Die Geheimnisse von Paris
- Автор: Сю Эжен
- Язык: немецкий
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Die Geheimnisse von Paris». Краткое содержание книги:
»Was sagen Sie da? Germain hat noch eine Mutter?« rief Lachtaube. – »Ja. Und sein Mütterchen hat ihn immer für verloren gehalten... Nun malen Sie sich die Freude aus, wenn sie ihn wiedersehen wird! Aber sagen Sie ihm noch kein Wort davon, denn es ist besser, er erfährt erst später davon.« – »O, ich will ihm gewiß nichts davon sagen, wenn Sie meinen, daß es besser sei, Schweigen darüber zu wahren.« –
Sie las weiter:
»Mein Leben ist, wie Sie aus meinen Aufzeichnungen ersehen werden, gar nicht glücklich gewesen. Erst als ich Sie gefunden, winkte mir Sonnenschein. Aber daß ich Sie liebe, habe ich Ihnen verschwiegen, und ich sollte es jetzt erst recht, da ich nur eine traurige Erinnerung noch für Sie sein kann, und nichts anderes. Mein Schicksal war so bitter, daß ich immer gemeint habe, es könne Ihnen nur Unglück bringen, wenn Sie sich meiner annehmen.
»Wie beschränkt Ihre Einkünfte sind, weiß ich; auch, wie notwendig es Ihnen wäre, für schlimme Tage ein bißchen Geld auf hoher Kante zu haben. Mehr als die 1500 ersparten Franks, die ich bei einem Bankier deponiert hatte, besitze ich nicht. In meinem Testamente vermache ich Ihnen das Geld, Denken Sie, es käme von einem Bruder, der Sie recht lieb gehabt hat und der nicht mehr am Leben ist ... Ach, Herr Rudolf,« rief Lachtäubchen, während ihr die hellen Tränen über die Wangen flossen, »so etwas tut doch recht bitterweh: der Herr Germain hat ein Vortreffliches Herz, wie man es nur bei wenig Menschen findet. Er ist ein gar lieber, guter Mensch! ein wackrer, edler Freund!«
»Ja, er ist brav und gut,« pflichtete Rudolf bei, »aber er ist, Gott sei gedankt, noch nicht tot, und sein Testament hat zunächst nur den Nutzen, daß es Ihnen offenbart, wie innig er Ihnen zugetan ist.«
Es wurde an die Tür geklopft. Auf Rudolfs Frage, wer da sei, fragte eine heisere Stimme nach Frau Mathieu. Der Klang weckte in Rudolfs Herzen seltsame Erinnerungen. Als er mit dem Lichte zur Tür trat, sah er sich einem Stammgaste der Kaschemme »Zum weißen Kaninchen« gegenüber, dessen vom Laster gezeichnetes Gesicht ihm sofort wieder einfiel. Es war kein anderer als Barbillon, der sich als Fiakerkutscher auszugeben pflegte und der Bakel mit der Eule nach Bouqueval gefahren und vor dem Hohlwege gewartet hatte, der Mörder des Mannes jener unglücklichen Milchfrau, die in Arnouville die Arbeiter gegen Marienblümchen oder – wie sie auch hieß – die Schalldirne aufgehetzt hatte. Rudolf, den er nur ein einziges Mal in der Kaschemme gesehen, erkannte er nicht wieder, mochte er ihn nun vergessen haben oder der andere Anzug ihn unkenntlich machen.
Barbillon sagte, er habe einen Brief für Frau Mathieu, den er ihr nur persönlich abgeben dürfe. Rudolf sagte, die Frau wohne nicht hier, sondern gegenüber. Barbillon klopfte an der andern Tür. Sie wurde augenblicklich geöffnet, und eine korpulente Frau im Alter von annähernd fünfzig Jahren trat mit einem Lichte in der Hand auf die Schwelle. Auf Barbillons Befragen erklärte sie, die Gesuchte zu sein. Barbillon gab ihr den Brief mit dem Bescheide, daß er sofort Antwort bringen solle. Er wollte sie in die Stube hineindrängen, die Frau winkte ihm aber, draußen zu bleiben, öffnete den Brief und las im Schein der Treppenlampe das ihr übergebene Zettelchen. Dann sagte sie mit sichtlicher Befriedigung: »Bestellen Sie nur, es sei alles in Ordnung, und ich würde bringen, was verlangt würde, zur gewöhnlichen Zeit, wie sonst. Bestellen Sie meine allerbesten Empfehlungen an die Dame ...«
Darauf schloß sie die Tür, und Rudolf trat in Germains Zimmer zurück, von wo aus er Barbillon schnellen Schrittes über den Boulevard eilen sah, zu einem Menschen höchst schäbigen Aussehens, der vor einem Ladenschaufenster auf ihn wartete. Ohne auf die in der Nähe befindlichen Leute zu achten, die ihn hören mußten, rief er dem andern, allem Anschein nach in sehr vergnügter Stimmung Zu: »He, Niklas, Schnaps her! Die Alte geht auf den Leim und kommt zur Eule. Mutter Martial wird bei der Sache helfen.« Rudolf erschrak, entschuldigte sich bei dem in seiner Begleitung befindlichen Mädchen und versprach ihr, eine Zutrittskarte zum Gefängnis, in welches Germain gebracht worden war, zu schicken. Mit dem Versprechen, sie bald wieder zu besuchen, ging er, bestieg den nächsten Fiaker und ließ sich nach der Rue Plumet bringen, wo ihn Murph bereits erwartete. Dort schrieb er ohne Verzug an Clemence die folgenden Zeilen:
»Teuerste Frau! – Soeben höre ich von dem unvermuteten Unglück, das Sie betroffen hat. Ich will nicht versuchen, Ihnen das Grauen zu schildern, das mich befallen hat, auch nicht den Kummer, der mich noch erfüllt. Ich muß Ihnen von Dingen Mitteilung machen, die dem schmerzlichen Ereignisse fremd sind, das die Pariser Welt jetzt wie mit einem Alpe bedrückt ... Eben hörte ich, daß Ihre Stiefmutter, die wohl, seit ein paar Tagen in Paris, weilt, mit Polidori heut abend nach der Normandie abreisen will. Ich brauche Ihnen nicht erst zu sagen, welche Gefahr hierdurch für Ihren Vater erwächst. Lassen Sie mich zu einem Schritte raten, der sich als nützlich und heilbringend erweisen wird: Jedermann wird es begreiflich finden, daß Sie nach dem schweren Unglück, das über Sie hereingebrochen, eine Zeitlang Paris den Rücken wenden. Reisen Sie also unverzüglich nach Aubiers, um wenn irgend möglich noch vor Ihrer Stiefmutter dort zu sein. Im übrigen verhalten Sie sich ruhig, vor allen Dingen keine Befürchtungen! Halten Sie sich versichert, daß ich über Sie wache, ob Sie mir fern sind oder nah ... Ihre Stiefmutter soll ihre schändlichen Pläne nicht durchführen ... Leben Sie wohl, gnädige Frau! Ich schreibe in der höchsten Eile. Wenn ich an gestern Abend denke, droht mir das Herz zu brechen; verlieh ich den Toten nicht in einer so ruhigen, fröhlichen Stimmung, wie kaum je vorher?
Rudolf.«
Drei Stunden später befand sich Frau von Harville, Rudolfs Rate gemäß, auf der Fahrt nach der Normandie, in Gesellschaft ihrer Tochter. Aus Rudolfs Palais fuhr zur gleichen Zeit auf der gleichen Straße eine Extrapostkutsche. In der übergroßen Hast ihrer Abreise hatte Frau von Harville unglücklicherweise vergessen, Rudolf davon in Kenntnis zu setzen, daß sie in dem Gefängnisse von Saint-Lazare Marienblümchen gefunden habe. Nun hatte aber Jakob Ferrand, in Sorge darum, daß sein Verbrechen an den Tag kommen könne, alle Ursache, für schnelles Verschwinden des Mädchens, das ihn am schlimmsten bloßstellen konnte, zu sorgen. Bradamanti aber, der ein größeres Interesse hatte, die Frau von Orbigny nach ihrem Landgute zu begleiten, lieh sich durch die Rücksicht auf Ferrand nicht abhalten, mit ihr nach der Normandie zu fahren, sogar, ohne zuvor noch einmal mit Frau Seraphim zu sprechen.
So schien sich das Wetter dräuend über Ferrands Haupte zusammenzuziehen, denn tagsüber war die Eule wiedergekommen, um ihre Drohungen wieder auszustoßen, ja sie hatte zum Beweise dafür, daß sie ernstlich gemeint waren, Ferrand erklärt, daß sich das Mädchen, das einst durch Frau Seraphim an sie verkuppelt worden, unter dem Spitznamen Schalldirne im Weibergefängnisse Saint-Lazare befände, und daß, sofern er nicht binnen drei Tagen 10 000 Franks ausfolge, sie in den Besitz von Papieren gesetzt werden solle, die ihr allen Aufschluß über ihre Geburt, ihre Eltern und Kindheit geben würden.
Ferrand stellte nach seiner Gewohnheit alles in Abrede und jagte das Weib als freche Lügnerin von seiner Schwelle, trotzdem er von den Drohungen sich des Schlimmsten versehen mußte. Es gelang ihm, zufolge der guten Beziehungen, die er zu den Verwaltungskreisen hatte, tagsüber in Erfahrung zu bringen, daß ein Mädchen unter dem Namen Schalldirne wirklich in Saint-Lazare eingeliefert worden sei, sich aber durch ein so mustergültiges Verhalten hervortue, daß ihre Entlassung tagtäglich zu erwarten stände. Daraufhin hatte er sich einen teuflischen Plan zurechtgelegt, den er jedoch ohne Bradamantis Hilfe nicht ausführen konnte, und deshalb hatte Frau Seraphim wiederholt versucht, den Scharlatan zu finden. Als nun abends bei Ferrand über Bradamantis Verschwinden kein Zweifel mehr bestand, besann er sich auf die Familie Martial, die sogenannten Süßwasser-Piraten bei der Brücke von Asnières und wollte nun mit ihrem Beistande das ihm verhaßte und gefährliche Mädchen um die Ecke bringen lassen, und Frau Seraphim mußte sich in seinem Auftrage dorthin begeben.