Die Geheimnisse von Paris
- Автор: Сю Эжен
- Язык: немецкий
- Жанр: Другие приключения
Электронная книга - «Die Geheimnisse von Paris». Краткое содержание книги:
»Sie müssen ausfindig gemacht werden. Erfahre ich bei der Lucenay nichts, so gehe ich in die frühere Wohnung der unglücklichen Witwe, und werde selbst Gefahren nicht scheuen, sofern es nicht anders geht. Ich werde den beiden Damen möglichst bald Rettung bringen.«
Rudolf, tief ergriffen von solchem Wohltätigkeitseifer, lächelte traurig, als er die schöne, liebenswürdige, kaum zwanzigjährige Frau ansah, die in edlem Tun ihr Unglück zu vergessen strebte. Sie merkte es bald, errötete und schlug die Augen nieder, dann rief sie: »Sie lachen über meinen Eifer? Ich sehne mich aber nach solchen süßen Freuden, mein Leben zu verschönern, das bisher so trüb und freudlos verlaufen ist. Schon verdanke ich Ihrem Rate so rührende Empfindungen! O! königliche Hoheit, welchen Schatz von Güte birgt Ihre Seele! Woher haben Sie denn Ihr tiefes, edles Mitempfinden?« – – »Ich habe selbst schon viel gelitten und weiß, wie wehe Schmerz tut!« – »Auch Sie, königliche Hoheit, sind unglücklich?« fragte tief ergriffen die Marquise. – »Ja, gnädige Frau,« versetzte Rudolf, »im Freunde, im ersten Weibe, das ich mit aller Inbrunst eines jungen Herzens liebte, hat mich das Schicksal heimgesucht; in meiner Frau als Ehgemahl, in meinem Vater als Sohn und in meinem Kinde als Vater hat es mich bitter schwer getroffen.« –
»Und ich meinte, die Großherzogin habe Ihnen kein Kind hinterlassen?« – »Das wohl; aber vor meiner Verheiratung hatte ich eine Tochter, und sie verstarb in ihrer frühesten Kindheit. So eigentümlich es Ihnen auch erscheinen mag, der Verlust dieser Tochter, die ich doch eigentlich kaum gesehen, hat mein ganzes Leben mit Schmerz erfüllt. Je älter ich werde, desto tiefer wird dieser Schmerz. Mit jedem Jahre mehrt sich seine Bitterkeit. Mein Kind müßte jetzt siebzehn Jahre zählen.« – »Lebt die Mutter des Kindes noch?« fragte nach einer Weile die Marquise. – »O, kein Wort von ihr!« rief Rudolf, dessen Gesicht sich in düstere Falten legte, »ihre Mutter ist eine durch Selbstsucht und Ehrgeiz verhärtete Frau. Oft habe ich mir schon gesagt, daß es für das Mädchen besser gewesen, so früh zu sterben, als in den Händen einer solchen Mutter zu bleiben.« – »O, da wird es mir freilich begreiflich, daß Sie sich so lebhaft nach Ihrem Kinde sehnen!« sagte Clemence. – »Ach, wie innig hätte ich sie geliebt! Mir ist es immer so ums Herz, als wenn wir Fürsten einen Sohn nur aus Geschlechts- oder Namensinteresse liebten, eine Tochter aber mit unserm Herzen und um ihrer selbst willen.«
Clemence trat eine Träne ins Auge, so sehr ging ihr Rudolfs Ton zu Herzen. Nach einer Weile, fast errötend über das Gefühl, das ihn so übermannt hatte, sagte Rudolf mit traurigem Herzen: »Verzeihen Sie, daß ich mich so von meinen Empfindungen habe hinreißen lassen. Doch fassen wir Mut! Das Gespräch hat mich hinsichtlich Ihrer Person beruhigt: ein heilsamer Weg ist Ihnen gebahnt. Folgen Sie ihm, dann werden Sie sicherlich jene Jahre der Prüfung durchschreiten, die für Frauen, vor allem aber für Frauen von Ihrem Charakter, so gefahrvoll sind. Ihr Verdienst wird groß sein. Zwar werden Sie noch zu kämpfen und zu leiden haben, da Sie noch sehr jung sind; der Gedanke aber an das Gute, das Sie vollbracht haben und noch zu vollbringen haben, wird Ihnen Kraft und Mut leihen.« – »Ohne Ihren edlen Beistand würde mich alle Kraft verlassen,« sagte die Marquise, »das fühle ich tief, doch glauben Sie mir, ich werde keinen Schritt von meiner Pflicht weichen.«
Kaum waren diese Worte aus ihrem Munde, so öffnete sich eine verborgene Tür in der Tapete. Clemence schrie auf, und Rudolf fuhr zusammen. Kreidebleich, heftig erregt, die Augen voll Tränen, trat Harville über die Schwelle, den von der Gräfin Mac Gregor erhaltenen Brief in der Hand.. »Hier, Hoheit, lesen Sie, was mir vorhin überbracht wurde. Lesen Sie den Brief und dann verbrennen Sie ihn!« – Rudolf rief, während die Marquise erschreckt aufsah, voll tiefer Entrüstung: »Wie ist solche Schändlichkeit möglich? Da müßte man ja an der Welt verzweifeln!« – »Königliche Hoheit! Noch schändlicher vielleicht ist mein Verhalten,« sagte der Marquis. »Habe ich nicht an Ihnen gezweifelt, bis ich hörte, aus Ihrem Munde hörte, was Sie in die Rue du Temple geführt hat? Der diesen Brief geschrieben, weiß recht gut, an wen er ihn geschrieben! weiß recht gut, was für ein Schwachkopf ich bin! Knieend vor Ihnen, königliche Hoheit, und vor dir, mein Weib, bekenne ich, daß Wut und Eifersucht mein Herz zerfleischten, und bettle um Gnade, die ich nur finden kann, wenn sie Ihr Edelmut spendet.« – »Ach, mein lieber Albert,« erwiderte Rudolf, »was habe ich Ihnen zu verzeihen? Jetzt wissen Sie Bescheid um unsre Geheimnisse, und ich kann Ihnen gehörig den Text lesen. Sie wissen nun auch, was Sie von diesem edlen Herzen zu erwarten haben..« – »Ach, Clemence, kannst du mir auch diesmal verzeihen?« fragte Harville mit trübem Blicke seine Frau. – »O ja, doch unter der Bedingung, daß du mir beistehst, dich glücklich zu machen!« Bei diesen Worten gab sie ihrem Manne die Hand, die von ihm mit Wärme gedrückt wurde.
Am andern Morgen klingelte Harville seinem Lakai, der nicht wenig verwundert war, seinen Herrn ein Jagdlied trällern zu hören. Das war ein sicheres, wenn auch seltenes Zeichen für seine gute Laune.
»Ach, gnädiger Herr,« sagte der Diener, »es ist doch schade, daß Sie so wenig singen! Sie haben doch eine so prächtige Stimme!« – »So? Meinst du?« fragte der Marquis, sichtlich erfreut, »ich denke, du wirst die Musik wohl jetzt alle Tage hören.« – »Ach, wie mich das freuen würde! Also werden Sie alle Tage sich so recht von Herzen glücklich fühlen?« – »Ja, Joseph, ich werde jetzt so recht von Herzen glücklich sein. Hat mir doch meine Frau versichert, daß sie mich jetzt so recht, recht lieb habe.« – »Nun, habe ich nicht immer gesagt, daß sie noch einmal einsehen werde, was für einen guten Mann sie an Ihnen habe?« – »Und mich, Joseph, macht diese Zuversicht, jetzt meiner Frau Liebe so ganz zu besitzen, so glücklich, daß ich fast überzeugt bin, von meiner schrecklichen Krankheit geheilt zu sein.« – »Wirklich, gnädiger Herr! Ach, wie wollte ich Gott dafür von Herzen danken!«
»Nun, wenigstens hat mir mein Arzt wiederholt schon gesagt, daß ebenso, wie eine starke Erschütterung hinreiche, sie hervorzurufen, nichts anderes vonnöten sei, sie zu heilen.« – »Herr Marquis, wenn Sie den festen Glauben haben, so wird die Heilung auch eintreten, sofern sie nicht wirklich schon eingetreten ist. Aber – aber – es ist des Glückes fast zuviel für einen Tag. Zum Glück bringe ich ein bißchen Wermut mit: ein Freund von Ihnen hat einen Degenstoß bekommen, der freilich nicht viel auf sich hat, aber – die Sache genügt doch, dem schönen Sonnenschein des heutigen Tages ein bißchen Schatten zu geben.« –
»Wer ist's denn, der einen Degenstoß abbekommen?« – »Der Herzog von Lucenay.« – »Die Verwundung hat aber nicht viel auf sich?« fragte Harville. – »Nein. Der Arm ist bloß ein bißchen geritzt. Gestern wollte er Ihnen seinen Besuch machen, traf Sie aber nicht und hat hinterlassen, daß er heute vormittag wiederkommen werde, um eine Tasse Tee mit Ihnen zu trinken.«