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Die Geheimnisse von Paris

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Die Geheimnisse von Paris
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»Liebes Fräulein,« lautete er, »Sie werden sich die Größe meines Unglückes ausmalen können, wenn Sie erfahren, daß ich wegen Diebstahls ins Gefängnis gebracht worden bin. Alle Welt hält mich dieses Verbrechens für schuldig, und dennoch wage ich, an Sie zu schreiben. Ach, es wäre mir schrecklich, wenn ich glauben müßte, daß auch Sie mich solcher Missetat für fähig halten könnten. Lesen Sie erst diesen Brief, ehe Sie so Schlimmes von mir für möglich halten.

»Ich habe einige Zeitlang schon meine frühere Wohnung in der Rue du Temple aufgegeben, bin aber durch Luisen, die unglückliche Tochter des Steinschneiders Morel, über die schreckliche Not, in die ihre Familie geraten war, auf dem Laufenden gehalten worden. Das Mitleid, das ich mit diesen armen Leuten fühle, hat mich in dieses schreckliche Unglück gestürzt. Gestern hatte ich bis in die späte Nacht dringliche Arbeiten in Ferrands Kanzlei zu verrichten. In der Stube, in der ich schreibe, steht ein Sekretär. Darin verschloß der Notar täglich die von mir erledigten Akten, Als ich vorm Weggehen diesen Schrank öffnete, um in Ferrands Abwesenheit die erledigten Akten zu verschließen, fiel mein Auge unwillkürlich auf einen offnen Brief mit der Aufschrift: Hieronymus Morel.

»Ich muß sagen, daß ich von einer unwiderstehlichen Neugierde befallen wurde, mir Kenntnis von dem Inhalte dieses Schriftstücks zu verschaffen. Auf diese Weise wurde mir bekannt, daß der arme Morel am andern Tage wegen einer Wechselschuld an meinen Prinzipal Ferrand ins Schuldgefängnis übergeführt werden sollte. Der Brief rührte von dem Agenten des Notars her. Mir war die Lage von Morel so genau bekannt, daß ich keinen Augenblick im Zweifel darüber war, welch fürchterlichen Schlag die armen Leute dadurch erleiden mußten. Ich war empört über die Schlechtigkeit Ferrands. Leider fiel mein Blick zu gleicher Zeit auf ein offenes Kästchen, das neben dem Briefe in dem Sekretär des Notars stand und worin Gold über Gold, meiner Schätzung nach wenigstens 20 000 Franks, lagen. Da hörte ich Luisen die Treppe hinunterrennen, und ohne mich über die Folgen meines Tuns zu bedenken, nahm ich 1300 Franks von dem Gelde, lief hinter Luisen her und gab ihr die Summe mit den Worten, daß sie nach Hause eilen möchte, da ihr Vater wegen einer Wechselschuld verhaftet werden solle. Ich hatte mir 1500 Franks gespart und hätte ja das Geld bei dem Bankier holen sollen, anstatt es aus dem Sekretär des Notars zu nehmen, aber Morels Verhaftung litt keinerlei Verzug; sollte die Verhaftung umgangen werden, die den Tod der armen Frau Morel herbeiführen konnte, mußte ich Luisen auf der Stelle das Geld geben. Am Vormittage holte ich mir das Geld vom Bankier, kam aber zu spät, denn Ferrand hatte bereits das Manko entdeckt, und nun beschuldigt mich der böse Mann, nicht bloß 1300 Franks in Gold aus dem Sekretär genommen zu haben, sondern auch die zehnfache Summe in Banknoten, die ebenfalls im Sekretär gelegen habe. Das ist eine gemeine Lüge. Ich kann nicht in Abrede stellen, mich an den 1300 Franks vergangen zu haben, kann aber mit dem heiligsten Eide schwören, daß nicht eine einzige Banknote in dem Sekretär gelegen hat.

»Ach, liebes Fräulein, wenn Sie wüßten, wie tief unglücklich ich bin! Der Fron, in dessen Abteilung ich schmachte, hat mir versprochen, diese Zeilen an Sie zu besorgen, er hat Mitleid mit mir, denn ich habe ihm alles erzählt, wie es zugegangen; aber er begeht damit eigentlich eine dienstwidrige Handlung, denn eine solche Gefälligkeit Gefangenen zu leisten, ist aufs strengste untersagt. Ich habe nun eine letzte große Bitte an Sie: Beifolgend bekommen Sie ein Schlüsselchen. Damit gehen Sie, bitte, zu dem Pförtner des Hauses, wo ich zuletzt gewohnt habe, Boulevard Saint-Denis Nr. 11. Lassen Sie sich meine Stube aufschließen und schließen Sie dann mit dem Schlüsselchen selbst den Sekretär in meiner Stube auf. Es liegt ein Pack Briefe darin, verschnürt in graues Packpapier. Obenauf liegt ein Schriftstück, an Sie selbst adressiert; verwahren Sie all diese Briefe für mich!

»Es wird sich auch ein bißchen Geld in dem Sekretär finden. Auch das nehmen Sie an sich, ebenso ein kleines Etui, worin sich eine seidne Krawatte befindet, die Sie auf unserm letzten Sonntagsspaziergange getragen haben.

»Lassen Sie das bißchen Mobiliar, das in meiner Stube steht, versteigern. Alle Wäsche aber schicken Sie mir!

»Mag ich verurteilt werden oder nicht, ein längerer Aufenthalt in Paris ist für mich ausgeschlossen. Wohin ich mich wenden werde, wovon ich mein Leben bestreiten werde, weiß ich zurzeit nicht. Aber erweisen Sie, bitte, mir diesen letzten Liebesdienst. Nehmen Sie dafür die Zusicherung hin, daß ich mich zeit meines Lebens mit Liebe Ihrer erinnern werde.. daß ich niemand anders habe als Sie, an den ich mich in diesem Augenblicke wenden konnte, brauche ich Ihnen nicht zu sagen, denn Sie wissen ja, wie abgeschlossen ich immer gelebt habe.

»Leben Sie Wohl, teures Mädchen! Verlassen Sie mich in diesem letzten Augenblicke nicht! Sie allein sind meine Hoffnung!

Francis Germain.«

In dem durch diese Zuschrift bewirkten Gemütszustande traf Rudolf sie, als er jetzt den Fuß in ihre Stube setzte. Rudolf schlug ihr auf der Stelle vor, zusammen in die Wohnung Germains zu fahren. Nach einer Stunde hielt der Fiaker, der sie dorthin führte, vor dem ärmlichen Hause in der Rue Saint-Denis Nr. 11. Mit lebhaftem Verdruß hörte der Pförtner desselben, daß er einen so guten Mieter, dem die Liebe aller Mitbewohner des Hauses gehörte, verlieren sollte.

Lachtaube stellte das Licht auf einen Tisch. Das Mobiliar war überaus einfach: ein Bett, eine Kommode, ein Schreibsekretär, vier Strohsessel und ein Tisch: das war alles; dazu Vorhänge aus weißem Baumwollzeug an den Fenstern und dem Alkoven, und auf dem Kamine statt aller Nippessachen eine Wasserflasche mit einem Glase.

»Da sehen Sie!« fuhr die Lachtaube fort, auf das Bett zeigend, »er ist so unruhig gewesen, daß er die Nacht garnicht geschlafen hat. Da liegt ein nasses Taschentuch. Damit hat er sich gewiß die Augen getrocknet. Nun, er hat eine seidne Krawatte behalten, die ich auf einem Spaziergange trug, wo wir recht heiter und guter Dinge waren; ich werde das Taschentuch behalten, das mich beständig an das Unglück erinnern soll, unter dem er jetzt leidet.«

Sie machte, tief ergriffen, eine Pause; dann fuhr sie fort: »Aber nun zu den Aufträgen, die er mir in seinem letzten Briefe gibt. – Zuerst will ich die Wäsche zusammentun, die in der Kommode liegt, und zu ihm ins Gefängnis schaffen; alles andere mag Frau Bouvard zu mir schaffen. Ich will sie morgen herschicken. Aber ehe ich gehe, muß ich doch nachsehen, was im Schreibsekretär an Geld und Papieren liegt ... Ach! was der arme Mensch da schreibt, Herr Rudolf, ist bittertraurig ... Hören Sie doch: Falls ich eines gewaltsamen Todes sterben sollte, so soll derjenige, welcher diesen Schreibsekretär hier öffnet, diese Papiere zu Fräulein Lachtaube, Rue du Temple Nr. 17, tragen... Das Kuvert kann ich doch abnehmen, Herr Rudolf?« – »Ganz gewiß! Hat Ihnen der junge Mann denn nicht geschrieben, es läge darin ein Brief, der Sie persönlich angeht?«

Lachtaube erbrach das Siegel. Es lagen verschiedene Schriftstücke darin. Eines trug die Aufschrift: »An Fräulein Lachtaube.« Es enthielt die Worte:

»Fräulein! Wenn Sie diesen Brief lesen, dann werde ich nicht mehr unter den Lebenden weilen. Ich fürchte immer, eines gewaltsamen Todes zu sterben, bin ich doch einem Hinterhalte erst wieder vor kurzem entgangen. Aber ein paar Notizen aus meinem Leben dürften wohl auf die Spur meiner Mörder führen« – »Ach, Herr Rudolf, nun wundere ich mich freilich nicht mehr, daß Germain immer so traurig war... Wenn ihn solche Gedanken plagten!«

»Beruhigen Sie sich, mein liebes Kind! Ist er erst einmal wieder aus dem Gefängnisse, wird er Freunde finden, und keinen Grund mehr zur Betrübnis haben.« – »Aber des Diebstahls beschuldigt zu sein?« sagte Lachtaube, tief ergriffen. – »Seien Sie überzeugt, der arme Mensch wird freigesprochen werden, hat er doch das Geld nicht gestohlen, sondern am andern Tage sofort von seinem Guthaben auf der Sparkasse wieder ersetzt, und hat er es doch nur genommen, um eine arme Familie von schwerem Unglück zu erlösen. Das Gericht wird ihn höchstens mit einer ganz gelinden Strafe belegen; dafür wird er aber seine Mutter wieder in die Arme schließen, sobald er seine Freiheit wiedergewonnen.«

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