Nijura - das Erbe der Elfenkrone
- Автор: Nuyen Jenny-Mai
- Год: 2006
- Язык: немецкий
- Год: cbj Verlag
- ISBN: 978-3-570-13058-2
- Жанр: Фэнтези
Электронная книга - «Nijura - das Erbe der Elfenkrone». Краткое содержание книги:
Das Messer braucht eine Trägerin – und es hat sich dafür Nill erwählt. Schnell wird Nill zum Spielball aller Mächte und Interessen. Gejagt von den Grauen Kriegern und unterstützt nur von einigen wenigen mutigen Gefährten, macht sich Nill auf die gefährliche Reise zum Turm des Königs.
Mit atemberaubender Spannung verstrickt Jenny-Mai Nuyen ihre Leser in eine Fantasy-Welt voller überraschender Wendungen – und in eine bewegende Geschichte über Liebe, Loyalität und Verrat.
Scapa war ein bisschen überrascht, dass Nill ihn seit dem Morgen kein einziges Mal angesehen hatte.
Dann kam er darauf, dass sie wohl nicht wollte, dass Fesco etwas wusste, und das war ihm nur recht. Sie hatten schließlich Großes vor sich, sie mussten sachlich und aufmerksam bleiben.
Sie begegneten keinen Grauen Kriegern. Die Marschen schwiegen und nur ab und zu hallte ein dumpfes Platschen durch die Stille. Als der Abend aufzog, suchten Nill, Scapa und Fesco nach einem Unterschlupf, fanden aber nichts und mussten sich so im hohen Gras niederlassen. Der Boden war seltsam weich, aber nicht wirklich feucht. Im letzten Dämmerlicht des Tages rollte Scapa noch einmal die Landkarte auf. Das Pergament war inzwischen zerknittert. Mit dem schmutzigen Zeigefinger fuhr er über die Zeichnungen.
»Ich schätze, wir sind etwa hier«, sagte er und wies auf einen Abschnitt in den Marschen, noch weit entfernt von den Eisenminen der Küste. »Diesen Weg müssen wir nehmen ...« Und er fuhr mit der Fingerkuppe den ganzen Weg hinauf bis dorthin, wo sie den Turm des Königs vermuteten.
Fesco schluckte. »Wie lange, glaubt ihr, sind wir noch unterwegs?«
Scapa zuckte nachdenklich mit den Schultern.
»Vielleicht eine Woche. Vielleicht drei. Wir werden sehen, wie schnell wir in den Sümpfen vorankommen.«
»Für drei Wochen haben wir nicht genug Proviant«, sagte Fesco leise. »Das, was wir noch haben, reicht vielleicht gerade für eine Woche.«
Nill legte sich wortlos zu Boden und hüllte sich fest in ihren Umhang. Nimm das mit den Wochen nicht so ernst, hatte sie Fesco gerne beruhigt. Scapa sagt vieles, das nicht stimmt.
Am nächsten Morgen begannen sie, ihre Wegzehrung zu sparen. Es war nicht mehr viel übrig, und wenn das Brot erst einmal weg war, würden sie hungern müssen. Wie am Tag zuvor gingen sie schweigend, wichen Treibsandmulden aus und kletterten über abgestorbene Bäume, wateten durch kniehohe Schlammpfützen und zertraten trockenes Dornengestrüpp. Mittlerweile wunderte sich Scapa über Nills abweisende Art. Schon seit gestern wich sie seinen Blicken aus und behandelte ihn wie Luft. Aber vor Fesco wollte er sie nicht darauf ansprechen – er würde es heute Abend tun, wenn Fesco schlief.
Doch als es dunkel war und sie sich unter einem trockenen Mooshügel ins Gras gekauert hatten, kehrte Nill ihm den Rücken und schien bereits zu schlafen. Scapa seufzte wütend und hilflos. Was hatte er nun schon wieder getan?
»Wieso sagst du nicht einfach, was los ist?«, murrte er in die Nacht.
Überraschenderweise antwortete Nill. Und sie klang so feindselig, dass Scapa zusammenzuckte.
»Ich denke an Kaveh, Mareju und Arjas – ist dir das noch nicht in den Sinn gekommen? Sie sind vermutlich tot.« Ihre eigenen Worte schnürten Nill die Kehle zu. Es war, als werde dieser Gedanke jetzt sehr viel wahrscheinlicher, wo sie ihn ausgesprochen hatte.
Was, wenn sie tatsächlich tot waren? Nill wurde ganz schlecht vor Elend. Kaveh! Und die Zwillinge ...
... Das durfte nicht sein, es durfte einfach nicht. Aber selbst, wenn Kaveh und die Ritter nicht von den Grauen Kriegern ermordet worden waren – wiedersehen würde Nill sie wahrscheinlich nie mehr. Und das ist Scapas Schuld, flüsterte eine heimtückische Stimme in ihrem Hinterkopf.
Die Tage verstrichen. Der Hunger, die trostlose Umgebung, das ewige Laufen, Klettern und Voranstolpern erstickten die Worte der Gefährten und machten ihre Blicke stumpf. Nill ging wie schlafwandelnd voran, setzte einen Fuß vor den anderen, immer weiter, weiter, weiter ... Anfangs zerbrach sie sich den Kopf über Scapa, war wütend und traurig und durcheinander. Dann dachte sie an Kaveh und die Zwillinge. Bei den Gedanken an sie verweilte sie lange, bis sich alle Ängste und Sorgen zu einem schweren Elendsklumpen verschlungen hatten. Sie hatte sie einfach verloren.
Sie dachte nicht mehr an den König von Korr, vergaß sogar hin und wieder, wieso sie überhaupt hier waren und immer weiter gingen – alles war ihr fern. Nur der Steindorn ... Unbemerkt schlich er sich immer wieder in ihre Hand. Wenn sie sich schlafen legte, merkte sie, dass sie den ganzen Tag die Faust um ihre Rocktasche geschlossen hatte, und wenn sie erwachte, hielt sie ihn wieder zwischen den Fingern.
Der Steindorn führte sie vorwärts. Der Steindorn war alles, was noch zählte. Seinetwegen war sie hier.
Eines Morgens fuhr Nill aus einem Traum auf, der zerfiel, sobald sie die Augen öffnete. Scapa sah sie an, als hätte er sie schon länger beobachtet.
»Das ist alles, was noch da ist.« Er hielt einen verkrusteten Brotkanten in der Hand. »Du sollst das Brot essen!« Er rutschte auf den Knien neben sie und ergriff ihr Handgelenk. »Du sollst es haben und Fesco ...«
»Hör auf damit, Scapa«, murmelte Nill. »Wir teilen es alle miteinander.«
Er schloss sie ergriffen in die Arme. Nill erwiderte die Umarmung und so klammerten sie sich eine Weile aneinander, und plötzlich schien alles, was sie in den Tagen zuvor getrennt hatte, wie ausgelöscht.
Überrascht merkte Nill, dass Scapa schluchzte, ganz kurz nur, ganz leise.
»Wir müssen es schaffen! Wir müssen den König stürzen, und wenn ...«
»Ich weiß«, sagte Nill. »Ich weiß!«
»Ich ...« Sein Flüstern erstarb, er schluckte. »Ich glaube, ich werde sterben. Mir wurde gesagt, dass ich eines Tages über meinen eigenen Tod entscheiden muss, und wenn ich es jetzt muss, dann werde ich ...«
»Hör auf. Sag so etwas nicht.« Sie sah ihn an und strich den Schmutz von seiner Wange. »Es macht mir Angst, wenn du so redest.«
Er senkte das Gesicht. Lange erwiderte er nichts und starrte die Brotkruste an. »Tut mir Leid«, sagte er leise. »Ich ... Nein, du hast Recht. Man kann nie wissen, was passieren wird.« Es klang nicht so, als würde er daran glauben.
»Wir tun, was wir können. Ja?«
»Ja.« Er blickte zu ihr auf. »Hauptsache, wir halten zusammen. Du und ich und Fesco. Das ist alles, was zählt!«
Die Augenblicke wurden zu Stunden und die vergangenen Tage verblassten zu Sekunden. Sie stolperten stumpfsinnig weiter, immer voran, während der Hunger sie auszehrte.
Irgendwann in der Dämmerung begann der Boden, unter ihnen zu vibrieren und die Sumpfteiche bekamen Ringe auf der Oberfläche. Sie ließen sich bäuchlings ins Gras sinken, als nicht weit entfernt eine Schar Grauer Krieger durch die Moore preschte.
Dann hatte der Nebel die Reiter wieder geschluckt und sie standen auf und setzten ihren Weg fort.
Am nächsten Tag beobachteten die drei, verborgen im hohen Schilf, eine zweite Reiterei. Und ehe der Abend anbrach, mussten sie sich abermals vor einer Truppe verstecken.
In den vergangenen zwölf Tagen waren sie keiner Seele begegnet – und nun gleich drei Reitertrossen innerhalb von zwei Tagen! Entweder verfolgte man sie noch immer, oder aber (und dabei überkamen sie Erleichterung und Angst zugleich) der Turm des Königs war nahe.
In den frühen Morgenstunden begann es zu nieseln. Die Gefährten erwachten im kalten Regen und machten sich mit hochgezogenen Schultern auf ihren Weg. An manchen Stellen waren die Nebelschwaden so dicht, dass sie kaum mehr ihre Füße auf dem Boden sahen – und nur ein paar Schritte weiter begann es zu gießen und die Luft war klar, als hätten die Wasserwogen sie reingewaschen. Die letzten Dunstschleier zogen sich auf, wie ein Vorhang öffneten sie sich vor den Gefährten und offenbarten, was vor ihnen lag.
Nill, Scapa und Fesco blieben stehen. Der Anblick riss sie aus dem langen Zustand des Wachträumens.
Ein endlos langer Hang aus Erde und Steinen führte in die Tiefe. In der Ferne erkannten die Gefährten merkwürdige, aufgeschüttete Hügel und Höhlenschächte. In die Nebel der Sümpfe mischten sich schwarze Rauchsäulen. Und dahinter ...