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Die Geheimnisse von Paris

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Die Geheimnisse von Paris
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Frau von Harville dachte im ersten Augenblick an den ihr bekannten Fürsten, sagte sich aber gleich, daß ein Großherzog von Gerolstein mit solchem Mädchen nichts gemein haben könne, und sprach zu der Aufseherin: »Mich hat der Name überrascht, da er zufällig auch einem Verwandten von mir gehört; aber es interessiert mich, wie gesagt, was Sie von dem Mädchen erzählen ... Vielleicht könnte ich sie schon heute sehen?« – »O gewiß! Ich will sie gleich holen, sofern Sie es wünschen. Man könnte sich dabei auch gleich nach Luise Morel erkundigen, die in einem andern Teile des Gefängnisses untergebracht worden ist.« – »Sehen Sie zu, es zu ermöglichen,« antwortete die Marquise, worauf die Aufseherin sie verließ.

»Sonderbar!« sprach die Marquise bei sich, »welch ungewöhnlichen Eindruck der Name Rudolf auf mich gemacht hat, als ich ihn aus dem Munde dieser Frau hörte ... Aber ich bin doch eine rechte Törin. Zwischen ihm und diesem Mädchen kann doch gar keine Beziehung walten!«

An der Gefängnisuhr schlug es zwei. Es war die Stunde, in welcher sich die gefangenen Mädchen und Frauen im Hofe ergehen durften. Sie waren alle gleichmäßig gekleidet in lange Röcke aus blauem Wollenstoffe, die durch einen Gurt mit eiserner Schnalle festgehalten wurden. Dazu trugen sie schwarze Hauben.

Das Mädchen, das den Spitznamen Wölfin führte, hatte sich zu der Schalldirne auf eine Bank gesetzt. Eine Weile saß sie in mürrischem Schweigen da. Endlich fragte die letztere: »Was hatten Sie von mir gewollt?« – »Ich? Weiter nichts,« erwidert die andere, »als daß es so nicht weiter zwischen uns gehen kann. Ich lasse mir solche Unverschämtheiten nicht bieten, wie Sie es ja eben erst getan, indem Sie der Mont-Saint-Jean Brot gaben, das Sie mir zuerst weggenommen.« – »Ach! Das trifft doch gar nicht zu,« erwiderte die andere, »Sie haben bloß etwas gegen mich. Und ich weiß doch gar nicht, was ich Ihnen zu Leide getan haben könnte.« – »Angetan hast du es mir,« rief die Wölfin grimmig: »daß ich nicht mehr so rabiat sein kann wie sonst, das ist's, was dich mir verhaßt macht.« – Sie unterbrach sich, streifte den Kleidärmel zurück und zeigte auf den kräftigen weißen Arm, in den ein blauer Dolch, zur Hälfte in ein Herz hineingestoßen, geritzt war, darunter die Worte: Tod den Feigen! So gilts Martial fürs Leben!

»Können Sie das lesen?« fragte die Wölfin.– »Ja, aber so etwas ist doch schrecklich!« erwiderte, sich abwendend, die Schalldirne. – »Als mir mein Liebster Martial mit rotglühender Nadel diese Worte in den Arm stach, meinte er, ich sei eine mutige Dirne. Wüßte er, wie ich mich seit ein paar Tagen benehme, stieße er mir sein Messer in den Leib, wie dieser Dolch da in dies Herz gestoßen ist. Und recht hätte er, denn es steht geschrieben: Tod den Feigen! und ich bin eine feige Memme geworden.« – Nach einer Pause fuhr sie fort: »Noch hatte ich vor niemand den Nacken gebeugt, und mit Recht nennt man mich die Wölfin, denn manches Weib, und auch mancher Mann trägt von mir Spuren an sich... und nun, nun soll man von mir sagen dürfen: ein schwaches Ding wie du hätte mich untergekriegt?« Wieder schwieg sie eine Weile, und wieder sprach sie dann weiter: »Ich hab auch niemand bisher beneidet; und nun passierts mir, daß ich dich um deine fromme Fratze, um dein sogenanntes Madonnengesicht beneide! Mich hat nie was gerührt... und Tränen in meinen Augen gesehen zu haben, kann sich noch kein Mensch, weder Mann noch Weib, rühmen. Sehe ich aber dich bloß mit einem Auge an, dann fängt es mir weich ums Herz zu werden an, und das ist feige: ich weiß es, und das Gewissen quält mich deshalb so, daß ich schon drei Tage lang an Martial kein Wort zu schreiben wage... Du verdirbst mir den Charakter, Dirne, und damit muß es sein Ende haben, denn ich will bleiben, was und wie ich war, und mag nicht Spott über mich kommen lassen.«

»Sie haben schlimmen Groll auf mich,« sagte die Schalldirne. – »Gewiß, du wirst mir gefährlich, und ginge das vierzehn Tage so weiter, dann möchte ich verdienen, nicht mehr Wölfin, sondern Lämmchen genannt zu werden. Und dafür bedanke ich mich schönstens, denn mein Liebster brächte mich auf der Stelle um! Kurzum, ich mag mit dir nicht mehr zusammenkommen und werde darum ansuchen, in eine andere Abteilung gebracht zu werden. Sollte man mirs verweigern, dann vollführe ich irgend einen schlimmen Streich, daß ich in die Strafabteilung geschafft werden muß.«

Die Schalldirne merkte recht gut, daß ihre Kameradin noch nicht völlig verdorben war, sondern sich gegen die besseren Regungen ihres Herzens noch mit aller Kraft sträubte... »Die beste Art, meinem Wohltäter dankbar zu sein, ist doch wohl die, meinen Mitmenschen, solange sie noch hören wollen, den Rat zu geben, den er mir gegeben.« Und schüchtern griff sie nach der Hand der Wölfin, die sie aber mit finsterm Mißtrauen maß, und dann sagte sie: »Wölfin, ich will Ihnen sagen, daß Sie nicht feige sind, sondern ein gutes Herz haben, denn nur mutige und edle Herzen werden durch anderer Menschen Unglück gerührt.« –

Rauh erwiderte darauf die Wölfin: »Von irgend was anderm als Feigheit ist in dem Falle keine Rede, gar keine! And noch heute Abend lege ich mich in einem andern Moderloche von Kerker auf meine Pritsche, oder ich sorge dafür, daß ich in die Strafabteilung komme... Bald werde ich ja doch in Freiheit sein. Dem Teufel oder meinetwegen auch Himmel sei dafür Dank!«

»Und wenn Sie frei sind, wohin gedenken Sie sich dann zu begeben?« fragte Marienblümchen schüchtern. – »Na, wohin denn, als heim, zu den Meinigen? Ich bin in der Rue Pierre Lescot einquartiert, hab meine selbständige Wohnung und auch mein eignes Mobiliar.« – »Und Martial wird sich wohl recht freuen. Sie wiederzusehen?« fragte Marienblümchen in der Hoffnung, die Wölfin länger bei sich festzuhalten, wenn sie einen interessanten Gegenstand aufs Tapet brächte... »Na ja, na ja,« rief die Wölfin, »er lag noch krank, als ich abgeführt wurde, an einem Fieber, das ihn befallen hatte, weil er immer auf dem Wasser zu hausen gewöhnt war. Siebzehn Tage und Nächte hab ich den Fuß nicht von seinem Lager gesetzt, hab mein halbes Mobiliar verkauft, um Geld für Arznei und alles übrige zu haben. Aber ich darf jetzt auch sagen, daß er seine Genesung allein mir zu danken hat.«

»Und wo ist er jetzt? Was treibt er?« – »Er wohnt dicht am Wasser, an der Asnières-Brücke.« – »Und was für einen Beruf hat er?« – »Er ist Fischer. Hat aber irgend ein feiger Kerl Händel mit einem andern, so ficht Martial sie aus, denn er ist mutiger als ein Tiger. Sein Vater hat Verdruß mit der Polizei gehabt. Martial hat eine Mutter, zwei Schwestern und einen Bruder. Den letzteren hätte er freilich lieber nicht; denn dem, wie auch der Schwester, ist die Guillotine sicher.«

»Wo haben Sie denn Martial kennen gelernt?« fragte Marienblümchen. – »In Paris. Dort wollte er die Schlosserei erlernen, kam aber mit keinem Meister zurecht und ging wieder zu seinen Eltern. Dann fing er an, auf der Seine zu räubern. Ich wohne nicht bei ihm, sondern er kommt regelmäßig nach Paris, um bei mir zu nächtigen. Bei Tage besuche ich ihn wohl auch einmal draußen in Asnières. Dann bummeln wir ein bißchen in den Wald hinaus. Na, er wildert auch dann und wann. Vor etwa Jahresfrist hieß es, er habe einem Wildschütz eine Kugel auf den Pelz gebrannt, nachdem dieser ihn angeschossen hatte. Bewiesen ist's dem Martial ja nicht, aber er mußte doch die Gegend verlassen, und da hat ers wieder in Paris mit der Schlosserei versucht; und dann sind wir miteinander zusammengekommen.«

»Und Ihre Eltern, Wölfin?« – »Habe von Vater und Mutter nicht viel Gescheites vernommen. Vater war Tagelöhner und lebte mit einem Weibstück zusammen, das mit Apfelsinen handelte: die Mutter war dem Vater schon beizeiten mit einem Korporal durchgegangen. Die andere war keine böse Sieben, aber Vater bekam sie doch dick und ließ ihr das bißchen Mobiliar, das wir hatten, um in die weite Welt zu gehen. Wiedergesehen habe ich ihn nicht seitdem. Nun zog die Stiefmutter, wie ich sie nannte, zu einem Dachdecker, der aber immer besoffen war. Oft habe ich ihn zusammen mit der Stiefmutter verprügelt; als ich aber ins sechzehnte Jahr ging, da hieß es: Nun mußt du auch Geld verdienen, Mädel; mit dem Dienen ist's nicht. Laß dich auf der Sittenpolizei einschreiben, du bist ja stark und gesund; wenn du es mit dem Mannsvolke hältst, verdienst du immer noch das meiste Geld. Und so bin ich geworden, was ich jetzt bin, eine, für die man den Namen Freudendirne beliebt.«

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