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Die Geheimnisse von Paris

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Die Geheimnisse von Paris
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Als Frau Seraphim darauf gegangen war, trat kurz nach ihr Rudolf in die Pförtnerstube ... »Guten Tag, liebe Frau Pipelet,« sagte er, »Fräulein Lachtaube zu Hause? Ich möchte gleich einmal mit ihr reden.« – »Wozu fragen Sie da erst?« versetzte die Pförtnerin, »das Mädchen ist doch immer bei der Arbeit.« – »Und wie gehts oben bei Morels? Hat sich die Frau erholt?« – »O ja, dank ihrem Wohltäter fühlt sie sich jetzt weit wohler und hat wieder reges Interesse für ihre Kinder. Aber schrecklich bleibt die Lage der armen Frau noch gerade genug. Der Mann im Narren- und die Tochter im Zuchthause! Aber die arme Luise, glauben Sie mir, grämt sich noch zu Tode; gerade ist die Seraphim gegangen, die Haushälterin vom Ferrand, und hat das arme Ding schlecht gemacht nach Noten. Ich soll ihr ein anderes Mädchen schicken, aber die kann lange warten, ich mag mit schlechten Menschen nichts zu tun haben, und schlecht ist die Seraphim mitsamt ihrem Notar.«

Rudolf meinte dagegen, gerade in dem Wunsche der Seraphim nach einem neuen Dienstmädchen das beste Mittel zu einer kräftigen Züchtigung des Notars zu bekommen, und änderte zufolgedessen in Gedanken die Rolle, die er Cecily zugedacht, vollständig, indem er sie als das eigentliche Werkzeug zu dieser Züchtigung ins Auge faßte ... »Mir wäre darum zu tun, eine Person aus dem Anstände, die noch nicht in Paris gewesen, bei guten Leuten unterzubringen.« – »Aber um alles in der Welt nicht zu diesem alten Geizhalse, Herr Rudolf!« erwiderte die Pförtnersfrau. – »Sagen Sie das nicht! Es ist doch wenigstens immer ein Dienst und malen kann man sich nicht alles, wenn man auf fremde Leute angewiesen ist ... Wenn es ihr bei Ferrands nicht gefällt, steht ihr der Wechsel ja frei; vorderhand hat sie doch wenigstens den Lebensunterhalt.« – »Nun, wie Sie denken, Herr Rudolf ... aber gering sind die Anforderungen nicht, die dort gestellt werden, und reich gemacht wird auch niemand dort... Daß die Luise so lange ausgehalten, hat eben anders zusammengehangen,« –

»Liebe Frau Pipelet,« sagte Rudolf, »ich will Ihnen ein Geheimnis anvertrauen.« – »So? Und das wäre?« fragte Frau Pipelet gespannt. – »Das Mädchen hat einen Fehltritt getan. Es war in Deutschland bei Verwandten von mir in Stellung und hat sich vom Sohne verführen lassen; die Mutter hat sie weggejagt, der junge Mann hat sie nun hierher gebracht und wollte sie hier irgendwo unterbringen: das geht aber nicht so geschwind, und darüber ist ihm das Geld ausgegangen. In einem Hause, wo strenge Zucht herrscht, dürfte Cecily – so heißt das Mädchen – am ehesten wieder auf den rechten Weg kommen, und wenn sie von einer Frau wie Ihnen beim Notar und bei der Frau Seraphim empfohlen würde, so ließe sich wohl annehmen, daß sie dort ankäme?« –

»Nun, wenigstens will ich ganz gern mit der Seraphim reden ...« – »Liebe Frau Pipelet,« fügte Rudolf, sie schelmisch um die Taille fassend, »wenn Sie mir den Gefallen tun, meiner Bekannten zum Dienste beim Notar Ferrand zu verhelfen, sollen Sie ein Entgelt von hundert Franks dafür bekommen.« – »Ei, das muß man sagen,« erwiderte mit gutmütigem Lächeln die Frau, »seit Sie bei uns eingezogen sind, könnte man meinen, wir hätten einen Treffer in der Lotterie gemacht! So einen Logisherrn wie Sie gibts in der ganzen Welt nicht wieder! Doch da kommt eine Droschke! Sicher die Dame wieder, die beim Doktor Bradamanti war! Als sie gestern da war, habe ich ihr Gesicht nicht sehen können. Heute soll mir das nicht wieder passieren, im Gegenteil! Ich muß vielmehr versuchen, auch ihren Namen zu erfahren. Geben Sie nur acht! Das soll Ihnen einen Heidenspaß machen.«

»Ach, lassen Sie das lieber, Frau Pipelet,« erwiderte Rudolf, »am Namen und am Gesichte der Dame liegt mir gar nichts,«

Die Pförtnerin aber ließ sich nicht beirren, sondern trat der näherkommenden Dame rasch entgegen, »wohin, meine Dame, wenn ich bitten darf?« – »Zu Herrn Doktor Bradamanti,« versetzte die Dame, offenbar ärgerlich über den Aufenthalt, der ihr durch die Pförtnerin bereitet wurde. – »Herr Bradamanti, mein liebe Dame, ist nicht zuhause,« sagte die Pförtnerin, »bloß eine bestimmte Dame soll ich auffordern näher zu treten und auf seine Rückkunft zu warten.« – »Diese Dame bin ich,« sagte die Unbekannte, »wehren Sie mir also den Zutritt nicht länger!« – »Sie müssen mir schon Ihren Namen sagen, meine Dame!« sagte die Pförtnerin, »denn nur wenn es der richtige ist, darf ich Sie vorlassen.« –

Betroffen antwortete die Dame: »Was? Er hätte Ihnen meinen Namen genannt? Ich hätte ihn für vorsichtiger gehalten.« Als sie aber sah, daß die Pförtnerin keine Anstalt machte, sie vorbeizulassen, entschloß sie sich, wenn auch nach einiger Zögerung, zu dem Bescheide, daß ihr Name Frau von Orbigny sei.

Rudolf fuhr zusammen, als sie den Namen der Stiefmutter der Marquise von Harville nannte ... Statt im Schatten zu verweilen, trat er vor und erkannte im Doppellicht von Tag und Lampe ohne weiteres die ihm von Clemence wiederholt geschilderte Frau. Die Pförtnersfrau wiederholte: »So? Frau von Orbigny? Richtig, das ist der Name, den mir Bradamanti nannte ... Bitte, gehen Sie hinauf, meine Dame!«

Frau von Harvilles Stiefmutter eilte geschwind an der Pförtnerstube vorbei, Frau Pipelet aber lachte hinter ihr her und flüsterte Rudolf triumphierend zu: »Sehen Sie: so kommt man dahinter, wer im Hause verkehrt! Nun weiß ich, wie die schöne Dame heißt, und alles weitere wird sich leicht finden ... Was ist Ihnen denn aber, Herr Rudolf?« fragte sie, sich zu ihrem Logisherrn wendend. – »War die Frau schon einmal bei Bradamanti?« fragte dieser. – »Ja, gestern, und als sie weg war, ging auch er aus, sicher auf die Post, um sich einen Platz zu belegen, denn er hat mich schon angewiesen, seine sieben Sachen auf die Post zu schaffen. Er traut wohl dem lahmen Jungen nicht mehr, und deshalb treibts ihn fort,« – »Sie wissen nicht, wohin er zu reisen vorhat?« – »Meines Wissens in die Normandie,« versetzte die Pförtnerin, »nach Alençon zunächst.«

Drittes Kapitel.

Lachtäubchens erster Kummer

Lachtäubchens Stübchen war wie immer sauber und schmuck. Die in einem hölzernen Gehäuse auf dem Kamine befindliche große Uhr zeigte die vierte Stunde an. Da die Kälte nachgelassen hatte, hatte das sparsame Mädchen es unterlassen, Feuer anzumachen. In ihre Arbeit vertieft, saß sie am Fenster, sang aber nicht mehr, denn sie hatte zum ersten Mal in ihrem jungen Leben einen wirklichen Kummer. François Germain ausgenommen, hatten alle ihre Nachbarn ihr zutrauliches Wesen und die gute Nachbarschaft, die sie hielt, für weiter nichts als ein etwas weitgehendes Entgegenkommen, wenn nicht gar als Aufforderung, sich zu nähern, aufgefaßt, wenn sie auch von diesem Irrtume bald zurückgekommen waren. Der einzige, der sich wirklich in Lachtäubchen verliebt hatte, und zwar ernstlich, war Germain, und er hatte gerade sich ihr am fernsten gehalten, wenigstens nicht gewagt, ihr seine Liebe zu erklären. Über manch frohe Stunde hatten sie miteinander in dem traulichen Stübchen gesessen und fröhlich geplaudert.

Heute saß sie allein, und ihr sonst so frisches rundes Gesicht war bleich, ihre sonst von Lust und Fröhlichkeit strahlenden Augen zeigten einen matten, trüben Schimmer; aus ihren Zügen sprach Abspannung. Kein Wunder, hatte sie doch die Nacht über kaum ein Auge geschlossen. Ihre Augen hafteten auf einem Briefe, der neben ihr auf dem Tische lag, und den ihr Anbeter Germain ihr am Abend vorher aus dem Stadtgefängnisse geschickt hatte ...

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