Der heisse Himmel um Mitternacht
- Автор: Силверберг Роберт
- Год: 2014
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- ISBN: 978-3-641-11452-7
- Переводчик: Roland Fleissner
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Der heisse Himmel um Mitternacht». Краткое содержание книги:
Nein! Denk nicht an das!
Was du im Augenblick machst, mahnte er sich, ist, dass du vor dem ganzen Schlamassel den Schwanz einziehst und davonläufst.
Bruchstücke eines alten, kaum noch bewussten liturgischen Gebets kamen ihm in den Sinn. Miserere, Miserere. Qui tollis peccata mundi. Agnus Dei. Qui tollis … Peccata mundi.
Dona nobis pacem. Pacem. Pacem. Pacem.
Und weiter. Weiter nach Osten.
Die Straße stieg und stieg und stieg und führte schließlich in einem von der herannahenden Dunkelheit bedeckten, ziemlich geraden Pass. Nun war er im Hochland. Dünne Luft, Zahnstocherwälder von schlanken Nadelgehölzen kämpften sich bis zur Baumgrenze hinauf, darüber die nackten Felswände wie riesige Schilde aus Granit. Überall rings um ihn ragten die graupurpurnen Massen der gewaltigen Berge auf, die höchsten Gipfel der Sierra.
Wenn es doch überall schneien würde, dachte Carpenter.
Wenn doch das ganze Land von Küste zu Küste von einer schimmernden weißen Decke überzogen würde. Und wenn wir dann unter ihr hervor in einen neuen reinen Frühling eines köstlichen frischen erneuerten Lebens schreiten könnten.
Klar. Aber klar doch!
Und nun war er jenseits der graupurpurnen Berge, jenseits der Passhöhe und fuhr durch endlose Haarnadelkurven nach Nevada hinunter, wie er vermutete. Die Nacht kam nun ganz rasch. Ein starrer schwarzer Himmel, ohne Mond, mit vielen Sternen, zwischen denen die geisterhaften schweigenden Raumhabitate, ab und zu dem bloßen Auge sichtbar, ihre Lichtbahnen zogen. Es war Zeit, eine kleine Pause einzulegen, damit der Reziprokator des Wagens Gelegenheit bekam, etwas mehr Energie ansammeln konnte, als er verbrauchte, damit die Batterien für die nächste Etappe der Fahrt geladen sein würden.
Selten hatte er eine so tiefschwarze Hintergrundkulisse und so intensiv darüber hinwegziehende Helligkeit erblickt. Der Himmel hier wirkte kalt, kalt wie der Weltraum selber, eisig kalte Bergluft und in ihr eine erschreckende eisige Klarheit, die völlig anders war als die Luft in der Stadt, in der beständig Dreck und Gifte wirbeln. Aber Carpenter wusste, dass dies nicht stimmte. Der Himmel da droben war heiß, genau wie überall anders auch. Wo immer man in dieser traurigen Welt hinging, der Himmel war immer heiß, sogar um Mitternacht, sogar hier am Rande dieses dunklen von Sternen gesprenkelten Königreichs.
Carpenter bog auf einen aus dem Hang herausgeschnittenen Rastplatz neben der Straße ein und verzehrte lustlos ein Päckchen Algenkekse, die er aus Oakland mitgebracht hatte. Er spülte sein Dinner mit einem Schluck von dem sauren Wein hinunter, den er unter dem Armaturenbrett verstaut hatte. Dann rollte er sich zusammen und schlief im Wagen; die Alarmanlagen ließ er eingeschaltet, wie wenn er mitten in einer tödlich feindlichen Stadt wäre. Als die Sonne in den Morgenhimmel hüpfte und durch die Frontscheibe knallte, setzte er sich verwirrt hastig auf und wusste für einen Augenblick nicht, wo er war und was vorging, er dachte benommen, er sei wieder in Spokane, in seinem kleinen, schäbigen Hotelzimmer im dreißigsten Stock des Manito.
Direkt vor ihm lag im Talgrund tatsächlich so etwas wie eine Stadt. Sie wirkte sogar bewohnt: ein paar Dutzend Häuser, einige Läden, ein Restaurant, ein zweites. Sogar so früh am Morgen fuhren Autos umher.
Er hielt vor dem ›Desert Creek Diner‹. Das Restaurant sah aus, als wäre es seit ungefähr 1925 nicht mehr renoviert worden. Carpenter bekam das Gefühl, nicht nur räumlich, sondern auch in der Zeit gereist zu sein.
Im Lokal trugen alle Leute Gesichtslungen. Das wirkte irgendwie deplatziert, einen Atemschutz in diesem uralten Außenposten aus dem Jahre 1925 zu tragen, aber Carpenter setzte seinen auf und trat ein.
Eine richtige Menschenfrau als Bedienung. Keine Androiden, keine Tischvisoren, keine Datenfelder, um eine Bestellung aufzugeben. Die Augen über der Maske lächelten ihm funkelnd entgegen.
»Was soll's denn sein? Rühreier? Kaffee?«
»Wunderbar«, sagte Carpenter. »Genau das hätte ich gern.«
Kurz darauf entdeckte er, dass er noch immer in Kalifornien war. Die Grenze zu Nevada lag noch einige Meilen weiter unten auf der Straße.
Seine Firmenkreditkarte beglich das Frühstück. Anscheinend besaß er immerhin noch soviel Firmenzugehörigkeit.
Nach dem Essen machte er sich wieder ostwärts auf den Weg. Von Utah her strömte ihm der Morgen entgegen. Hier war alles sandig und nahezu ohne Farben, und das Land sah aus, als hätte es mindestens seit dem dreizehnten Jahrhundert keinen Tropfen Regen mehr verspürt. Es gab gezackte Berge, kein Vergleich zu denen der Sierra, aber immerhin ganz schön hoch, rosig und goldbraun im Frühlicht. Fusselige weiße Wolken, ein tiefblauer Himmel mit Streifen fahlgelber Giftemissionen.
Es war eine so wunderschöne Welt, dachte Carpenter, bis wir sie versaut haben.
Wieder betete er unbestimmte Gebetsfetzen. Ave Maria, gratia plena. Ora pro nobis. Jetzt und in der Stunde unseres Todes. Für uns arme Sünder.
Weiter östlich tauchten ihm unvertraute Berge auf, lange Ketten scharfer engsitzender Zacken, leuchtend rot, als glühten sie von einem inneren Feuer. Sie sahen unglaublich alt aus. Fast erwartete er, dass vor ihnen im Flachland prähistorische Tiere grasten. Brontosaurier, Mastodonten.
Aber keine Dinosaurier waren da. Nicht ein einziges Mastodon. Eigentlich nichts. Kiesel, etwas verkümmertes Gras, ein paar huschende Eidechsen. Mehr nicht. Er stieß auf ein altes Reservoir, das noch etwas Wasser enthielt, und zog sich aus, um ein Bad zu nehmen, was er allmählich dringend nötig hatte. Das Wasser sah ungefährlich genug aus, und so früh am Morgen durfte er es riskieren, seine Haut der Sonnenstrahlung etwas mehr auszusetzen.
Der Teich war dunkel und tief, und Carpenter fürchtete, das Wasser könnte vielleicht zu kalt sein, aber dem war nicht so, jedenfalls nicht besonders. Eher lau. Doch relativ sauber. Keine Chemieverschmutzungen, die die Oberflächenspiegelung opalisieren ließ, kaum Schaumbildung, keine Alligatoren, die ihn aus der Tiefe herauf angrinsten, nicht einmal ein Frosch war zu sehen. Ein echtes neues Erlebnis dies, ein richtiges Bad im Freien, in echtem, unverseuchtem Wasser. Es war angenehm, sich wieder sauber zu fühlen. Es war wie eine Art neuer Taufe.
Nach einigen Stunden Fahrt jenseits der flammenden Bergklüfte wirkte die Landschaft wieder mehr und mehr bewohnt. Einige erbärmliche wackelige Farmhäuser, ein paar baufällige Scheunen, die mindestens fünfhundert Jahre alt aussahen. Die Leute, die dort hausten, waren wahrscheinlich nicht besonders xenophil. Also fuhr er durch, ohne anzuhalten. Hinter den Farmen kam eine verstaubte kleine Ortschaft, danach ein größere Stadt, die er umfuhr. Über allem hier breitete sich ein trüber grauer Dunst. Sogar in seinem abgeschotteten Wagen spürte er die Wirkung des inneramerikanischen Dilemmas, der Überhitzung, des Smogs, der ausgreifenden Tentakeln der schweren drückenden Masse von Dreck, die mit brutaler Gleichgültigkeit überall auf den mittleren Regionen des Landes lastete. Diese Luft war wie eine sich ballende Faust. Er wusste, wenn er anhielte und aus dem Wagen stiege, würde ihm ein trockener Gluthauch wie in der Sahara entgegenschlagen.
Später am Morgen rief er Nick Rhodes an, einfach um ihm zu berichten, was mit ihm passiert war, wo er jetzt war und wohin er fahren wollte. Tags zuvor hatte er nicht mit ihm reden wollen, aber jetzt kam es ihm falsch vor, so einfach zu verschwinden, ohne ihm ein Wort zu sagen. Wenn Rhodes nämlich irgendwie herausbekam, dass Carpenter bei Samurai gefeuert worden war, könnte er vielleicht glauben, dass er sich umgebracht hätte. Und das wollte Carpenter nicht.
Der Android in Rhodes Büro sagte ihm, dass Dr. Rhodes in einer Besprechung sei. Ein wenig erleichtert, sagte Carpenter: »Sag ihm, dass Paul Carpenter angerufen hat, dass ich aufgrund kürzlicher Geschehnisse aus der Firma ausgeschieden bin und jetzt nach Chicago fahre, um dort für ein paar Tage Freunde zu besuchen, und dass ich mich wieder mit ihm in Verbindung setzen werde, sobald ich weiß, wie meine weitere Planung aussieht.« Er überhörte die Frage des Androiden nach seiner Telefonnummer, unter der er zu erreichen sein würde. Für den Moment konnte er es nicht über sich bringen, mehr Kontakt zu dem Leben, das er hinter sich zurückgelassen hatte, aufzunehmen.