Die Geheimnisse von Paris
- Автор: Сю Эжен
- Язык: немецкий
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Die Geheimnisse von Paris». Краткое содержание книги:
Nun kehrte Martial in die Stube zurück, packte die Schwester an der Schulter und sperrte sie, allem Geschrei und Toben zum Trotz, in dem niedrigen Saale der Schenkstube ein, hatte es aber nicht verhindern können, daß sie ihn mit einem Beilhiebe an der Schulter verwundete... »Nun, Mutter,« sagte er kalt, »haben wir es bloß noch beide miteinander zu tun.« – »Ja,« versetzte das Weib, »bloß noch wir beide miteinander!« und ihr kaltes, bleiches Gesicht überzog sich mit jäher Zornesröte, ihre fast erloschenen Augen fingen zu funkeln an in wildem Hasse ... »ich habe schon lange hierauf gewartet, und endlich sollst du hören, wie es mir ums Herz ist.« – »Das sollst du auch von mir, Mutter!« – »An diese Nacht sollst du denken, und wenn du hundert Jahre alt würdest...« – »Recht so, Mutter! Du hast die Hand nicht gehoben, als du sahest, daß Bruder und Schwester mich ermorden wollten ... nun sage wenigstens, was habt ihr alle wider mich?« – »Du bist seit Vaters Tode eine erbärmliche Memme!« rief die Mutter: »du faulenzest und lebst auf meine Kosten.« – »Kannst du das sagen, Mutter?« erwiderte Martial finster, »gebe ich dir nicht, was mir der Fischfang bringt? Gebe ich dir nicht alles Geld, das ich sonst verdiene? Wenn es auch nicht gerade viel ist, so ist's doch ausreichend, denn was koste ich dir denn? Ich wollte Schlosser werden, um mehr zu verdienen: wer sich aber von Jugend an im Walde und auf dem Flusse herumgetrieben hat, taugt nicht für die Arbeit in Wohnräumen. Solche Menschen sind eben verdorben für Lebenszeit... Und ich bin auch im Walde und auf dem Flusse immer am liebsten allein gewesen, denn ich habs nicht gern, wenn ich viel gefragt werde, am wenigsten will ich gefragt sein nach dem Vater, denn läßt sich etwa abstreiten oder verheimlichen, daß er sein Leben auf dem Schafott verblutet hat? Und fragt mich jemand nach dem Bruder, kann ich dann in Abrede stellen, daß er auf Lebenszeit zu den Galeeren verurteilt worden, kann ich abstreiten, daß die Schwester schon wegen Diebstahls bestraft worden ist?«
»Na, und wenn dich jemand nach deiner Mutter fragt, was sagst du dann?« – »Die Mutter, sage ich, ist über all dem gestorben,« antwortete Martial finster. – »Recht so,« versetzte die Frau, »ich nenne dich auch zu niemand meinen Sohn, denn du zeigst dich eben nicht als Martial, dessen Bruder im Bagno sitzt und dessen Vater unter dem Henkerbeile verblutet ist. Auch du solltest Beil und Bagno trotzen und ein Ende suchen wie Vater und Bruder, solltest ein Leben führen wie Mutter und Schwester!«
Martial überrieselte es kalt, trotzdem er solche Worte schon oft aus dem Munde der Mutter gehört hatte, die jetzt mit wachsendem Ingrimm fortfuhr: »Du bist aber ebenso dumm wie feige. Willst ein ehrlicher Mensch sein? Du als der Sohn eines Mörders? als der Bruder eines Galeerensträflings? Statt dich gleich uns an der menschlichen Gesellschaft zu rächen, drohst du uns bloß Verderben, und deshalb wirst du hinfort unser Haus meiden, wirst nie wieder deinen Fuß hierher setzen!«
Martial blickte die Mutter verblüfft an. Eine Weile verging, ohne daß von einem der beiden ein Wort fiel. Dann versetzte er: »Nun, Ihr habt heute den Zank mit mir vom Zaune gebrochen...« – »Gewiß,« antwortete die Mutter, »um dir zu zeigen, was dich erwartet, wenn du wider unsern Willen hier verweilen solltest. Die Hölle hättest du hier – verstehst du? Tag für Tag soll es zugehen wie heute, und nicht allein werden wir hinfort hier abends sein, sondern werden gute Freunde zu uns laden, die uns Hilfe und Beistand wider dich leisten werden – keine acht Tage sollst du es bei uns aushalten!« – »Und doch sage ich dir, Mutter, daß ich nicht von hier gehen werde! Erst werde ich Mittel und Wege suchen, meine beiden Geschwister anderswohin zu bringen. Wären sie nicht auf der Welt, dann stünden die Dinge anders. Dann wendete ich euch auf der Stelle den Rücken. Aber gewissenlos und feige wäre es, sie in euren Händen zu lassen! Also bis ich meine beiden Geschwister versorgt weiß, bleibe ich hier und lasse mich nicht davon abbringen.«
»So? Also trotzen willst du uns?« rief die Mutter. »Nun, ich habe dir gesagt, an diese Nacht sollst du denken, solange du lebst, und wenn du das hundertste Jahr erreichtest ... Also höre mich! Du hast doch nicht vergessen, was in der letzten Weihnachtsnacht hier vorgefallen ist? Daß Rotarm einen gutgekleideten Herrn mit hierher brachte, der alle Ursache hatte, sich eine Zeitlang versteckt zu halten? » – »Ja. Ich ging schlafen und ließ euch allein mit ihm. Nachts kam er her, und am andern Tage hat ihn Niklas nach Saint-Ouen geführt.« – »Du bist im Irrtum, Martial, denn der Mann hatte viel Geld bei sich und hat hier sein Leben gelassen, ist hier ausgeraubt worden und liegt drüben im Holzstalle verscharrt.« – »Das ist nicht wahr,« schrie Martial, außer stande, an dieses neue Verbrechen der seinigen zu glauben, »du willst mich nur in Schrecken jagen, Mutter!« – »Nun, dann frage doch deinen Bruder Franz, an dem du mit so großer Liebe hängst. Er mag dir sagen, was er heut morgen im Stalle gesehen hat.« –.»Franz? Und was hat er gesehen?« – »Ein Bein von einer Leiche... Aus der Erde soll es hervorgucken. Nimm doch die Laterne und überzeug dich davon!« – »Mutter, Mutter.« rief Martial, »das glaube ich nicht!« und er schlug beide Hände vor sein totenbleiches Gesicht. – »Na, dann geh doch hinüber und sieh nach!« erwiderte die Mutter mit höhnischem Gelächter.
Martial war wie vom Blitze getroffen. Zweifel an der Wahrheit der von der Mutter gesprochenen Worte konnte er kaum noch haben, und mit Schrecken gedachte er der Möglichkeit, daß ihn sein Zusammenleben mit den Verbrechern in den Verdacht der Teilnahme bringen, ja daß ihn Mutter und Bruder und Schwester als ihren Mitschuldigen vor Gericht angeben könnten!
Wieder entstand eine lange Pause. Endlich blickte Martial auf und antwortete entschlossen: »Nun, wenn die Dinge sich so verhalten, so werde ich wohl nach wie vor hier bleiben, bloß nicht bei euch in eurem Hause, denn mein Bruder würde mir nach dem Leben stellen, und die Schwester nicht minder. Da ich aber kein Geld habe und mir also bei fremden Leuten eine Wohnung nicht mieten kann, werde ich mich in dem Schuppen auf der Insel einquartieren. Er hat eine feste Tür, und ich werde sie noch sichern. Dort verbarrikadiert, mit Flinte, Stock und Hund, fürchte ich Tod und Teufel nicht. Morgen früh nehme ich meine jungen Geschwister mit hinüber, tagsüber mögen sie bei mir im Boote bleiben, oder wo ich mich sonst aufhalte, und Abends nächtigen sie bei mir in der Hütte. Was wir zur Leibesnahrung und Notdurft brauchen, bringt uns der Fischfang, und mit der Zeit werde ich schon ein besseres Unterkommen für sie finden.«
»So? Und du bildest dir ein, wir würden, das zugeben?« fragte die Mutter mit höhnischem Lachen. – »Mutter, macht was ihr wollt, von der Insel gehe ich auf keinen Fall, und von den jüngeren Geschwistern lasse ich auf keinen Fall. Nun wißt ihr meinen Bescheid! Treibt mich von der Insel weg, wenn Ihr es könnt ... probiert es! Gutwillig gehe ich nicht.« Mit diesen Worten stand er auf, steckte sich Licht an, machte die Küchentür auf und pfiff seinem Hunde, der freudig winselnd zu ihm herangekrochen kam und ihm in das obere Gestock der Hütte nachschlich. Martial ging ohne Argwohn hinauf, in der Meinung, Niklas werde bis zum Morgen in den Keller eingesperrt bleiben. Als er aus der Kammer, in der die beiden Kinder hausten, einen Lichtstreif sah, trat er hinein. Beide kamen ihm entgegengeeilt, und er küßte sie beide ...
»Nun, schlaft ihr noch nicht?« fragte er. – »Nein, Bruder Martial, wir haben auf dich gewartet,« sagte Amandine, und Franz setzte hinzu: »Wir hörten unten auch laut sprechen, und hatten Bange, daß ihr euch zusammen zanken möchtet.« – »Nun, ihr habt auch nicht unrecht gehabt,« erwiderte Martiaclass="underline" »es hat Zwist gesetzt zwischen mir und dem Niklas. Sagt maclass="underline" wäre es euch recht, wenn ihr mit mir weg von hier ginget?« – »Ach ja, Bruder,« riefen beide wie aus einem Munde, »ach ja!« – »Nun, so richtet euch drauf ein, daß wir in ein paar Tagen den Fuß von der Insel setzen werden.« – »Ach, wäre das ein Glück!« rief Amandine, freudig in die Hände klatschend. – »Und wohin wollen wir gehen?« fragte Franz. – »Du wirst's schon sehen,« versetzte Martial, »ich werde dich bei einem Tischler oder Schlosser in die Lehre bringen. Du bist stark und gewandt, und wenn du fleißig bist, so kannst du schon in einem Jahre dir dein Taschengeld verdienen. Und für Amandine wird sich auch eine Gelegenheit finden, wo sie etwas lernen kann.« – »Ach ja, Bruder,« rief das Mädchen, »das möchte ich! das möchte ich für mein Leben gern! Ach! Wie gern werde ich mit dir und Franz den Fuß von hier setzen!« – »Aber, Kind, was hast du denn um den Kopf gewunden?« fragte er die kleine Schwester. – »Ein Tuch, das mir Niklas geschenkt hat.« – »Mir hat er auch eins geschenkt,« setzte Franz hinzu. – »Und woher wird er sie haben?« fragte Martini; »meint ihr, er habe sie gekauft?« – »Er hat sie aus der Kiste genommen,« sagte Amandine, »die er heut abend mit dem Boote hergebracht hat.« – »Und die er gestohlen hat! Nicht wahr?« sagte Martial. – »Kann wohl sein, Bruder,« antworteten Franz und Amandine wie aus einem Munde. – »Gebt mir die Tücher her,« sagte Martini; »morgen früh soll Niklas sie wiederhaben; ihr hättet sie überhaupt nicht von ihm nehmen dürfen! Wer von einem Diebe gestohlenes Gut nimmt, ist ebenso strafbar wie der Dieb selbst.«