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Die Geheimnisse von Paris

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Die Geheimnisse von Paris
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»Wird die Alte nicht aber was merken?« – »Nein. Wenn sie kommt, wird sie leise sagen: Wenns soweit ist, geben Sie mir einen Wink! Darauf sagen Sie ein paar Worte, die keinen Argwohn wecken.« – »Während also die Alte meint, bloß die Kleine solle Wasser schlucken, soll die Alte selber gleich mit unter Wasser? Nun, das habt Ihr fein ausgedacht, das muß man sagen.« – Drauf sagte der Mann: »Macht Eure Sache gut, ich kann Euch noch manch gutes Stück Arbeit zuweisen.« Darauf bin ich gegangen,« schloß Niklas seine Erzählung, »ging zu dem Boote zurück und nahm mit, was ich tragen konnte.«

Mutter und Tochter hatten dem Räuber aufmerksam zugehört, der während seines Berichtes weidlich getrunken hatte, so daß er Ziemlich aufgeregt geworben war ... »Ich habe aber noch etwas anderes eingefädelt, mit der Eule und mit Barbillon,« nahm er wieder das Wort, »eine sehr feine Sache! Eine Diamantenmäklerin soll ausgebeutelt werden, die nicht selten über 50 000 Franks Wertsachen in ihrem Strickbeutel bei sich trägt. Rotarm wird mitmachen. Auch ein geschickter Kerl! Um die Frau sicher zu machen, hat er ihr schon für 400 Franks Diamanten verschachert. Sie wird also ohne Arg zu ihm in die Elysäischen Felder kommen. Dort fällts ja nicht schwer, jemand verschwinden zu lassen, und wir halten uns in der Nähe versteckt. Rotarm hat den Plan fein ausgekugelt.« – »Aber ich traue dem Kerl nicht,« sagte die Mutter. – »Nach der Geschichte in der Rue Montmartre haben sie deinen Bruder nach Toulon geschafft, während dem Rotarm kein Härchen gekrümmt wurde. Lieber ist mir schon das Geschäft mit den beiden Frauenzimmern. Wenn uns bloß Martial nicht im Wege ist wie gewöhnlich.«

»Will diesen Gauner denn der Teufel nimmer holen?« rief Niklas, sein langes Messer in den Tisch stoßend. – »Ich habe der Mutter auch schon gesagt, daß es in dieser Weise nicht mehr fortgehen könne,« meinte die Schwester. – »Der Bursche ist imstande, uns noch einmal der Polizei auszuliefern,« rief Niklas wütend, »warum hats auch damals nicht gehen dürfen, wie ich wollte? Da wäre alles anders, und wir brauchten uns nicht immer den Kopf mit solcher Furcht zu verdummen!« – »Es läßt sich auf andere Weise auch machen,« sagte die Mutter, »kommt er jetzt, dann fange Streit mit ihm an, treib es im Notfalle bis zu Tätlichkeiten, Niklas! Freilich ist er stark, aber du hast die Schwester auf deiner Seite, und wenn ihr beide seiner nicht Herr werdet, dann menge ich mich mit drein. Aber kein Messer, kein Blut! Bloß prügelt ihn ordentlich durch!«

»Und dann, Mutter?« fragte Niklas. – »Dann, na, dann wirds zu einer Auseinandersetzung kommen. Wir sagen ihm, er müsse die Insel räumen, wolle er nicht alle Tage den gleichen Krawall erleben. Ich weiß es, daß ihm der Unfriede den Aufenthalt hier verleidet. Wir haben ihn eben immer zuviel in Ruhe gelassen.«

Da ging die Tür auf, und Martial trat über die Schwelle. Draußen stürmte es so heftig, daß keiner das Gebell der Hunde gehört hatte, das die Ankunft des ältesten Sohnes der Frau meldete.

Sechstes Kapitel.

Mutter und Sohn.

Dem Leser ist der Mann nicht mehr fremd, der jetzt auf die Bühne unserer Handlung tritt, hat er ihn doch schon aus einigen Worten der Wölfin zu der Schalldirne oder Marienblümchen kennen gelernt! Der Liebste des unter dem Namen Wölfin in der Verbrecherwelt von Alt-Paris bekannten Frauenzimmers sah seinen Geschwistern Franz und Amandine ähnlich, war von Mittelgröße, stark und breitschulterig. Sein männliches Gesicht gewann durch den dichten, starken Bart, die breite, vorspringende Nase, die runden Backen und die blauen, kecken Augen. Er trug einen alten steifen Hut, trotz der starken Kälte nur eine verschlissene blaue Bluse über der Jacke und Beinkleider von grobem, ebenfalls schon stark abgeschabtem Manchestersamt. In der Hand hielt er einen derben Knotenstock. In seiner Begleitung befand sich ein kräftiger, rotgefleckter krummbeiniger Hund, der sich vor die Tür kauerte und mißtrauisch schnoperte ...

»Wo sind die Geschwister?« war Martials erste Frage, als er sich an den Tisch setzte. – »Wo sollen sie sein?« fragte tückisch die Schwester, und die Mutter sagte grob: »Im Bett liegen sie.« – »Haben sie auch gegessen?« fragte Martial wieder. – »Was scherts dich?« fragte Niklas grob; »wir konnten sie zu dem, was wir zu reden hatten, nicht gebrauchen und haben sie deshalb hinaufgeschickt. Ist's dir nicht recht, dann geh doch hinauf zu ihnen!«

Martial heftete einen verwunderten Blick auf den Bruder, zuckte die Achseln, schnitt ein Stück Brot ab, nahm sich ein Stück Fleisch dazu und goß sich ein Glas voll Wein. Da befahl die Mutter der Schwester, den Wein wegzutragen. Martial wehrte ihr mit den Worten, er sei noch nicht fertig mit Trinken. – »Schlimm genug,« sagte die Mutter, »ich habe aber keinen Wein mehr für dich übrig.« – »Das ist was anderes,« sagte drauf Martial und goß sich sein Glas voll Wasser, trank es auf einen Zug aus und sagte: »Schmeckt auch, besonders wenn es so frisch vom Brunnen ist.«

Seine Kaltblütigkeit reizte Niklas, der durch den vielen Weingenuß in heftiger Erregung war, aber vor einem Zanke noch zurückschreckte, weil er seines Bruders Leibeskraft sattsam kannte. Plötzlich aber kam ihm ein Einfall, und er rief: »Recht so, Martial, daß du nachgibst, daran solltest du dich überhaupt gewöhnen, denn bilde dir nicht etwa ein, daß wir deiner Liebsten mehr vorsetzen werden als dir, wenn du dirs mal einfallen lassen solltest, sie mit herzubringen.« – »Aber Maulschellen könnte sie von mir kriegen, wenn sie sich mal hier sehen ließe,« rief grimmig die Schwester. –

Diese kränkenden Reden über seine Liebste brachten Martial aus seiner Ruhe; er war dem Mädchen von ganzem Herzen zugetan, und jedes schlimme Wort über sie brachte ihn außer sich. Auch jetzt schoß ihm das Blut ins Gesicht, die Adern an der Stirn spannten sich wie Stricke, aber noch immer behielt er soviel Herrschaft über sich, daß er mit nur leicht vom Zorn getrübter Stimme zu Niklas sagen konnte: »Du, nimm dich in acht! Kein böses Wort über mein Mädel, sonst hast du es mit mir zu tun!« – »Und wenn ich über sie rede?« fragte die Schwester hämisch. – »Dann werde ich dir erst in aller Güte raten, den Mund zu halten, und wenn das nicht hilft...« – »Still!« rief die Mutter, »was du der Schwester sagen willst, wirst du der Mutter wohl nicht zu sagen wagen, wenn sie über die – Dirne sich aussprechen will?«

»Du?« fragte Martial – »du auch?« Und als die Mutter nickte, sprang er auf und rief: »Nein, an dir werde ich mich nicht vergreifen, statt deiner aber an meinem Bruder, dem Niklas!« – Der aber sprang wie rasend auf und schwang sein langes Messer ... »Was redest du?« schrie er, »mich prügeln wolltest du? Sprichst du im Ernste?«

»Niklas,« rief die Mutter, »das Messer weg! Hörst du?« Und mit schnellem Griffe hatte sie sein Faustgelenk gepackt. Die Schwester aber rief: »Laß ihn doch!« und griff nach einem Beile. Mit hocherhobenem Messer stürzte sich Niklas auf den Bruder, der, ein gewandter Stockschläger, schnell den Oberkörper zurückbog, den Stock hob und dem Bruder einen so wuchtigen Hieb auf den rechten Vorderarm gab, daß dieser vor Schmerz aufschrie und das Messer fallen ließ. Im andern Augenblick hatte ihn Martial am Kragen gepackt und bis zur Tür gestoßen, die zu dem kleinen Keller hinunter führte. Mit der einen Hand riß er die Tür auf, mit der andern stieß er den Bruder in das schwarze Loch hinein, der wie ein Klotz betäubt dort niederschlug.

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