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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)

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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
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»Der Titel lässt auf ein einfaches Volkslied schließen«, sagte Mutter Hildegarde und zeigte mit ihrem langen Zeigefinger auf die Seite. »Und doch ist die Kompositionsform völlig anders. Könnt Ihr Musik vom Blatt singen?« Die große rechte Hand mit den dicken Fingergelenken und den kurzen Nägeln senkte sich unendlich sacht auf die Tasten.

Ich beugte mich über Mutter Hildegardes in Schwarz gekleidete Schulter und sang die ersten drei Zeilen des Stücks, wobei ich mich mit der Aussprache der deutschen Wörter abmühte, so gut ich konnte. Dann hörte sie auf zu spielen und verdrehte den Kopf, um zu mir aufzublicken.

»Das ist die Grundmelodie. In der Folge wiederholt sie sich in Variationen – doch was für Variationen! Etwas Ähnliches habe ich schon einmal gesehen, von einem seltsamen kleinen Deutschen namens Bach; er schickt mir hin und wieder etwas …« Sie wies achtlos mit der Hand auf das Manuskriptregal. »Er nennt diese Stücke ›Inventionen‹, und sie sind wirklich schlau ausgedacht und spielen in zwei oder drei Melodiezeilen gleichzeitig mit den Variationen. Das hier«, sie spitzte die Lippen und zeigte auf das Lied vor uns, »ist wie eine unbeholfene Kopie eines seiner Stücke. Eigentlich könnte ich sogar schwören, dass …« Murmelnd schob sie die Nussbaumbank zurück und trat vor das Regal, wo sie eilig mit dem Finger an den aufgereihten Manuskripten entlangfuhr.

Sie fand, was sie suchte, und kehrte mit drei gebundenen Musikstücken zu ihrer Bank zurück.

»Hier sind die Bach-Stücke. Sie sind schon älter; ich habe seit Jahren keinen Blick mehr darauf geworfen. Dennoch, ich bin mir beinahe sicher …« Sie verstummte und blätterte rasch die Bachnoten auf ihrem Knie durch, während sie hin und wieder den Blick zu dem Lied auf dem Notenpult hob.

»Ha!«, rief sie triumphierend und hielt mir eines der Bach-Stücke hin. »Seht Ihr das?«

Das Papier trug in schräger, verschmierter Handschrift den Titel »Goldberg Variationen«. Ehrfürchtig berührte ich das Blatt, schluckte krampfhaft und blickte noch einmal auf das Lied. Es bedurfte nur eines kurzen Vergleichs zu sehen, was sie meinte.

»Ihr habt recht, es ist das Gleiche!«, sagte ich. »Hier und da ist eine Note anders, aber im Prinzip ist es exakt wie Bachs ursprüngliches Thema. Wie merkwürdig!«

»Nicht wahr?«, sagte sie im Ton tiefer Genugtuung. »Nun, warum stiehlt dieser anonyme Komponist Melodien und behandelt sie dann so seltsam?«

Dies war eindeutig eine rhetorische Frage, und ich versuchte mich gar nicht erst an einer Antwort, sondern stellte meinerseits eine Frage.

»Ist Bachs Musik heutzutage sehr en vogue, Mutter?« Bei den musikalischen Salons, die ich besuchte, hatte ich sie zumindest nicht gehört.

»Nein«, sagte sie und schüttelte den Kopf, während sie die Musik betrachtete. »Herr Bach ist in Frankreich kaum bekannt; ich glaube, er hat vor fünfzehn oder zwanzig Jahren in Deutschland und Österreich eine gewisse Popularität genossen, doch selbst dort wird seine Musik kaum öffentlich aufgeführt. Ich fürchte, sie wird die Zeiten nicht überdauern; sie ist zwar ausgeklügelt, doch es fehlt ihr an Herz. Hmpf. Also, seht Ihr das hier?« Ihr stumpfer Zeigefinger zeigte hierhin und hier und hier, dann blätterte er rasch weiter.

»Er hat dieselbe Melodie wiederholt – so gut wie –, aber er hat jedes Mal die Tonart gewechselt. Ich vermute, das ist es, was die Aufmerksamkeit Eures Mannes erregt hat; es fällt sogar jemandem auf, der keine Noten lesen kann, weil sich der Grundton ändert – die note tonique

So war es; jeder Tonartwechsel war durch zwei senkrechte Linien gekennzeichnet, gefolgt von einem neuen Notenschlüssel und der Dur- oder Moll-Signatur.

»Fünf Tonartwechsel in so einem kurzen Stück«, sagte sie und unterstrich ihre Worte, indem sie erneut auf den letzten Wechsel tippte. »Vor allem sind es Tonartwechsel, die musikalisch keinerlei Sinn ergeben. Da, die Grundmelodie ist exakt dieselbe, doch wir wechseln hier von B-Dur zu A-Dur mit drei Kreuzen. Seltsamer noch, dann wechselt er zu einer Version mit zwei Kreuzen, und trotzdem benutzt er G-Dur als Vorzeichen!«

»Wirklich seltsam«, sagte ich. G-Dur als Vorzeichen zu benutzen, bewirkte, dass die Zeile mit dem A-Dur-Teil identisch wurde. Mit anderen Worten: Es gab keinen Grund, den Notenschlüssel überhaupt zu ändern.

»Ich kann kein Deutsch«, sagte ich. »Versteht Ihr den Text, Mutter?«

Sie nickte, und die Falten ihres schwarzen Schleiers raschelten. Ihr Blick war gebannt auf das Manuskript gerichtet.

»Welch wahrhaft grauenvoller Text!«, murmelte sie. »Nicht, dass man von den Deutschen im Allgemeinen große Dichtkunst erwarten würde, aber das hier …« Sie verstummte, und wieder schüttelte sich ihr Schleier. »Dennoch, wenn Euer Mann recht hat und dies eine Art Chiffre ist, müssen wir davon ausgehen, dass die Botschaft in die Worte eingebettet ist. Daher sind sie per se möglicherweise nicht von großer Bedeutung.«

»Wie lautet er denn?«, fragte ich.

»›Meine Schäferin tollt mit ihren Lämmern durch die grünen Hügel‹«, las sie. »Nicht sehr elegant, auch wenn es dem Verfasser vor allem darum gegangen ist, dass es sich reimt, was ja bei Liebesliedern meistens der Fall ist.«

»Kennt Ihr Euch denn gut mit Liebesliedern aus?«, fragte ich neugierig. Mutter Hildegarde war heute Abend voller Überraschungen.

»Jedes gute Musikstück ist im Prinzip ein Liebeslied«, erwiderte sie ungerührt. »Doch was Eure Frage betrifft – ja, ich kenne viele Liebeslieder. Als junges Mädchen«, sie ließ ihre großen weißen Zähne zu einem Lächeln aufblitzen, um mir zu bedeuten, dass sie wusste, wie schwer es möglicherweise war, sie sich als Kind vorzustellen, »war ich nämlich eine Art Wunderkind. Ich konnte alles, was ich hörte, aus dem Gedächtnis nachspielen, und ich habe meine erste Komposition mit sieben Jahren verfasst.« Sie wies auf das Cembalo mit seinem glänzenden Furnier.

»Meine Familie ist wohlhabend; wäre ich ein Mann, wäre ich zweifellos Musiker geworden«, sagte sie schlicht und ohne jede Spur von Bedauern.

»Ihr hättet doch gewiss auch komponieren können, wenn Ihr geheiratet hättet, oder nicht?«, fragte ich neugierig.

Mutter Hildegarde breitete die Hände aus, die im Lampenschein grotesk wirkten. Ich hatte diese Hände schon dabei gesehen, wie sie einen Dolch aus einem Knochen zogen, wie sie eine ausgekugelte Gliedmaße wieder einrenkten, wie sie das blutverschmierte Köpfchen eines Kindes umfassten, das zwischen den Oberschenkeln seiner Mutter hervorkam. Und ich hatte gesehen, wie sich diese Finger zart wie Mottenfüße auf die Ebenholztasten senkten.

»Nun«, sagte sie nach kurzem Nachdenken, »der heilige Anselm ist an allem schuld.«

»Tatsächlich?«

Sie grinste über meine Miene, und ihr hässliches Gesicht sah ohne die gestrenge Fassade ganz anders aus.

»Oh ja. Mein Taufpate – der alte Sonnenkönig«, fügte sie beiläufig hinzu, »hat mir ein Buch über das Leben der Heiligen zum Namenstag geschenkt, als ich acht war. Es war ein herrliches Buch«, erinnerte sie sich, »mit Goldschnitt und Juwelen auf dem Einband, das eher als Kunstwerk gedacht war denn als literarisches Werk. Ich habe es trotzdem gelesen. Und ich war zwar von allen Geschichten begeistert – vor allem von denen der Märtyrer –, gab es doch in der Geschichte des heiligen Anselm eine Formulierung, die in meiner Seele widerzuhallen schien.«

Sie schloss die Augen und legte den Kopf zurück, während sie sich den Text ins Gedächtnis rief.

»St. Anselm war ein Mann von großer Weisheit und großem Wissen, ein Doktor der Kirche. Doch er war auch Bischof, ein Mann, der für seine Schäfchen gesorgt hat und sich nicht nur um ihr seelisches, sondern auch ihr irdisches Wohlergehen gekümmert hat. Die Geschichte hat sein Wirken sehr detailliert beschrieben und endete mit diesen Worten: ›Und so starb er dann am Ende eines wahrhaft nützlichen Lebens und erlangte seine Krone im Paradies.‹« Sie hielt inne und streckte die Hände sacht auf den Knien aus.

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