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Einsteins Erben (Phantastische Bibliothek) [сборник]

Электронная книга - «Einsteins Erben (Phantastische Bibliothek) [сборник]». Краткое содержание книги:

Lange bevor Cyberspace und virtuelle Welten zu einem festen Bestandteil der allgemeinen Diskussion wurden, hat sich Herbert W. Franke (geb. 1927), theoretischer Physiker, Kybernetikfachmann, Pionier der Computerkunst und Science-fiction-Autor, in seinen wissenschaftlichen und belletristischen Arbeiten mit diesen Themen auseinandergesetzt. Mit Einsteins Erben liegen drei der erfolgreichsten Bücher von H. W. Franke wieder vor: In seinem Roman Zone Null entwirft er in Form eines spannenden Expeditionsberichts das Bild einer computerisierten Zivilisation, deren Angehörige, aller materiellen Sorgen enthoben, sich ganz dem widmen können, was sie interessiert: der Forschung, der Kunst, dem Spiel. Aber ist solch ein technisches Paradies ein erstrebenswertes menschliches Ziel? In Ypsilon minus zeigt Franke eine totalitäre Technokratie, in der elektronische Überwachungsanlagen die absolute Kontrolle aller Menschen ermöglichen. Beides, totale Freiheit und totale Kontrolle, sind Extremfälle der technischen Entwicklung. Sind warnende Beispiele für falsche zivilisatorische Entwicklungen. Probleme und ihre Lösung bilden auch den Kern des Erzählbandes Einsteins Erben: Informationsexplosion, Überbevölkerung, Umweltverschmutzung, die Anwendung von Kybernetik und Biotechnik sind die Themen dieser Erzählungen, die »an wissenschaftlicher Phantastik und spannendem Aufbau nicht zu wünschen übriglassen« (Neue Zürcher Zeitung).
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Einem von ihnen, einem kleinen Mann mit eisgrauem, ungeschnittenem Haar und einem Gesicht, in dem die Runzeln ein dichtes Spinnenmuster bildeten, begegnete er öfter als den anderen. Es sah so aus, als ob jeder von ihnen danach trachtete, die Wege des anderen zu kreuzen. Dennoch dauerte es Wochen, bis er mit einem ins Gespräch kam.

Zuerst sprachen sie über die Getränke, über die Riechkapseln, über die Bequemlichkeit der Stühle, in denen sie schliefen, wenn sie müde waren – sitzend, um nicht aufzufallen. Erst später kamen sie auf ihre Situation.

»Wie lang sind Sie schon ausgeschlossen?« fragte Daniel.

»Ich habe die Jahre nicht gezählt – vielleicht zwanzig Jahre, vielleicht vierzig, ich denke nicht darüber nach. Viel mehr beschäftigt mich die Frage, wie lange ich mich noch halten kann. Aber was auch immer geschieht – die Integration bleibt keinem erspart.«

»Wenn man nicht einverstanden ist …«

»Solange ich denken und sprechen kann, weigere ich mich. Sobald ich aber einen Defekt erleide, der mir diese Möglichkeit nimmt, müssen andere für mich entscheiden. Dann bleibt sowieso keine andere Wahl. Das System ist darauf angelegt, daß es Leben erhält.«

»Ich werde von Tag zu Tag müder, es ist kaum zu glauben, daß uns ein neuer Anfang bevorsteht. Gibt es keine Möglichkeit, diese Situation zu beenden?«

»Doch, eine besteht: die freiwillige Integration. Sie können sich jederzeit melden: 010 quer 010 quer 001. Dort würde man Sie mit Freuden aufnehmen.«

»Wissen Sie Näheres darüber? Hat man noch Gefühle? Hat man noch das Bewußtsein seiner selbst?«

»Ich weiß es nicht, doch ich werde es früh genug erfahren. Und Sie auch.«

Der Alte stand mühsam auf und verschwand mit schleifenden Schritten in der Tiefe des Ganges.

Daniel merkte, daß er gebrechlicher und schwächer wurde. Auf Krücken gestützt, schleppte er sich durch die endlosen Gänge, wenn er erschöpft war, ließ er sich auf eine Bank oder einen Stuhl sinken, die überall zu finden waren, starrte ins Leere, sah die Menschen nicht, die an ihm vorübergingen, und nichts von den Farbspielen an den Projektionswänden. Schlief kurz ein, erwachte, wanderte weiter, setzte sich, trank ein paar Schluck Bierblau, schlief, wanderte …

Dabei grübelte er ununterbrochen nach. Sein Denken funktionierte noch. Allmählich reifte in ihm ein Plan. Je mehr er Profil gewann, um so weniger kam es ihm vor, als wäre er ein Resultat seiner Überlegungen, eher hatte es den Anschein, als sickerte etwas aus seinem Unterbewußtsein durch, nur langsam, nach und nach, das aber doch allmählich ein Ganzes wurde, schwer auszudrücken, in den Konsequenzen unbestimmt, aber durchführbar und notwendig.

Er zögerte noch lange. Selbst als der Entschluß feststand, hatte er keine Eile, blieb noch tagelang in den Gängen, durchstreifte alle Winkel, als wolle er sich den Plan der Wege in diesem komplizierten Bauwerk einprägen.

Oft saß er in einer Art Warteraum, einer Halle, leer bis auf einige wahllos verteilte Stühle, und blickte unentwegt zu einer Tür, durch die einige – nicht viele – hineingegangen, doch keiner wieder herausgekommen war.

Eines Tages stand er auf, stemmte sich auf die Krücken und ging, ohne anzuhalten, ohne sich umzusehen, auf die Tür zu.

Seit Wochen hatte sich ihm keine Tür mehr geöffnet. Diese öffnete sich. Er ging unbeirrt weiter. Sie schloß sich hinter ihm, doch er bemerkte es nicht.

Er ging durch einen endlosen Gang, langsam … wenn er je Zeit gehabt hatte, dann jetzt.

Der Gang war zu Ende. Der Raum, der nun vor ihm lag, war riesengroß. Die gegenüberliegende Wand nicht zu erkennen, die Decke von blendendem Licht erfüllt. Vor ihm eine Wasserfläche – leuchtend grün, unbewegt. Man konnte tief hineinsehen. Dort unten schimmerte es hell – ein weißes Gebilde lag dort unten, verzweigt, verästelt, ein riesengroßes Gewächs, einer Korallenbank ähnlich. Zuerst verwirrend in seiner Vielfalt, dann lösten sich allmählich Ordnungen heraus, Symmetrien, Reihungen, Varianten. Eines wurde bald klar: Dieses Muster war nach einem bestimmten Plan entworfen, es besaß eine Gesetzlichkeit, die immer weitere Entwicklungen zuließ, ohne daß die Ordnung gestört wurde.

Daniel stand auf einer Terrasse, die sich nach beiden Seiten fortsetzte. Er wandte sich zur Seite. Auf einem Rollstuhl saß ein alter Mann, ein Kyborg. Daniel kannte ihn. Er hatte noch nie mit ihm gesprochen, hatte ihn aber zweimal auf den Projektionsschirmen gesehen.

»Sind Sie fest entschlossen?« fragte er.

»Ja, das bin ich«, antwortete Daniel.

Durch eine Bewegung des Kinns deutete der Alte hinab. »Kommt es Ihnen unmenschlich vor?«

»Ich wußte nicht, daß es unter Wasser liegt«, antwortete Daniel.

»Nährlösung, die einfachste Art, das Materialproblem zu lösen, und zugleich das älteste Verfahren. Und Licht«, – er blickte kurz nach oben, »Wärmestrahlung, sichtbares Licht, starker UV-Anteil – die Lösung des Energieproblems.«

»Ist es eine Schaltung oder ein Lebewesen?«

»Ich würde sagen: beides. Wie wollen Sie es unterscheiden?«

»Steht es mit dem Schaltnetz der Zentrale in Verbindung?«

»Es ist sein Gehirn, oder, besser, sein Neuhirn.«

»Wer hat es konstruiert?«

»Niemand hat es konstruiert. Wir haben ihm Gelegenheit zum Entstehen gegeben. Keinen Bauplan, sondern gewisse allgemeine Zielvorschriften, für die es selbst die Wege sucht. Es entwickelt sich längst allein weiter.«

»Wie geben Sie ihm meine Daten ein?«

»Wir gehen über einen normalen molekularelektronischen Speicher. Er steht mit allen Speichern in Verbindung.«

»Bleibt meine Persönlichkeit erhalten?«

»Gewiß – die Persönlichkeit ist das Aggregat aller Daten. Sie bleibt nicht nur bestehen – es ist die einzige Möglichkeit, sie dauernd zu erhalten.«

»Mein Bewußtsein? Meine Integrität?«

»Bewußtsein ist keine energetische, sondern eine informationelle Größe – es bleibt Ihnen. Die Integrität – nichts anderes als eine Vorschrift für die Zusammengehörigkeit der Daten.«

»Meine Abgeschlossenheit, meine private Sphäre?«

»Überflüssig. Überbleibsel aus der Steinzeit. Wozu abschließen, wozu Geheimnisse? Behielten wir sie bei, so wäre die Integration nur ein Mittel zur Konservierung. Gerade in der Öffnung, der Ausbreitung, liegt der Übergang zur nächsthöheren Entwicklungsstufe. Sie geben, aber Sie erhalten weit mehr: Verfügung über die gesamte gespeicherte Information, Zugang zu sämtlichen motorischen Zentren, Zugang zu allen Ein- und Ausgabekanälen, und diese reichen bis in die Weiten des Weltraums.«

»Gibt es keine Grenzen?«

»Doch, die Grenzen der Physik. Sie können nicht in atomare Dimensionen eindringen. Sie können keine Quantensprünge vorhersagen, Sie können die Lichtgeschwindigkeit nicht überschreiten. Und doch können Sie mehr, als Menschen je konnten. Sie haben keinen schwachen, zerbrechlichen, leicht verletzlichen, kurzlebigen Körper mehr. Ihr Selbst ist über weite Bereiche verteilt und doch ein Ganzes. Und es ist unverletzlich.«

»Werde ich noch fühlen können?«

»Aber ja – auch Gefühle sind informationelle Größen.«

»Und dieser Körper?« Daniel sah an sich hinab – ein Bündel Haut und Knochen, ausgemergelt, schrottreif. Nur das Gehirn war intakt … Allmählich erkannte er, daß er sich schrecklich getäuscht hatte. Würde er an diesen Körper herankommen, würde man es ihm erlauben, würde er es noch wollen?

Der alte Kyborg lächelte mild. »Staub wird zu Staub, und Asche zu Asche.«

Daniel war entschlossen, den Schritt zu tun, selbst wenn noch die Möglichkeit bestanden hätte zurückzukehren. Er hoffte nur, daß sich eines nicht wiederholen würde, was ihm bisher bei jeder entscheidenden Veränderung in seinem Leben geblüht hatte: eine Zeit der Leere, eine Zeit des Unvermögens. Aber er wagte nicht zu fragen. Das war sein Risiko.

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