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Mephisto

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Mephisto
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Die alte Frau begriff gar nichts. Sie weinte ein wenig, wunderte sich, sch�ttelte den Kopf, betete und schickte das Geld, das sie gerade aus Berlin bekommen hatte, wieder dorthin zur�ck.,In den St�dten scheinen sie alle n�rrisch geworden zu sein', dachte sie..Warum mu� das Geld erst durch halb Deutschland reisen, wenn es doch aus Berlin ist und in Berlin ausgegeben werden soll? Aber sicher ist es ein guter Mensch, der das f�r meinen Otto getan hat - sicher ein guter und frommer Mensch.' Und sie schlo� den unbekannten Spender in ihre Gebete ein.

So wurden Grabstein und Sarg des ermordeten Revolution�rs von der hohen Gage bezahlt, die der Herr Intendant vom nationalsozialistischen Staate bezog. Dies war das Letzte und Einzige, was Hendrik H�fgen noch f�r seinen Freund Otto Ulrichs leisten konnte - es war die letzte Beleidigung, die er ihm antat. Hendrik aber f�hlte sich erleichtert, nachdem das Geld an Mutter Ulrichs abgegangen war. Nun war sein Gewissen doch ein wenig beruhigt, und auf der Seite, wo er in seinem Herzen die �R�ckversicherungen� buchte, gab es wieder einen positiven Posten. Die Spannung, in der er sich w�hrend der letzten schlimmen Tage befunden hatte, lie� nach. Der Druck wich von ihm. Es gelang ihm, seine ganze Energie auf den Hamlet zu konzentrieren.

Diese Rolle bereitete ihm Schwierigkeiten, auf die er nicht gefa�t gewesen war. Mit welchem Leichtsinn hatte er damals, in Hamburg, den D�nenprinzen improvisiert! Der gute Kroge hatte gesch�umt und noch auf der Generalprobe die Vorstellung absagen wollen. �Denn solche Schweinereien dulde ich nicht in meinem Hause!� hatte der alte Vork�mpfer eines geistigen Theaters gebr�llt. Hendrik erinnerte sich daran, und er mu�te l�cheln.

Nun gab es niemanden mehr, der in seiner Gegenwart und ihn betreffend von �Schweinereien� zu reden wagte. Aber wenn er allein war und keiner ihn h�ren konnte, st�hnte Hendrik: �Ich schaffe es nicht!� Beim Mephisto war er, vom ersten Augenblick an, jeden Tones und jeder Geste sicher gewesen. Der D�nenprinz aber war spr�de, er verweigerte sich Hendrik k�mpfte um ihn. �Ich lasse dich nicht!� rief der Schauspieler. Hamlet jedoch antwortete ihm, abgewendet, traurig, sp�ttisch, unendlich hochm�tig: �Du gleichst dem Geist, den du begreifst - nicht mir!�

Der Kom�diant schrie den Prinzen an: �Ich mu� dich spielen k�nnen! Wenn ich vor dir versage, dann habe ich ganz versagt. Du bist die Feuerprobe, die ich bestehen will. Mein ganzes Leben und alles was ich ges�ndigt habe - mein gro�er Verrat und all meine Schande sind allein zu rechtfertigen durch mein K�nstlertum. Ein K�nstler aber bin ich nur, wenn ich Hamlet bin.� - �Du bist nicht Hamlet�, antwortete ihm der Prinz. �Du besitzt nicht die Vornehmheit, die man sich allein durch das Leiden und durch die Erkenntnis erwirbt. Du hast nicht genug gelitten, und was du erkannt hast, war dir nicht mehr wert als ein h�bscher Titel und eine stattliche Gage. Du bist nicht vornehm; denn du bist ein Affe der Macht und ein Clown zur Zerstreuung der M�rder. �brigens siehst clu auch gar nicht aus wie Hamlet. Schau dir doch einmal deine H�nde an - sind das die H�nde dessen, den Leid und Erkenntnis adeln? Deine H�nde sind plump, du magst sie noch so fein und gotisch halten. Au�erdem bist du zu dick. Es tut mir leid, dich darauf hinweisen zu m�ssen - aber ein Hamlet mit solchen H�ften: o weh!� Hier lachte der Prinz, hohl und h�hnisch, aus der mythischen Ferne seines ewigen Ruhmes.

�Du wei�t, da� ich auf der B�hne immer noch sehr schlank aussehen kann!� rief gereizt und beleidigt der Kom�diant. �Ich habe mir ein Kost�m entwerfen lassen, in dem mein Todfeind nichts an mir von dicken H�ften bemerken d�rfte. Es ist eine Gemeinheit von dir, mich jetzt an sie zu erinnern, wo ich ohnedies so nerv�s bin! Warum liegt dir denn daran, mich zu kr�nken! Ha�t du mich denn so sehr?�

�Ich hasse dich �berhaupt nicht.� Der Prinz hatte ein ver�chtliches Achselzucken. �Ich habe gar keine Beziehung zu dir. Du bist nicht meinesgleichen. Du hattest die Wahl, mein Lieber: zwischen der Vornehmheit und der Karriere. Nun, du hast dich entschieden. Sei gl�cklich, aber la� mir meine Ruhe!�

Da begann die schmale Figur schon, sich aufzul�sen.

�Ich lasse dich nicht!� keuchte noch einmal der Kom�diant und streckte seine beiden H�nde, �ber die der Schatten sich so herabsetzend ge�u�ert hatte, nach dem Prinzen aus; aber sie griffen ins Leere.

�Du bist nicht Hamlet!� versicherte ihm, nun aus weiter Ferne, die fremde, hochm�tige Stimme. -

Er war nicht Hamlet, aber er spielte ihn, seine Routine lie� ihn nicht im Stich. �Es wird gro�artig!� sagten ihm der Regisseur und die Kollegen - sei es aus Instinktlos! gkeit, sei es, um dem Intendanten zu schmeicheln. �Seit den Tagen des gro�en Kainz* hat man eine solche Leistung auf keiner deutschen B�hne gesehen!� - Er selbst indessen wu�te, da� er den Versen ihren eigentlichen Inhalt, ihr Geheimnis schuldig blieb. Seine Darstellung blieb im Rhetorischen stecken. Da er sich unsicher f�hlte und keine wirkliche Vision des Hamlet besa�, experimentierte er. Mit einer nerv�sen Heftigkeit setzte er Nuancen1, kleine �berraschungseffekte nebeneinander, denen der innere Zusammenhang fehlte. Er hatte beschlossen, die m�nnliche, energievolle Komponente des D�nenprinzen zu betonen. �Hamlet ist kein Schw�chling�, erkl�rte er den Kollegen und dem Regisseur; auch den Journalisten gegen�ber sprach er sich in diesem Sinn aus. �Er ist nichts weniger als feminin - ganze Schauspielergenerationen haben den Irrtum begangen, ihn als femininen Typus aufzufassen. Seine Melancholie ist kein leerer Spleen2, sondern hat greifbare Gr�nde. Der Prinz tritt vor allem als der R�cher seines Vaters auf.

Er ist Renaissancemensch - durchaus aristokratisch und nicht ohne Zynismus. Mir liegt vor allem daran, ihm die wehleidigen, larmoyanten1 Z�ge zu nehmen, mit denen eine konventionelle Deutung ihn belastet hat.�

Regisseur, Kollegen und Journalisten fanden dies sehr neuartig, k�hn und interessant. Benjamin Pelz, mit dem H�fgen lange Unterhaltungen �ber den Hamlet hatte, war begeistert �ber Hendriks Konzeption. �Nur so, wie Ihr Genie ihn f�hlt und begreift, ist der D�nenprinz f�r uns Menschen von heute - die wir zynische Tatmenschen sind - �berhaupt noch ertr�glich�, sagte Pelz.

Die Figur, welche Hendrik H�fgen aus dem Hamlet machte, war ein preu�ischer Leutnant mit neurastheni-schen Z�gen. Alle Akzente, mit denen er �ber die Hohlheit, seines Spieles hinwegt�uschen wollte, waren ma�los und schrill. Im einen Augenblick stand er stramm, um im n�chsten mit gro�em L�rm in Ohnmacht zu fallen. Statt zu klagen, schrie und tobte er. Sein Lachen gellte, seine Bewegungen zuckten. Die tiefe und geheimnisvolle Melancholie, die er als Mephisto gehabt hatte - ohne sie zu beabsichtigen, ohne sie zu spielen, sondern nach r�tselhaftem, ihm selber unbewu�tem Gesetz -, fehlte seinem Hamlet. Die gro�en Monologe brachte er in vorbildlich geschicktem Aulbau, aber er �brachte� sie nur. Da er die Klage anstimmte:

�Oh, schm�lze doch dies allzu teste Fleisch, Zerging' und l�st' in einen lau sich auf!�

��da fehlten ihr die Musik wie die H�rte, die Sch�nheit wie die Verzweiflung; man sp�rte nicht, was durchdacht und was durchlitten worden war, ehe diese Worte �ber diese Lippen kamen; weder Gef�hl noch Erkenntnis adelten die Rede; sie blieb kokette Lamentation, schmollend-gefalls�chtige kleine Klage.

Trotzdem hatte die Hamlet-Premiere rauschenden Erfolg. Das neue Berliner Publikum beurteilte die Schauspieler weniger nach der Reinheit und Intensit�t ihrer k�nstlerischen Leistung als nach ihren Beziehungen zur Macht. �brigens war die ganze Inszenierung danach angetan, diesem Parkett von hohen Milit�rchargen' und blutr�nstigen Professoren mit ihren nicht minder heroisch gesinnten Damen zu imponieren. Der Regisseur hatte den nordischen Charakter der Shakespeare-Trag�die grob und demonstrativ betont. Die Handlung spielte sich vor klotzigen Dekorationen ab, die wohl als Hintergrund f�r die Recken des Nibelungenliedes getaugt h�tten. Auf der B�hne, die in einer d�steren D�mmerung lag, gab es immer rasselnde Schwerter und viel rauhes Geschrei. Inmitten der rauhen Gesellen bewegte Hendrik sich mit tragischer Geziertheit. Einmal leistete er sich den Scherz, minutenlang regungslos an einem lisch 7,u sitzen und dem ersch�tterten Publikum nur seine H�nde zu zeigen. Das Gesicht blieb im Dunkel; die H�nde lagen, kalkigwei� geschminkt und vom Scheinwerfer grell angeleuchtet, auf der schwarzen Tischplatte.

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