versiegelt, dass sie nahezu luftlos wirkten, und die Klimaanlage war alt und asthmatisch, laut und fast wirkungslos.

Für Gäste war in der beengten Wohnung kaum Platz. Carpenter überlegte, ob er sich für die Nacht wohl ein Hotel suchen müsse, wenn er nicht wieder im Wagen schlafen wollte, und fragte sich, wie er das bezahlen sollte. Vielleicht erlaubte ihm Jeanne ja, auf dem Fußboden zu schlafen. Er duschte so hingebungsvoll lange, wie er es anständigerweise glaubte tun zu dürfen, vielleicht sechs, sieben Minuten lang, und zog sich frische Sachen an. Als er wieder erschien, hatte Jeanne zwei Teller voll Algenkekse und Sojaspeck und etliche Flaschen Bier auf dem Tisch.

Während sie aßen, erzählte er seine Geschichte, ruhig und leidenschaftslos, angefangen von dem Hilfsersuchen Kovalciks bis zu der abschließenden Unterhaltung mit seinem Anwalt Tedesco. Inzwischen kam ihm das alles eher vor wie eine Geschichte, von der er in den Abendnachrichten gehört, nicht wie etwas, das ihm selbst widerfahren war, und er blieb dabei fast völlig empfindungslos, als er Jeanne den Ablauf der Sache schilderte. Sie hörte fast kommentarlos bis zu Ende zu. Dann sagte sie nur: »Was für ein Scheißspiel, Paul.«

»Ja.«

»Hast du dran gedacht, Revision zu verlangen?«

»Bei wem? Beim Papst? Ich sitz auf meinem nackten Arsch, Jeanne. Das weißt du doch ebenso gut wie ich.«

Sie nickte nachdenklich. »Ja, wahrscheinlich. Ach, Paul, Paul …«

In der hermetisch abgeschotteten Wohnung brauchten sie die Atemschutzmasken nicht zu tragen. Sie wandte ihm das Gesicht zu, und er sah einen Ausdruck in ihren Augen, dessen Unwägbarkeiten ihn verwirrten: wie zu erwarten, war da Besorgtheit und Sympathie, aber hinter dem so etwas wie ein Schimmer von echter Liebe, und dahinter – was? Angst. Ja, es sah aus wie Furcht, dachte er. Aber Angst wovor? Vor ihm? Nein, dachte er. Sie hat Angst vor sich selbst.

Bedächtig schenkte er sich Bier in sein Glas nach.

Sie fragte: »Wie lang willst du in Chicago bleiben?«

Er zuckte die Achseln. »Ein, zwei Tage, denke ich. Weiß noch nicht. Aber ich will dir auf gar keinen Fall zur Last fallen, Jeannie. Ich musste ganz einfach bloß dringend für 'ne Weile aus Kalifornien weg, 'nen Ort, wo ich zur Ruhe kommen kann und sicher bin, bis ich …«

»Du kannst bleiben, solang du magst, Paul.«

»Ich bin dir dankbar dafür.«

»Weißt du, ich fühl mich irgendwie verantwortlich. Schließlich hab ich dir den Job auf diesem Eisbergschlepper aufgehalst.«

»Das ist echt Scheiße, Jeannie! Klar, den Job hast du mir besorgt, aber ich hab die Leute sitzen lassen, ganz allein und aus eigener Entscheidung hab ich das getan.«

»Ja, das habe ich schon verstanden.«

»Sag mir jetzt mal, wie es dir geht«, lenkte er ab. »Was hast du denn so getrieben?«

»Was gibt's da schon zu berichten? Ich arbeite, ich fahr heim, ich lese, und dann schlafe ich. Es ist ein gemütliches ruhiges Leben.«

»So, wie du's schon immer gern hattest.«

»Ja.«

»Fehlt dir Paris nicht?«

»Na, was denkst denn du?«, sagte sie.

»Gehen wir doch einfach hin«, sagte er. »Du und ich. Gleich jetzt. Du gibst deinen Job auf, und wir suchen uns ein nettes Plätzchen in der Nähe der Seine, und dann tanzen und singen wir in der Metro und sammeln Geld … Es wäre ja kein tolles Leben, aber wenigstens wären wir dann in Paris.«

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