Einsteins Erben (Phantastische Bibliothek) [сборник]
- Автор: Франке Герберт Ф.
- Год: 1976
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp Verlag
- ISBN: 3-518-39087-2
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Einsteins Erben (Phantastische Bibliothek) [сборник]». Краткое содержание книги:
Vor ihm lag die Ewigkeit.
Es war, als liefen tausend Insekten durch seinen Leib, als würde seine Haut gebürstet und massiert. Es prickelte, vibrierte, regte sich – ein tiefer Atemzug, Geräusche, Helligkeit hinter den Augenlidern.
Noch umfing ihn leichte Lähmung, zähe Fäden zogen ihn gegen eine nachgiebige Unterlage. Es kostete Mühe, den Willen bis an die Peripherie hinauszudrängen, die motorischen Zentren zu erreichen … Unter seinen Fingern fühlte er die flaumig aufgerauhte Oberfläche einer Decke. Die Finger waren es, die seinem Willen zuerst gehorchten. Sie tasteten höher, streiften die hindernde Hülle ab … jetzt bewegte sich schon der ganze Arm. Die Fingerkuppen fühlten Haut – warm, feucht, glatt. Er streckte sich, fühlte, wie sich die Muskeln spannten.
Nun erst war er wach. Er öffnete die Augen, setzte sich.
Ein medizinischer Behandlungsraum, rund um ihn Geräte. Was auch immer mit ihm geschehen war – es war beendet. Sein Körper war kräftig, und Daniel spürte den Tatendrang, die Ungeduld eines Gesundeten.
Er ließ sich vom Tisch heruntergleiten.
Er war nackt.
Auf einem Stuhl neben ihm ein Bündel Kleider. Er zog sich an, doch seine Gedanken wanderten. Die Zukunft, gewiß … aber auch die Vergangenheit war noch nicht abgetan.
Am Kragen seines Mantels fühlte er etwas Hartes – eine Erkennungsmarke: 000/000/001. Mit einemmal, als hätte sich ein Ventil geöffnet, strömten die Erinnerungen … jetzt war ihm wieder alles gegenwärtig – jetzt war er wieder eingeflochten ins Geschehen.
Zuerst der Druck einer Enttäuschung: Noch immer befand er sich hier – in der Zentrale. War sein Plan mißlungen? Gewiß, er hatte noch eine Aufgabe, aber er war voller Erwartungen gewesen …
Dann schalt er sich selbst: Er lebte, und das war ja gerade der Beweis dafür, daß alles nach Wunsch gelaufen war. Einen Moment bedauerte er, daß er nicht der andere Teil seiner selbst war – jener, der von allen Pflichten entlastet, von jeder Schwere befreit, aller Zweifel enthoben, jeder Bitterkeit entrückt, jeder Furcht entronnen war. Dann nahm die Logik überhand: Es gab keinen Tausch, nur eine Entsprechung, und hätte man die Information oder, was auch immer es war, ausgetauscht, so wäre er doch wieder derselbe gewesen, der noch einen weiten beschwerlichen Weg vor sich hatte. Oder war die Folgerung falsch? Vielleicht wußte es der andere, der in einer für ihn nicht begreiflichen Form existierte. Bis vor kurzem hatten sie einen gemeinsamen Weg gehabt – nun verzweigte er sich. Ob es ein Wiedersehen gab oder vielmehr das, was einem Wiedersehen entsprach? Vielleicht einen Gedankenaustausch, oder eine Wiedervereinigung? Er brachte nicht die Ruhe auf, darüber nachzudenken. Viel stärker waren die Wünsche und Ziele, die Forderungen der Aufgaben, die vor ihm lagen.
Daniel ging zur Tür, die offenstand. Noch einmal befand er sich im System der Gänge, ihm nicht zugehörig, ein Ausgestoßener, eine Nullnummer. Aber er wußte, was zu tun war. Ohne Aufenthalt stieg er die Gänge aufwärts, bis zur Empfangshalle. Er trat ans Steuerpult. Daß er nie vorher daran gedacht hatte! Aber auch von den andern hatte keiner daran gedacht – vielleicht auch nur deshalb, weil keine Notwendigkeit bestand. Dabei war es einfach: Die Auffahrt war die Umkehrung der Abfahrt; man brauchte nur den reziproken Befehl zu geben.
Er tastete die Codeziffern ein. Einen Moment lang kam ihm der Gedanke, es könnte eine Sperre vorgesehen sein, die den angebahnten Weg verschloß. Doch da leuchtete das grüne Lämpchen auf, ein leises Schleifen, der Bajonettverschluß öffnete sich, ein Klicken, die Säule wuchs aus dem Boden. Mit reibungsloser Präzision, mit vollendeter Ausgewogenheit aller Bewegungsphasen vollzog sich die Absenkung der Plattform – des Unterteils der Kugel. Die zwei niedrigen Türflügel klappten auf.
Daniel trat ein.
Die Tür schloß sich mit einem dumpfen Laut. Ein sanfter Ruck, es ging aufwärts, auf die Öffnung in der Decke zu. Ein letzter Blick in die Halle, in das Labyrinth der Zentrale, dann schloß sich das untere Kugelsegment an das obere.
Es gab keinen Stoß, keine Vibration, keine Geräusche – nur einem kaum wahrnehmbaren Knistern war zu entnehmen, daß die Fahrt begonnen hatte. Eine Hülle aus Licht ringsherum, dann stiegen sie über das Niveau der Decke, und bald lag das gleißende Wabenmuster weit unten in der Tiefe, wurde fahler, jetzt nur noch ein Schimmer, wurde von grüner Tinte übermalt …
Daniel hatte sich auf denselben Platz gesetzt wie bei der Anreise. Er wartete, bis oben ein strahlendes Leuchten sichtbar wurde, ein Flimmern und Flirren, ein Spiel glitzernder Reflexe. Dann bückte er sich und tastete den unteren Rand der Polsterung ab. Er fand den Hohlraum, griff hinein … ein harter Gegenstand. Er zog ihn heraus – ein flaches Kästchen –, er klappte den Deckel hoch.
»Aufgabe vollzogen«, sprach er in den Sender. »Ich komme zurück! Achtung, hört Ihr mich? Ich komme zurück.«
Sie hatten mir geantwortet, doch der Empfang war so schwach, die Stimmen so leise, daß ich sie nicht verstand. Höchstens einige Worte, undeutlich, verzerrt, sie ergaben keinen Sinn, oder ich scheute davor zurück, sie zu deuten. Sicher ist, daß ich in diesem Augenblick einen Teil meiner Zuversicht verlor und Bedenken, Zweifel und Befürchtungen in mir aufstiegen.
Hätte es sich nicht um eine Dämpfung durch die Kugelwand oder durch das Wasser handeln können?
Nein – ich hatte ja bei der Abfahrt guten Empfang. Die Kugelwand bestand aus Kunststoff und absorbierte keine Wellen. Auch das Wasser konnte nicht der Grund sein – er fuhr dicht unter der Oberfläche dahin; die Dämpfung hätte nicht so stark sein dürfen.
Besaßen Sie bei der Abfahrt noch Ihre volle Erinnerung?
Ja. Ich habe ja auch noch den Sender bei vollem Bewußtsein versteckt. Ich nehme an, ich erhielt den Gedächtnisblock während der letzten Phase der Fahrt, vielleicht auch erst kurz vor dem Aussteigen.
Weiter!
Als die Kugel auftauchte und sich öffnete, wurden meine Befürchtungen zur Gewißheit: Ein Teil der Decke war eingestürzt, eine der Seitenwände war ein Schutthang, der noch nicht zur Ruhe gekommen war; körnige Massen rieselten herab, größere Bruchstücke kollerten darüber hinweg, von Zeit zu Zeit rutschte eine Platte nach oder das Bruchstück einer Projektionswand. Der Boden war von den Scherben der Leuchtstoffröhren bedeckt.
War noch Licht in der Halle? Konnten Sie etwas sehen?
Einige Leuchtröhren brannten. Vielleicht hingen sie an einem netzunabhängigen Notstromaggregat.
Ihre Kameraden erwarteten Sie?
Nein. Sie kannten jenen Teil der Stadt nicht. Nachdem ich ausgestiegen war und mich umgesehen hatte, versuchte ich gleich wieder zu senden. Diesmal erhielt ich sofort Antwort, wenn auch sehr leise.
Worauf führen Sie das Versagen der Funkgeräte zurück?
Ganz einfach. Ich selbst hatte eine schwache Dauerbatterie, meine Kameraden dagegen einen starken Sender, der mit einem Iridium-Akku betrieben wurde. Ein Iridium-Akku muß regelmäßig aufgeladen werden – doch sie hatten ihr Aggregat verloren.
Wer meldete sich?
Es war Sonja. Ich verstand sie kaum. Und auch sie schien mich nicht zu hören. Sie wiederholte immer dasselbe. Ich wollte den Sender anpeilen, der Richtung folgen.
Das taten Sie.
Das tat ich.
Und Sie fanden einen Weg durch die Trümmer. Hatten Sie Schwierigkeiten?
Es ging.
Bestand Einsturzgefahr?
Ja.
Hatten Sie Angst? Oder hatten Sie irgendwie das Gefühl, daß Ihnen nichts passieren könnte?
Ich hatte ganz gewöhnliche Angst, wie jeder andere, der sich in Gebäuden aufhält, die jeden Moment zusammenstürzen können.