Nijura - das Erbe der Elfenkrone
- Автор: Nuyen Jenny-Mai
- Год: 2006
- Язык: немецкий
- Год: cbj Verlag
- ISBN: 978-3-570-13058-2
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Nijura - das Erbe der Elfenkrone». Краткое содержание книги:
Das Messer braucht eine Trägerin – und es hat sich dafür Nill erwählt. Schnell wird Nill zum Spielball aller Mächte und Interessen. Gejagt von den Grauen Kriegern und unterstützt nur von einigen wenigen mutigen Gefährten, macht sich Nill auf die gefährliche Reise zum Turm des Königs.
Mit atemberaubender Spannung verstrickt Jenny-Mai Nuyen ihre Leser in eine Fantasy-Welt voller überraschender Wendungen – und in eine bewegende Geschichte über Liebe, Loyalität und Verrat.
Treppen führten ins Innere von Gebäuden wie ausgerollte Zungen. Tore aus massivem Stein klafften groß und finster wie die Rachen eines Ungeheuers. Sie waren im Zentrum des Turms angekommen.
In einer Schlange trotteten die Arbeiter durch die Arena, um die Waffen an irgendeinen sicheren Ort jenseits der Turmmauern zu bringen. Noch immer ihre Steine tragend, folgten die Gefährten den anderen und sahen sich mit furchtsamen Blicken um. Die meterdicken Steinmauern glänzten im Nieselregen.
Das Wasser bahnte sich in breiten Rinnsalen seine Wege über den Boden und bildete Pfützen.
Schreie ließen Nill, Fesco und Scapa zusammenzucken. Nicht weit entfernt wurde ein älterer Moorelf aus der Menge gezerrt und von einer Schar Grauer Krieger zu Boden gestoßen. Dann sah Nill nichts mehr von ihm, erkannte nur noch die Grauen Krieger, die ihre Holzstöcke hoben und zu Boden sausen ließen. Die Schreie erstarben.
Nill zitterte so sehr, dass sie in die Knie zu sinken fürchtete. Doch nicht sie fiel hin.
Sondern ihr Felsbrocken.
Er plumpste zu Boden und rollte unbeholfen zwischen den Füßen der anderen Arbeiter hindurch. Hastig lief Nill hinterher und griff nach dem Felsbrocken – als sich ein Stiefel darauf setzte. Sie blickte auf und erstarrte.
Vor ihr stand ein Grauer Krieger.
Braune Tätowierungen überzogen die Hälfte seines Gesichts. Die Haare waren an einer Seite des Schädels kahl geschoren.
Der Moorelf grinste, doch das Glühen in seinen Augen versetzte Nill in Todesangst. »Was das?«, sagte er gebrochen. Regentropfen sprangen von seinen Lippen und landeten auf Nills Stirn. »Stein?«
Sie brachte keinen Ton hervor. Nur ihr Kinn zitterte. Der Graue Krieger knurrte etwas Unverständliches, dann streckte er die Hand nach ihr aus. Plötzlich drängte sich Scapa zwischen sie und den Grauen Krieger. Der Moorelf hielt verblüfft inne, als sich der drohende Blick des Jungen auf ihn richtete – dann erst wurde ihm bewusst, dass er ja ein Junge im tauglichen Alter war.
»Was machst – zu alt für hier und nicht bei Krieger?« Die schmal gekniffenen Augen des Grauen Kriegers wurden mit einem Mal groß. Es war, als erkenne er hinter Dreck und Schlamm plötzlich Scapas Gesicht ... ein Gesicht, das nicht aussah, als wäre es ...
Er packte Scapa am Kragen und zerrte ihn so nah heran, dass der Junge auf den Zehenspitzen stand.
»Me-ensch!«, sagte der Graue Krieger.
Nill sah, wie Scapas Hand nach dem Dolch in seinem Gürtel griff. Ihr wurde schlecht vor Furcht.
»Nein«, rief sie. »Nein! Halt!«
Der Graue Krieger schwenkte Scapa zur Seite, und ohne ihn loszulassen, setzte er seine Speerspitze an Nills Kehle. Das abscheuliche Grinsen war von seinem Gesicht abgefallen.
»Wir – wir sind Gesandte!« Nill hob die Hände.
Dann fasste sie Fesco am Arm, der vor Schreck seinen Felsbrocken fallen ließ, und zog ihn neben sich.
»Wir sind Gesandte aus den Dunklen Wäldern! Wir müssen zum König von Korr.«
Der Blick des Kriegers durchbohrte erst Nill, dann Fesco und schließlich Scapa. »Gesandte.« Der Moorelf spuckte die Silben aus wie Knochensplitter.
»Dann mit zum König.« Er neigte den Kopf mit einem fratzenhaften Lächeln, als hätte er ihnen soeben verkündet, sie würden in eine Löwengrube geworfen.
Dann ließ er Scapa los, packte seine Lanze mit beiden Händen und trat mehrere Schritte zurück. »Hier! Hier!«, schrie er und hob die Lanze. Augenblicklich kamen mehrere Krieger mit Tätowierungen auf Gesicht und Schädel heran. »Da Gesandte. Zum König bringen!«
Die Krieger warfen sich unruhige Blicke zu. Mit einer unwirschen Bewegung seines Speeres wies der Moorelf Nill, Scapa und Fesco an, loszugehen.
Der Regen schien stärker zu werden, während sie die Arena durchquerten. Das Wasser durchweichte ihre Kleider und ließ sie mit den Zähnen klappern.
Am Rand des riesigen Hofes erreichten sie eine Treppe aus Stein, die weit hinauf und tief hinein in den Körper des steinernen Ungeheuers führte. Sie erklommen die glitschigen Stufen. Hin und wieder streifte Nills Schulter eine Speerspitze, und sie zuckte zusammen. Was würden sie jetzt tun? Was würden sie sagen, wenn sie vor dem König standen? Und wenn sie nicht vorher getötet wurden – dann musste Nill jemanden töten.
Lange stiegen sie die Steinstufen hinauf. Ein weites Dachgewölbe öffnete sich über ihnen und der Regen prasselte nicht mehr auf sie herab. Die Geräusche von draußen blieben zurück und erwartungsvolle Stille empfing sie. Nur der Wind, der sich im hohen Gemäuer verfangen hatte, heulte wie ein verirrter Geist. Die Treppe mündete in eine imposante Halle, deren Dachkuppel von steinernen Bogen durchspannt war. Unzählige Pforten führten von hier ins Unbekannte und die Grauen Krieger schlugen einen Weg ein.
Die Korridore und Gänge, denen sie folgten, waren selbst breit wie Hallen. Fackellicht ließ die schwarzen Steinwände erstrahlen, denn Fenster gab es nicht. Zweimal mussten sie eine Treppe nehmen und stiegen mindestens hundert Stufen hinauf. Sie begegneten hin und wieder einem Grauen Krieger, der vor einem Torbogen Wache hielt. Sonst bewegten sich nur die Schatten jenseits des Fackelscheins und der Turm schien wie ein gigantisches Grab.
Schließlich erreichten sie einen langen Korridor.
Die Decke war so verschwenderisch hoch wie der Korridor breit. Hier schien alles nicht für Menschen oder Elfen gebaut zu sein, sondern für Riesen.
Am Ende des Korridors ragte eine Doppeltür auf, so mächtig wie ein Tor. Im Näherkommen erkannte Nill, dass sie aus Holz gefertigt war. Unzählige Verzierungen und Reliefs wurden im Flackern des Feuerscheins sichtbar: Schnitzereien von Szenen großer Schlachten, Reitern auf langbeinigen Pferden mit Schwertern und Bogen und Bilder von riesigen Kesseln, in denen Eisen verflüssigt wurde. Aber in der Mitte der Schnitzereien prangte das Bildnis eines Diadems mit klauenartigen Zacken, das größer war als alle anderen Verzierungen. Die Krone Elrysjar.
Vor der Tür standen acht Wachen. Es gab einen kurzen Wortwechsel zwischen ihnen und den Wächtern der Gefährten – dabei sprachen sie alle gebrochen in der Sprache der Menschen. Dann traten die Krieger zur Seite und drehten die mächtigen Türräder. Ein tiefes, schweres Knarren durchlief das Holz.
Dann öffnete sich ein schmaler Spalt des zentimeterdicken Türflügels, sodass Nill, Scapa, Fesco und ihre Wächter hindurchpassten.
Helles Licht kam ihnen entgegen. Es war nicht nur Feuerschein, sondern auch Tageslicht: Am fernen Ende der Halle erhob sich eine Reihe hoher Fenster.
Und was für eine Halle es war! Die Gefährten waren im Herzstück des Turms angekommen.
Links ragte eine Reihe verschnörkelter Portale auf, rechts mehrere Doppeltüren, gesäumt von Obelisken.
Und direkt gegenüber dem Eingangstor, unter den hohen Fenstern, zogen sich zehn Treppenstufen hinauf zu einer Thronempore. Die Treppe und einen Teil des Fußbodens bedeckte ein aufwändig bestickter Teppich, der wie eine Landkarte Sonne, Sterne und Mond, Schiffe und Städte zeigte.
Rings um die Thronempore standen ein Dutzend Krieger. Den Thron selbst verbarg ein dunkelroter Vorhang – nur wenn man vor der Empore stand und genau hinsah, konnte man schemenhafte Umrisse durch den Stoff erkennen.
Stimmen drangen durch den Vorhang. Die Grauen Krieger waren auf ein Knie gesunken und verneigten sich ehrerbietig. Erst nach einigen Augenblicken wagten sie sich wieder aufzurichten, und einer von ihnen rief: »Eure Majestät – hier Gesandte von Dunkle Wälder! Was tun, Eure Majestät?«
Ein Flüstern drang durch den Vorhang. Der Wind pfiff hohl in der Dachkuppel, wie ein leises Weinen klang es. Dann rief eine monotone Frauenstimme:
»Ihre göttliche Majestät wünscht, dass die Gesandten näher treten.« Und fügte im selben Atemzug hinzu: »Bogen!«
Die Wächter rings um die Empore nahmen ihre Bogen und legten Pfeile auf. Sie spannten noch nicht die Sehnen, trotzdem richteten sich augenblicklich ein Dutzend Eisenspitzen auf die Köpfe der Gefährten. Schwach vor Angst traten die drei näher und durchschritten die riesige Halle. Nicht mehr als zehn Meter trennten sie nun von den Stufen.