Die Geheimnisse von Paris
- Автор: Сю Эжен
- Язык: немецкий
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Die Geheimnisse von Paris». Краткое содержание книги:
»Auf keinen Fall leide ich das länger,« setzte die Mutter hinzu. – »Seit die Wölfin im Stockhause sitzt,« nahm die Schwester wieder das Wort, »ist der Mensch schier wie aus dem Häuschen. Unsre Schuld ist's doch nicht, daß seine Liebste eingesperrt worden ist.«
Nach einer Weile fragte die Mutter: »So? Du meinst wirklich, daß drüben im Landhause ein guter Fund zu machen sei?« – »Ja doch, Mutter,« antwortete das Mädchen. – »Woher soll der Alte denn das Geld haben?« – »Als ich auf dem Postamte drüben in Asnières war, um nach einem Briefe aus Toulon zu fragen, kam der Alte auch hin und fragte, ob Briefe von Angers an den Grafen von Saint-Remy da feien. Ein Brief war da. Der Alte legitimierte sich durch einen Paß. Dann entrichtete er das Porto, und da sah ich, daß in seiner grünseidenen Börse Gold über Gold steckte. Wenigstens waren es an die 50 Louisdor.«
Ein Hund bellte heftig ... »Aha, ein Boot kommt,« sagte sie, »entweder Martini oder Niklas kommt.«
Auf Amandinens Gesicht trat helle Freude, als sie den Namen Martini hörte. Zu ihrem Leidwesen trat aber nicht er, sondern Niklas in die Stube. Niklas war klein und mager, so daß man ihm nicht Kraft genug zugetraut hätte zu dem gefährlichen Handwerk, das er trieb, aber eine ungezähmte Energie ersetzte bei diesem Menschen die ihm fehlende Leibesstärke. Er warf beim Eintritt ein Stück Kupfer von der Schulter auf die Erde; dann rief er: »Guten Abend, Mutter, und gute Beute! Draußen liegen noch drei andere Stücke, ein Bündel Kleider, und dann habe ich auch eine Kiste hingestellt. Was drinnen ist, weiß ich nicht. Hoffentlich ist mir keine Nase damit gedreht worden?« Dann sah er sich um ... »Wo ist denn der Franz? Der könnte mir doch beim Auspacken helfen.« – »Den hat die Mutter eben durchgebläut und eingesperrt. Er wird wohl hungrig zu Bett gehen müssen.« – »Meinetwegen,« versetzte Niklas, »aber wenn wir drei zufassen könnten, brächten wir alles auf einmal herein.«
Die Frau wies, ohne ein Wort zu sagen, nach der Decke hinauf; die Tochter verstand die Pantomime und ging hinauf, um Franz zu holen. Seitdem Niklas gekommen, hatte sich das Gesicht der Mutter aufgeheitert, denn Niklas war, da bei ihr die Liebe mit der Sündhaftigkeit wuchs, ihr Goldsohn, ebenso wie ihr anderer »in Toulon«, wie sie sich auszudrücken liebte.
»Wo warest du in der letzten Nacht?« fragte sie Niklas. – »Ich sah, als ich vom Billy-Kai zurückkam, wo ich die Unterredung mit dem Manne hatte, in der Nähe der Invalidenbrücke einen Kahn treiben. Da kein Licht drauf zu bemerken war, dachte ich, die Bootsleute müßten am Lande sein. Ich fahre heran, finde aber einen Wächter und verlange ein Stück Tau. Drin in der Kajüte kein Mensch! Da habe ich denn mitgenommen, was sich fortschaffen ließ: vom Verdeck, vier stattliche Stücke Kupfer, Kleider und eine Kiste ... Aber da kommt ja die Schwester mit dem Franz... Na, nun schnell in den Kahn! Amandine, du hilfst auch mit tragen.«
Bald kamen die Kinder beladen zurück; das Kupfer, das Franz auf den Achseln trug, schien ihn zu Boden drücken zu wollen, und auch Amandine verschwand schier unter dem Haufen gestohlener Kleider, die sie auf dem Kopfe trug. Niklas kam mit der älteren Schwester zusammen; beide schleppten die ebenfalls schwere Kiste, auf deren Deckel das vierte Stück Kupfer gelegt war.
Ungeduldig forderte die Mutter, daß Niklas die Kiste öffne. Mit einem wuchtigen Schlage sprengte Niklas sie auf. Alle stürzten herbei, den Inhalt zu sehen. Sie enthielt allerlei Putz für das schwache Geschlecht, war also augenscheinlich aus einem der Pariser Modemagazine irgendwohin nach einer Uferstadt der Seine unterwegs gewesen. Nach eingehender Musterung des Inhalts meinte die Mutter: »Nun, an die 500 Franks bezahlt die Burette dafür unbesehen; aber es wird gut sein, alles wieder fürsorglich zusammenzupacken.« – »Bis auf den Schal,« rief die ältere Tochter, »den will' ich für mich behalten-...« – »Oho,« rief Niklas, »wenn ich ihn dir gebe! Du willst immer bloß nehmen!«
Aber Niklas war heute bei freigebiger Laune, und so gab er nicht bloß der älteren Schwester, was sie forderte, sondern auch Franz und der jüngeren ein paar seidene Tücher, nach denen sie begehrliche Augen gemacht hatten ... »Na, da nehmt nur!« rief er, »es wird euch Lust zum Stiebitzen machen! Schön ist's doch, umsonst allerhand schöne Dinge sich aneignen zu können? He? Aber nun schert euch zu Bett! Ich muß mit der Mutter ein paar Worte unter vier Augen reden. Das Essen sollt ihr hinaufkriegen.«
Kaum waren die Kinder gegangen, so brachten die beiden älteren Geschwister das gestohlene Gut in einen kleinen Keller wohin neben dem Herde ein paar Stufen führten.
»Nun aber was zu trinken, Mutter,« rief Niklas, »und einen guten Tropfen! Ich hab's redlich verdient ... Du, Schwester, bring den Kleinen das Essen hinauf! Martial mag, wenn er kommt, die Knochen abknabbern. Für ihn sind Knochen noch übergenug ... Und nun wollen wir uns über den Mann am Billy-Kai unterhalten, denn morgen oder übermorgen heißt's an die Arbeit gehen, wenn das versprochene Stück Geld in meine Tasche fließen soll.« – Von neuem klimperte er mit Geld. Dann warf er Mütze und Kittel auf den Tisch, setzte sich zu einer Schüssel Schöpsenfleisch mit Bohnen und aß hinterher kalten Kalbsbraten mit Salat.
»Du, höre mal,« sagte die Schwester, »der Franz hat im Stalle was gesehen!« – »So? Und was denn?« fragte Niklas weiter. – »Er sagt, ein Bein.« – »Von dem Manne also?« fragte Niklas weiter. – »Ja,« sagte die Mutter, noch ein Stück Fleisch dem Sohne auf den Teller legend. – »Komisch! Das Loch war aber doch tief genug,« meinte Niklas. – »Die Erde hat sich vielleicht gesenkt,« sagte die Schwester; »wir werden wohl gut tun, alles heut nacht in den Fluß zu versenken.« – »Sicherer wäre es,« sagte Niklas: »aber –«
»Rede fürs erste lieber von dem Mann am Billy-Kai,« drängte die Mutter. – »Na, ich hatte meinen Kahn festgebunden,« erzählte Niklas, ohne sich im Essen und Trinken stören zu lassen, »und ging auf den Kai. Es schlug gerade sieben, und man konnte keine drei Schritte weit sehen. Eine Viertelstunde lang war ich wohl am Ufer hin und hergegangen. Da hörte ich Schritte hinter mir. Ich ging langsamer. Bald holte mich ein Mann, in einen Mantel gehüllt, ein; er blieb stehen, ich auch. Von seinem Gesicht war nicht viel zu sehen, denn der Mantel ließ gerade die Nase frei, und der Hut bedeckte die Augen ...
»Bradamanti, sagte der Mann,« fuhr Niklas fort. »Das war das Wort, woran ich meinen Mann erkennen sollte, wie die Alte ausgemacht hatte. Flußpirat antwortete ich ihm, wie es ebenfalls ausgemacht worden.–
»Sie sind Martial?« fragte er mich. – »Ja.« – »Heute vormittag ist eine Frau bei Ihnen auf der Insel gewesen. Was hat sie Ihnen gesagt?« – »Sie hätten im Auftrage eines Herrn Bradamanti mit mir zu reden.« – »Haben Sie Lust, ein gutes Stück Geld zu verdienen?« – »Allemal,« sagte ich, »je mehr, je besser!« – »Sie haben einen Kahn?« fragte er. – »Nicht bloß einen, sondern vier! Gehören sie doch zu unserm Geschäfte!« – »Nun, es kommt drauf an, ob Sie es über sich bringen können, jemand zufällig ertrinken zu sehen?« fragte der Mann. – »So? Seine-Wasser soll also jemand schlucken? Es kommt drauf an, was für den Tropfen berappt wird.« – »Was kostets, wenn einer Wasser schluckt, und was kostets, wenn es ihrer zweie tun?« – »Also gleich doppelt gemoppelt?« fragte ich, lachend ... »Je nun, unter fünfhundert für den Kopf ist nichts zu machen, das merkt Euch!« – »Also tausend zusammen?« – »Ja, und je 200 Franks Draufgeld!« – »Abgemacht,« sagte da der andere, »hier habt Ihr die 400 Füchse. Morgen oder längstens übermorgen wird die Alte, die heute früh bei Euch war, wiederkommen in Gesellschaft eines jungen blonden Mägdeleins und wird Euch aufs andere Ufer hinüberwinken. Wie lange Fahrtzeit braucht Ihr von einem Ufer zum andern?« – »Zwanzig Minuten,« antwortete ich. – »Merken Sie auf!« sagte der Mann; »in den Boden eines Ihrer Kähne machen Sie ein Leck, das Sie, wenn es soweit ist, aufklappen können, so daß der Kahn mit denen, die drinnen sitzen, im Nu unter Wasser geht. Sie müssen also mit zwei Kähnen fahren, verstanden? Damit Sie sich schnell in den andern begeben können, sobald der, worin das Mädchen mit der Alten sitzt, kippt. Auf diese Weise laufen Sie persönlich keine Gefahr, denn man wird meinen, der andere Kahn sei durch irgend einen unglücklichen Zufall, Altersschwäche oder dergleichen, unter Wasser gegangen. Wenn die Alte gleich mit verschwindet, desto besser!«