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Die Geheimnisse von Paris

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Die Geheimnisse von Paris
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Sechstes Kapitel.

Eine Konferenz.

Am selben Tage, da Marie durch Bakel und die Eule geraubt wurde, war in der zehnten Stunde ein Reiter in Bouqueval abgestiegen, um Frau Georges im Auftrage Rudolfs über das Verschwinden des Mädchens zu beruhigen und ihr zu sagen, daß sie sich sehr bald wieder werde sehen lassen. Frau Georges solle, falls sie ihm etwas mitzuteilen habe, nicht nach Paris schreiben, sondern ihm, dem Boten, den Brief mitgeben. Der Bote war aber nicht von Rudolf, sondern von der Gräfin Sarah abgeschickt worden, die durch diese List erreichte, daß Rudolf erst einige Tage später von dem Raube des Mädchens unterrichtet werden konnte. Inzwischen rechnete sie darauf, von Ferrand Zustimmung zu dem geplanten Betruge zu erlangen. Sie wollte sich ferner auch der Frau von Harville entledigen, da sie sich ernster Gefahr durch sie versah. Zu diesem Zwecke ersann sie folgendes anonyme Schreiben, das ihrer Meinung nach zum gänzlichen Bruche zwischen Rudolf und dem Marquis führen mußte ...

»Sie sind schmählich hintergangen worden, Herr von Harvillel Ihre Frau hat, als sie merkte, daß Sie ihr nachgingen, den Armenbesuch mit erstaunlicher Biegsamkeit des Geistes ersonnen. Nichtsdestoweniger war sie unterwegs zu einer sehr hochgestellten Person männlichen Geschlechts, die unter dem Namen Rudolf in dem fraglichen Hause der Rue du Temple ein Zimmer im vierten Stock gemietet hat. Wollen Sie nicht den Glauben wecken, ein gar zu eifriger Fürstendiener zu sein, dann mißachten Sie diese Warnung nicht!«

In der fünften Nachmittagsstunde desselben Tages, an welchem sie zu Ferrand ging, brachte Sarah den Brief zur Post. – Rudolf seinerseits ging an demselben Tage, an welchem er Graun benachrichtigen ließ, Davids Frau so schnell wie möglich nach Paris zu schaffen, in das Palais des x-schen Gesandten, um dessen Gemahlin eine Visite zu machen: dann beabsichtigte er, sich zu der Marquise vor Harville zu begeben, um sie von einer neuen Gelegenheit, ihre Mildtätigkeit zu betätigen, zu unterrichten. Der Marquis und seine Gemahlin erhoben sich eben von der Tafel, als Rudolf angemeldet wurde.

»Es freut mich außerordentlich, Sie und meinen lieben Albert einmal wiederzusehen,« sagte Rudolf, dem Marquis die Hand drückend. – »Es ist wirklich lange her,« versetzte der Marquis, »daß ich die Ehre nicht hatte, Königliche Hoheit zu sehen.« – »Und an wem liegt die Schuld, Sie ewig Unsichtbarer? Erst vor drei Wochen habe ich mich bei Ihrer schönen Gemahlin nach Ihnen erkundigt. Es ist recht unlieb von Ihnen, sich niemals sehen zu lassen.« – »Seien Sie versichert, königliche Hoheit, daß mich nur unvorhergesehene Umstände zwangen, mich fern zu halten.« – »Unter uns, lieber Albert, Sie sind ein zu arger Platoniker als Freund! Wissen Sie, daß man Sie schätzt, dann liegt Ihnen nichts, mehr an Anhänglichkeitsbeweisen.«

Da trat ein Diener ein mit einem Briefe an den Marquis: es war die Warnung, die von der Gräfin Sarah geschrieben worden war, und die den Fürsten als Liebhaber der Marquise bloßstellte. Harville trat zum Kamine, um an einem der dortstehenden Leuchter zu lesen, was der Brief enthielt. Unterdes plauderte Rudolf mit der Marquise. Der Marquis las lange, las zweimal, aber seine Züge blieben unverändert, nur seine Hand zitterte, als er das Billet in die Westentasche schob. – »Auf die Gefahr hin, Sie zu kränken, muß ich um Erlaubnis bitten, mich zu verabschieden. Ich muß den Brief sofort beantworten, der mir jetzt zugestellt wurde.« – »So werde ich Sie nicht wiedersehen?« fragte Rudolf. – »Schwerlich, Hoheit! Wie gesagt, ich bitte, mich zu verabschieden.« –

»Seltsam! Wie konsequent er uns meidet!« sagte Rudolf; »wollen Sie ihn nicht zurückzuhalten suchen?« – – »Solchen Versuch möchte ich nicht wagen,« erwiderte die Marquise, »nachdem er Ihnen, Hoheit, mißglückt ist.« – »Ein Wort im Ernst, lieber Albert,« sagte Rudolf, »kommen Sie doch wieder, sobald Sie mit Ihrem Briefe fertig sind; oder versprechen Sie mir wenigstens für den nächsten Vormittag einen Besuch. Ich habe Ihnen tatsächlich viel zu berichten.« – »Königliche Hoheit sind sehr gütig,« erwiderte der Marquis mit tiefer Verbeugung, um dann hinauszugehen und Rudolf mit seiner Gemahlin allein zu lassen.

»Ihr Mann peinigt sich mit recht häßlichen Gedanken,« sagte Rudolf, »mir war so zumute, als ob er lieber geweint: als gelacht hätte.« – »Beschäftigen wir uns lieber mit fremdem als eigenem Unglück,« sagte die Marquise. – »Ach! Ich weiß ja, worauf Sie hinaus wollen,« sagte Rudolf, »nun, es war sehr recht von mir, die Stube in dem Hause der Rue du Temple zu mieten, von dem ich gesprochen. Sie können sich nicht vorstellen, wieviel Merkwürdiges und Interessantes ich dort gefunden habe. Ihre Schützlinge erfreuen sich in dem Dachstübchen alles Glückes, das Sie ihnen zuteil werden ließen, aber andere harte Prüfungen sind über sie gekommen. Doch möchte ich Sie nicht traurig stimmen; es wird Ihnen noch früh genug zu Ohren kommen, was für schreckliches Leid über eine einzige Familie kommen kann.«

»Sie haben also die Leute in meinem Namen unterstützt?« fragte die Marquise. – »Ja, und vor Not sind die Leute zunächst gesichert. Befassen wir uns jetzt mit unsrer kleinen Intrige! Es handelt sich um eine arme Mutter, die mit ihrer Tochter früher im Wohlstände lebte und jetzt der bittersten Not preisgegeben ist.« – »Wo wohnen die unglücklichen Menschen?« – »Ja, ich weiß es selbst nicht,« antwortete Rudolf, »ich war gestern mit einer Nachbarin aus der Rue du Temple im Temple. Das kleine Ding heißt Lachtaube und ist ein kleines Wunder von Ordnung und Sauberkeit, zudem eine kleine Lebensphilosophin und eine recht geschickte Näherin.«

»Nun, ich will ihr morgen Arbeit schicken.« – »Also interessieren Sie sich für meine kleine Nachbarin? Nun, dann können wir uns ja ohne weiteres zu dem kleinen Abenteuer wenden, von dem ich vorhin sprach. Also: Ich ging mit meiner kleinen Lachtaube in den Temple, um für Morels noch ein paar Sachen zu kaufen. Da fand ich in einem alten Schreibsekretär, der auch zu verkaufen war, und den ich mir ansah, weil ich eigentlich die Absicht hatte, ihn an mich zu bringen, das Konzept zu einem Briefe, worin eine Mutter Klage gegen jemand führte, sie mit ihrer Tochter durch Unterschlagung eines Depositums in das größte Elend gebracht zu haben. Sie scheinen den besten Kreisen anzugehören, aber durch diesen Betrug in die ärgste Not gekommen zu sein.«

»Sie wissen aber nicht, wo die Damen wohnen?« – »Nein. Ich habe aber Graun befohlen, die Adresse auszuspionieren, wenn nicht anders, mit Zuhilfenahme der Polizei. Ich vermute, daß sich die unglücklichen Damen in irgendein Hotel garni geflüchtet haben.«

»Ein wunderliches Zusammentreffen von Umständen!« rief die Marquise. – »Hören Sie weiter!« fuhr Rudolf fort, »in einer Ecke des Schreibblattes, das ich in dem Sekretär fand, standen die Worte: schreiben an die Herzogin von Lucenay.« – »Nun, dann werden wir ja Näheres erfahren,« rief die Frau Marquise, aber mit einem schweren Seufzer setzte sie gleich hinzu: »Wie soll ich der Herzogin aber die Frau schildern, da ich sie doch gar nicht kenne?« – »Sie werden sich erkundigen müssen, ob sie vielleicht eine junge Witwe kennt, deren Tochter den Namen Klara trägt. Ihn besinne ich mich gehört zu haben.« – »So heißt ja auch meine Tochter. Nun, das ist für mich ein weiterer Grund, mich nach den beiden Damen aufs angelegentlichste zu erkundigen.« – »Eins noch muß ich erwähnen,« sagte Rudolf: »der Bruder der Dame hat durch Selbstmord geendet.« –

»Ich glaube,« antwortete die Marquise, »daß diese Angaben ausreichen werden, uns auf die Spur zu führen. Ich werde der Herzogin noch heut abend ein paar Worte schreiben, damit ich sie morgen früh bestimmt zu Hause treffe. Daß aber solche Damen in so krasse Not geraten könnend Das muß ja geradezu gräßlich für sie sein!« – »Und wodurch?« rief Rudolf; »einzig und allein durch die Schurkerei eines Notars, von dem mir schon andere derartige Stückchen bekannt sind. Ferrand, Jakob Ferrand heißt der Wicht.« – »Was?« rief Clemence, »meines Mannes Notar? und auch meiner Stiefmutter Notar? Aber Sie irren, Hoheit! Ferrand gilt allgemein als der größte Ehrenmann, als Muster von Rechtschaffenheit.« – »Ich habe die wuchtigsten Beweise vom Gegenteil,« rief Rudolf, »doch bitte ich Sie, gegen niemand sich hierüber zu äußern. Der Halunke ist ein Ausbund von Pfiffigkeit und Gemeinheit, und bis ich ihm die Maske vom Gesicht reißen kann, darf er in dem Glauben an seine Straflosigkeit nicht irritiert werden. Dies Ungeheuer von Schlechtigkeit hat die beiden Damen um ihr Vermögen gebracht, indem er ein anvertrautes Gut in Abrede stellt, das ihm aller Wahrscheinlichkeit nach von dem verstorbenen Bruder der Witwe eingehändigt worden ist.« –

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