Nijura - das Erbe der Elfenkrone
- Автор: Nuyen Jenny-Mai
- Год: 2006
- Язык: немецкий
- Год: cbj Verlag
- ISBN: 978-3-570-13058-2
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Nijura - das Erbe der Elfenkrone». Краткое содержание книги:
Das Messer braucht eine Trägerin – und es hat sich dafür Nill erwählt. Schnell wird Nill zum Spielball aller Mächte und Interessen. Gejagt von den Grauen Kriegern und unterstützt nur von einigen wenigen mutigen Gefährten, macht sich Nill auf die gefährliche Reise zum Turm des Königs.
Mit atemberaubender Spannung verstrickt Jenny-Mai Nuyen ihre Leser in eine Fantasy-Welt voller überraschender Wendungen – und in eine bewegende Geschichte über Liebe, Loyalität und Verrat.
»Duckt euch!«, kam eine Warnung aus der Dunkelheit. Nill zog den Kopf ein und hielt die Hand leicht in die Höhe. Kaum einen Schritt weiter stießen ihre Finger gegen kantige Felsen. Es war nicht das erste Mal seit ihrem Aufbruch, dass Kaveh sie davor bewahrt hatte, irgendwo anzustoßen. Sie lief geduckt hinter ihm und tastete sich an der niedrigen Decke des Stollens voran. Wer hatte diese Wege gebaut?
Waren sie überhaupt gebaut worden oder befanden sich Nill und die Elfen in einem Schacht, der zufällig entstanden war? Nill dachte nicht lange darüber nach, die Furcht hielt sie von allen Überlegungen ab.
Und das war im Moment auch gut so. Wenigstens vergaß sie für eine Weile, worüber sie in den letzten Stunden ihre Tränen vergossen hatte.
»Wartet!«, flüsterte Kaveh.
Bruno schnaubte. Seine Hufe scharrten auf dem Boden, Steine knirschten, als Kaveh sich bewegte.
»Was ist da?«, hauchte Mareju hinter Nill.
Gebannt wartete auch sie auf eine Antwort – aber Kaveh schwieg vorerst. Er wusste selbst nicht, was er davon halten sollte: Vor ihnen endete der Weg abrupt. Er tastete die Steine ab, die vor ihnen aufragten, aber Bruno hatte Recht. Es gab keinen Durchgang.
Sie standen vor einer aufgeschütteten Mauer.
Bruno scharrte ungeduldig mit den Hufen.
»Also gut.« Kaveh biss die Zähne zusammen.
Dann begann er, an den Steinen zu zerren und zu ziehen, und schaufelte die Gesteinsklumpen mühselig zur Seite. Er riss sich die Nägel auf, fluchte und stieß mit dem Ellbogen dagegen.
Die Steine bröckelten. Er taumelte einen Schritt zurück, als es ihm gelang, einen besonders großen Brocken herauszureißen. Um ein Haar wäre der Stein ihm auf die Füße gefallen. Ein schmaler Lichtfaden drang in die Dunkelheit. Kaveh hielt sich mit beiden Händen an den rauen Wänden fest und trat diesmal mit dem Fuß zu. Das war weniger schmerzhaft und wirksamer.
Staub wirbelte auf und raubte den Gefährten den Atem. Kaveh trat noch ein paar Mal gegen die Wand, dann brachen die Steine heraus und fielen zusammen. Dunstige Lichtschimmer durchwoben die Finsternis. Mit jedem Tritt zerbröckelte die Mauer mehr, bis Kaveh den Rest der Steine mit den Händen wegstoßen konnte und aus der Enge stolperte.
Nill trat hustend in den Fackelschein, dicht gefolgt von Mareju und Arjas. Erschöpft strich sich Kaveh den Steinstaub von den Haaren und wandte sich nach den anderen um. Nun, da es endlich hell war, konnte Nill sein Gesicht erkennen. Sie stockte.
Unter seinem linken Auge schimmerte es blau und grün von einem Schlag. Eine schmale Blutkruste ging über seine Nase. Unter dem Schmutz schienen am Hals blaue Flecken zu sein.
Nill wollte etwas sagen, aber ihr blieb die Stimme weg. Mareju und Arjas, die mit großen Augen neben sie traten, sahen nicht besser aus als Kaveh, hatten Schrammen auf den Wangen und blutige Krusten an Augenbrauen und Lippen.
»Wo sind wir?«, murmelte Arjas.
Sie befanden sich in einem gewölbten Steingang.
Der Schein der Pechfackeln tauchte die Wände in rostiges Rot. Kaum zehn Schritte entfernt führte eine schmale Treppe in die Höhe. Bruno ging auf die Treppe zu und die Elfen und Nill folgten dem Keiler eilig. Leise erklommen sie die steilen Stufen, bis sie zu einer gerundeten Gangöffnung kamen. Kaveh lugte um die Ecke.
Vor ihnen erstreckte sich ein Korridor, gesäumt von Gittertüren. Stroh war auf dem Boden verteilt, es roch nach Moder und alter, feuchter Luft. Von rechts näherte sich eine Gruppe Grauer Krieger.
Es waren fünf Männer. Das Scheppern ihrer Lanzen eilte ihnen in den engen Gemäuern weit voraus, sie selbst sprachen kein Wort miteinander. Verschlungene braune Tätowierungen zogen sich über ihre Gesichter.
»Das sind Tyrmäen!«, flüsterte Mareju, der sich wie Nill zu Kaveh vorgebeugt hatte.
Nill erinnerte sich, dass Kaveh schon einmal Tyrmäen erwähnt hatte: Sie waren die abtrünnigen Stämme der Moorelfen, die ihre Traditionen abgelegt hatten und darum vom restlichen Volk geächtet wurden. Das hätte bedeutet, dass sie nicht dem Träger der Krone Elrysjar zu Gehorsam verpflichtet waren ...
... Also mussten die Grauen Krieger mit den Gesichtstätowierungen aus freien Stücken hier sein.
Kaveh ballte die Fäuste. »Macht euch bereit.«
Nill hatte eine dunkle Ahnung, was er meinte – aber sie konnten doch nicht fünf bewaffnete Krieger überfallen!
Sie wollte die Jungen zurückhalten, aber es war schon zu spät.
Kaveh packte den ersten Mann um die Hüfte und schwang ihn so kraftvoll herum, wie er konnte. Mit einem Schrei fiel der Graue Krieger die Stufen hinunter. Nur seinen Speer hatte Kaveh ihm rechtzeitig aus den Händen gerissen und schlug damit nach dem zweiten Krieger.
Während sich die Jungen auf die überraschten Tyrmäen warfen, drückte Nill sich ganz eng an die Wand und beobachtete, wie ein Krieger nach dem anderen die Stufen hinunterflog. Plötzlich riss einer von ihnen Kaveh mit. Der Prinz rutschte vom Treppenabsatz und prallte hart mit dem Rücken gegen die Stufen. Der Graue Krieger warf sich über ihn. Wie Eisenklammern krallten sich die Hände des Tyrmäen um seinen Hals. Dann zog der Tyrmäe ihn ein Stück hoch, um seinen Kopf gegen die Stufenkante zu schlagen. Kaveh kniff die Augen zusammen.
Und Haare fielen auf Kaveh herab. Er hatte sie überall im Gesicht, in den Augen ... Ein Schrei erklang, doch es war nicht seine eigene Stimme, sondern die des Kriegers: Nill hatte beide Arme um seine Kehle geschlungen.
Mit aller Kraft zerrte sie ihn vom zappelnden Kaveh. Endlich ließ der Tyrmäe von ihm ab – um seine Kräfte auf Nill zu richten. Er riss so fest an ihren Haaren, dass sie aufschrie. Ein langer Finger bohrte sich in ihre Wange. Dann holte sie aus. Ihre Faust traf mit einem dumpfen Geräusch ins Gesicht des Kriegers. Wenn seine Nase danach nur halbwegs so schmerzte wie Nills Hand, hatte sie diesen Kampf gewonnen! Der Tyrmäe überschlug sich und stürzte die Treppe hinab. Auch Nill verlor den Halt – die Stufen waren plötzlich über ihr, sie sah ihre eigenen Füße in der Luft, ihr Hinterkopf schlug schmerzhaft gegen die Wand – dann packten sie zwei Hände an den Armen und hielten sie fest.
Kaveh war unmittelbar vor ihr. Er stützte sich mit einem Fuß gegen die Wand, damit er nicht mit Nill die Treppe hinabrutschte. Erschrocken starrten sie sich an und rangen nach Luft.
»Ich – bin – beeindruckt«, stieß Kaveh hervor.
Und er verzog die Mundwinkel zu einem schiefen Lächeln.
»Ich – auch.« Nill grinste, halb betäubt vom rasenden Trommeln ihres Herzens.
Flucht
Die Kleider der Grauen Krieger waren ihr viel zu groß. Der breite graue Mantel schlotterte ihr um die Füße und sie musste die Ärmel dreimal umkrempeln.
Nur für die große Kapuze war Nill überaus dankbar – ihr Gesicht verschwand fast ganz darin. Kaveh und den Rittern passten die Kleider besser, die sie den reglosen Kriegern am Fuß der Treppe abnahmen. Die Speere handhabten sie vom ersten Augenblick an so sicher und natürlich, als hätten sie nie andere Waffen gekannt. Als sie fertig angezogen waren, wandte sich Kaveh zu Nill um und besah sie von oben bis unten.
Mit einem kurzen Kopfschütteln zog er ihren Umhang unter dem Mantel hervor und stopfte ihn wie eine Wurst um ihre Schultern. Danach sah sie wie ein kleiner Schrank aus, aber wenigstens ähnelte das einem Grauen Krieger eher. Gemeinsam hievten sie die Tyrmäen hoch und häuften sie auf die Stufen. So würde man sie nicht gleich sehen.
Zwar waren Nill, Kaveh, Mareju und Arjas getarnt, aber aus Bruno konnte man beim besten Willen keinen Grauen Krieger machen. Also stellten sich Nill und die Elfen rings um ihn auf, um ihn notdürftig in ihrer Mitte zu verbergen, und schritten los.
Kaveh führte sie, vom Keiler vorangestupst, durch Kerkergänge und Treppen hinauf und an dunklen Torbogen vorbei. Nill fühlte sich wie in einem Labyrinth – jede Ecke sah gleich aus. Und ein Ausgang war nicht in Sicht. Hinter jeder Treppe und jedem Gang warteten neue Stufen und Korridore.