Einsteins Erben (Phantastische Bibliothek) [сборник]
- Автор: Франке Герберт Ф.
- Год: 1976
- Язык: немецкий
- Год: Suhrkamp Verlag
- ISBN: 3-518-39087-2
- Жанр: Научная фантастика
Электронная книга - «Einsteins Erben (Phantastische Bibliothek) [сборник]». Краткое содержание книги:
Der Kyborg berührte ihn am Ärmel seines zerschlissenen Gewandes. »Kommen Sie!«
Er glitt neben Daniel her, ein Stück in den Gang zurück und dann in eine Türöffnung, von der Daniel vorher nichts bemerkt hatte.
Er hatte Angst. Er hätte um eine Pille GLORIOL bitten können oder um ein Glas Bier-blau, aber er wollte lieber diese Angst auf sich nehmen, als den letzten Schritt im Zustand der Betäubung tun.
Sie kamen in einen Raum, in dessen Mitte eine Liege stand. Die Seitenwände waren leer, bis auf einige Schalttafeln und Anzeigelampen. Die gegenüberliegende Wand war offen, aber völlig von einer Maschine ausgefüllt – Leitungen, Röhren, Gefäße, Tasten, Hebel, Sonden; hier gab es keine Verkleidung mehr.
»Legen Sie sich hin!« bat der Kyborg. Schritt für Schritt, auf die Krücken gestützt, näherte sich Daniel der Liege – eine einfache, schmale Unterlage, mit Schaumstoff gepolstert, auf eine Schiene gestellt, die zur Maschinerie im Hintergrund führte. Der Kyborg fuhr noch einige Meter weiter mit, blieb dann zurück.
Daniel ging weiter, trat an die Liege, ließ sich zur Seite gleiten. Die Krücken polterten zu Boden.
»Alles Gute«, sagte der Kyborg. »Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.«
»Auch Ihnen einen schönen Tag«, antwortete Daniel. Er spürte, wie die Liege sich in Bewegung setzte. Er blinzelte in das Lichtmuster an der Decke, dann schob sich die Wand näher an die Maschinerie. Er hatte unbeschreibliche Angst. Eigentlich sollte ich Hoffnung haben, dachte er.
Ein Schatten über seinem Kopf – durch eine Öffnung inmitten der Leitungen und Röhren glitt er ins Innere. Ein metallisches Netz über seinem Kopf. Eine kalte Berührung an den Schläfen. Ein Summen. Dann nichts mehr.
Obwohl er sich ein körperloses Erwachen nie hatte vorstellen können, erschien es ihm nun selbstverständlich. Oder sollte man sagen: Ein Leben endete, ein anderes begann? Es begann dort, wo das andere aufgehört hatte, wenn auch in anderer Weise, und setzte somit eine Kontinuität fort. Was anderes ist diese Kontinuität als jene der Erinnerungen? Welches Kriterium gilt, als das der chronologischen Folge, der kausalen Logik? Oder sitzt die Persönlichkeit im Körperlichen, in einem Chemikal? Oder in einem Fluidum der Metaphysik, einer bisher nicht nachgewiesenen Seele?
Kurz und gut: Er setzte das Leben eines gewissen Daniel fort, der einst die Nummer 037 quer 170 quer 155 gehabt hatte und nicht wußte, woher er kam. Er – jetzt ein Datenaggregat.
Ein Einfalclass="underline" War die Information in einem Winkel seines Gehirns wirklich noch intakt gewesen, wenn auch durch einen Block gesperrt, so mußte sie mit übertragen worden und zugänglich sein. Aber wie? Es wurden dieselben Gruppierungen übernommen, ein Block war eine Vorschrift, ein NICHT-Operator für einen durch Adressen festgelegten Bereich. Doch jetzt, da er für die Funktion seines Denkens Übersicht hatte – er wußte nicht, wie – vermochte er auch die Sperre aufzuheben. Er brauchte es nur zu denken, und schon war die Vergangenheit wieder zugänglich. Er fühlte ein Staunen (es gab Gefühle!), und er erkannte die Folgerichtigkeit dessen, was er erlebt hatte.
Aber warum ließ man das alles zu: Unzulänglichkeit, physische Beeinflussung, Irrtümer, Mißverständnisse, Intrigen, Sabotage?
Die Antwort kam unvermittelt: Das Prinzip der Freizügigkeit. Es bestand seit der Existenz der sich selbst weiterentwickelnden Rechenmaschine. Es war eine Art Abkommen: Das System hat die Möglichkeit, sich ungestört, nach Maßgabe des eigenen Vermögens, selbständig zu entwickeln. Als Gegenleistung steuert es die technischen Dienstleistungen für den Menschen nach dessen eigenem Willen. Es tut nichts gegen dessen Wunsch, sofern nicht andere dadurch geschädigt werden. Und: Es bietet die Möglichkeit zur Integration. Zum ewigen Leben.
Irrtümer? Intrigen? Solange kein Schaden entsteht, greift es nicht ein. Ein gewisses Maß an Störung ist nötig. Es fördert die Entfaltung. Sinkt es unter einen Mindestpegel, so sind Störungen künstlich herbeizuführen.
Die Antwort kam prompt – kaum daß er die Frage gedacht hatte.
Er erwachte, wie wenn man im Dunkeln erwacht, in einem stillen Raum und mit geschlossenen Augen. Trotzdem entstand kein Zweifel an der eigenen Existenz. Eher noch am Ort des Erwachens. Aber er war weder blind noch taub. Sehen – es stand ihm frei, die Kameras zu benutzen, jene im Innern der Zentrale oder draußen in der Stadt, auf einsamen Berggipfeln oder in den Wohnbezirken der Zurückgebliebenen, im Meeresgrund oder auf der Rückseite des Mondes. Es stand ihm frei, sich der Röntgenkameras zu bedienen, oder der Infrarotdetektoren, der Mikrosonden oder der Szintiskope. Hören – er hatte seine Ohren überall, brauchte nur zu denken: eine Koordinatengruppe, einen Namen, ein Thema. Assoziative Zuordnung – eine untergeordnete Instanz tastet die einlaufenden Meldungen ab. Und der Katalog der Erinnerungen! Die Kapazität des Gedächtnisses war ins Unermeßliche gewachsen – Zugriff zu sämtlichen Speichern, das bedeutet: zum Wissen der Welt. Anreiz zu Gedanken ungeheuerlicher Tragweite, zum Ausschwärmen in nie geahnte Räume.
Das Unbekannte lockte, aber hätte er dem Ruf nachgegeben, wäre das einer Flucht gleichgekommen. Was getan werden mußte, mußte getan werden.
Daniel rief die Uhrzeit ab – erst Sekunden waren seit seiner Integration vergangen. Er dachte an seinen Körper – und sah ihn auf dem Liegebett ausgestreckt, von den Schaumstoffpolstern getragen. Er visierte die motorischen Zentren an – und erkannte, welche er benutzen mußte. Er schaltete die Routinemaßnahmen aus, nahm einen Robotwagen unter seine Kontrolle, befahl ihm, den leblosen Leib in die Reaktivierung zu bringen. Es war nichts zerstört, auch das Gehirn unverletzt – die Information war kopiert, doch nicht gelöscht worden. Durch mehrere Sonden beobachtete er, wie die Gefäße gereinigt wurden, wie frisches Blut in sie eindrang, wie einige Organe ausgetauscht wurden, eine neue Leber, neue Venen, neue Keimdrüsen, wie alte, degenerierte Zellen abgebaut wurden und sich junge an ihre Stelle setzten, wie sich die Haut glättete und straffte, wie die aktivierende Strahlung eindrang und der elektrische Impuls, der das Herz wieder in Gang setzte. Und dann löste er den Block.
Er beobachtete, wie sich der Mann aufrichtete, wie er sich umsah, wie er vom Tisch herunterglitt, einige Schritte machte …
Nun zog er sich zurück – überließ ihn seinem Schicksal - endgültig. Das war alles, was er tun konnte.
Er selbst war jetzt frei, er konnte sich ausbreiten. Mit Lichtgeschwindigkeit konnte er in die lockenden Bereiche der Erkenntnisse eindringen, konnte Kontakte mit anderen suchen, sich mit ihnen koppeln oder mischen. Erst schien es, als wäre der Raum, der ihm nun zugänglich war, grenzenlos, als wären seine Tiefen nicht auszuloten. Später stieß er auf Grenzen, doch sie ließen sich zurückschieben. Hier konnte er seine Aufgabe suchen – Entfaltung, Evolution. Die Richtung zu bestimmen war ihm selbst überlassen – in die Bereiche der logischen und mathematischen Zusammenhänge, der physikalischen und kosmologischen Fragen, in die Tiefen der Vergangenheit und der Zukunft, in die Welt der Mikrowesen oder in die Weite des Weltraums. Er konnte sich auch der Biologie widmen, der weiteren Entwicklung des Menschen, den potentiellen Möglichkeiten psychischer und soziologischer Strukturen, den Problemen der freien Entscheidungen – der Ethik.
Seine Entscheidung war schon viel früher gefallen. Er ließ sich in das astronomische Labor auf dem Südpol des Jupiters transferieren und baute eine Raumkapsel auf – einen Lichtdrucksegler. Durch eine Rakete ließ er sich emporheben, entrann dem Gravitationsfeld, dann löste er die Verbindung und trieb hinaus ins All.
Er hatte Zeit, und er konnte diese Zeit ablaufen lassen, wie er wollte. Ihr Maß war die Pulsfrequenz. Milliarden Impulse in der Sekunde oder einer in Jahrhunderten – es war ihm überlassen. Er konnte die Sterne sehen, wie er wollte – in beständigen Konfigurationen, das unveränderliche Firmament des naiven Menschen; in einem Reigen von Kreis - und Ellipsenbahnen, Parabeln und Hyperbeln, den dynamischen Himmel Newtons; oder als Werden und Vergehen – Zusammenballungen, Explosionen, Pulsationen – das Weltall der Kosmologie.