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Der heisse Himmel um Mitternacht

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Der heisse Himmel um Mitternacht
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O'Reilly warf Carpenter einen langen kalten Blick zu.

»Du hast einen angemessenen Rechtsbeistand, Captain Carpenter, und er wird zu gegebener Zeit Gelegenheit erhalten, entsprechende Erklärungen abzugeben. Ich wünsche keine weiteren störenden Ausbrüche, bitte! Wir führen folgende Beweisaufnahmen durch und nehmen sie zu Protokoll …«

In bleierner Schwere sah Carpenter zu, wie Beweisstück A auf dem Visor am Ende des langen schlauchartigen Raums erschien. Es war die Aussage Rennetts (Maintainance/Operations), die schilderte, wie sie mit Kapitän Carpenter die Calamari Maru besucht hatte. Knapp und eindrucksvoll umriss Rennett die Zustände, die sie an Bord des Kalmarschiffs vorgefunden hatte: die abgesetzten, unter Beruhigungsmitteln stehenden Offiziere, die Angaben der meuternden Kovalcik. Carpenter kam das alles ziemlich wahrheitsgemäß vor, und es schien in keiner Weise schädlich für ihn zu sein. Dann folgte Beweisaufnahme B, die Aussage Hitchcocks (Navigator), der berichtete, wie das Rollen des eingefangenen Eisbergs in der gröber werdenden See den Havaristen schließlich geflutet hatte, wie die drei Dinghis hilfesuchend auf die Tonopah Maru zusteuerten und wie Kapitän Carpenter seiner Mannschaft befohlen hatte, sich nicht um die Schiffbrüchigen zu kümmern, sondern die Rückfahrt nach San Francisco anzutreten. Diese Aussage erschien selbst Carpenter ziemlich scheußlich, doch er konnte nicht behaupten, dass Hitchcock irgendeinen Punkt besonders verdreht dargestellt hätte. Es war tatsächlich so, wie es passiert war.

Er nahm an, jetzt würden die Aussagen von Caskie und Nakata folgen. Danach würde man ihm vermutlich Gelegenheit geben, etwas zu seiner Verteidigung zu sagen – die schwierige Lage zu erklären, die Beengtheit auf seinem Schiff anführen, die unzureichende Versorgung mit Proviant und Screen, zu erklären, dass er sich in diesem entscheidenden Moment entschlossen hatte, das Überleben seiner eigenen Mannschaft für wichtiger zu halten als das dieser Fremden. Er war bereits vorher entschlossen gewesen zu erklären, wie sehr es ihn bedrückte, diese Schiffbrüchigen ihrem Schicksal überlassen zu haben, dass er dies zutiefst bedauerte, aber dass es notwendig gewesen war, und dass er hoffe, man werde ihm diese Zwangsentscheidung vergeben und auch, dass er danach zu durcheinander war, um vorschriftsmäßig Meldung zu machen. Ob Tedesco damit einverstanden war, dass er sich reumütig zeigte? Vielleicht nicht, vielleicht schwächte so etwas seine Chancen vor Gericht. Ach, scheiß auf Tedesco! Der hätte hier sein müssen, um ihn zu beraten, und er war nicht erschienen.

Carpenter gestattete sich ein Fünkchen Zuversicht, trotz allem. Ihm ging durch den Kopf, was Rhodes zu ihm gesagt hatte.

– Die Firma wird zu dir stehen …

»Beweisstück C«, verkündete O'Reilly. »Aussage von Kapitän Kovalcik.«

Was?

Ja, da erschien sie auf dem Visorschirm, mit einem steinernen Gesicht, eisigen Augen, eindeutig Kovalcik in Fleisch und Blut. Sie war also gar nicht draußen auf See in dem offenen Boot zugrunde gegangen. Da war sie, leibhaftig, und starrte grimmig aus dem Visor, und sie erzählte eine schauerliche Seemannsgeschichte von ihrem Überleben auf dem Meer, von Entbehrungen und Qualen, von der schließlichen Rettung durch ein Patrouillenschiff. Die Hälfte ihrer Mannschaft war gestorben. Und alles nur, weil der Kapitän des Samurai-Eisbergtrawlers keinen Finger rühren wollte, um ihnen zu helfen.

Carpenter selbst musste sich eingestehen, dass dies eine furchtbare Beschuldigung war. Aber Kovalcik sagte kein Wort über die Meuterei, deren Anführerin sie gewesen war, sie unterschlug ganz ungeniert die Tatsache, dass die Calamari Maru als Konsequenz ihrer eigenen Fehlentscheidung, weiter in der Nähe des riesigen eingefangenen Eisbergs zu bleiben, geflutet worden war; und sie erwähnte mit keiner Silbe Carpenters Beteuerungen, dass sein Schiff für die Übernahme einer so großen Zahl von Passagieren zu klein sei. Sie konzentrierte sich ausschließlich auf ihre Bitte um Hilfe und Carpenters herzlose Weigerung, sie zu gewähren. Als Kovalcik zu Ende gesprochen hatte, starrte ihr schreckliches Gesicht ihn noch weiter aus dem Visor heraus an, als hätte es sich in die Beschichtung des Visors gebrannt.

»Captain Carpenter?«

Also sollte er endlich seinen großen Auftritt vor Gericht haben. Er stand auf und wiederholte die ganze trübselige Geschichte erneut: das Hilfeersuchen von Kovalciks Schiff, die offensichtlichen Zeichen der Meuterei, die unter Drogen gesetzten Offiziere, ihre Aufforderung, sie zu sich an Bord zu nehmen; dann wie das Schiff voll lief und die drei Dinghis auf dem Wasser tanzten. Seine eigenen Worte und sein Verhalten kamen ihm auf einmal hohl und fragwürdig vor. Ich hätte sie aufnehmen müssen, egal was dann passiert wäre, sagte er sich. Selbst wenn sie alle auf der Rückfahrt verhungert wären. Selbst wenn sie in anderthalb Tagen kein Screen mehr gehabt hätten und durch Haut und Fleisch bis auf die Knochen verbrannt worden wären. Oder aber, andere zu ihrer Rettung herbeirufen? Aber er zog die Sache durch und machte weiter, schilderte die Abläufe, legte erneut seine Argumente dar, seine Selbstvorwürfe, die Argumentation zwischen Effizienz und Möglichkeit, er äußerte sein Bedauern und seine Reue über seine möglicherweise getroffenen Fehlentscheidungen.

Und plötzlich hatte er keine Worte mehr und stand stumm vor dem Richter und der Protokollführerin.

Das Schweigen war dröhnend. Was würde jetzt geschehen? Das Urteil? Eine Strafe?

O'Reilly schlug mit seinem Hämmerchen auf den Tisch. Dann wandte er das Gesicht ab, als vertiefte er sich in einen anderen ihm vorliegenden Fall.

»Muss ich warten?«, fragte Carpenter.

»Die Verhandlung ist vertagt«, sagte die Gerichtsassistentin, nahm ein Aktenpaket auf, schien jegliches Interesse an ihm verloren zu haben, nicht dass sie überhaupt je dergleichen gehabt hätte.

Kein Mensch sagte etwas zu ihm, als er das Gebäude verließ.

Eine halbe Stunde später, als er im Dunsmuir, seiner Hotelabsteige, angelangt war, platzierte er einen Ruf an Tedesco unter der Samurai-Nummer, die er erhalten hatte. Er rechnete mit dem üblichen Ringeltanz, wie er bei Großunternehmen üblich ist, doch zu seiner Verblüffung kam Tedesco fast sofort auf den Schirm.

»Du warst nicht dort!«, sagte Carpenter. »Weshalb nicht, verdammt noch mal?«

»Das war nicht nötig. Ich habe das Protokoll erhalten.«

»Schon? Das war aber verdammt schnell. Was wirst du jetzt weiter unternehmen?«

»Unternehmen? Was sollte ich unternehmen? Du stehst wegen fahrlässiger Pflichtverletzung unter Anklage. Die Hafenbehörde hat dein Seepatent eingezogen. Höchstwahrscheinlich wird Kyocera jetzt gegen uns prozessieren, weil wir ihre Leute da draußen im Pazifik haben krepieren lassen. Und das könnte ganz schön teuer werden. Wir müssen aber abwarten und sehen, was kommt.«

»Und? Werde ich zurückgestuft?«, fragte Carpenter.

»Du? Nein, du wirst gefeuert.«

»Was? Gefeuert?« Carpenter kam es vor, als hätte man ihn angestochen, und ihm ginge die Luft aus. Er rang nach Luft. »Bei dem ersten Hearing sagtest du, dass die Firma hinter mir steht. Und jetzt bin ich gekündigt? So steht ihr also hinter mir?«

»Die Lage hat sich verändert, Carpenter. Da wussten wir noch nicht, dass es Überlebende gibt. Überlebende verändern die ganzen Umstände, verstehst du? Kyocera verlangt deinen Kopf auf 'nem Silbertablett, und wir werden ihnen den geben. Wenn es keiner überlebt hätte, dann hätten wir dich vielleicht weiter behalten, weil das Ganze bloß eine rein interne Angelegenheit geblieben wäre, die nur die Oakland-Hafenbehörde und Samurai betroffen hätte – dein Wort gegen das deiner Besatzung, eine Dienstrangsache, weiter nichts –, aber jetzt tauchen da plötzlich Leute auf, die in der Öffentlichkeit schwere gehässige Anschuldigungen erheben. Es gibt einen gewaltigen Stunk. Wie sollen wir dich bei sowas halten, Carpenter? Wir hätten das Ganze gern in aller Stille erledigt, und dann hättest du bei uns weitermachen können, aber jetzt geht das nicht mehr, nicht mehr, seit sich Überlebende gemeldet haben und aussagen, und damit kriegt die ganze Firma ein Scheiß-Image. Glaubst du im Ernst, wir könnten dich jetzt auf 'ne andere Position versetzen? Deine nächste Aufgabe ist, dass du dich um einen neuen Job kümmerst, Carpenter. Du hast dreißig Tage, und du hast verdammtes Glück, dass du die kriegst. Ein Terminationsberater wird dich über deine Rechte informieren. Alles klar, Carpenter? Hast du begriffen?«

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