Mathias Sandorf
- Автор: Верн Жюль Габриэль
- Язык: немецкий
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Mathias Sandorf». Краткое содержание книги:
Dieser befindet sich in einem Haus, das dem Grafen Ladislaus Zathmar, einem ungarischen Adligen, gehört. Graf Zathmar plant, mit seinen Freunden, dem Professor Stefan Bathory und dem Grafen Mathias Sandorf in Ungarn, ihrer Heimat, einen Volksaufstand anzuzetteln ...
Luigi wurde alsdann von Allem unterrichtet und erfuhr namentlich, welchen Zweck Doctor Antekirtt verfolgte. Nur eine Sache wurde ihm verheimlicht: der junge Fischer sollte nicht wissen, daß er vor dem Grafen Mathias Sandorf stand.
Der Doctor wollte sich unverzüglich zu Maria Ferrato führen lassen. Er brannte darauf, sie wiederzusehen, namentlich das Leben, das sie jetzt führte, kennen zu lernen, gewiß ein Leben voller Arbeit und Armuth, da der Tod Andrea’s ihr den Bruder auf dem Hals gelassen hatte.
»Gut, Herr Doctor, sagte Luigi, wenn Sie wollen, gehen wir sofort an Land. Maria wird überdies meinetwegen sehr besorgt sein. Es sind nun bald achtundvierzig Stunden her, daß ich sie verlassen habe, um auf der Rhede von Melleah zu fischen, und sie glaubt vielleicht, daß mir bei dem Unwetter in dieser Nacht ein Unglück zugestoßen ist.
– Ihr liebt Eure Schwester sehr? fragte Doctor Antekirtt.
– Sie ist mir Mutter und Schwester zugleich,« erwiderte Luigi.
Gehört die hundert Kilometer von Sicilien gelegene Insel Malta zu Afrika oder zu Europa? Das ist eine Frage, deren Lösung die Geographen schon vielfach in Aufregung versetzt hat. Wie dem auch immer sei, nachdem sie von Karl V. den Johanniterrittern geschenkt worden war, die von Soliman aus Rhodus vertrieben wurden und hier den Namen Malteserritter annahmen, gehört sie jetzt den Engländern und es würde sehr schwer halten, sie diesen wieder zu nehmen.
Malta ist eine Insel, deren Länge achtundzwanzig, deren Breite sechzehn Kilometer beträgt. Ihre Hauptstadt bildet La Vallette und deren Ausläufer; es liegen noch andere Städte und Ortschaften auf der Insel, so Citta Vecchia – einer Art heiliger Stadt, die zur Zeit der Ritter der Sitz des Bischofs war – Bosquet, Dinghi, Zebug, Ita, Berkercara, Luca, Farrugi und so fort. Sehr fruchtbar in ihrem östlichen, sehr dürr in ihrem westlichen Theile, bietet sie einen auffallenden Contrast, der sich deutlich dadurch ausdrückt, daß die Bevölkerung – im Ganzen über einmalhunderttausend Seelen – im östlichen Theile viel dichter als am entgegengesetzten Ende sitzt.
Was die Natur für diese Insel dadurch gethan hat, daß sie in das Gestade vier bis fünf Häfen – die schönsten der Welt – eingelassen hat, spottet jeder Einbildungskraft. Ueberall Wasser, überall Landspitzen, Kaps und Anhöhen, die sich zur Aufnahme von Befestigungen und Batterien eignen. Hatten schon die Ritter die Insel zu einem schwer einnehmbaren Platz gemacht, um wie viel mehr erst die Engländer, welche sie trotz des Friedens von Amiens behielten und sie geradezu uneinnehmbar machten. Kein Panzerschiff, so scheint es, wäre im Stande, den Eingang zur Großen Marse oder großen Hafen, noch weniger zum Quarantaine-Hafen oder Marse Muscetto zu erzwingen. Vorausgesetzt, daß ein solches sich nähern könnte, so würde es jetzt Zweihunderttonnengeschütze vorfinden, die mit Hilfe ihrer hydraulischen Lade-und Zielvorrichtungen ein neunhundert Kilo schweres Geschoß fünfzehn Kilometer weit schleudern können. Dies den Mächten zur Nachricht, welche mit Bedauern diese herrliche Station in den Händen der Engländer sehen, die das centrale Mittelmeer beherrscht, innerhalb welcher sämmtliche Flotten oder Geschwader des vereinigten Königreiches Platz finden können.
Natürlich gibt es Engländer in Malta. Man findet dort einen Generalgouverneur, der in dem einstigen Palast des Großmeisters des Ordens wohnt, einen Admiral, der der Chef der Marine und der Häfen ist, eine Garnison von vier-bis fünftausend Mann; doch leben auch Italiener dort, die sich daselbst gern zu Hause fühlen möchten, ferner findet man eine kosmopolitische wandernde Bevölkerung vor, wie auf Gibraltar, und namentlich Malteser.
Die Malteser sind. Afrikaner. In den Häfen lenken sie ihre mit grellen Farben angestrichenen Barken; in den Straßen leiten sie ihre Fuhrwerke über Schwindel erregende Abhänge; auf den Märkten verkaufen sie Früchte, Hülsenfrüchte, Fleisch, Fische im Scheine einer kleinen, buntangestrichenen Heiligenlampe, inmitten eines betäubenden Lärms. Man könnte behaupten, daß alle diese Menschen sich gleichen mit ihrem schwarzbraunen Teint, ihren schwarzen, etwas krausen Haaren, ihren glühenden Augen und ihrer mittelgroßen, aber kräftigen Gestalt. Man möchte darauf schwören, daß die Frauen einer einzigen Familie entstammen; ihre langwimprigen Augen sind gleich groß, ihre Haare gleich dunkel, ihre Hände entzückend, ihre Füße zierlich, ihre Hüften schlank und geschmeidig, ihre Haut ist von einer Weiße, welche die Sonne unter der »Falzetta«, einer Art Mantel aus schwarzer Seide, nicht bräunen kann; dieser Mantel wird nach tunesischer Mode getragen, er ist allen Classen gemeinsam und dient zu gleicher Zeit als Haarschmuck, Mantille und selbst als Fächer.
Die Malteser besitzen kaufmännischen Sinn. Man trifft sie überall da, wo es etwas zu handeln gibt. Sie sind arbeitsam, ökonomisch, industriell, nüchtern, aber auch heftig, rachsüchtig, eifersüchtig, so weit man wenigstens vom niederen Volke schließen kann, das sich am meisten dem Studium des Beobachters darbietet. Sie sprechen eine Art von Patois, dem das Arabische zu Grunde liegt, ein Ueberbleibsel von der Eroberung, welche dem Niedergange des römischen Kaiserreiches folgte, eine lebhafte, bewegte, malerische Sprache, die sich vortrefflich zu Gleichnissen, Bildern, zur Poesie eignet. Die Malteser sind treffliche Seeleute, wenn man sie zu fesseln versteht, und kühne Fischer, welche die häufigen Stürme dieser Meere mit allen Gefahren vertraut gemacht haben.
Auf dieser Insel also übte Luigi sein Gewerbe jetzt mit derselben Kühnheit aus, als wenn er Malteser gewesen wäre, und hier wohnte er seit fast fünfzehn Jahren mit seiner Schwester Maria.
La Vallette und seine Ausläufer wurde oben gesagt. Die Stadt besteht nämlich thatsächlich aus wenigstens sechs Städten, die um die beiden Häfen der Großen Marse und den Quarantaine-Hafen herum liegen. Floriana, La Senglea, La Cospiqua, La Vittoriosa, La Sliema, La Misida sind keine Vororte, auch keine bloßen Anhäufungen von Häusern, welche arme Leute bewohnen, sondern wirkliche Städte, mit prächtigen Wohnungen, Hotels, Kirchen, die der Hauptstadt von fünfundzwanzigtausend Menschen zur Zierde gereichen, in welcher man Paläste bewundern kann, die sich »auberges de Provence, de Castille, d’Auvergne, d’Italie und de France« nennen.
Bruder und Schwester wohnten in La Vallette selbst. Es wäre vielleicht richtiger, zu sagen: unter La Vallette, denn sie bewohnten eine Art unterirdisches Quartier, genannt das Manderaggio, zu dem sich der Eingang in der Strada San Marco befindet. Dort hatten sie ein Unterkommen finden können, das ihren bescheidenen Einkünften entsprach, und hierhin führte Luigi den Doctor und Peter, sobald die Dampf-Yacht vor Anker gegangen war.
Alle drei stiegen am Quai aus, nachdem sie hunderte von Barken, die ihnen ihre Dienste anboten, hatten abweisen müssen. Sie durchschritten die Porta della Marina, halb betäubt von dem Spiel und Getön der Glocken, das sich wie klingende Luft über die Hauptstadt von Malta legt. Nachdem sie das Fort mit doppelten Kasematten passirt hatten, stiegen sie eine steile Rampe hinauf, sodann eine aus Stufen sich aufbauende schmale Straße. An den hohen Häusern mit grünlichem Vorbau und Nischen mit angezündeten Heiligenlampen vorüber gelangten sie zur Kathedrale vom heiligen Johannes, die inmitten der lärmendsten Bevölkerung der Erde gelegen ist.
Nachdem sie in der Nähe der Kathedrale den Rücken der Anhöhe erreicht, stiegen sie wieder hinunter und sie wendeten sich nunmehr dem Quarantaine-Hafen zu; dann in der Strada San Marco machten sie in halber Höhe des Abhanges vor einer Treppe Halt, die zur Rechten zu den tiefer gelegenen Theilen der Stadt hinabführt.
Das Manderaggio ist ein Stadttheil, der sich mit seinen engen Straßen, in welche die Sonne niemals hineindringt, und mit seinen hohen gelblichen Mauern, die unregelmäßig von tausenden theils vergitterten, theils offenen als Fenster dienenden Löchern durchsiebt sind, bis unter die Wälle hinzieht. Ueberall Wendeltreppen, die zu vollkommenen Cloaken hinabführen, niedrige, feuchte, schmutzige Thüren wie in den Häusern einer Kasbah, schluchtartige Laufgräben, dunkle Tunnels, die nicht einmal den Namen von Gäßchen verdienen. Und vor allen Oeffnungen und Luftlöchern, in den schief getretenen Hausfluren, auf den wackelnden Stufen eine entsetzliche Menschheit; alte Weiber mit Hexengesichtern, Mütter mit blutleerem Antlitz, deren Blutlosigkeit durch den Mangel an frischer Luft herbeigeführt wird, in Lumpen gehüllte Mädchen jeden Alters, kränklich aussehende, halbnackte Knaben, die sich im Schlamme wälzen, Bettler, welche ihre verschiedenen, goldene Früchte tragenden Entstellungen und Wunden zur Schau stellen, Männer, Lastträger oder Fischer mit wildem Aussehen, zu allen schlechten Thaten schnell bereit – und inmitten dieses Menschengewimmels einige phlegmatische Polizisten, welche sich an diese unglaubliche Gesellschaft schon gewöhnt haben und nicht nur mit diesem Schwarm vertraut, sondern auch verwandt sind. Ein vollkommener »Hof der Wunder«, doch sichtbar inmitten befremdlicher Bauwerke, deren letzte Verästelungen in vergitterte Kellerwohnungen enden, deren Mauern die Dicke von Vorhängen besitzen und die in gleicher Tiefe mit dem Quai des Quarantaine-Hafens liegen, der von der Sonne beschienen und von der Seebrise überhaucht wird.