Azrael: Die Wiederkehr
- Автор: Хольбайн Вольфганг
- Год: 2000
- Язык: немецкий
- Год: Wilhelm Heyne
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Azrael: Die Wiederkehr». Краткое содержание книги:
Unter Alberts feixenden Blicken legte er sich auf den Rücken und schob sich unter das Bett. Es war zwar sehr groß, aber so niedrig, daß er kaum darunter paßte. Als er es endlich geschafft hatte, befand sich die Stahlmatratze nur wenige Zentimeter über seinem Gesicht. Wenn Albert seinen mondgroßen Hintern bewegte, würden die Sprungfedern einen Abdruck in Bremers Gesicht hinterlassen.
Bremer lag eine gute Minute unter dem Bett und kam sich einfach nur dämlich vor, dann flog die Tür auf, und schwere Schritte polterten herein. Mühsam drehte Bremer den Kopf und sah ein Paar teure, auf Hochglanz polierte Schuhe, die in den Beinen maßgeschneiderter Anzugshosen endeten.
»Hallo!« sagte Albert über ihm. »Seid ihr gekommen, um zu spielen?«
»Bestimmt nicht«, antwortete eine Stimme. »War jemand hier? Ein Mann und eine Frau?« Das Paar Schuhe bewegte sich weiter, und Bremer konnte hören, wie die Schranktür aufgerissen wurde und Stoff raschelte. Der andere blieb, wo er war.
»Klar«, antwortete Albert. »Sie sind immer noch hier. Ihr seid die, die sie suchen, nicht wahr? Ihr spielt Verstecken.«
Bremers Herz machte einen entsetzten Sprung. Wie hatte er auch nur eine Sekunde lang diesem Verrückten trauen können?
»Die Frau ist aus dem Fenster gesprungen, und der andere liegt unter dem Bett«, fuhr Albert fort.
Bremer verspürte plötzlich den intensiven Wunsch, aus seinem Versteck herauszustürzen und die Hände um Alberts Kehle zu legen. Vielleicht blieb ihm ja noch Zeit genug, den Kerl zu erwürgen, bevor sie ihn erschossen. Er konnte sich allerdings nicht von der Stelle rühren, denn Albert begann nun zu allem Überfluß tatsächlich im Bett auf und ab zu hüpfen, wodurch er regelrecht festgenagelt wurde und alle Mühe hatte, überhaupt noch Luft zu bekommen.
Er hörte, wie sich schnelle Schritte dem Fenster näherten und es aufgerissen wurde. In der nächsten Sekunde würde der Mann überrascht aufschreien, wenn er nicht gleich seine Waffe zog und Angela vom Sims herunterschoß wie einen Vogel auf der Stange. Er versuchte, an die Pistole heranzukommen, die er in seine Jackentasche gesteckt hatte, aber es gelang ihm nicht. Alberts Gewicht schien ihn regelrecht in den Boden hineinzupressen.
Der Mann auf der anderen Seite des Bettes schrie nicht auf. Er schoß auch nicht. Statt dessen schloß er das Fenster wieder, verriegelte es sorgfältig und sagte: »Hier ist niemand.«
»Natürlich ist hier niemand«, sagte sein Kollege. »Der Bekloppte verarscht uns doch, merkst du das nicht?«
»Albert verarscht keinen!« protestierte Albert. »Der andere liegt unter dem Bett! Seht doch nach!«
»Halt die Fresse, Idiot!« murmelte der Agent. »Seht doch nach!« höhnte Albert. »Seht doch nach! Seht doch nach!« Er begann im Takt seiner Worte im Bett auf und ab zu hüpfen, und Bremer wurde erneut und noch gründlicher die Luft aus den Lungen gepreßt. Er begann Sterne zu sehen.
»Sieh unter dem Bett nach«, sagte der erste Agent. Bremer drehte mit aller Kraft, die er noch aufbringen konnte, den Kopf auf die Seite. Der Agent näherte sich dem Bett und ließ sich in die Hocke herab, und Albert krähte noch lauter: »Seht doch nach!« und furzte so laut, wie Bremer es noch nie zuvor im Leben gehört hatte.
Der Agent stieß einen angewiderte Laut aus und richtete sich abrupt wieder auf, ohne unter das Bett gesehen zu haben. »Das ist ja widerlich!« keuchte er. »Ich hätte Lust, diesem verrückten Idioten den Schädel runterzuschießen!«
»Du hast recht«, seufzte sein Kollege. »Er nimmt uns auf den Arm. Komm weiter. Wir haben noch eine Menge Zimmer zu untersuchen!« Die beiden Männer verließen den Raum. Bremer wartete, bis sie die Tür hinter sich zugeworfen hatten, dann kroch er wieder unter dem Bett hervor - eine Aufgabe, die nicht gerade leicht war, weil Albert immer noch vor Vergnügen krähte und im Bett auf und ab hüpfte wie auf einem Trampolin. Vollkommen außer Atem stemmte er sich hoch, warf dem mongoloiden Jungen einen zornigen Blick zu und hetzte dann zum Fenster. Seine Finger zitterten, als er es aufriß. Hastig beugte er sich nach draußen.
Der Sims war leer. Es war so, wie der Agent gesagt hatte. Angela war nicht mehr da.
30
Zehn Minuten der Stunde, von der Grinner Braun gegenüber gesprochen hatte, waren bereits verstrichen, aber er zögerte noch immer, die entsprechende Sequenz einzuleiten. Es gab keinen wirklichen Grund dafür. Alles war vorbereitet, die Computer entsprechend programmiert - er mußte jetzt nur noch die ENTER-Taste vor sich drücken, und die Automatik würde den Rest erledigen; wobei es im Grunde sehr viel mehr darum ging, Dinge nicht mehr zu tun, als Dinge zu tun. Das, was einmal ein Mensch gewesen war und was sie auf der anderen Seite der Panzerglasscheibe eingesperrt hatten, wurde ohnehin nur noch durch einen unvorstellbaren technischen Aufwand in einem Zustand gehalten, den man nur noch mit sehr viel gutem Willen als Leben bezeichnen konnte. Wenn er die Maschinen abschaltete, tat er ihm einen Gefallen.
Warum also hatte er trotzdem das Gefühl, einen Mord zu begehen? Wenn er einen Grund hatte, Schuldgefühle zu haben, dann wegen dem, was er in den letzten fünf Jahren getan hatte, nicht wegen dem, was er jetzt tun würde. Haymar endlich sterben zu lassen, war eine Art der Barmherzigkeit.
Trotzdem drückte er die ENTER-Taste nicht, sondern brach das Programm im Gegenteil ab, um es noch einmal zu modifizieren. Er brauchte kaum fünf Minuten dazu, und als er fertig war, war der Computer bereit, fünfundzwanzig Einheiten Morphium in Haymars Kreislauf zu pumpen. Genug, um einen Elefanten umzubringen, und mehr als genug, um Haymar auf die schmerzloseste und angenehmste Art einschlafen zu lassen. Grinner glaubte nicht, daß in dem von Drogen zerfressenen Gehirn noch so etwas wie ein Bewußtsein war. Aber für den sehr, sehr unwahrscheinlichen Fall, daß es doch so sein sollte, wollte er ihm in seinen letzten Augenblicken auf keinen Fall Schmerzen zufügen. Als er die Hand nach der Taste ausstreckte, hörte er ein Geräusch hinter sich.
Grinner sah erschrocken hoch. Er war allein im Labor. Wäre jemand hereingekommen, hätte er es gehört. Die zentnerschwere Stahltür ließ sich nicht lautlos öffnen, ganz egal, wie vorsichtig man auch war. Für den Bruchteil einer Sekunde glaubte er, einen Lichtreflex vor sich auf dem Monitor zu erkennen, als hätte sich irgend etwas hinter ihm bewegt, doch als Grinner erschrocken im Stuhl hochfuhr stellte er fest, daß er allein war.
Was blieb, war das Gefühl, es nicht zu sein.
Unsinn, dachte Grinner. Natürlich war er allein. Niemand war hier, außer ihm und dem Toten auf der anderen Seite der Glasscheibe. Was er spürte, war lediglich seine eigene Nervosität. Und eine Mischung aus Müdigkeit und schlechtem Gewissen - beides in weit größerem Maße, als ihm lieb war. Er hatte den Grund dazu, müde zu sein, und was sein schlechtes Gewissen anging... Er redete sich ein, daß es nur mit Haymar zu tun hatte, aber natürlich wußte er, daß es nicht so war. Es war Mecklenburg. Unbeschadet von allem, was Braun gesagt hatte, hatte Grinner das Gefühl, den Professor verärgert zu haben. Sicher, er hatte nicht wirklich etwas getan, um seinen Job zu bekommen, aber wie oft hatte er sich gewünscht, es zu tun, und vor allem: Er war bereit dazu gewesen. Auch wenn es keinen wirklich rationellen Grund dafür gab - Grinner kam sich wie ein Leichenfledderer vor.
Er verscheuchte den Gedanken, streckte die Hand erneut nach der Taste aus, und etwas in seinen Gedanken sagte laut und vernehmlich: Nein.
Es war nicht wirklich dieses Wort. Grinner hörte keine Stimme, und er empfing auch keine telepathische Botschaft oder so etwas. Aber das Gefühl, daß er das, was er vorhatte, auf keinen Fall tun durfte, war so stark, daß er gar nicht anders konnte, als die Hand wieder zurückzuziehen. Zugleich hatte er wieder das Empfinden, nicht mehr allein zu sein, und als er sich diesmal herumdrehte, sah er, daß es auch so war.