Mephisto
- Автор: Mann Klaus
- Язык: немецкий
- Жанр: Классическая проза
Электронная книга - «Mephisto». Краткое содержание книги:
Hendrik lie sich sofort zum Ministerprsidenten fahren. Der Gewaltige empfing ihn in seinem Arbeitszimmer. Er trug ein phantastisches Hausgewand, das an den Manschetten und am Kragen mit Hermelinpelz besetzt war. Zu seinen Fen ruhte eine ungeheure Dogge. ber dem Schreibtisch blitzte, vor einer schwarzen Draperie, ein breites, schartiges Schwert. Auf einem Marmorsockel stand eine Bste des Fhrers, die mit blinden Augen zwei Pho-tographien anstarrte: die eine stellte Lotte Lindenthal als Minna von Barnhelm dar, die andere war das Portrt jener skandinavischen Dame, die einstmals den verwundeten Abenteurer im Auto durch Italien gefahren hatte und ber deren Urne sich nun ein enormes Grabmal wlbte - schimmernde Kuppel aus Marmor und vergol-'detem Stein, mit welcher der Witwer seine Dankbarkeit auszudrcken meinte, whrend er doch in Wahrheit nur seinem eigenen Dnkel das Denkmal gesetzt hatte.
Otto Ulrichs ist tot, sagte Hendrik, der an der Tre stehengeblieben war.
Gewi doch, antwortete der Dicke vom Schreibtisch her. Da er sah, da eine Blsse wie der Widerschein einer weien Flamme ber Hendriks Gesicht lief, fgte er hinzu: Es scheint sich um einen Selbstmord zu handeln. Dieses sprach der Ministerprsident, ohne zu errten.
Hendrik taumelte eine Sekunde lang. Mit einer unbeherrschten Gebrde, die gar zu deutlich sein Grauen ausdrckte, griff er sich an die Stirn. Es war vielleicht die erste vllig aufrichtige, durchaus nicht stilisierte Geste, die der Ministerprsident zu sehen bekam vom Schauspieler Hfgen. Der groe Mann war enttuscht von solchem Mangel an Haltung bei seinem gewandten Liebling. Er erhob sich, richtete sich auf zu seiner ganzen erschreckenden Gre. Mit ihm erhob sich die frchterliche Dogge und knurrte.
Ich habe Ihnen schon einmal den guten Rat gegeben, sagte der Fliegergeneral drohend, und ich wiederhole ihn jetzt - obwohl ich es nicht gewhnt bin, irgend etwas zweimal auszusprechen -: Lassen Sie Ihre Finger von dieser Sache! Das war deutlich. Erschauernd empfand Hendrik die Nhe des Abgrundes, an dessen Rand er sich immer bewegte und in dessen Tiefe dieser fette Riese ihn stoen konnte, wenn ihm die Lust dazu kam. - Der Ministerprsident stand mit geducktem Kopf; an seinem Stiernacken traten drei wulstige, breite Falten hervor. Seine kleinen Augen blitzten, ihre Lider waren entzndet, und auch das Weie der Augpfel frbte sich rtlich, als wre dem rgerlichen Tyrannen eine Welle von Blut ins Haupt gestiegen, die ihm nun den Blick trbte. Die Sache ist nicht sauber, sagte er noch. Dieser Ulrichs war in dreckige Affren verwickelt, er hatte allen Grund, sich umzubringen. Der Intendant meiner Staatstheater sollte sich nicht gar zu sehr fr einen notorischen Hochverrter interessieren.
Das Wort Hochverrter hatte der General gebrllt. Hendrik wurde schwindlig, so dicht vor sich sah er den Abgrund nun. Um nicht zu strzen, klammerte er sich an die Lehne eines der schweren Renaissancesessel. Als er um die Erlaubnis bat, sich zurckziehen zu drfen, entlie ihn der Ministerprsident mit einem ungndigen Kopfnicken. -
Niemand im Theater wagte, ber den Selbstmord des Kollegen Ulrichs zu sprechen. Auf irgendeine geheimnisvolle und unkontrollierbare Weise erfuhren trotzdem alle, wie er gestorben war. Er war nicht hingerichtet, sondern zu Tode geqult worden. Durch unbarmherzige Poltern hatte man versucht, die Namen seiner Mitarbeiter und Freunde von ihm zu erpressen. Er aber war standhaft geblieben. Wut und Enttuschung bei der Gestapo waren gewaltig; denn auch in Ulrichs' Wohnung hatte man kein Material gefunden, es gab nichts Geschriebenes, keine Notiz, keinen Zettel mit einer Adresse. Kaum noch in der Hoffnung, etwas aus ihm herauszubekommen, sondern eigentlich nur noch, um ihn fr seinen Eigensinn zu zchtigen, hatte man die Martern gesteigert. Vielleicht war den Polterknechten nicht einmal der ausdrckliche Befehl zugegangen, ihn zu tten; das Opfer starb ihnen beim dritten Verhr unter den Hnden. Da war sein Krper nur noch eine blutige, entstellte Masse, und seine Mutter, die irgendwo in der Provinz lebte und vor Jammer wunderlich wurde, als sie von seinem Selbstmord erfuhr - seine arme Mutter htte das verschwollene, aufgeplatzte, zerrissene, von Eiter, Blut und Kot verschmierte Gesicht nicht wiedererkannt, welches das Menschenantlitz ihres Sohnes gewesen war.
Geht es dir nahe, Hendrik? erkundigte sich Nico-letta mit einer merkwrdig kalten und, wie es schien, beinahe hhnischen Neugierde bei ihrem Gatten. Beschftigt es dich?
Hendrik wagte nicht, ihren Blick zu erwidern. Ich habe Otto so lange gekannt, sagte er leise, als htte er fr etwas um Entschuldigung zu bitten. - Er hat gewut, was er riskierte, erklrte Nicoletta. Wenn man spielt, mu man darauf gefat sein, den Einsatz zu verlieren.
Hendrik, dem das Gesprch peinlich war, murmelte noch: Armer Otto! - um doch irgend etwas zu erwidern.
Sie versetzte schneidend: Wieso - arm? Und fgte hinzu: Er ist fr die Sache gestorben, die ihm die richtige schien. Ei ist vielleicht zu beneiden. Nach einer Pause sprach sie trumerisch: Ich will Marder schreiben und ihm von Ottos Tod erzhlen. Marder bewundert Menschen, die ihr Leben fr eine idee fixe1 aufs Spiel setzen. Er liebt die Eigensinnigen. Er wre selber dazu fhig, aus Eigensinn sein Leben zu opfern. Vielleicht wird er finden, da dieser Ulrichs eine Persnlichkeit gewesen ist und Disziplin besessen hat.
Hendrik machte eine ungeduldige Handbewegung. Otto war gar keine besondere Persnlichkeit, sagte er. Er war ein einfacher Mensch - ein einfacher Soldat der groen Sache Hier verstummte er, und ber sein fahles Gesicht ging eine flchtige Rte. Er schmte sich seiner Worte. Er empfand Scham, weil er Worte gebraucht hatte, deren Ernst ihm durch Ottos Tod tiefer bewut geworden war als jemals zuvor. Da er das Gewicht und die Wrde solcher Worte verstand - jetzt, in diesem einen kurzen Augenblick verstand -, sprte er, da er sie entweihte, wenn er sie ber seine Lippen kommen lie. Er fhlte, da die ernsten Worte aus seinem Munde klangen wie Hohn. -
An der Beerdigung des Schauspielers Otto Ulrichs, der seinem Leben freiwillig und aus Furcht vor der gerechten Strafe des Volksgerichts ein Ende gemacht hatte, durfte niemand teilnehmen. Der Staat htte den entstellten Leichnam verscharren lassen wie einen verreckten Hund. Aber die Mutter des Verstorbenen, eine fromme Katholikin, schickte Geld fr den Sarg und fr einen kleinen Grabstein. In einem Brief, der durch Fett und Trnenflecke beinah unleserlich gemacht war, bat sie darum, man mge ihrem Kinde ein christliches Begrbnis gnnen. Die Kirche mute sich weigern: dem Sarg des Selbstmrders darf kein Priester folgen. Die alte Frau, in ihrer armseligen Kammer, betete fr den verlorenen Sohn. Er hat nicht an Dich geglaubt, lieber Gott, und er hat viel gesndigt. Aber er war nicht schlecht. Er ist den falschen Weg gegangen, nicht aus Verstocktheit, sondern weil er ihn fr den richtigen hielt. Alle Wege, die man in der guten Absicht geht, mssen bei Dir enden, lieber Gott. Du wirst ihm verzeihen und ihm die ewige Verdammnis erlassen. Denn Du siehst in die Herzen, ewiger Vater, und das Herz meines verirrten Sohnes war rein.
brigens wre es der alten Frau nicht mglich gewesen, das Geld fr Sarg und Grabstein aufzubringen; denn sie besa nichts, keinen Pfennig und keinen Gegenstand mehr, der noch in Geld umzusetzen war. Sie lebte davon, da sie zerrissene Wschestcke ausbesserte, sie mute oft hungern; nun, da Otto sie nicht mehr untersttzen konnte, wrde es noch rger und schlimmer fr sie werden. - Ein Freund des Verstorbenen, der seinen Namen nicht nannte, hatte ihr die Summe fr die Begrbniskosten aus Berlin geschickt, mit genauen Anweisungen, an welche Stellen sie das Geld weiterzuleiten habe. Verzeihen Sie mir, da ich meinen Namen nicht nenne, schrieb der Unbekannte, Sie werden sicherlich die Grnde begreifen und billigen, die mich zur Vorsicht zwingen.