Einsteins Erben (Phantastische Bibliothek) [сборник]
- Автор: Франке Герберт Ф.
- Год: 1976
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp Verlag
- ISBN: 3-518-39087-2
- Жанр: Научная фантастика
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»Sind das nicht erfreuliche Verbesserungen? Was gibt es dagegen einzuwenden?«
»Erfreulich? Vielleicht scheint es so. Auf den ersten Blick. Doch Sie übersehen, daß dadurch das ökologische Gleichgewicht gestört wird. Das ist es aber nicht, was uns beunruhigt. Vielmehr … wer steckt dahinter? Es muß doch jemand dahinterstecken!«
Der Arzt war bleich geworden. »Sie meinen doch nicht, daß es wieder Anarchisten gibt … daß sie … nein, es ist unmöglich … alle Wissenschaftler wurden längst umorientiert …«
»Schweigen Sie darüber!« Der magere Körper des Inspektors straffte sich ein wenig. »Ich möchte mit dem Mann reden!«
»Bitte!« sagte der Arzt gepreßt. Er öffnete die Tür. Die beiden Männer traten ein.
Als James Forsythe das Rollen der Tür hörte, suchte er die Teile des Staubsaugers, in die er ihn zerlegt hatte, unter der Schaumgummimatratze zu verbergen, aber es blieb ihm keine Zeit dazu. Er stand auf und stellte sich so, daß man sie nicht gleich sehen sollte. Er zitterte vor Aufregung und Angst.
Der Arzt wollte etwas sagen, doch sein Gast schob ihn beiseite. Beide verzichteten darauf, das näher in Augenschein zu nehmen, was hinter dem Kranken auf dem Bett lag, denn ihnen graute vor diesen auseinandergerissenen Teilen mit den Klammern, Schrauben und losen Drahtenden.
»Schon eine Verletzung des Siegels – selbst aus Unachtsamkeit – ist strafbar. Das wissen Sie doch!«
James nickte.
»Sie wurden festgenommen, weil Sie eine Waschmaschine zerlegt hatten.«
»Sie war kaputt«, sagte James.
»Warum haben Sie sich keine neue besorgt?«
James zuckte die Schultern, denn er wußte, daß ihn niemand verstand.
»Warum also? Antworten Sie!«
»Ich wollte wissen, was mit dem Ding passiert war. Es hatte geknackst – dann stand es still. Ich wollte es reparieren.«
»Reparieren!« wiederholte der Arzt kopfschüttelnd.
»Wir haben in Ihrem Keller eine Kiste mit Holzspulen, Nägeln, Blech und dergleichen gefunden. An einem Eßbesteck bemerkten wir Kratzspuren – als hätten Sie damit hartes Material bearbeitet. Was hatten Sie vor?«
James blickte zu Boden. Seine Mundwinkel waren noch tiefer herabgezogen als gewöhnlich.
»Ich wollte eine Klingel bauen«, antwortete er. »Eine Türklingel? Aber Ihre Wohnung ist doch mit Telefon und Video ausgestattet! Wozu brauchten Sie eine Klingel?«
»Für eine Zeitanzeige, eine Art Weckeruhr.«
Der Inspektor blickte ihn groß an. »Wozu soll das gut sein? Sie können sich jederzeit durch die Automatik wecken lassen.«
»Ich brauchte keinen Wecker«, antwortete James resignierend, »ich hatte nur Lust, einen zu bauen.«
»Sie hatten Lust? Und deshalb begehen Sie ein Verbrechen?« fragte der Inspektor kopfschüttelnd. »Aber weiter! Dieser Staubsauger! Warum haben Sie ihn zerlegt? Dazu bestand doch nicht die geringste Notwendigkeit.«
»Nein«, sagte James, und dann schrie er: »Nein, es bestand keine Notwendigkeit. Aber ich sitze jetzt seit sechs Wochen in dieser Zelle, ohne Radio, ohne Video, ohne Illustrierte! Mir ist langweilig, wenn Sie das verstehen! Und es macht mir Spaß, in die Apparate hineinzusehen. Es interessiert mich, wie sie funktionieren: ein Hebel, eine Schraube, ein Zahnrad! Was wollen Sie von mir: Morgen werde ich umorientiert …« Er warf sich aufs Bett und drehte sich zur Wand.
Der Inspektor blickte auf ihn herab. »Vielleicht können wir Ihnen die Umorientierung ersparen. Es kommt ganz auf Sie an, Forsythe.«
Eine Woche lang war James Forsythe ruhelos durch die Stadt gestrichen, war über die Rolltreppen in die Geschäftsetagen hinuntergefahren, hatte sich mit dem Hängelift hoch über den Straßenschluchten der Stadt dahintragen lassen. Er war noch benommen von der langen Haft. Die Autokolonnen auf der Verkehrsetage und die durcheinandertreibenden Menschenmassen auf den Hochbrücken verwirrten ihn. Lufttaxis oder Sitzschweber benutzte er nicht – nach dem langen Aufenthalt auf dem festen Boden hatte er Angst, in den luftigen Höhen von Schwindel erfaßt zu werden.
Und trotzdem empfand er die wiedergewonnene Freiheit wie ein überraschendes Geschenk. Er versuchte zu vergessen, daß sie nur geborgt war – falls er seine Aufgabe nicht erfüllte. Er hoffte, daß er dazu fähig war.
James Forsythe hatte nicht allzuviel Selbstvertrauen. Er war schwächlich, litt oft an Kopfschmerzen und hatte sich schon einige Male einer therapeutischen Behandlung im Euphorium unterziehen müssen. Vor allem aber litt er unter seltsamen Neigungen, die seine Gedanken zu den Maschinen lenkten und ihn zwangen, darüber zu grübeln, wie sie funktionierten. Er wußte, daß dieser Drang ungewöhnlich war. Er hatte schon oft vergeblich versucht, ihn zu unterdrücken, diese Faszination des Verbotenen, die ihm nicht einmal Lust bereitete, sondern ihn quälte, weil sie ihn nie zum Ziel führte: Hatte er den Zweck eines Rades oder eines Hebels begriffen, dann taten sich sofort Fragen nach größeren Zusammenhängen auf, und sein Versagen – die Gewißheit, nie zum Ziel zu kommen, nie eine endgültige, umfassende Erklärung zu finden – machte ihn traurig und verzagt. Und das alles geschah gegen seinen Willen: Er war kein Revolutionär und schon gar kein Held, und er hätte nur den Wunsch gehabt, von seiner quälenden Krankheit befreit zu sein: nichts als ein harmloser Bürger, den Gesetzen treu.
Nun stand er vor der Tür von Eva Rußmoller, der Enkelin des letzten großen Physikers nach Einstein – jenes Mannes, der vor rund achtzig Jahren der Wissenschaft abgeschworen hatte. Aber hatte er seinen Schwur gehalten? James kannte die Leidenschaft, die die Beschäftigung mit den physikalischen Erscheinungen in einem auflodern läßt, und er bezweifelte, ob jemand, der ihr einmal verfallen war, jemals von ihr abzulassen vermochte. Würde ihm Eva Rußmoller eine Verbindung zu einer geheimen Organisation weisen, zu Menschen, die heimlich Wissenschaft betrieben und heute noch an technischen Aufgaben arbeiteten? Er wagte kaum noch auf Erfolg zu hoffen, aber nachdem alle anderen Versuche fehlgeschlagen waren, mußte er auch das noch versuchen. Die Polizei hatte ihm die Adresse besorgt.
Das Mädchen, das ihm öffnete, mußte Eva Rußmoller sein. Sie war schlank, fast mager, blaß und hatte große erschreckte Augen. »Was wünschen Sie?«
»Darf ich Sie fünf Minuten sprechen?«
»Wer sind Sie?« fragte sie unsicher. Sie stand auf der Terrasse des vierzigsten Stockwerks. Wicken und Zierkürbisranken hingen von den Blumenschalen in die Tiefe. Rundherum, aber doch fern genug, um eine freie Atmosphäre zu schaffen, standen andere Hochbauten, Pilz- und Trichterhäuser, Wohntürme, Staffel- und Fächergebäude, dazwischen hingen die Tragschienen der Hängebahn und die Brückenzüge der Hochstraßen.
»Wollen wir nicht hineingehen?« fragte James.
»Ich weiß nicht … lieber nicht … Warum sind Sie gekommen?«
»Es handelt sich um Ihren Großvater.«
Das offene Gesicht des Mädchens verschloß sich, als hätte sie eine Maske übergezogen. »Polizei?«
James antwortete nicht darauf.
»Kommen Sie«, sagte Eva Rußmoller. Sie führte ihn auf eine Terrasse. Zwischen Florapexschalen mit wurzellosen Blattgewächsen setzten sie sich.
»Ich habe meinen Großvater nicht gekannt.« Eva schob ihm einen Corphorin-Spray hin, aber er nahm ihn nicht. Sie spritzte sich eine Dosis an den Nacken, und James bemerkte, daß ihre Arme bis zu den Gelenken hinab vernarbt waren. »Auch meine Mutter hat nichts mehr von ihm gehört, seit er vor fast fünfzig Jahren verschwand. Damals war ich noch ein kleines Mädchen. Aber das habe ich ja schon Dutzende Male zu Protokoll gegeben.«