Die Geheimnisse von Paris
- Автор: Сю Эжен
- Язык: немецкий
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Die Geheimnisse von Paris». Краткое содержание книги:
– »Sie werden schon konsultiert, sobald wir soweit sind. Das wird vielleicht früher eintreten als Sie denken, denn ich verspreche mir von den hierbei notwendigen Arbeiten recht viel Genuß. Aber, meine Herren,« setzte er hinzu, als die Tafel nach eingenommenem Imbiß abgeräumt wurde, »wir müssen doch noch ein paar Zigarren rauchen? Im Nebenzimmer finden Sie ein paar neu aus Havanna eingetroffene Kistchen.«
Die Herren standen auf und begaben sich in das Nebenzimmer, von dem aus eine Tür in das mit Waffen geschmückte Schlafzimmer führte ... Dorthin folgte Lucenay seinem Wirte. – »Wie Sie sehen, Lucenay,« sagte Harville, auf die an der Wand hängenden Gewehre zeigend, »bin ich noch immer ein Waffenliebhaber.« – »Sie besitzen ja eine brillante Waffensammlung,« rief der Herzog, »englisches und heimisches Fabrikat! Da wüßte ich wahrhaftig nicht, zu welchem Gewehr man greifen sollte!«
Die anderen Herren traten hinzu, um die Waffen zu besichtigen. Harville nahm ein Pistol von der Wand und sagte lachend: »So ein kleines Ding, meine Herren, ist das Universalheilmittel gegen Spleen, Langeweile und alles sonstige Leid!« Dabei hielt er scherzend den Lauf der Waffe in den Mund hinein ...
»Ich meinesteils,« versetzte Saint-Remy, »gebe einem andern Heilmittel den Vorzug; was Sie empfehlen, ist nur zu benutzen in ganz verzweifelten Fällen.« – »Aber von erstaunlich rascher Wirkung,« meinte Harville, »ein Druck, ein Knall und das Ding ist vorbei. Kaum der Gedanke ist schneller.« – »Harville, machen Sie keine Scherze!« rief Lucenay, als Harville das Pistol abermals dem Munde näherte; »dergleichen Spaße sind immer mit Fährlichkeit verknüpft.« – »Sie meinen doch nicht, daß ich damit so spielen würde, wenn es geladen wäre?« erwiderte Harville; »ach! gehen Sie mir! Geben Sie acht, meine Herren! Eins, zwei, drei! Und der – Kram ist – vorbei!«
Kaum waren die Worte aus seinem Munde, als der Schuß knallte...
Marquis von Harville hatte sich eine Kugel durch den Kopf gejagt...
Am nächsten Tage stand in den Zeitungen:
»Gestern hat ein unerwartetes trauriges Ereignis die Vorstadt Saint Germain in Bestürzung versetzt. Folge von Leichtsinn und Unbedacht – wie man sie leider zu oft festzustellen findet – hat ein schreckliches Unglück veranlaßt. Der Marquis von Harville, Besitzer eines unermeßlichen Vermögens, kaum sechsundzwanzig Jahre alt, bekannt durch Herzensgüte und Edelmut, seit wenigen Jahren mit einer Frau verheiratet, die er vergötterte, hatte einige Freunde zum Frühstücke bei sich. Nach dem Tische gingen die Herren in das Harvillesche Schlafzimmer, worin sich wertvolle Gewehre befinden. Herr von Harville nahm scherzend ein Pistol, das er nicht für geladen hielt, und setzte es an die Lippen, drückte ab, der Schuß ging los, und der unglückliche junge Mann sank mit zerschmettertem Kopfe tot nieder ... Man denke sich die entsetzliche Bestürzung der Freunde des Herrn von Harville, denen er einen Augenblick vorher in Jugendkraft und vollem Glücke verschiedene Pläne mitgeteilt hatte! Am Morgen hatte er noch einen Schmuck von großem Werte gekauft, um seine Frau damit zu überraschen. In dem Augenblicke also, in welchem ihm das Leben vielleicht reizender und schöner erschien als je, wurde er ein Opfer eines entsetzlichen Unfalls.«
In Wahrheit aber lagen die Dinge so, daß Harvilles Entschluß durch maßlose Verzweiflung geweckt worden war: seine Frau hatte durch ihre jetzt erwachende Liebe in seinem Herzen die peinlichsten Gewissensbisse geweckt, die seine schlimme Krankheit nur zu verschärfen vermochte. Tiefes Mitleid mit seiner Frau, die er in ein Leben ohne Liebe an der Seite eines mit einem epileptischen Leiden behafteten Mannes gekettet sah, zu dem sie doch niemals wahre Liebe empfinden könnte, und tiefer Ueberdruß an sich und am ganzen Leben hatten ihm die Pistole in die Hand gedrückt, hatten ihn bestimmt, Hand an sich zu legen ...
Siebenter Teil.
Erstes Kapitel.
Saint-Lazare.
Frau von Harville hatte sich, ohne Ahnung von dem in ihrem Hause sich abspielenden Drama, nach Saint-Lazare, dem Pariser Weibergefängnis, begeben, wo sie, gewissen Andeutungen zufolge, die ihr durch die Herzogin von Lucenay gegeben worden, die beiden, durch Ferrands Habgier in das tiefste Elend geratenen Frauen aus der besten Gesellschaft des Landes zu finden rechnete. Eine Aufseherin, schon in reiferem Alter, Armand mit Namen, wurde ihr zugeteilt.
»Da die Frau Marquise wünscht, ihr solche unserer Gefangenen zu nennen, die sich durch gute Aufführung und aufrichtige Reue hervortun, so meine ich, sie auf ein Mädchen von etwa siebzehn Jahren aufmerksam machen zu sollen, die ich weniger für sündhaft, als für vom Schicksal verfolgt halte, und die Wohl noch auf gute Wege zu leiten wäre.« – »Und warum ist sie im Gefängnisse?« – »Sie ist auf den Elysäischen Feldern erwischt worden. Bekanntlich ist es den Dirnen verboten, sich an gewissen öffentlichen Orten bei Tage zu zeigen, und da hierzu auch die Elysäischen Felder gehören, ist sie festgenommen und hierher gebracht worden.« – »Was für einen Eindruck macht sie?« – »O, Frau Marquise, sie hat ein richtiges Madonnengesicht, und als sie eingeliefert wurde, trug sie noch ihre ländliche Tracht, was sie besonders interessant machte. Sie ist kaum erst drei Tage hier, und schon hat sie einen seltsamen Einfluß auf alle Gefangenen erlangt; man nimmt nicht bloß Anteil an ihr, sondern empfindet Achtung, ja mehr, fast Verehrung für sie. Auch für mich, Frau Marquise, bildet sie einen Gegenstand besonderer Teilnahme, und ich bin doch gewissermaßen blasiert gegen alles, was sich an den hierher gebrachten Mädchen als auffällig erweist. Ich glaube nicht daran, daß sie aus freiem Willen sich zur feilen Dirne erniedrigt hat. Man hat ja doch oft genug schon erfahren, daß Not und Niedertracht die Mädchen in solches Elend hineinstürzen. Sie ist auch sehr still und ruhig, und das verwundert hier auch, weil sich sonst alles hier durch Lärm und Schimpf zu betäuben sucht. So ist seit etwa vier Wochen ein wildes Geschöpf hier untergebracht, das den Spitznamen Wölfin führt und wohl zwanzig Jahre alt sein mag, ein großes, kräftiges Geschöpf. Das junge Ding, von dem ich Ihnen erzähle, mochte gestern nichts essen und bot ihr Brot aus. Die Wölfin verlangte es auf der Stelle für sich. Nun haben wir aber noch ein anderes Geschöpf hier, das verwachsen und trotzdem seit einigen Monaten in anderen Umständen ist. Mit dieser Person hatte unsre schöne Novize Mitleid und gab ihr das Brot, trotzdem die andere zu schimpfen anfing, und da sie sehr bösartig ist und gleich immer mit dem Messer droht, getraute sich niemand, die Partie der kleinen Schalldirne zu nehmen.«
»Wie nennen Sie das Mädchen?« fragte Frau von Harville. – »Schalldirne. Unter diesem Namen ist sie eingeliefert worden. Meines Wissens bedeutet er in der unter diesem Volke üblichen Sprache dasselbe wie Sängerin. Das junge Ding soll nämlich wunderschön singen, und ihrer Stimme nach zu schließen, die einen höchst melodischen Klang besitzt, mag dies auch der Fall sein.« –
»Was Sie mir von der Person erzählen, rührt mich ungemein. Was soll aber geschehen, um ihre Freilassung durchzusetzen? Ich will für die Zukunft des Mädchens sorgen.« – »Bei Ihrer Stellung und Ihren Bekanntschaften, Frau Marquise, kann es Ihnen nicht schwer fallen, das Mädchen in Freiheit zu setzen; das kommt ja lediglich auf den Polizeipräfekten an, und bei ihm wäre die Empfehlung von angesehener Seite sicher entscheidend. Wenn ich mich nicht sehr irre, so empfindet das Mädchen, das durch irgendeinen Zufall aus ihrer früheren Not gerissen worden, eine wahre Liebe, die ihr nun zum Glück einerseits, zur Qual anderseits geworden ist. So trat ich gestern Abend, als ich in den Schlafsaal kam, an das Bett des Mädchens. Sie lag im festen Schlafe, hielt beide Hände über der Brust gefaltet, und da hörte ich auf einmal von ihren Lippen den Namen: Rudolf.«