Die Geheimnisse von Paris
- Автор: Сю Эжен
- Язык: немецкий
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Die Geheimnisse von Paris». Краткое содержание книги:
Marienblümchen war zwar recht jung in eine verderbte Atmosphäre geraten, hatte aber in den letzten Wochen so reine Luft geatmet, daß sie durch die Reden der anderen in wahre Herzensangst gestürzt wurde. Sie kämpfte aber die Bewegung nieder und sagte schüchtern: »Ich möchte Ihnen was sagen, werden Sie aber bloß nicht bös!« – »Nun, sprich, wir wollen sehen, geschwatzt ist ja nun mehr als genug worden; aber auf eine Weile mehr kommts schließlich nicht an, da wir uns doch wahrscheinlich zum letzten Male unterhalten. Und so sagen Sie mir doch, Wölfin, fühlen Sie sich glücklich?« – »O, warum sollte ich nicht?« – »Ihr Schicksal möchten Sie nicht mit einem andern vertauschen?« – »Ich? Was für ein anderes Schicksal sollte mir winken?«
»Haben Sie denn noch nie in Ihrem Leben Luftschlösser gebaut, Wölfin? Ich sollte meinen, in solchem Aufenthaltsorte, wie dem hier, wäre das schließlich ein naheliegendes Zerstreuungsmittel.«– »Nein, Luftschlösser habe ich nie im Leben gebaut.« – »Aber Sie sind doch Ihrem Martial gut? Nun, möchten Sie nicht versuchen, ihn von dem schlechten Lebenswandel abzubringen und einem guten zuzuführen? Könnte es sich nicht vielleicht treffen, daß ein vornehmer Herr, der Gefallen am Wohltun fände, ihm einen Posten als Jäger oder Wildhüter gäbe? so daß er als rechtschaffener Mensch sein Brot hätte – unter der Bedingung vielleicht, daß er Sie zu seiner Frau nähme?« – »Du willst dich wohl über mich lustig machen? He?« – »Aber wieso denn?« sagte die Schalldirne; »läge es denn so sehr aus dem Bereiche der Möglichkeit, daß Sie dann ein kleines Häuschen zu eigen hätten, worin Sie als ehrsame Hausfrau schalten und walten könnten, statt jetzt entweder in Saint-Lazare oder irgendwo versteckt zwischen bösen Menschen zu leben?« – »Aber so etwas kann ja nicht sein! Es liegt ja ganz aus dem Bereiche der Möglichkeit.« – »Aber Frau Martial, meine ich, möchte sich doch weit hübscher anhören als die Wölfin! Nicht?« –
Die Schalldirne merkte recht wohl, daß ihre Kameradin sich rege zu interessieren anfing, und war sehr erfreut darüber. Lächelnd fuhr sie fort: »Und wenn sich nun jemand fände, der bereit wäre, Ihnen solch ruhiges, arbeitsames Leben für das jetzige Elend in dem Straßenschmutze von Paris zu ermöglichen, wäre er nicht alles göttlichen Segens wert?«
Kaum hatte die Wölfin das Wort Paris gehört, als sie auch sogleich aus der Welt der Luftschlösser in die Wirklichkeit zurückgeführt wurde... Den Kopf emporwerfend, strich sie mit der Hand über die Stirn und erhob sich drohend, um mit zorniger Stimme zu rufen: »Ha! Sagte ich es dir nicht, daß ich dir nicht trauen, daß ich nicht auf dich hören dürfte? Warum sprichst du all dies Zeug? Doch nur, um mich am Narrenseile zu führen, um mich zu quälen! Wie kannst du dir einfallen lassen, mir solche Dinge vorzufaseln? Woran werde ich hinfort denken, als an ein Glück, das für mich nie existieren kann? Wird mir das Leben hinfort nicht vorkommen wie eine Hölle? Und wessen Schuld wird das sein als deine?« –
»Aber, Wölfin,« rief Marienblümchen, ohne sich einschüchtern zu lassen, »jeder ist eines ehrlichen Lebens würdig, der sich seiner befleißigt, und das ist doch wahrlich so schwer nicht!« – »Aber wozu führt es? und wozu frommt es?« fragte mürrisch die Wölfin. – »Sie dürfen mich nicht für so frivol halten, Wölfin,« sagte Marienblume voll Mitleid, »daß ich solche Hoffnungen in Ihnen wecken würde, wenn ich nicht wüßte, daß es einen Mann gäbe, der Ihnen gern die Mittel gewähren würde, zu einem ehrlichen Lebenswandel zurückzukehren.« –
»Mädchen!« rief die Wölfin erregt, »sollte es dir wirklich ernst um deine Rede sein?« – »Durchaus,« versetzte Marienblümchen, »war ich doch selbst vor einem Vierteljahre arm und verlassen gleich Ihnen in der Welt, und kam da nicht eines Tages eben jener Mann, von dem ich rede, zu mir und erhob mich aus meinem Elend und Jammer durch tröstende Worte und liebreiche Taten? Und was er mir getan, wird er auch Ihnen tun, des bin ich sicher!«
Ihr Gesicht verklärte sich förmlich, als sie diese Worte sprach. Aber die Wölfin wurde an einer Erwiderung verhindert durch den Eintritt der Frau Armand, die Marienblümchen zu der Frau Marquise holen sollte, die in dem kleinen Anstaltssaale auf sie wartete.
»Mein Kind,« sagte Frau von Harville zu ihr, »Frau Armand lobt dein Wesen ja über die Maßen – nur darüber führt sie Klage, daß du ihr so wenig Vertrauen schenkst.«
Das Mädchen ließ den Kopf sinken und erwiderte mit keinem Worte... »Auf dein Vertrauen, armes Kind, habe ich nun freilich nicht den mindesten Anspruch und will dir auch keine Fragen stellen; es wird mir aber gesagt, daß ein Gesuch um Freilassung dir bewilligt werden würde, wenn sich eine geeignete Person dafür fände. Ich will es für dich tun, möchte aber zuvor von dir hören, wie du dir dein späteres Leben denkst, und ob du auf gutem Pfade weiterwandeln willst, wie seit der Zeit, da du aus deinen früheren Verhältnissen befreit wurdest.«
Diese freundlichen Worte rührten das Mädchen zu Tränen, und nach einiger Zeit sagte sie: »O, gnädige Frau, so edel Sie sich gegen mich erweisen, so darf ich doch nichts sprechen, weil mich ein schrecklicher Eid verpflichtet, über die Ereignisse, die mich hierher geführt haben, unverbrüchliches Schweigen zu wahren.« – »Hast du Personen, die dir Gutes getan, den Eid geleistet?« – »Ja, einem Herrn, der mir ein großer Wohltäter war, könnten vielleicht Unannehmlichkeiten entstehen, wenn ich spräche.« – »Und kannst du mir sagen, wer dieser Mann ist?« – »Nein, denn ich weiß es ja selbst nicht,« – »Wo hast du ihn denn gesehen?« – »In Alt-Paris,« sagte das Mädchen, die Blicke senkend, »mich wollte in einer Nacht ein böser Mann schlagen, wenn nicht gar niederstechen, und jener andere Mann gewährte mir Schutz und rettete mir vielleicht das Leben. Auf diese Weise habe ich seine Bekanntschaft gemacht.« – »Weißt du seinen Namen? Ist er ein Mann aus dem Volke? Ist er jung oder alt?« fragte die Marquise. – »Als ich ihn zum ersten Male sah, war er wie ein Handwerker gekleidet und führte auch die Sprache eines solchen. Nachher jedoch nicht mehr. Er ist im mittleren Lebensalter, eher darunter, als darüber hinaus. Ich habe ihn immer Herr Rudolf nennen hören und auch nie anders, genannt.«
Die Marquise wurde von glühender Röte übergössen. – »Und einen andern Namen,« fragte sie, »hast du nie von ihm gehört?« – »Nein. Auch nicht in der Meierei, wohin er mich brachte, als er mich aus dem garstigen Hause erlöste, wo ich bis dahin hatte leben müssen.«
Eine seltsame Ahnung sagte der Marquise, daß der Mann kein anderer sei als der Fürst ... »Ich sehe,« sagte sie, »daß Frau Armand mir über dich die Wahrheit gesagt hat. Nun erzähle weiter, wie es sich mit dem Eide verhält, von dem du sprachst.« – »Vor einem Vierteljahr etwa hat mich Herr Rudolf, wie schon gesagt, auf die Meierei gebracht, zu einer lieben braven Frau, die mir mehr war wie eine Mutter und die im Verein mit einem edlen Geistlichen mich aus der Unwissenheit erlöste, in der ich seither gelebt hatte.« – »Dorthin kam dieser Herr Rudolf wohl recht oft?« fragte die Marquise, die bei allen Eigenschaften, die sie besaß, doch Weib war und Rudolf zu innig liebte, um nicht Eifersucht gegen das Mädchen zu fühlen. »O nein,« antwortete jene, »Herr Rudolf war im ganzen bloß dreimal draußen in der Meierei, solange ich dort war.« – »Aber aus welchem Grunde hast du denn das Bauerngut, wo du dich so wohl fühltest, verlassen?« – »Vor ein paar Tagen,« sagte das Mädchen, das jetzt am ganzen Leibe bebte, »ging ich, wie es zwischen uns üblich geworden war, mit dem Herrn Geistlichen bis zur Pfarrei. Der Weg führt durch einen Wald, aber es war mir dort noch nie etwas zugestoßen. An jenem letzten Abend überfiel mich dort eine böse Frau, in deren Gewalt ich schon früher gewesen, und die mir mit zwei anderen, einem Mann und einem Jungen, aufgelauert hatte. Ich wurde gebunden und in einen Wagen geschleppt. Dort wollte mich die Frau, die unter dem Namen Eule in der Verbrecherwelt lebt, so häßlich machen, wie sie sagte, daß es jedem Menschen ein Ekel sein solle, mich bloß anzuschauen, und langte ein Fläschchen aus ihrer Tasche, worin Vitriol war.«