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Azrael: Die Wiederkehr

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Azrael: Die Wiederkehr
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Sie streckte ungeduldig den Arm aus, packte seine Handgelenke und stieß ihn so derb durch die Tür, daß er fast gestürzt wäre. Hastig huschte sie hinter ihm auf den Flur, drückte die Tür hinter sich zu und sah sich rasch nach beiden Seiten hin um.

Der Flur, in dem sie sich befanden, erinnerte schon eher an das, was man mit dem Begriff Klinik assoziieren mochte: ein langer, sehr breiter Gang, von dem in regelmäßigen Abständen Türen abzweigten. Ein gutes Stück entfernt schien es auch so etwas wie ein Schwesternzimmer zu geben, das aber offensichtlich nicht besetzt war, denn hinter der mannshohen Glasscheibe in der Tür brannte kein Licht. Auch die meisten Zimmer auf diesem Flur waren dunkel, nur unter zweien oder dreien der Türen drang ein blasser, gelber Lichtschimmer hervor. Es war fast vollkommen still. Einer der Unterschiede zwischen teuren Privatkliniken und solchen fürs gemeine Volk schien offensichtlich darin zu bestehen, daß man die Patienten hier nicht mitten in der Nacht aus dem Bett schmiß, um das Frühstück zu bringen oder die Laken auszutauschen.

»Was sollte das gerade?« fauchte Angela. »Willst du mit Gewalt erwischt werden, oder wolltest du die Sache einfach nur ein bißchen spannender gestalten?«

»Es ist nun mal nicht jeder ein Freizeit-Ninja«, antwortete Bremer patzig.

»Ja, leider«, maulte Angela. Sie deutete nach links, in die längere Hälfte des Korridors. »Los!« Sie stürmte voraus.

Bremer nahm an, daß sie einen anderen Ausgang aus der Etage suchte, aber sie öffnete praktisch die erstbeste Tür, an der sie vorbeikamen, warf einen Blick hindurch und gestikulierte ihm dann hektisch zu, ihr zu folgen. Fast zu Bremers Entsetzen schaltete sie das Licht ein, als er hinter ihr ins Zimmer trat, und schloß die Tür. Bremer wollte sich herumdrehen und die Kette vorlegen, aber Angela schüttelte rasch den Kopf, und Bremer mußte - wieder einmal - zugeben, daß sie recht hatte: Wenn jemand von außen an der Tür rüttelte, würde es nur auffallen, wenn sie verschlossen war.

Er drehte sich herum und ließ seinen Blick durch das Zimmer schweifen. Er hatte kein normales Krankenzimmer erwartet, aber was er sah, übertraf seine Erwartungen bei weitem: Der Raum war mindestens dreißig Quadratmeter groß und so behaglich wie ein Wohnzimmer eingerichtet.

Auf dem Boden lag ein dicker, teurer Teppich, und in einer Ecke stand ein Fernseher, dessen Mattscheibe ihm größer vorkam als die Leinwand so manchen Kinos, in dem er gewesen war. Goldgerahmte Bilder und teure Seidentapeten an den Wänden vervollständigten den Eindruck von unverblümt zur Schau gestelltem Luxus.

Unglücklicherweise war das Zimmer nicht leer. Sein Bewohner lag in einem überdimensionalen Bett mit gedrechselten Beinen, hob genau in diesem Moment den Kopf aus dem Kissen und blinzelte verschlafen ins Licht. »Was ... was ist ... denn?« nuschelte er.

Bremer schätzte sein Alter auf zwanzig, vielleicht fünfundzwanzig Jahre. Soweit das bei einem Menschen zu beurteilen war, der zugedeckt im Bett lag und sich halb auf die Ellbogen hochgestemmt hatte, schien er ungewöhnlich kräftig gebaut zu sein, aber das war bei Leuten mit seiner Krankheit normal, soviel Bremer wußte: Sein Gesicht war sehr breit, und alles darin wirkte seltsam unfertig, als wären seine Züge eigentlich nur angedeutet. Er hatte eine breite Nase und geschlitzte Augen, die jetzt noch dazu vom Schlaf verquollen waren. Der Junge litt am Down-Syndrom. Ein bösartiges Schicksal hatte seine Eltern zwar offensichtlich mit mehr Geld gesegnet, als sie ausgeben konnten, aber auch mit einem mongoloiden Sohn.

Bremer wollte sich wieder herumdrehen und das Zimmer verlassen, aber Angela hielt ihn abermals zurück. »Warte.« Sie wandte sich an den mongoloiden Jungen im Bett: »Wie heißt du?«

»Albert«, antwortete der Junge. »Und wer seid ihr? Ist schon Frühstückszeit? Ich will noch nichts essen.«

»Mein Name ist Angela«, antwortete Angela. Sie warf Bremer einen raschen, mahnenden Blick zu, dann drehte sie sich wieder zu Albert herum. »Du brauchst keine Angst zu haben, Albert.«

»Das habe ich auch nicht. Ich habe vor nichts Angst, hörst du? Vor gar nichts!« Albert setzte sich weiter im Bett auf. Die Decke rutschte herunter, und Bremer sah, daß der Mongoloide Schultern wie ein Preisboxer hatte. Er war mit einemmal nicht mehr vollkommen davon überzeugt, daß sie hier drinnen wirklich sicher waren. Neigten Mongoloide eigentlich zu Gewalttaten? Er wußte es nicht.

»Das ist gut«, sagte Angela. »Dann haben wir ja den richtigen ausgesucht.«

»Den richtigen ausgesucht? Wozu?« Alberts Augen wurden noch schmaler, als sie ohnehin schon waren.

»Wir spielen ein Spiel«, antwortete Angela. »Und dazu brauchen wir deine Hilfe.« Sie deutete auf die Tür hinter sich. »Hör zu, Albert. Da draußen sind Männer, die uns suchen. Wir haben nichts getan oder so, wir haben nur gewettet, daß sie uns nicht finden können, und die Männer haben gewettet, daß sie es doch können. Wenn sie jetzt hier reinkommen und uns sehen, dann haben wir verloren, und das wäre ziemlich schade. Wirst du uns helfen?«

Einen Moment lang sah es ganz und gar nicht so aus, als wäre es ihr gelungen, Alberts Mißtrauen zu besänftigen. Aber dann hellte sich sein Gesicht auf, und er kicherte. »Das ist lustig«, sagte er. »Ich helfe euch. Das ist ein lustiges Spiel.«

»Gut«, sagte Angela. »Weißt du ein gutes Versteck für uns?«

»Unter dem Bett.« Albert nickte hektisch und begann vor Aufregung auf und ab zu hüpfen, so daß das ganze Bett wackelte. »Ich verstecke mich immer unterm Bett! Niemand wird euch da finden!« Das war geradezu idiotisch, fand Bremer. Angela schien wohl zu dem gleichen Ergebnis zu kommen, denn sie ging rasch durchs Zimmer und öffnete die beiden anderen Türen, die es noch gab. Eine führte ins Bad, die andere in einen weitläufigen, begehbaren Schrank.

»Das sind keine guten Verstecke«, meinte Albert. Er hatte einen tiefen, sonoren Baß, sprach aber wie ein Fünfjähriger. Es machte Bremer ganz kribbelig, ihm zuzuhören.

»Ich weiß«, seufzte Angela. Sie sah sich weitere zwei oder drei Sekunden lang um, dann ging sie zum Fenster und öffnete es. Bremer trat rasch an ihre Seite und blickte nach draußen.

Sofort wurde ihm schwindelig. Sie befanden sich in der zweiten Etage, also keine zehn Meter über dem Erdboden aber große Höhen waren noch nie seine Sache gewesen Und es war draußen immer noch so dunkel, daß er den Erdboden nicht einmal sehen konnte.

»Perfekt!« sagte Angela. Sie deutete auf einen kaum zehn Zentimeter breiten Sims, der unter dem Fenster an der Wand entlang verlief. »Los!« Ohne seine Antwort auch nur abzuwarten, schwang sie sich auf den Fenstersims hinaus, richtete sich auf und schob sich an der Wand entlang ein Stück zur Seite. Sie bewegte sich so sicher, als stünde sie auf einer zwei Meter breiten Brücke, nicht auf einem Sims, der Bremer mittlerweile schmaler vorkam als sein Daumen.

»Worauf wartest du?« fragte sie.

»Da hinaus?« Bremer schüttelte entschieden den Kopf. »Lieber lasse ich mich erschießen!«

»Tja, dann bleibt dir wohl wirklich nur das Bett«, sagte Angela spöttisch. »Aber beeil dich lieber. Sie müssen gleich hier sein.« Bremer drehte sich unsicher herum. Er hörte absolut nichts Verdächtiges, aber wenn er im Laufe der letzten vierundzwanzig Stunden etwas gelernt hatte, dann war es, auf Angelas Warnungen zu hören. Ihre Sinne schienen weitaus schärfer zu sein als seine. Kunststück. Sie war ja auch höchstens halb so alt wie er.

Er sah sich noch zwei oder drei weitere Sekunden lang unschlüssig um, spielte einen Moment lang mit den Gedanken, sich zwischen den Kleidern im Schrank zu verstecken und entschied sich dann doch für das Bett. Es war ein idiotisches Versteck. Vielleicht idiotisch genug, daß sie nicht dort nachsehen würden.

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Главный герой
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