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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)

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Die geliehene Zeit: Roman (German Edition)
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Jamie und der Finanzminister, ein kleiner, runder Mann mit hängenden Schultern, saßen über das Schachbrett gebeugt, beide so auf das Spiel konzentriert, dass sie trotz des Gemurmels und des Gläserklirrens unmittelbar hinter ihnen nichts von ihrer Umgebung mitzubekommen schienen.

»Ich habe noch nie etwas so Langweiliges wie Schach gesehen«, murmelte eine der Damen einer anderen zu. »Amüsement nennen sie das! Ich würde mich besser dabei amüsieren, wenn ich zusehe, wie meine Zofe die Flöhe von den schwarzen Pagenjungen zupft. Wenigstens quietschen und kichern sie ein bisschen.«

»Ich hätte auch nichts dagegen, den rothaarigen Jungen ein bisschen zum Quietschen und Kichern zu bringen«, sagte ihre Begleiterin und richtete ihr bezauberndes Lächeln auf Jamie, der in diesem Moment den Kopf hob und geistesabwesend an Monsieur Duverney vorbeiblickte. Ihre Begleiterin entdeckte mich und stieß die Dame, eine üppige Blondine, in die Rippen.

Ich lächelte ihr freundlich zu und beobachtete voller Schadenfreude, wie ihr eine kräftige Röte aus dem tiefen Ausschnitt stieg, so dass ihr Gesicht ganz fleckig wurde. Was Jamie betraf, so hätte sie ihre Pummelfinger in seinem Haar vergraben können, ohne dass er sie beachtete, so abwesend schien er zu sein.

Ich fragte mich, was es wohl sein mochte, was seine Konzentration so in Anspruch nahm. Gewiss war es nicht das Spiel; Monsieur Duverneys Spielzüge zeichneten sich zwar durch hartnäckige Vorsicht aus, doch er benutzte immer wieder dieselben Kombinationen. Jamie tippte sich sacht mit den beiden mittleren Fingern der rechten Hand an den Oberschenkel, ein rasches Aufflackern schnell wieder maskierter Ungeduld – und woran er auch immer dachte, ich wusste, dass es nicht das Spiel war. Möglich, dass es noch eine halbe Stunde dauern würde, doch er hatte Monsieur Duverneys König längst in der Hand.

Der Duc de Neve stand neben mir. Ich sah, wie sich seine dunklen Äuglein auf Jamies Finger hefteten und dann davonhuschten. Einen Moment hielt er nachdenklich inne und betrachtete das Brett, dann glitt er davon, um seinen Wetteinsatz zu erhöhen.

Ein Dienstbote blieb neben mir stehen und neigte unterwürfig sein Haupt, während er mir ein weiteres Glas Wein anbot. Ich winkte ab; ich hatte im Lauf des Abends so viel getrunken, dass mir etwas schwindelig war und meine Füße gefährlich weit fort zu sein schienen.

Als ich mich nach einer Sitzgelegenheit umsah, fiel mein Blick auf den Comte St. Germain, der sich am anderen Ende des Zimmers befand. Vielleicht war er es, den Jamie angesehen hatte. Der Comte wiederum hatte den Blick auf mich gerichtet, ja, er starrte mich geradezu an und lächelte dabei. Das war nicht seine normale Miene, und es stand ihm nicht. Es gefiel mir ganz und gar nicht, doch ich verneigte mich in seine Richtung, so anmutig ich es konnte, und dann drängte ich mich in die Menge der Damen, plauderte über dieses und jenes, versuchte dabei aber, das Gespräch wann immer möglich auf Schottland und seinen Exilkönig zu bringen.

Im Großen und Ganzen schien sich Frankreichs Aristokratie keine großen Gedanken über eine Re-Inthronisierung der Stuarts zu machen. Wenn ich Charles Stuart hier und da erwähnte, verdrehte mein Gegenüber meistens die Augen oder zuckte geringschätzig mit den Schultern. Allen eifrigen Bemühungen des Grafen von Mar und der anderen Pariser Jakobiten zum Trotz weigerte sich Louis hartnäckig, Charles bei Hofe zu empfangen. Und ein mittelloser Adeliger, der nicht in der Gunst des Königs stand, würde nicht von der feinen Gesellschaft eingeladen werden, um die Bekanntschaft reicher Bankiers machen zu können.

»Der König ist nicht besonders erfreut, dass sein Vetter nach Frankreich gekommen ist, ohne ihn erst um Erlaubnis zu ersuchen«, erzählte mir die Comtesse de Brabant, als ich das Thema anschnitt. »Er soll gesagt haben, dass England, was ihn betrifft, gern protestantisch bleiben kann«, vertraute sie mir an. »Und wenn die Engländer mit George von Hannover in der Hölle schmoren, umso besser.« Dann verzog sie den Mund zu einer mitfühlenden Miene; sie war ein gütiger Mensch. »Es tut mir leid«, sagte sie. »Ich weiß, dass das für Euch und Euren Mann enttäuschend sein muss, aber eigentlich …« Sie zuckte mit den Schultern.

Ich ging davon aus, dass wir die Enttäuschung verkraften würden, und machte mich eifrig auf die Suche nach weiteren Neuigkeiten dieser Art, hatte aber an diesem Abend keinen großen Erfolg mehr. Jakobiten, so gab man mir zu verstehen, waren langweilig.

»Bauernopfer«, murmelte Jamie später an diesem Abend, als wir uns bettfertig machten. Einmal mehr übernachteten wir als Gäste im Palast. Da das Schachspiel bis weit nach Mitternacht gedauert hatte und der Minister nichts davon hören wollte, dass wir uns um diese Uhrzeit noch auf den Rückweg nach Paris machten, hatte man uns in einem kleinen Appartement untergebracht – diesmal ein oder zwei Klassen besser als das letzte, wie ich feststellte. Es hatte ein Federbett und ein Fenster, das auf die südliche Terrasse hinausblickte.

»Bauernopfer, hm?«, sagte ich, während ich ins Bett schlüpfte und mich stöhnend rekelte. »Wirst du heute Nacht vom Schach träumen?«

Jamie nickte und gähnte dabei so herzhaft, dass ihm die Augen tränten.

»Aye, da bin ich mir sicher. Ich hoffe, es wird dich nicht stören, Sassenach, wenn ich im Schlaf die Sizilianische Verteidigung übe.«

Meine Füße krümmten sich vor Glück, endlich nicht mehr eingeengt zu sein und von der Bürde meines zunehmenden Gewichts befreit zu sein, und mein Kreuz strahlte einen beinahe angenehmen Schmerz aus, während es sich ans Liegen gewöhnte.

»Von mir aus kannst du im Schlaf Kopfstand machen«, sagte ich und gähnte. »Mich wird heute Nacht gar nichts stören.«

Ich habe mich selten mehr geirrt.

Ich träumte von meinem Baby. Es hatte fast sein Geburtsgewicht erreicht und strampelte und wälzte sich in meinem angeschwollenen Bauch. Meine Hände legten sich auf die Wölbung, um die gedehnte Haut zu massieren und den Aufruhr im Inneren zu beruhigen. Doch das Gewühl ging weiter, und ohne große Aufregung, wie es im Traum oft geschieht, begriff ich, dass es gar kein Baby war, sondern eine Schlange, die sich in meinem Bauch wand. Ich krümmte mich zusammen und zog die Knie hoch, während ich mit der Schlange rang, und meine hektisch tastenden Hände suchten nach dem Kopf des Tiers, das unter meiner Haut hin und her fuhr. Meine Haut fühlte sich heiß an, und meine Gedärme verknoteten sich und verwandelten sich ihrerseits in Schlangen, die sich unter schmerzhaften Zuckungen umeinander wanden.

»Claire! Wach auf, Herz! Was ist?« Das Schütteln und Rufen weckte mich endlich so weit, dass ich benommen begriff, wo ich war. Ich war im Bett, die Hand auf meiner Schulter gehörte Jamie, und ich war mit einem Laken zugedeckt. Doch die Schlangen in meinem Bauch bewegten sich weiter, und ich stöhnte laut, ein Geräusch, das mich selbst beinahe genauso sehr alarmierte wie Jamie.

Er warf die Laken zurück, drehte mich auf den Rücken und versuchte, meine Knie nach unten zu drücken. Ich blieb hartnäckig zusammengerollt liegen und umklammerte meinen Bauch, um die Schmerzen zu bändigen, die mich wie Messerstiche durchfuhren.

Mit einem Ruck deckte er mich wieder zu und stürzte aus dem Zimmer, nachdem er im Vorübergehen seinen Kilt vom Hocker gerissen hatte.

Ich hatte wenig Aufmerksamkeit für irgendetwas anderes als den Aufruhr in meinem Inneren übrig. In meinen Ohren klingelte es, und mein Gesicht war in kalten Schweiß gebadet.

»Madame? Madame!«

Ich öffnete die Augen so weit, dass ich das Zimmermädchen, das unserem Appartement zugeteilt war, mit panischem Blick und wirrem Haar über das Bett gebeugt stehen sah. Hinter ihr stand Jamie, halbnackt und noch mehr in Panik. Ich schloss die Augen und stöhnte, bekam jedoch gerade noch mit, wie er die Dienstmagd so fest bei den Schultern packte, dass ihr noch mehr Locken aus dem Häubchen flogen.

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