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Der heisse Himmel um Mitternacht

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Der heisse Himmel um Mitternacht
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Hier draußen war alles sehr ruhig. Die Umweltvergiftung durch die Industrie hatte die meisten der kleinen Vorortgemeinden im diesem Teil des Tals des Sacramento River erwürgt, und der Raubbau an den Wasservorräten hatte die dahinter gelegenen ländlichen Gemeinden ruiniert. Carpenter wusste, noch weiter östlich lagen die Geisterstädte der Mother Lode und dann, riesenhaft und erschreckend, die Bergwand der Sierra; und jenseits davon das dürre Ödland Nevada. Sobald er die Berge überquert hatte, würde er anderthalb Tage lang durch eine echte Wüste fahren.

Und trotzdem, trotzdem …

Es war schön hier, wenn man Einsamkeit und Dürre als schön empfinden konnte. Mit dem Sterben der Landstädte und Farmen war eine Art prähistorische Stille in das Sacramento Valley zurückgekehrt. So muss es vor Tausenden von Jahren hier ausgesehen haben, dachte Carpenter – abgesehen von dem Pompeji-Effekt, den die Grundstücksumrisse aus dem 19. und 20. Jahrhundert erweckten, die Trockenwälle der Grenzmarkierungen überall, eine Vielzahl kniehoher, sich überschneidender weißgrauer Linien, die durch verdorrtes Gras und Felder und Anhöhen schnitten wie verblasste Markierungen auf dem Land, die fast nicht mehr sichtbaren Spuren der Häuser, die da einst gestanden hatten. Doch sogar dies besaß einen gewissen altertümlichen Charme. Fußspuren der Vergangenheit, Hinweise auf eine verschwundene Welt. Und die Luft hier draußen, so still und klar, dass sie fast wie die eines verflossenen Jahrhunderts wirkte.

Doch Carpenter ließ sich nicht täuschen. Diese Luft war beinahe ebenso tödlich wie die Luft überall sonst. Weit tödlicher sogar, weil die Giftstoffe niemals fortgeweht wurden aus dieser Zone unveränderlicher atmosphärischer Stagnation, wo sie sich einfach aufbauten und verblieben, und wenn sich jemand längere Zeit hier aufhielt, fraßen sie ihm glatt die Lungen aus der Brust. Wenn man sich die Mühe machen wollte, konnte man es exakt an den Bäumen dieser ländlichen Gegend ablesen. Die unnatürlichen Astansätze und Winkel, die spillerigen Zweige, die spärliche Belaubung mit gichtigen Blättern, allerlei genetische Deformationen, die durch hundert Jahre Ozondefizit hervorgerufen worden waren, die Anreicherung von Aluminium und Spuren von Selen im Boden und noch weitere aufregende Formen von Umweltverwüstung.

Luft und Wasser und der Boden dieser unserer Erde sind zu einer lebensfeindlichen Umwelt verkommen, dachte Carpenter, zu einer Zone der Antifruchtbarkeit, pestbringend für alles, was mit ihr in Berührung kommt. Vielleicht entwickelte sich ja irgendwann eine neue mutierte nicht-lebendige Form und gedieh in dem neuen Medium, irgendein im Grunde totes Wesen, das in der Lage sein würde, seine Stoffwechselprozesse jenseits der Existenz fortzuführen, sich vermehrend und aus dem Grab heraus gebärend, ein Geschöpf, das zerfressende Giftgase atmen konnte und hochentwickelte Kohlenwasserstoffe durch seine unverwüstlichen Adern pumpte.

Er saß entspannt hinter dem Steuer und ließ den Wagen allein arbeiten, der ihn höher und höher hinauftrug zu dem hochragenden Rückenkamm Kaliforniens.

Stunden vergingen, und nun blieben auch die letzten Spuren menschlicher Zivilisation hinter ihm zurück. Er war jetzt mitten in den Vorbergen, wo die Häuser im allgemeinen aus Holz erbaut worden waren, und so gab es hier kaum noch irgendwelche Ruinen zu sehen. Das hatte das Feuer bewirkt; die natürlichen Serien von Waldbränden, die Jahr um Jahr in der Trockenzeit durch die unbewohnten Siedlungen gefegt waren, hatten die Spuren der Anwesenheit des Menschen fortgewischt.

So friedlich alles. Eine leere Welt lag da vor ihm.

Der totale Gegensatz zu dem hektischen dichtbevölkerten San Francisco und all den übrigen urbanen Albträumen, die sich die Küste entlang fast ununterbrochen erstreckten bis hinab zu dem Großen Belial selbst, dem Tausendköpfigen Tier: Los Angeles. Allein bei dem Gedanken an L. A. schauderte Carpenter. Dieser monströse Schandfleck in der Landschaft, dieses krebsartig wuchernde Schwarze Loch von unauslöschlicher Hässlichkeit, in dem sich ungezählte Millionen bedrückter Seelen in unaussprechlicher Hitze zusammendrängten, in einer Luft, die so dick und giftig war, dass man sie schneiden und aufstapeln konnte …

Los Angeles, seine Geburtsstadt …

Er erinnerte sich an die Erzählungen seines Großvaters aus dessen Jugend in einer noch nicht kaputtgemachten Welt – sentimentale Erinnerungen an das alte Los Angeles von damals, lange her, am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts vielleicht? Anfang des einundzwanzigsten? Ein verlorenes Paradies, hatte der alte Mann gesagt, ein Ort, an dem der Wind frisch und rein vom Meer her wehte und die Tage mild und angenehm waren. Überall Parks und üppige Gärten, geräumige Wohnhäuser, ein sternfunkelnder Himmel, Schnee auf den winterlichen Berggipfeln hinter Pasadena und San Gabriel. In seinen Träumen trieb es Carpenter sogar noch jetzt manchmal in dieses verschwundene Los Angeles: das unverdorbene wunderschöne Los Angeles der fernen Vergangenheit, in jenen unerreichbar vergangenen Spätneunzigern des zwanzigsten Jahrhunderts etwa, ehe sich der eiserne Himmel über alles gesenkt hatte. Er hoffte, dass das alles nicht nur eine romantisierende, senile Wunschvorstellung seines Großvaters gewesen sein möge, dass es damals wirklich so gewesen war. Er glaubte fest daran. Doch jetzt war das alles dahin und würde nie wieder zurückkehren.

Weiter. Ostwärts.

Über den sonnenverbrannten Himmelsdom zuckte ein Blitz, ein weißleuchtender Speerschaft quer durch die andere Helle. Ein dumpfes Donnergrollen in der Ferne. Er wusste, das hatte nichts zu bedeuten. Ein bloßes Räuspern von Zeus. Das Wetterleuchten entstand durch Temperaturunterschiede, und es folgte danach fast nie ein Regen. Höchstens kamen danach Brände, die sich weiter und weiter kahlscherend durch das Grasland fressen würden.

Der Baumbestand war jetzt anders geworden. Statt der Eichen standen hier hochragende Nadelbäume und schlanke milchigweiße Bäume, die möglicherweise Espen waren. Niedrige verkrüppelte Dickichte von Chaparral – Manzanita und Greasewood hauptsächlich – bedeckten den Rand des alten Highways. Er sah keine anderen Fahrzeuge. Er war der letzte lebendige Mensch auf der Welt. An manchen Stellen, wo kürzlich die Flammen zugeschlagen hatten, erstreckten sich in alle Richtungen meilenweit über der versengten Erde die verkohlten Baumstümpfe.

Feuer war gut. Feuer war etwas Reinigendes.

Soll es doch überall alles verbrennen, betete Carpenter. Es soll die ganzen Sünden der Welt wegbrennen!

Er dachte: Wie unbegreiflich absurd, dass die menschliche Rasse ihre allerschlimmsten nationalen Zwistigkeiten und ihre Religionskriege überlebt hatte, dass sie soviel blödsinnige, belastende Irrationalität hinter sich lassen und in eine Ära des wirklichen Friedens und der Zusammenarbeit, jedenfalls sozusagen, übergehen konnte. Und dann dies: überall Fäulnis, tropische Hitze und Luftverschmutzung und Untergang. Absurd, absurd, ganz absurd. Nick Rhodes in seinem Labor quält sich mit seinem Gewissen herum, während er gleichzeitig danach strebt, die menschliche Rasse in Wesen mit Kiemen und grünem Blut umzubauen. Und Kovalcik, unter der brutalen Sonne da draußen im Pazifik, die ihr Schiff mit Seeungeheuern für die Versorgung der hungernden Menschheit vollstopft. Der arme Paul Carpenter, der arme Trottel mit Scheiße im Kopf, ist dermaßen wild versessen, einen Eisberg in eine blöde undankbare Stadt zu schleppen, dass er das Wenige an menschlichem Anstand, das ihm je einprogrammiert worden war, vergessen kann und lässt kalt Menschen in Not …

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