Der heisse Himmel um Mitternacht
- Автор: Силверберг Роберт
- Год: 2014
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- ISBN: 978-3-641-11452-7
- Переводчик: Roland Fleissner
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Der heisse Himmel um Mitternacht». Краткое содержание книги:
Er hoffte, dass er nun spät in der Nacht, oder schlimmstenfalls im Morgengrauen Chicago erreichen werde. Sein Wagen zeigte keine Ermüdung. Er brauchte nur still dazusitzen und die Meilen zu Hunderten unter sich fröhlich wegflitzen zu lassen. Aber er hatte nicht mehr sehr viel zu essen dabei, doch andererseits hatte er auch nicht besonders großen Appetit. Sitz still, lass die Meilen vorbeirauschen.
Er fuhr durch weite Strecken von schrecklich verödetem Land: Schlackenhalden, Aschehaufen, verbrannte Heide. An manchen Stellen stieg Rauch auf; die Reste von alten Feuern, die dort unten weiterbrannten, eine Unterwelt, die sich auf mysteriöse Weise selber auffraß. Ein völlig dunkler Wald von toten Bäumen auf einem scharfrückigen, langen, braunen Hügelkamm, aus denen wie ein absurder Witz ein verrostender Skilift herabhing. Ein ausgetrockneter See. Ein Streifen toter grauer Erde, ein Gewirr geschwärzter ineinander verhedderter Drähte, Haufen von Schrottautos – im Hintergrund skeletthafte Spuren einer verlassenen Stadt, stählerne Bauträger, Fensterrahmen wie leere Augenhöhlen.
Dann wurde alles flacher. Die Luft sah graubräunlich aus. Er kam jetzt in die Gegend der Dust Bowls, der Staubschüsseln, in das traurige ausgetrocknete Herzstück des Kontinents, wo einstmals die riesigen Weizenfelder waren, ehe die Sommer sich zu Glutöfen verwandelten, bevor die Luft schlecht wurde und der Regen anderswohin verschwand. Die weiten Himmel und die Majestät der purpurblauen Berge waren immer noch da, sicher, dicht hinter ihm in Utah und Wyoming, doch jetzt war er schon weiter östlich davon, in Nebraska, vielleicht schon Iowa, und die fruchtbaren Ebenen waren zum Teufel gegangen, und Carpenter fand nirgendwo Spuren der früheren bernsteingoldenen Getreidefelder.
Doch es lebten noch Menschen hier. Im dunkelnden Abend sah er zu beiden Seiten der Straße die Lichter von Ortschaften und Städten. Weshalb Leute in dieser Gegend hausen wollten, überstieg Carpenters Begriffsvermögen, aber er sagte sich, dass ihnen wahrscheinlich keine große Wahl geblieben war, sie waren hier geboren und sahen keine Chance, an einen besseren Ort zu ziehen, oder aber sie waren auf den Wellen des Missgeschicks an diesen wasserlosen Strand gespült worden, und da waren und da blieben sie. Requiescant in pace.
Wenigstens haben sie ein Zuhause, dachte er.
Er dachte darüber nach, was er tun sollte, wenn seine lange Irrfahrt von nirgendwo nach nirgendwo und zurück vorbei und er eine neue Lebensetappe zu beginnen bereit war. Aber welche neue Etappe? Wohin sollte er gehen? Was tun? Er hatte nichts, was er sein Zuhause nennen konnte. Los Angeles? Das kannte er kaum noch. San Francisco? Spokane? Die Firma war sein Zuhause gewesen, und die Firma hatte ihn nach Belieben von Boston nach St. Louis und Winnipeg und Spokane versetzt. Und wo er auch war, er gehörte immer noch zur Firma.
Und jetzt war das vorbei. Dies begann er erst jetzt mühsam zu begreifen. Keinerlei Aufstiegschancen, keine Privilegien mehr. Der erste Junge seines Jahrgangs, der es schaffte auf einem Null-Niveau zu landen.
Irgendwo mitten in Illinois, eine, zwei Stunden westlich von Chicago, kam es zu Staus auf der Straße, und sein Wagen erklärte ihm, dass weiter vorn eine Straßensperre sei. Aus westlichen und südlichen Richtungen waren alle Zufahrten in die Stadt abgesperrt, außer über die offiziellen Quarantäneschleusen.
»Was ist da los?«, fragte Carpenter.
Doch sein Wagen war nur ein billiger Miettyp und nicht programmiert, mehr als Basisinformationen zu bieten. Das beste, was er zustandebrachte, war ein Kartendisplay der roten Sperrzone mit weiten Bereichen von Missouri und West-Illinois bis weit nach New Orleans hinunter und auf der anderen Seite des Mississippi von Louisiana nach Kentucky und Teile von Ohio hinein. Nach der Angabe des Wagens lag die nächste Zugangsmöglichkeit in die Schutzzone für Reisende, die nach Chicago wollten, in Indianapolis, und der Wagen schlug den entsprechenden Umweg vor.
»Wie du meinst«, sagte Carpenter.
Er schaltete das Radio an und bekam teilweise die Antwort. Da sprachen sie von einem Ausbruch von Chikungunya in New Orleans und Befürchtungen, dass sich dort Guanarito und Oropouche ebenfalls ausbreiten könnten. Aus dem Gebiet um St. Louis wurden Sekundärfälle berichtet. Carpenter hatte noch nie etwas von Chikungunya, Guanarito oder Oropouche gehört, aber es handelte sich eindeutig um Krankheitsbezeichnungen; anscheinend grassierte drunten im Süden irgendeine Epidemie, und die Behörden versuchten, eine Ausbreitung nach Chicago zu verhindern.
Als er Indianapolis erreichte, es ging schon gegen Mittag, erfuhr er den Rest, als er an der Quarantänestation darauf wartete, befragt zu werden. Die Krankheiten mit den langen Namen wurden von Tropenviren hervorgerufen, erklärte man ihm. Ausreißer aus Afrika und Südamerika, die sich in den neuen Regenwäldern Louisianas, Floridas und Georgias herumtrieben – sie lebten in tierischen Wirtskörpern, wurden übertragen durch Zecken und Wanzen und gelangten über sie ins Blut der zahllosen keckernden Affen und unzähligen riesigen Nager, die ihrerseits Flüchtlinge aus den früher einmal am Amazonas und am Kongo wuchernden Regenwäldern waren und nun die feuchten dampfenden Dschungel im Süden der USA überrollt hatten.
Alle Bewohner der neuen Dschungelregionen mussten sich ständig impfen lassen, das wusste Carpenter, weil immer wieder das eine oder andere Virus von seinem tierischen Träger auf einen menschlichen Pechvogel überwechselte, was dann zu immer neuen Epidemien führte. Doch hier oben gab es keinen Regenwald. Weshalb also hier oben in dem trockeneren, kühleren Klima um Chicago diese panische Furcht vor Tropenkrankheiten aus dem Dschungel?
»Ein Haufen infizierter Affen hat sich auf einem Frachtkahn eingeschifft, der mit Früchten von New Orleans den Mississippi rauffuhr«, erklärte man Carpenter. »Einige sind in Memphis entwischt und haben ein paar Leute gebissen. Der Rest blieb bis Cairo auf dem Kahn. Memphis und Cairo sind jetzt abgeriegelt. Wir wissen bisher noch nicht genau, um welches Virus es sich handelt, aber schlimm sind die alle. Wenn du gebissen wirst, fängst du an anzuschwellen und wirst zu 'nem Sack voll schwarzem Blut, und dann zerplatzt der Sack, und alles, was drin war, fließt raus auf den Boden, bis du leer bist …«
»Jesus«, sagte Carpenter.
»Wir glauben, wir konnten die Sache vor St. Louis stoppen. Wenn der Mist je bis Chicago vordringen könnte, würde die Stadt in die Luft gehen wie ein Scheiterhaufen. Bei vier Millionen Menschen, so dicht zusammengepackt? Und mit 'ner ansteckenden Krankheit, die du kriegen kannst, wenn du jemand bloß schief anschaust? Vergiss es, Mann … Können wir mal deinen Fahrtschreiber sehen, bitte?«
Carpenter reichte seinen Routenschreiber hinaus.
»Keine Abstecher ins östliche Missouri, irgendwas, was auf deinem Routenplan nicht auftaucht? Irgendwelche Abstecher nach Tennessee oder Kentucky?«
»Ich bin über die Nordstrecke hergefahren«, sagte Carpenter. »Da, ihr seht doch, an welchem Tag ich von Kalifornien losgefahren bin. Ich hatte bestimmt keine Zeit, woanders hinzufahren, als direkt quer durch die Berge und Nebraska und Iowa.«
»Geschäftlich hier?«
»Ja, geschäftlich.«
Das war ein kniffliger Moment. Carpenter war immer noch unter der Samurai-Flagge unterwegs, als Gehaltsempfänger der Elferklasse, unterwegs für die Firma nach Chicago. Ein einziger kleiner Telefonanruf, und ihm ging die Luft aus. Aber noch führte ihn die Firma auf der Angestelltenliste. Die Verbindung mit dem Mega-Multi wirkte und brachte ihn durch, in den Desinfektionsraum und danach wieder weiter auf den Highway nach Chicago.