Einsteins Erben (Phantastische Bibliothek) [сборник]
- Автор: Франке Герберт Ф.
- Год: 1976
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp Verlag
- ISBN: 3-518-39087-2
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Einsteins Erben (Phantastische Bibliothek) [сборник]». Краткое содержание книги:
Eigentlich lag der Gedanke nahe; er wunderte sich selbst darüber, warum er ihn so spät erkannt hatte. Hielten sie ihn unter beruhigenden Drogen? Ließ ihre Wirkung nach? Es schien nicht einmal so schwierig. Seine beiden Betreuer, der Arzt und die Schwester, hatten vor allem auf seine Gesundheit geachtet, und der Soldat draußen sollte ihn wohl eher beschützen als bewachen. Einige der Wachen waren aktiv und unruhig, sie liefen hin und her, umkreisten seinen Käfig, blickten mitunter neugierig herein. (Einer war dabei, der ihm bekannt vorkam – vielleicht hatten sie einen Mann von IKD eingeschleust, um ganz sicherzugehen.) Andere schienen eher desinteressiert, saßen stundenlang reglos auf ihren Stühlen und starrten vor sich hin. Es dürfte nicht schwer sein, einen von ihnen zu überrumpeln. Seine Ausbildung hatte auch für solche Fälle vorgesorgt. Von nun an würde er auf die Wachordnung achten müssen.
Schwieriger war es, die Kunststoffwand zu durchbrechen. Er holte sich ein Obstmesser und kratzte ein wenig damit herum, aber es hinterließ keine Spur und brach ab. Dan stellte fest, daß die Klinge aus brüchigem Oxidsinter bestand. Das war bestimmt kein Zufall, sie hatten nichts dem Zufall überlassen.
Am einfachsten wäre es freilich gewesen, durch die Tür hinauszukommen, doch dieser Gedanke schied aus. Im Innern gab es keinen Schlüssel, ja nicht einmal ein Schlüsselloch. Konnte ein Trick helfen, eine Verkleidung, eine Köpenickiade? Doch hatte in den 58 Tagen, die er nun hier verbrachte, kein Mensch den Quarantäneraum betreten oder verlassen. Er mußte den Arzt und die Schwester bewundern, die mit ihm eingesperrt ausharrten. Sie brauchten dieselbe Geduld wie er, und manchmal hatte er schon Anzeichen davon bemerkt, daß sie ihres Aufenthalts überdrüssig waren, obwohl er sicher gut belohnt wurde.
Bestand eine Möglichkeit, sich mit ihnen zu verbünden? Der Arzt kam wohl nicht in Frage, dagegen traute er es sich zu, die Schwester für sich zu gewinnen. Allerdings wäre das ein zweifelhafter Gewinn. Wenn sie nur zum Schein auf seine Vorschläge einginge und ihn verriet?
Es war besser, er machte es allein. Also: Ausbruch. Der Kunststoff war hart, aber war er auch chemisch beständig? Die Apotheke, die unter der Obhut der Schwester stand, war nicht abgesperrt, nur die gefährlichen Medikamente befanden sich in einem Tresor. Jene organischen Lösungsmittel, in denen sich Kunststoff auflöst, sind ungefährlich. Es kam darauf an, ob unter den Chemikalien etwas Brauchbares war.
Dan sah auf die Uhr: drei Uhr morgens. Ein Blick durch das Fenster: Der Posten döste vor sich hin. Stille.
Leise stand er auf. Auf bloßen Füßen schlich er in die Apotheke. Er machte kein Licht. Von außen drang genug Helligkeit herein, um die Umrisse der Dinge hervorzuheben. Ein Regal mit Flaschen – Alkohol, Äther, Desinfektionsmittel, Seifenlösung … hier: eine Flasche zum Abwaschen von aufspritzbaren Kunststoffverbänden – eine große, volle Flasche.
Dan holte aus der Küche einen leeren Mineralwasserbehälter, schüttete das farblose Lösungsmittel hinein, ersetzte es durch Wasser. Als er in seine Kammer zurückging, öffnete sich eine Tür – der Arzt blickte heraus.
»Ich hatte Durst«, sagte Daniel leichthin. »Hoffentlich habe ich Sie nicht geweckt!«
»Nein, nein – ich war zufällig wach …«
»Gute Nacht.«
»Gute Nacht.«
In seiner Kammer angekommen, wartete Dan eine Viertelstunde. Dann knüllte er ein Papiertaschentuch zusammen, tränkte es mit der Lösung. Er schob den Tisch von der Außenwand, kauerte sich nieder und wischte mit dem feuchten Papierknäuel über die glatte, gelblichweiße Fläche. Dann kratzte er mit den Fingernägeln daran: Zwischen Nagel und Haut fühlte er eine schlüpfrige Masse.
Wir wissen nicht, ob dich diese Nachricht erreicht. Wir können auch immer weniger daran glauben, daß du zurückkommst–nur Sonja sagt, sie sei sicher. Unter normalen Umständen müßten wir dich längst für tot halten.
Die Stadt kam uns von Anfang an merkwürdig vor. Wir hatten aber nie geglaubt, daß wir selbst jeden Halt verlieren könnten. Wir begannen schon an unseren Sinnen zu zweifeln. Aber wir sprechen darüber, unterhalten uns sachlich und kühl – es ist Wirklichkeit.
Die Stadt zerfällt. Sie zerfällt von Tag zu Tag mehr, du wirst es sehen. Es können nicht die Granaten gewesen sein, die diese Zerstörung hervorgerufen haben – sie haben nur einige wenige Gebäude beschädigt. Doch der Zerfall setzt sich fort. Es ist, als seien die Schüsse ein Signal gewesen, ein Startzeichen zur allgemeinen Auflösung.
Sonja meint, du würdest aus meinen Worten nicht klug. Sie wird weiterschreiben.
Ja – ich muß es dir noch sagen: Wir sind nur noch zu dritt – Sonja, Tibor und ich, Pavel. Greg wurde erschossen, als er unsere Vorräte bewachte. Josef kehrte von einem Patrouillengang nicht zurück …
Ich weiß nicht, ob ich dir wünschen soll, daß du wiederkommst – es ist schrecklich hier. Es ist nicht nur die Stadt, die stirbt, es ist auch, als seien die Menschen vom Wahnsinn infiziert. Mord und Meuterei – das war einst die Elitetruppe der Pioniere. Auch wir selbst sind unser nicht mehr sicher. Vielleicht liegt es an den Erlebnissen in den Räumen, an den Projektionen, den künstlich gelenkten Gefühlen, daß wir nicht mehr wissen, was normal ist und was nicht. Es ist, als hätte sich die Logik in einer ganz seltsamen Weise ins Irrationale verschoben.
Aber ich wollte ja chronologisch berichten …
Als du nach 24 Stunden nicht wiedergekommen warst, beschlossen wir nachzuforschen – wie es vereinbart war. Wir stellten fest, daß sich die Tür öffnen ließ. Das Appartement war leer. Keine Spur von dir; wir hatten gehofft, du würdest eine Nachricht hinterlassen, fanden aber nichts. Wir hätten versuchen können, die Wände aufzureißen, doch wie du weißt, wurde jede Anwendung von Gewalt mit einem betäubenden Gas beantwortet. Inzwischen haben wir festgestellt, woher es kam: aus winzigen Düsen in der Wand.
Es blieb uns nichts anderes übrig, als abzuwarten. Wir hielten uns in der Nähe auf. Von Zeit zu Zeit suchten wir nach dir – vergeblich. Inzwischen setzten wir unsere Nachforschungen fort und haben auch eine Menge über die Steuerung und Funktion des Systems ermittelt. Greg gelang es, den Ruf für einen Speicher herauszufinden, dem er interessante technische Details entnehmen konnte. (Wir fügen die Aufzeichnungen bei.) Wo sich die zentrale Steuereinheit befindet, haben wir nicht feststellen können.
Wie du weißt, gab es schon vor deinem Verschwinden Unruhe bei den Mannschaften. Wir standen mit dem Hauptquartier in Verbindung und erfuhren, daß immer mehr Fälle von unerlaubtem Entfernen von der Truppe vorkamen. Zuerst verschwanden einige für ein paar Stunden. Als sie später wiederkamen, berichteten sie von seltsamen Erlebnissen, Gerüchte liefen um. Als die Vorräte rationiert wurden, wurde die Lage gespannt. Es hatte sich herumgesprochen, wo die leeren Räume lagen, immer mehr Leute holten - trotz angedrohter Strafen – von dort Nahrungsmittel und Getränke, immer mehr spielten an den Projektionseinrichtungen, und schließlich kamen einige nicht mehr zurück. Sie blieben in den Räumen und konnten gegen ihren Willen nicht mehr zurückgeholt werden. Der Oberst stellte Wachen auf, die den Befehl hatten, auf jeden zu schießen, der das Lager verließ. Am Tag darauf begann die Meuterei.
Seit dem Eindringen in die Stadt waren etwa 14 Tage vergangen. Seither gab es keine Verbindung mit den übrigen Landungstruppen mehr. Auch der Funkverkehr hatte sich nicht wieder aufnehmen lassen. Der Oberst wartete auf Verstärkung und Nachschub, doch vergebens. Da die Vorräte inzwischen bedenklich abnahmen, beschloß er, einen Trupp loszuschicken, der mit den Landeeinheiten Verbindung aufnehmen sollte. Die Leute kamen nach kaum einer Stunde zurück: Um die Stadt herum lag ein Gürtel von Gammastrahlung, zu intensiv für unsere Abschirmung. Wir waren eingeschlossen. Niemand konnte aus der Stadt heraus.