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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)

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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
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»Diese Worte hatten etwas an sich, das mich sehr angesprochen hat. ›Ein wahrhaft nützliches Leben.‹« Sie lächelte mich an. »Ich könnte mir schlimmere Epitaphe vorstellen als das, Milady.« Sie breitete plötzlich die Hände aus und zuckte mit den Schultern, eine seltsam anmutige Geste.

»Ich wollte auch nützlich sein«, sagte sie. Dann beendete sie dieses müßige Gespräch und wandte sich abrupt wieder den Noten auf dem Notenständer zu.

»Nun denn«, sagte sie. »Es sind also eindeutig die Tonartwechsel, die hier merkwürdig sind. Wohin führt uns das?«

Mein Mund öffnete sich mit einem kleinen Ausruf. Da wir bis jetzt Französisch gesprochen hatten, war es mir bis jetzt nicht aufgefallen. Doch während ich Mutter Hildegarde beim Erzählen zusah, hatte ich auf Englisch gedacht, und als mein Blick jetzt wieder auf die Noten fiel, kam der Geistesblitz.

»Was ist?«, fragte die Nonne. »Ist Euch ein Gedanke gekommen?«

»Der Schlüssel!«, sagte ich halb lachend. »Auf Französisch heißt der Grundton note tonique, aber das Wort für einen Gegenstand, der etwas aufschließt …« Ich zeigte auf den großen Schlüsselbund, den Mutter Hildegarde normalerweise am Gürtel trug und den sie bei unserem Eintreten auf das Bücherbord gelegt hatte. »Das ist ein passe-partout, nicht wahr?«

»Ja«, sagte sie und beobachtete mich verwundert. Dann berührte sie den Generalschlüssel. »Das ist tatsächlich ein passe-partout. Diesen dort«, sagte sie und zeigte auf einen Schlüssel mit geschmiedetem Bart, »würde man vermutlich als clef bezeichnen.«

»Clef!«, rief ich überglücklich aus. »Perfekt!« Ich bohrte die Fingerspitze in das Notenblatt. »Bei uns, ma mère, ist es dasselbe Wort. Ein Schlüssel gibt den Grundton eines Musikstücks vor, und ein Schlüssel öffnet Schlösser. Und der Schlüssel der Musik ist gleichzeitig der Schlüssel des Codes. Jamie hat doch gesagt, er meinte, dass es ein englischer Code ist! Erdacht von einem Engländer mit einem wahrhaft diabolischen Sinn für Humor«, fügte ich hinzu.

Nach diesem kleinen Gedankenblitz entpuppte sich der Code als recht einfach zu entziffern. Wenn der Verfasser Engländer war, war die verschlüsselte Nachricht vermutlich ebenfalls auf Englisch verfasst, was bedeutete, dass der deutsche Text nur die Buchstaben lieferte. Und da ich Jamie ja schon öfter dabei zugesehen hatte, wie er Alphabete umsortierte und Buchstaben verdrehte, benötigten wir nur wenige Versuche, um das Muster des Codes herauszubekommen.

»Zwei Kreuze bedeuten, dass man jeden zweiten Buchstaben nimmt, vom Beginn des entsprechenden Teils an«, sagte ich und schrieb hastig die Ergebnisse nieder. »Bei drei Kreuzen ist es jeder dritte Buchstabe, angefangen am Ende des jeweiligen Teils. Ich vermute, er hat das Deutsche sowohl als Deckmäntelchen benutzt als auch, weil es so verdammt wortreich ist; man braucht ja fast doppelt so viele Worte wie auf Englisch, um dasselbe zu sagen.«

»Ihr habt Tinte auf der Nase«, stellte Mutter Hildegarde fest. Sie warf einen Blick über meine Schulter. »Ist es zu verstehen?«

»Ja«, sagte ich, und mein Mund war plötzlich wie ausgetrocknet. »Ja, es ist zu verstehen.«

Die entschlüsselte Nachricht war kurz und simpel. Und zutiefst verstörend.

»Die getreuen Untertanen Seiner Majestät in England erwarten Seine rechtmäßige Wiedereinsetzung. Die Summe von fünfzigtausend Pfund steht zu Eurer Verfügung. Als Zeichen guten Willens wird diese nur in Person ausbezahlt werden, wenn Seine Hoheit englischen Boden betritt«, las ich. »Ein Buchstabe ist noch übrig, ein ›S‹. Ich weiß nicht, ob es eine Signatur ist oder nur etwas, was der Verfasser gebraucht hat, damit das deutsche Wort vollständig ist.«

»Hmpf.« Mutter Hildegarde richtete den Blick neugierig auf die hingekritzelte Nachricht, dann auf mich. »Ihr werdet es natürlich bereits wissen«, sagte sie und nickte, »doch Ihr könnt Eurem Gemahl versichern, dass ich dies für mich behalten werde.«

»Er hätte Euch nicht um Hilfe gebeten, wenn er Euch nicht trauen würde«, protestierte ich.

Ihre angedeuteten Augenbrauen hoben sich bis zur Kante ihres Kopfputzes, und sie tippte fest auf das Blatt Papier.

»Wenn dies die Sorte Unterfangen ist, mit der sich Euer Mann befasst, geht er ein beträchtliches Risiko ein, wenn er überhaupt jemandem traut. Ihr könnt ihm versichern, dass ich mir der Ehre bewusst bin«, fügte sie trocken hinzu.

»Das werde ich tun«, sagte ich und lächelte.

»Aber, chère Madame«, sagte sie, als sie mein Gesicht sah, »Ihr seid ja ganz blass! Ich selbst bleibe zwar nachts oft lange wach, wenn ich an einem neuen Stück arbeite, ohne ernsthaft auf die Uhrzeit zu achten, doch es muss spät für Euch sein.« Ihr Blick fiel auf die brennende Stundenkerze auf dem Tischchen neben der Tür.

»Grundgütiger! Es ist spät geworden. Soll ich Schwester Madeleine rufen, damit sie Euch auf Euer Zimmer bringt?« Widerstrebend hatte Jamie Mutter Hildegardes Vorschlag zugestimmt, dass ich die Nacht im Convent des Anges verbrachte, um nicht mitten in der Nacht durch die dunklen Straßen heimkehren zu müssen.

Ich schüttelte den Kopf. Ich war zwar müde und hatte Rückenschmerzen vom langen Sitzen auf dem Schemel, doch ich wollte nicht ins Bett. Die möglichen Folgen der musikalischen Nachricht waren ohnehin zu verstörend, als dass ich schon hätte schlafen können.

»Dann lasst uns eine kleine Stärkung zu uns nehmen, zur Feier Eures Erfolgs.« Mutter Hildegarde erhob sich und ging ins Nebenzimmer, wo ich eine Glocke läuten hörte. Kurz darauf kam eine der Schwestern und brachte ein Tablett mit heißer Milch und kleinen glasierten Törtchen, gefolgt von Bouton. Sie legte ein Törtchen auf einen kleinen Porzellanteller, den sie vor ihm auf den Boden stellte, als sei das eine Selbstverständlichkeit. Daneben stellte sie ein Schälchen Milch.

Während ich ebenfalls an meiner Milch nippte, legte Mutter Hildegarde den Gegenstand unserer Bemühungen auf den Sekretär und stellte stattdessen einige lose Notenblätter auf den Notenhalter des Cembalos.

»Ich werde für Euch spielen«, verkündete sie. »Es wird Euch helfen, Eure Gedanken zu beruhigen, damit Ihr schlafen könnt.«

Die Musik war leicht und beruhigend mit einer Gesangsmelodie, die sich in einem angenehm komplexen Muster vom Diskant zum Bass hinunterwand, jedoch ohne die Bachsche Getriebenheit.

»Ist das von Euch?«, fragte ich, als sie am Ende des Stücks die Hände hob.

Sie schüttelte den Kopf, ohne sich umzuwenden.

»Nein. Von einem Freund, Jean Philippe Rameau. Ein guter Theoretiker, doch beim Schreiben fehlt ihm die Leidenschaft.«

Ich musste eingedöst sein, weil mich die Musik einlullte, denn ich erwachte plötzlich, weil mir Schwester Madeleines Stimme ins Ohr murmelte und sie mich mit warmer, fester Hand hochzog, um mich mitzunehmen.

Als ich mich umschaute, sah ich Mutter Hildegardes breiten, in Schwarz gehüllten Rücken, und ihre kraftvollen Schultern bewegten sich unter dem Schleier, als sie spielte, der Welt jenseits des Heiligtums ihrer Gemächer längst entrückt. Auf den Dielen zu ihren Füßen lag Bouton, die Nase auf den Pfoten, den kleinen Körper schnurgerade ausgestreckt wie die Nadel an einem Kompass.

»Nun«, sagte Jamie. »Jetzt ist es also etwas mehr als nur Gerede – möglicherweise.«

»Möglicherweise?«, wiederholte ich. »Für mich klingt ein Angebot von fünfzigtausend Pfund ziemlich konkret.« Für heutige Verhältnisse entsprachen fünfzigtausend Pfund dem Jahreseinkommen eines anständigen Herzogtums.

Mit zynisch hochgezogener Augenbraue richtete er den Blick auf das Notenmanuskript, das ich aus dem Konvent mitgebracht hatte.

»Aye, nun ja. Ein solches Angebot ist kein großes Risiko, wenn es daran geknüpft ist, dass Charles oder James England betreten. Wenn Charles in England ist, bedeutet das, dass er zuvor von anderer Seite genügend Unterstützung erhalten hat, um erst einmal nach Schottland zu kommen. Nein«, sagte er und rieb sich nachdenklich das Kinn, »das Interessante an dieser Offerte ist die Tatsache, dass sie unser erstes konkretes Anzeichen dafür ist, dass sich die Stuarts – zumindest einer von ihnen – tatsächlich mit dem Versuch befassen, eine Rückeroberung des Throns in Angriff zu nehmen.«

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