Der heisse Himmel um Mitternacht
- Автор: Силверберг Роберт
- Год: 2014
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- ISBN: 978-3-641-11452-7
- Переводчик: Roland Fleissner
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Der heisse Himmel um Mitternacht». Краткое содержание книги:
Aus der Serviceliste des Hotels wählte er sich eine Begleitung zum Dinner und buchte sie für zusätzliche drei Stunden danach. Vor langem schon hatte er gelernt, sich in Zeiten physischen Bedarfs professioneller Hilfe zu bedienen. Gute Professionelle hatten fast nie Probleme, ihre ersten Reaktionen über sein Aussehen zu beherrschen, und es gab hinterher keine langwierigen ärgerlichen Beziehungskisten. Farkas hatte nie viel übrig gehabt für emotionale Bindungen. Aber was die körperliche Seite der Sache anging – ja, das! –, da gibt es keine Möglichkeit, dem auf unbegrenzte Zeit zu entkommen, dachte er. Und es war gut, dass es Mittel und Möglichkeiten gab, da Abhilfe zu schaffen.
Er holte sich noch einen Brandy aus der Minibar und setzte sich gemütlich hin, um auf seine Begleitung zu warten.
Kapitel 25
»Ich sollte wirklich nicht«, sagte Carpenter, als Rhodes ihm das Glas wegnahm, um nachzuschenken. »Ich vertrag das Zeug nicht so gut wie du.«
»Ach, lass dich doch mal gehen«, sagte Rhodes. »Warum sollste nicht, verdammt?« Die bernsteingoldene Flüssigkeit schoss in sein Glas. Carpenter hatte inzwischen vergessen, ob sie Scotch tranken oder Bourbon. Bourbon schmeckt weicher, sagte er sich, aber inzwischen war ihm die Fähigkeit abhanden gekommen, zwischen den Geschmacksvarianten noch zu unterscheiden. Er hatte das Gefühl, den ganzen Abend lang ununterbrochen getrunken zu haben. Rhodes jedenfalls hatte das bestimmt getan. Aber das war ja bei ihm immer so.
Hab ich etwa Glas für Glas mit ihm gleichgezogen?, überlegte Carpenter.
Doch … Ich denke, das hab ich.
»Lass dich mal gehen«, sagte Rhodes. Aber das hatte er doch schon einmal gesagt, oder? Fing er jetzt schon an, sich zu wiederholen? Oder hatte sich in Carpenters Gehirn nur einfach die vorherige Bemerkung von Rhodes erneut abgespult. Er war da nicht sicher.
Und es spielte auch keine Rolle. »Denke, es kann nichts schaden«, sagte er. »Wie du das so lieb gesagt hast, Nick, warum, verdammt, sollte ich nicht?«
Nach einer wilden Fahrt, an die er sich kaum noch recht erinnern konnte, war Carpenter von Chicago wieder in der Bay Area angelangt. Der Wagen lief die ganze Strecke über auf Automatik und war programmiert, den kürzesten Weg zwischen Illinois und Kalifornien zu nehmen, und er hielt nur, wenn er sich wieder aufladen musste, und kümmerte sich kaum um Geschwindigkeitsbeschränkungen. Carpenter verschlief fast die ganze Fahrt wie ein Bündel alter Kleider auf dem Rücksitz. Er erinnerte sich, dass es ein paar schwierige Momente gab, als der Wagen an einen der erweiterten neuen Ausleger der Quarantänezone geriet und weit nach Norden ausweichen musste; er erinnerte sich, dass er die Sonne über West-Nebraska wie einen stürzenden roten Feuerball untergehen sah; er hatte eine unbestimmte, wenig zuverlässige Erinnerung daran, dass er am folgenden Tag durch eine weite unbegreifliche Ebene voll Aschehaufen und schimmernder Vulkanschlacke kam. Und damit hatte es sich auch schon, an mehr von der Fahrt erinnerte er sich nicht.
Aber an Chicago erinnerte er sich doch sehr deutlich.
Jeanne, die atemlos vor Überraschung in seinen Armen lag in dieser langen Nacht gieriger Umarmung. Jeanne, die in der selben Nacht, später, urplötzlich krampfhaft zu schluchzen begann und sich weigerte zu sagen, weshalb. Jeanne, die ihm gestand, sie sei zum Katholizismus konvertiert, und die sich erbot, für ihn zu beten. Jeanne, die ihn schließlich im Morgengrauen von sich stieß und sagte, sie sei aus der Übung im Bett und hätte jetzt schon mehr gehabt, als sie vorläufig verkraften könne.
Und wie sie dann, Hand in Hand und vollgepumpt mit Screen und mit Gesichtsmasken, in einer mittäglichen Gluthitze, die in Satan persönlich Heimwehgefühle hervorgerufen hätte, Chicagos Loop entlang gezogen waren, unter einem verschmierten grünlichen Himmel, der aussah wie eine umgekehrte Schüssel voll Erbrochenem. Der Gestank nach faulen Eiern von den Schwefelwasserstoffen in der Luft kam sogar durch die Schutzmaske. Der Blick die hohen uralten Steinfassaden hinauf, die von ätzender Luft und Giftregen zu einer Phantasmagorie willkürlicher gotischer Brüstungen, Türme, Spitzen und asymmetrischer Dachkronen zernagt worden waren.
Jeanne, die am gleichen Tag später ihren Körper vor ihm unter einem unförmigen zeltartigen Kleidungsstück verbarg und erklärte, sie sei zu hässlich, sich bei Licht sehen zu lassen, und die wütend wurde, als er sagte, sie sei verrückt, und ihr Körper sei wirklich wunderschön.
Und dann, als sie sagte: »Es war wirklich wundervoll, Paul, dass du hier warst. Ich mein's ganz im Ernst. Dass du es fertig gebracht hast, es Wirklichkeit werden zu lassen, nachdem es so lange nur gespielt war. Aber jetzt – wenn du glaubst, du kannst dich zusammenraffen und die Kraft finden, jetzt weiterzumachen …«
Und er hatte sich daran gemacht, Jeannes magere Alkoholvorräte zu vernichten und das Zeug stetig und hingebungsvoll in sich hineingeschüttet, in einer Weise, die eines Nick Rhodes würdig gewesen wäre. Hatte versucht, Jolanda in Berkeley anzurufen, dabei gehofft, dass es Jeanne nicht zu sehr verstören würde, wenn er sich so rasch einer anderen Frau zuwandte; hatte aber nur das Anrufband bekommen, nicht einmal eine Anzeige, dass ein Suchruf weitergeleitet würde. Dann der Anruf bei Nick. Bei dem er sich selbst eingeladen hatte. Dann die Ankündigung zu Jeanne, dass er noch in dieser Minute nach Kalifornien abreisen wollte, und ihr Gesicht, plötzlich ganz verloren und bekümmert. Und wie er sich gefragt hatte, ob es wirklich richtig war, es wörtlich zu nehmen, dass er verschwinden solle. »Aber es ist mitten in der Nacht, Paul«, hatte sie gesagt. Und er: »Macht nichts. Es ist so 'ne weite Fahrt. Ich mach mich besser gleich auf den Weg.« Der feuchte Schimmer in ihren Augen. Tränen der Bekümmerung? Erleichterung? Von Jeanne kamen stets diese gemischten Signale.
»Du bleibst doch in Verbindung, Paul? Komm wieder und besuch mich, wann immer du willst.«
»Ja. Ja.«
»Es war wunderschön, dich bei mir zu haben.«
»Ja. Ja. Ja.«
»Ich liebe dich, Paul.«
»Ich liebe dich, Jeannie. Wirklich.«
In den Wagen. Auf die Straße. Die Augen verschwollen vor Übermüdung, die Zunge pelzig vom Alkohol, das Gesicht ein Stoppelacker. Die Quarantänezone. Die sinkende rote schwangere Sonne. Asche und Bimsstein. Und dann, tausend Jahre später, die glattgerundeten gelbbraunen Berge über der Bay und der Tunnel nach Berkeley; und hoch oben am Hang das Apartment von Nick Rhodes mit diesem grandiosen Blick.
»Isabelle muss gleich da sein«, sagte Rhodes. »Wir haben eine Verabredung zum Dinner. Jolanda möchte, dass du ebenfalls kommst. Aber natürlich, wenn du sie nicht treffen möchtest … Dieser Enron ist mit ihr zusammen, weißt du. Das sagte ich dir doch, als du angerufen hast, oder?«
»Hast du. Zum Teufel, warum nicht? Je mehr, desto besser.«
Ein eigenartiger Abend. Isabelle war bestürzend lieb, freundlich und zartfühlend und äußerte nachdrücklich mehrfach, wie tief sie das bekümmerte, was Carpenter in der letzten Zeit alles hatte durchmachen müssen – Isabelle, die Therapeutin, wie er sie vorher noch nicht erlebt hatte, diese weichere anschmiegsame Frau, die sein Freund Nick Rhodes so verzweifelt liebte. Die zwei betrugen sich im Restaurant wie ein glückliches verliebtes Ehepaar, wie echte Partner diesmal, keine Spur von Aggressivität. Auch Jolanda informierte Carpenter, wie leid ihr das mit seinen Schwierigkeiten tue, und tröstete ihn mit einer hitzeglühenden Umarmung, drückte ihre Brüste fest gegen ihn, ihre Zunge züngelte und glitt ihm zwischen die Lippen, was bei jeder anderen Person als unmittelbare Aufforderung ins Bett hätte betrachtet werden müssen, was aber bei Jolanda, das begriff er rasch, nur ihre freundliche Standardbegrüßung bedeutete. Enron schien es nicht zu stören. Er sah fast nie zu ihr her und zeigte nicht das geringste Interesse an ihr. Er war überhaupt merkwürdig zurückhaltend, da war nichts mehr von dieser fieberhaften Intensität wie bei jenem anderen Dinner, vor Ewigkeiten, in Sausalito. Er sagte kaum ein Wort, war physisch anwesend, aber im Geist schien er ganz woanders zu sein.