Mephisto
- Автор: Mann Klaus
- Язык: немецкий
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Mephisto». Краткое содержание книги:
Nein, diesem Hfgen war nichts anzuhaben: Herr von Muck begriff es, der Propagandaminister begriff es, und beide beschlossen, sich aufs freundschaftlichste mit ihm, zu stellen, bis endlich, irgendwann einmal, die Gelegenheit kme, ihn zu strzen und zu erledigen. Fr den Augenblick war er unangreifbar.
Der Dicke hatte ihm eine Audienz beim Diktator verschafft; denn selbst bis zu dieser erlauchtesten Person waren die Gerchte um Prinzessin Tebab gedrungen. Der Gottgesandte hatte sich recht angewidert ber den Fall geuert; von den Schwarzen hielt er in der Tat fast ebensowenig wie von den Juden. Kann ein Mensch, der mit rassisch minderwertigen Personen Umgang hat, die sittliche Reife besitzen, die ein Intendantenposten verlangt? erkundigte sich der Fhrer mitrauisch bei seiner Umgebung. Nun sollte Hendrik, mittels der Juwelenblicke, der singenden Stimme und des edel-leidenden Auslandes, den weitaus grten Deutschen, der je gelebt hat, fr sich gewinnen und von seiner sittlichen Qualifiziertheit berzeugen.
Die halbe Stunde, die der Intendant in Privataudienz bei dem Messias aller Germanen verbringen durfte, schien ihm anstrengend und sogar qualvoll. Die Konversation blieb ein wenig zh: der Fhrer interessierte sich nicht sehr frs Schauspiel, er bevorzugte Wagner-Opern und Ufa-Filme. Von seinen Opern-Inszenierungen, die in der verruchten System-zeit so viel Aufsehen gemacht hatten, wagte Hfgen jedoch nicht zu sprechen, aus Angst, der Fhrer knnte sich der vernichtenden Urteile entsinnen, die Csar von Muck damals ber diese zersetzenden und semitisch beeinfluten Experimente gefallt hatte. Hendrik wute berhaupt nicht recht, wovon er sprechen sollte. Die leibhaftige Gegenwart der Macht venvirrte und ngstigte ihn. Der ungeheure Ruhm des Mannes, der ihm gegenbersa, schchterte den Ruhmschtigen ein.
Die Macht hatte unter einer unbedeutenden, fliehenden Stirne, in welche die legendre speckige Haarstrhne fiel, den toten, starren, wie erblindeten Blick. Das Antlitz der Macht war grauwei, aufgeschwemmt, von einer lockeren, porsen Substanz. Die Macht hatte eine sehr ordinre Nase -, eine gemeine Nase', wagte Hendrik, in dessen Bewunderung sich Auflehnung und sogar Hohn mischten, z.u denken. Der Schauspieler bemerkte, da die Macht gar keinen Hinterkopf hatte. Unter dem braunen Hemd trat ein weicher Bauch hervor. Sie sprach leise, um ihre ausgeschriene, heisere Stimme zu schonen. Sie gebrauchte schwierige Worte, um dem Schauspieler ihre Bildung zu beweisen. Die Belange unserer nordischen Kultur erfordern den unbedingten Einsatz eines energievollen, rassisch selbstbewuten und zielklaren Individuums, dozierte die Macht, indem sie ihre sddeutsche Mundart nach Mglichkeit zu unterdrcken und ein feines Hochdeutsch z.u sprechen versuchte, das aus ihrem Munde klang wie aus dem eines eifrigen Volksschlers, der auswendig Gelerntes herleiert.
Hendrik war in Schwei gebadet, als er nach fnfundzwanzig Minuten das Palais verlassen durfte. Er hatte das Gefhl, in miserabler Form gewesen zu sein und sich alles verdorben zu haben. Noch am selben Abend aber erfuhr er durch den Fliegergeneral, da der Eindruck, den er bei der Macht hinterlassen hatte, gar kein so schlechter war. Vielmehr hatte den Diktator gerade die Schchternheit des Intendanten angenehm berrascht. Der Fhrer liebte es nicht und empfand es als unstatthafte Keckheit, wenn jemand versuchte, in seiner Gegenwart unbefangen oder gar brillant zu sein. Angesichts der Macht hatte man ehrfurchtsvoll zu verstummen. Ein strahlender Hendrik htte beim Messias aller Germanen wahrscheinlich rgernis erregt. ber den Verwirrten und Verngstigten gab der Allgewaltige ein mildes Urteil ab. Ein ganz ein braver Mensch, dieser Herr Hfgen, sprach die Macht.
Der Ministerprsident, der fr seine Person Titel sammelte wie andere Menschen Briefmarken oder Schmetterlinge, glaubte, da auch seine Freunde durch solche Auszeichnungen am meisten zu erfreuen seien. Er machte Hof gen zum Staatsrat, er befrderte ihn zum Senator. In allen kulturellen Institutionen des Dritten Reiches hatte der Intendant seinen wichtigen Sitz. Mit Csar von Muck und einigen uniformierten Herren gehrte er zum Vorstand des Kultursenates. Der erste Kameradschaftsabend dieser Vereinigung fand in Hendrik-Hall statt: Der Propagandaminister war anwesend und grinste ber das ganze Gesicht, als Frulein Josy einen ihrer volkstmlichen Schlager zum besten gab. Kein Geringerer als Csar von Muck begleitete die junge Sngerin am Flgel. Die Bewirtung war von betonter Einfachheit. Hendrik hatte seine Mutter Bella gebeten, nur Bier und schlichte Wurstbrote servieren zu lassen. Die uniformierten Herren waren enttuscht; denn sie hatten viel von dem fabelhaften Luxus gehrt, der in der Villa des Intendanten herrschte. Was nutzten ihnen aber die eleganten Lakaien, wenn sie nur Stullen herumreichten, wie es sie auch zu Hause gab? Der ganze Kultursenat wre in eine gewisse Verdrossenheit verfallen, htte nicht der Propagandaminister durch seine muntere Art der Stimmung einen erfreulichen Auftrieb gegeben. Nur wute man leider nicht recht, wovon man reden sollte. Die Kultur war ein Thema, das den meisten der Senatoren gar zu ferne lag. Die Uniformierten waren stolz darauf, da sie seit ihrer Knabenzeit kein Buch gelesen hatten, und durften sich wohl erlauben, mit diesem Umstand zu renommieren, da ja auch der allgemein hochgeachtete, inzwischen verstorbene und im Beisein des Fhrers bestattete Herr Generalfeldmarschall und Reichsprsident es getan hatte Als ein bejahrter Romancier1, dessen Bcher wegen ihrer grimmigen Langweiligkeit von niemandem in die Hand genommen, aber offiziell sehr hoch geschtzt wurden, den Vorschlag machte, er wolle ein Kapitel aus seiner Trilogie Ein Volk bricht auf vorlesen, kam es zu einer kleinen Panik. Mehrere Uniformierte sprangen auf und legten die Fuste mit einem mechanischen, aber bedrohlichen Griff um ihre Pistolentaschen, das Cirinsen des Propagandaministers verzerrte sich; Bejamin Pelz sthnte auf, als htte er einen furchtbaren Sto vor die Brust bekommen, Frau Bella flchtete in die Kche, Nicoletta lie ein schrilles und nervses Lachen hren - und die Situation wre kaatastrophal geworden, htte Hfgen sie nicht mit seiner singenden Schmeichelstimme gerettet. Es wrde ganz herrlich und beglckend sein, ein recht langes und breites Kapitel aus der Trilo-gie Ein Volk bricht auf anhren zu drfen, versicherte Hendrik, das Gesicht vom aasigen Lcheln verklrt; aber die Stunde sei doch schon ein wenig vorgeschritten, auch gebe es so viel Dringliches. Aktuelles zu besprechen, die Geister seien fr den Genu groer Dichtung nicht konzentriert genug; er, Hfgen, mchte sich erlauben, vorzuschlagen, da man fr diese Vorlesung einen eigenen Abend arrangiere, zu dem dann alle mit der wnschenswerten inneren Sammlung erscheinen knnten. Alle Senatoren atmeten erleichtert auf. Der alte Epiker weinte fast vor Enttuschung. Herr Mller-Andrea ging dazu ber, schmutzige Anekdoten aus jener Zeit zu erzhlen, die er mit dem Brustton echter Entrstung die Jahre der Korruption nannte. Es waren einige Perlen aus der einstmals so berhmten Rubrik Hatten Sie davon eine Ahnung? Ehe man auseinanderging, machte Baidur von Totenbach, der auch Senator war und zu dieser kulturellen Veranstaltung eigens die Reise von Hamburg nach Berlin unternommen hatte, den Vorschlag, man solle stehend das Horst-Wessel-Lied singen und dem Fhrer zum hundertstenmal die Treue geloben. Es wurde allgemein als ein wenig peinlich empfunden, mute aber natrlich geschehen.
Die Presse berichtete ausfhrlich ber diesen zugleich traulichen und geistig ergebnisreichen Kameradschaftsabend der Kultursenatoren im Hause des Intendanten. berhaupt lieen die Zeitungen sich keine Gelegenheit entgehen, das Publikum ber die knstlerischen oder patriotischen Taten Hendrik Hfgens zu unterrichten. Man rechnete ihn zu den vornehmsten und aktivsten Trgern des deutschen Kulturwillens, und er wurde beinah so hufig photographiert wie ein Minister. Als die Prominenten der Hauptstadt fr die Winterhilfe auf den Straen und in den Lokalen sammelten, gehrte der Intendant zu denen, die fast ebensoviel Zulauf hatten wie die Herren von der Regierung. Aber whrend diese von schwerbewaffneten Detektiven und Gestapobeamten so umringt waren, da das Volk mit seinen Spenden kaum bis zu ihnen vordringen konnte, durfte Hendrik es wagen, sich ohne jeden Schutz zu bewegen. Freilich hatte er sich eine Zone ausgesucht, wo er kaum frchten mute, mit dem gefhrlichen Proletariat in Berhrung zu kommen: der Intendant sammelte in der Halle des Hotels Adlon. Er lie es sich auch nicht nehmen, in die Wirtschaftsrume hinabzusteigen, jeder Kchenjunge mute seinen Groschen in die Bchse werfen, in die Lotte Lindenthal gerade mit zarten Fingern einen Hundertmarkschein gesteckt hatte. Arm in Arm mit dem feisten Kchenchef lie der Intendant sich photographieren. Die Aufnahme kam auf das Titelblatt der Berliner Illustrierten.