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Der Medicus von Saragossa

Электронная книга - «Der Medicus von Saragossa». Краткое содержание книги:

Titel der Originalausgabe: The Last Jew
Der Abdruck von Passagen aus Dantes Göttlicher Komödie (übers. v. Karl Vossler, Piper Verlag GmbH, München 1969) erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Die Stadt Saragossa findet sich auf der Landkarte im Vorsatz unter ihrem lateinischen Namen Cesaraugusta.
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»Mir wäre lieber gewesen, wenn du mit deiner Prüfung bis nach dem Ausscheiden eines der gegenwärtigen Prüfer, Pedro de Calca, hättest warten können«, sagte er zu Jona. Viele Jahre lang war Calca dem Arzt von Saragossa mit Groll und Neid begegnet. Doch Nuno spürte, daß ihm keine Zeit mehr blieb. »Ich kann kein Jahr mehr warten«, sagte er zu Jona. »Und ich glaube, du bist bereit.« Am nächsten Tag ritt er zum Rathaus von Saragossa und meldete Jona für die Prüfung an.

Am Tag der Prüfung verließen Schüler und Lehrer früh das Haus und ritten langsam durch die morgendliche Wärme. Vor Aufregung sprachen sie nur wenig. Jetzt war es zu spät, um Jonas Verstand noch zu schärfen, dafür hatten sie vier lange Jahre Zeit gehabt.

Das Rathaus roch nach Staub und Jahrhunderten menschlicher Geschäftigkeit, obwohl an diesem Morgen nur Jona, Nuno und die Prüfer anwesend waren.

»Meine Herren, ich habe die Ehre, Euch Senor Ramon Callico zur Prüfung vorzustellen«, sagte Nuno ruhig.

Einer der Prüfer war Miguel de Montenegro, ein kleiner, ernster Mann mit silbernem Haar und Bart. Nuno kannte ihn seit vielen Jahren und hatte Jona versichert, daß Montenegro als Prüfer streng und gewissenhaft, aber auch gerecht sein würde.

Der zweite Prüfer, Calca, war ein lächelnder, lebhafter Mann mit roten Haaren und einem spitzen Bärtchen. Er trug einen mit vertrocknetem Blut, Eiter und Schleim verschmierten Kittel. Nuno hatte Jona den Kittel bereits voller Verachtung als »dieses Mannes prahlerische Anpreisung seines Gewerbes« beschrieben und ihn gewarnt, daß Calca Galen gelesen habe und sonst kaum etwas, so daß sich die meisten seiner Fragen auf Galen beziehen würden.

Die vier Männer setzten sich an den Tisch. Jona sagte sich, daß Nuno Fierro zweieinhalb Jahrzehnte zuvor ebenfalls in diesem Zimmer gesessen und seine Prüfung abgelegt hatte, und Jahrzehnte davor auch Juan de Gabriel Montesa, zu einer Zeit, als ein Medicus sich noch als Jude zu erkennen geben durfte.

Jedem Prüfer standen zwei Runden Fragen zu, und Montenegro machte, seinem Rang als Ältester entsprechend, den Anfang. »Wenn Ihr gestattet, Senor Callico. Ich möchte, daß Ihr uns die Vor- und Nachteile der Verschreibung von Theriak als Mittel gegen Fieber nennt.«

»Ich will mit den Nachteilen beginnen«, sagte Jona, »denn es gibt nur wenige, die schnell abgehandelt sind. Da diese Arznei aus bis zu siebzig Kräuteringredienzen besteht, ist sie schwierig in der Herstellung und teuer in der Beschaffung. Der Hauptvorteil besteht darin, daß sie ein bewährtes und wirksames Mittel gegen Fieber, Erkrankungen der Eingeweide und sogar gewisse Formen von Vergiftung ist...« Jona spürte, wie er sich entspannte, während er in flüssiger Rede Punkt um Punkt abhandelte und versuchte, in seiner Darlegung umfassend, aber nicht ausschweifend zu sein.

Montenegro schien sie zufriedenzustellen. »Meine zweite Frage betrifft den Unterschied zwischen Quartan- und Tertian-fieber.«

»Tertianfieber tritt jeden dritten Tag auf, wobei der Tag des Auftretens als erster Tag gerechnet wird. Quartanfieber tritt jeden vierten Tag auf. Diese Fieber kommen hauptsächlich in Gegenden vor, wo das Klima warm und feucht ist, und sind oft begleitet von Schüttelfrösten, Schweißausbrüchen und großer Schwäche.«

»Schnell und knapp beantwortet. Nun zur Heilung von Hämorrhoiden: Würdet Ihr sie mit dem Messer entfernen?«

»Nur wenn sonst nichts hilft. Oft hilft gegen Schmerzen und Unannehmlichkeiten eine gesunde Ernährung, die alles Scharfe, Salzige und sehr Süße vermeidet. Bei starken Blutungen können Styptika angewendet werden. Wenn die Hämorrhoiden stark anschwellen, aber nicht bluten, kann man sie mit einem Skalpell öffnen oder mit Hilfe von Egeln entleeren.«

Montenegro nickte und lehnte sich zurück, womit er andeutete, daß nun Pedro de Calca an der Reihe war.

Calca strich sich den Bart. »Erläutert uns bitte die Galensche Säftelehre«, sagte er und lehnte sich zurück.

Jona war darauf vorbereitet und holte kurz Atem. »Sie entstand als eine Reihe von Ideen, die von der hippokratischen Schule formuliert und von anderen frühen medizinischen Philosophen, vor allem Aristoteles, verfeinert wurde. Galen faßte diese Gedanken zu einer Theorie zusammen, die besagt, daß alle Dinge aus vier Elementen zusammengesetzt sind - Feuer, Erde, Luft und Wasser -, welche die vier Eigenschaften des Heißen, Kalten, Trockenen und Nassen erzeugen. Nimmt man Essen und Trinken in den Körper auf, werden sie von der natürlichen Hitze gekocht und in die vier Säfte Blut, Schleim, gelbe Galle und schwarze Galle verwandelt. Die Luft entspricht dem Blut, das naß und heiß ist, Wasser dem Schleim, der naß und kalt ist, Feuer der gelben Galle, die trocken und heiß ist, und Erde der schwarzen Galle, die trocken und kalt ist.

Galen schrieb, daß ein Teil dieser Stoffe vom Blut als Nahrung zu den einzelnen Organen des Körpers getragen wird, während der Rest als Abfall ausgeschieden wird. Er sagte, daß das Mischungsverhältnis dieser Stoffe im Körper von großer Bedeutung ist. Eine ausgewogene Mischung bringt Wohlbefinden hervor. Zuviel oder zuwenig von einem Saft stört das Gleichgewicht, woraus Krankheit entsteht.«

Calca strich sich wieder ausführlich den Bart. »Berichtet uns von der innewohnenden Hitze und dem Pneuma.«

»Hippokrates und Aristoteles und anschließend Galen schrieben, daß die Hitze im Körper der Wesensquell des Lebens ist. Die innere Hitze wird vom Pneuma genährt, einem Spiritus, der im reinsten Blut der Leber entsteht und von den Adern durch den Körper getragen wird. Doch kann man das Pneuma nicht sehen. Es... «

»Woher wißt Ihr, daß man es nicht sehen kann?« unterbrach ihn Calca, und Jona spürte Nunos warnendes Knie an dem seinen.

Weil wir bis jetzt die Adern und Organe von vier Leichen seziert haben und Nuno mir nur Gewebe und Blut gezeigt und mich daraufhingewiesen hat, daß etwas, das man Pneuma nennen könnte, nicht zu sehen ist. Er war ein Narr; Calca würde merken, daß so etwas nur wissen konnte, wer eine Leiche geöffnet hatte oder Zeuge einer solchen Öffnung gewesen war. Einen Augenblick lang lähmte der Schreck seine Stimmbänder.

»Das... das habe ich gelesen.«

»Wo habt Ihr dies gelesen, Senor Callico? Denn mir scheint es, daß ich noch nie gehört habe, ob man das Pneuma sehen kann oder nicht.«

Jona zögerte. »Bei Avicenna oder Galen habe ich es nicht gelesen«, sagte er, als versuche er, sich zu erinnern. »Ich glaube, es war bei Teodorico Borgognoni.«

Calca sah ihn an.

»Aber natürlich«, sagte Miguel de Montenegro. »Das ist es. Ich erinnere mich auch daran, es bei Teodorico Borgognoni gelesen zu haben.« Auch Nuno nickte zustimmend.

Nun nickte Calca ebenfalls. »Borgognoni, natürlich.«

Bei seiner zweiten Fragerunde bat Montenegro Jona, die Be-handlung eines gebrochenen Knochens mit der Behandlung einer Verrenkung zu vergleichen. Sie hörten ihm zu, ohne ihn einmal zu unterbrechen, und dann bat Montenegro ihn, die Voraussetzungen für gute Gesundheit aufzuzählen.

»Reine Luft, unverdorbene Nahrung und Getränke, Schlaf, um die Körperkräfte zu erquicken, und Wachsein, um die Sinne anzuregen, mäßige körperliche Betätigung, um Rückstände und Unreinheiten zu beseitigen, Ausscheidung von Kot - und genügend Freude, um den Körper gedeihen zu lassen.«

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