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Die Geheimnisse von Paris

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Die Geheimnisse von Paris
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»Jesus, du Aermste!« rief die Marquise; »aber wer hat dich vor solchem gräßlichen Schicksale bewahrt?«– »Der Mann, der mit dem Weibe zusammen war, ein Blinder, der auf den Namen Bakel hört.« – »Und der nahm dich in Schutz?« – »Es kam zwischen den beiden zu einem Kampfe um meinetwillen, in dem es dem Manne gelang, sich des Fläschchens zu bemächtigen. Er schleuderte es aus dem Wagen. Es war eine stockfinstre Nacht. Nach einer Stunde etwa hielt der Wagen, wenn ich nicht irre, auf der Straße, die über die Ebene von Saint-Denis führt. Dort wartete ein Mann zu Pferde ... »So?« rief er den Leuten entgegen, »habt ihr das Balg endlich erwischt?« – »Ja,« versetzte die Eule, fuchswild, daß sie mich, wie sie sagte, nicht habe fürs Leben zeichnen können. Sie sagte zu dem Manne, wenn er mich durchaus los sein wolle, sei es doch das gescheiteste, mich unter die Wagenräder zu schmeißen und totzufahren: da würde dann jedermann an ein Unglück glauben, das in solch stockfinstrer Nacht jedem passieren könne, der sich in solcher Finsternis auf der Heerstraße noch herumtreibe... Aber der Reiter verwies ihr solche Reden und sagte, er wolle nicht, daß mir an meinem Leibe ein Schaden getan werde...«

»Aber das sind ja ganz gräßliche Dinge,« rief die Marquise, voll Entsetzen die Hände über den Kopf schlagend.

»Daraufhin sagte die Eule, sie wolle mich zu einem gewissen Rotarm bringen, der draußen auf den Feldern unter der Erde eine Kneipe hielte. Dort gäbe es verschiedene sichere Keller, wo ich von niemand gesehen werden könnte und auch niemand mehr sehen würde ... Das war dem Manne recht. Er gab der Eule Geld und versprach ihr noch mehr, sobald ich aus dem Rotarmschen Keller geholt würde. Er ritt nun schnell fort. Als die beiden, der Blinde und das Weib, wieder allein waren, fragte der Blinde: »Du, sage mal, willst du denn das Ding ersäufen? Du weißt doch, daß in Rotarms Keller die Seine austritt!« – »Ja,« sagte die Eule, »ersaufen soll das Balg; dann bin ich sie los. Ich hätt sie schon früher um die Ecke bringen müssen.«

»Aber, Gott im Himmel,« rief die Marquise, »was hast du denn diesem schlimmen Weibe angetan?«

»Ich? nicht das geringste, gnädige Frau; aber seit meiner frühesten Kindheit verfolgt sie mich mit maßloser Erbitterung. Der Mann sagte aber: »Daß du das Mädel ersäufst, leide ich nicht; zu Rotarm wird sie auf keinen Fall gebracht. Du holst Rotarm auf die Felder hinaus und läßt sie von ihm zur Wache bringen. Da wird sie als Dirne nach Saint-Lazare gebracht, und wir sind sie los.« – »Soll sie auf der Wache sagen, wir hätten sie geraubt? Da gehts doch uns an den Kragen!« – »Das wird sie schon bleiben lassen,« sagte der Mann, »entweder sie gelobt mir beim Andenken ihrer Mutter, reinen Mund auf der Wache zu halten und sich abführen zu lassen, oder sie wird zu Rotarm geschafft und mag dann in seinem Keller ersaufen oder sich von den Ratten fressen lassen.«

»Und du hast den Schwur geleistet?« – »Ja. Ich hatte zu große Furcht vor solchem Tode und dachte auch noch immer mit Entsetzen, daß es der Eule wieder einfallen könne, mir mit Vitriol das Gesicht zu verbrennen.« – »Das erklärt allerdings dein Schweigen, du wolltest die schlechten Menschen nicht der Polizei in die Hände liefern. Aber du hättest doch auch denken müssen, daß die Leute, die sich deiner mit solcher Liebe annahmen, um deinetwillen in schwerer Sorge sein mußten!« – »Ach, ich habe in meinem ersten Schrecken nicht bedacht, daß mich mein Eid verhindern würde, ihnen Nachricht zukommen zu lassen. Aber, nicht wahr? das bricht doch den schrecklichen Eid nicht, wenn ich Sie bitte, an die liebe Frau Georges in Bouqueval zu schreiben, sie solle sich um meinetwillen nicht sorgen? Freilich dürften Sie nichts davon sagen, wo ich sei, denn über meinen Aufenthaltsort zu schweigen, habe ich geschworen.«

»Kind, sofern du auf meine Bitte hin aus diesem Gefängnis freigelassen wirst, so hast du wohl kaum noch von diesen beiden Verbrechern etwas zu fürchten. Du wirst dann schon morgen wieder nach Bouqueval fahren können. Dort kannst du dich mit deinen Wohltätern beraten, inwiefern du dich durch deinen Eid gebunden zu erachten hast. Der Geistliche, von dem du sprichst, wird dir die rechte Auskunft schon geben.«

»O gnädige Frau, womit verdiene ich all die Liebe und Güte, die Sie mir zuteil werden lassen? Und wie kann ich mich dafür dankbar erweisen?« – »Dadurch, daß du dich nach wie vor eines guten Wandels befleißigst. Daß ich für dich nichts weiter tun kann, tut mir leid; aber es wäre ja unrecht von mir, deinen früheren Freunden dieses Vorrecht kürzen zu wollen.«

Die Tür ging auf, und Frau Armand kam hereingestürzt ... »Gnädige Frau Marquise,« sagte sie zögernd, »ein Bote mit einer schrecklichen Nachricht...« – »Wer? Was?« rief die Marquise. – »Herr von Lucenay! Kein anderer als er ist unten und will Sie auf der Stelle sprechen. Es sei etwas Furchtbares, das er Ihnen mitzuteilen habe.«

»Führen Sie mich auf der Stelle zu ihm!« befahl die Marquise, Marienblümchen als eine Beute namenlosen Schreckens allein lassend.

Zweites Kapitel.

Cecily.

Wir finden Frau Anastasia Pipelet, Gattin des, Pförtners vom Hause in der Rue du Temple, in Gesellschaft der Madame Seraphim, Haushälterin des Notars Jacob Ferrand. Frau Anastasia, die an der Tugend und Frömmigkeit dieses Herrn keinerlei Zweifel hegt, tadelt die Strenge außerordentlich, mit der er gegen Luise Morel und François Germain vorgegangen ist. In ihrem Herzen trifft Madame Seraphim kein geringerer Tadel; aus Klugheitsgründen hält sie aber mit ihrer Abneigung gegen diese Dame hinter dem Berge.

»Wie steht es eigentlich um den Herrn Bradamanti?« fragt die Seraphim, »gestern Abend habe ich ihm geschrieben, aber bis jetzt keine Zeile Antwort erhalten; heute vormittag spreche ich bei ihm vor, treffe aber niemand zu» Hause; hoffentlich habe ich nun besseres Glück?« – Frau Pipelet stellt sich äußerst betrübt und antwortet, daß Herr Bradamanti zurück erwartet werde. – Die andere sagt, sie habe allerhand mit dem Herrn zu reden, und fragt die Pförtnersfrau, ob sie nicht wisse, bis wann er zurück sein könne?

»Zwischen 6 und 7 hat er jemand herbestellt und mich beauftragt, der Person, wenn er noch nicht da sei, zu sagen, daß sie warten möge. Es wird also gut sein, Sie fragen gegen Abend noch einmal vor.« – In Gedanken aber setzt sie hinzu: »Komm oder komm nicht, in einer Stunde ist Bradamanti doch schon auf dem Wege nach der Normandie.«

Frau Seraphim erwidert verdrießlich, sie wolle also wiederkommen, fragt aber nachher, ob Frau Pipelet schon wisse, was der armen Luise Morel passiert sei, die doch alle Welt für die kreuzbravste Dirne gehalten habe, die die Sonne bescheine ... »Kein Wort von dem Thema!« sagt, die Hände zum Himmel aufschlagend, die Pförtnersfrau, »da stehen einem ja die Haare zu Berge!« – »Ich spreche ja doch nur davon, weil wir kein Mädchen mehr haben und für ein braves, dienstwilliges Ding bei uns ein guter Platz offen ist. Falls Sie einmal in ehester Zeit etwas hören, so denken Sie doch an uns!« – »Gern, gern,« antwortete Frau Pipelet, »es sind eben nicht bloß die guten Stellen rar, sondern auch die guten Dienstboten.« – Und in Gedanken setzt sie wieder bei sich hinzu: »Du kämst mir schon recht! Bei euch geizigen Menschen kann ja ein Mädchen schier verhungern, und dann noch sich solchen Gefahren auszusetzen wie die arme Luise! Es geht einem ja wider die Haare, wenn man denkt, so ein armes Ding und solchen armen Kerl wie den Germain mir nichts dir nichts von der Polizei festnehmen zu lassen! Das hab ich mein Lebtag noch nicht erlebt!«

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