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Der Medicus von Saragossa

Электронная книга - «Der Medicus von Saragossa». Краткое содержание книги:

Titel der Originalausgabe: The Last Jew
Der Abdruck von Passagen aus Dantes Göttlicher Komödie (übers. v. Karl Vossler, Piper Verlag GmbH, München 1969) erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Die Stadt Saragossa findet sich auf der Landkarte im Vorsatz unter ihrem lateinischen Namen Cesaraugusta.
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Sie stürzten sich aufeinander wie zwei ausgedörrte Reisende in einer trockenen Wüste, als würde jeder beim anderen frisches Süßwasser erwarten; doch die Vereinigung brachte Jona nur Erleichterung und nicht die üppige Freude, nach der er sich sehnte. Als sie danach in der dunklen, nach ihrer Fleischeslust duftenden Kammer lagen, erkundete er mit seinen Händen schlaffe Brüste, spitze Hüftknochen und knubbelige Knie.

Sie zog ihren Kittel wieder an, bevor sie die Lampe holte. Jona sollte sie nie nackt sehen. Obwohl er sie noch dreimal besuchte und bei ihr lag, fehlte ihren Vereinigungen die Leidenschaft, und es war fast so, als würde er mit ihrem geborgten Körper Selbstbefriedigung begehen. Sie hatten sich so gut wie nichts zu sagen; auf stockende Unterhaltung folgte schnelle Befriedigung in dem schönen Bett und darauf wenige und verlegene Worte, bevor er sich verabschiedete. Als er zum vierten Mal an ihre Tür klopfte, öffnete sie zwar, aber ließ ihn nicht ein, und über ihre Schulter sah er Roque Arellano, den Fleischer von Saragossa, mit bloßen Füßen am Tisch sitzen und den Wein trinken, den Jona ihr geschenkt hatte.

Einige Sonntage später war Jona in der Kirche, als vom Priester das Aufgebot von Loretta Cavaller und Roque Arellano verkündet wurde. Nach ihrer Hochzeit begann Loretta, im florierenden Fleischergeschäft ihres Gatten mitzuarbeiten. Nuno hielt zwar Hühner, aber weder Rinder noch Schafe, und Reyna bat Jona einige Male, zu Arellano zu gehen und Fleisch zu kaufen oder auch Fisch, den er gelegentlich im Angebot hatte. Loretta bewies eine geschickte Hand, und Jona bewunderte die flinke, sichere Art, mit der sie das Fleisch schnitt und zurichtete. Arella-nos Preise waren hoch, aber Loretta begrüßte ihn immer herzlich, und ihre engstehenden Augen strahlten, und oft schenkte sie ihm Markknochen, die Reyna benutzte, um eine Suppe zu kochen oder Geflügel zu schmoren.

Sowohl Nuno wie Reyna lebten bereits seit der Zeit auf der ha-cienda, als Juan de Gabriel Montesa noch Herr des Hauses war, und der jüdische Arzt hatte die Angewohnheit gehabt, jeden Freitag vor Sonnenuntergang, zur Vorbereitung auf den Sabbat, zu baden. Nuno und Reyna hatten den Brauch des wöchentlichen Bades übernommen, wobei Nuno am Montag und Reyna am Mittwoch in den Zuber stieg, so daß an einem Abend nur Wasser für ein Bad erhitzt werden mußte. Gebadet wurde in einer Kupferwanne, die vor dem Feuer stand, wo ein Kessel mit zusätzlichem Wasser simmerte.

Für Jona war es ein großer Luxus, jeden Freitag zu baden, wie Montesa es getan hatte, auch wenn er dazu seinen großen Körper in den engen Zuber zwängen mußte. Mittwoch abends ging er manchmal nach draußen, während Reyna badete, meistens jedoch blieb er in seiner Kammer, spielte auf seiner Gitarre oder arbeitete bei Kerzenlicht am Avicenna. Es fiel ihm schwer, sich auf das Auswendiglernen der Wirkstoffe, die wundschließende Wirkung hatten, und solcher, die wärmten, aber nicht reinigten, zu konzentrieren, wenn er sich gleichzeitig vorstellte, wie sie wohl aussah, die nackte Reyna unten in dem Zuber.

Wenn das Wasser kalt wurde, konnte er hören, wie Nuno zu ihr ging, den Kessel vom Feuer nahm und heißes Wasser in die Wanne nachgoß, so wie sie es montags für den Meister tat.

Freitags erwies Nuno auch seinem Lehrling diesen Dienst, doch man merkte ihm die Anstrengung deutlich an, wenn er mit langsamen Bewegungen den Kessel vom Haken hob, Jona einschärfte, die Beine aus dem Weg zu strecken, damit er ihn nicht verbrenne, und dann schwer atmend das heiße Wasser nachgoß.

»Er arbeitet zuviel. Er ist nicht mehr der Jüngste«, sagte Reyna eines Morgens zu Jona, als Nuno im Stall beschäftigt war.

»Ich versuche ja, ihm einiges abzunehmen«, erwiderte Jona schuldbewußt.

»Ich weiß. Ich habe gefragt, warum er soviel von seiner Kraft auf deine Ausbildung verwendet«, gestand sie ihm unumwunden. »Er sagte nur: >Weil er es wert ist.<« Sie zuckte die Achseln und seufzte.

Jona konnte ihr keinen Trost spenden. Nuno zwang sich, selber auszureiten, auch wenn die Fälle so gewöhnlich waren, daß der Lehrling alleine die Folgebesuche hätte übernehmen können. Es genügte Nuno nicht, daß Jona Rhazes gelesen hatte und so bereits wußte, daß der Körper überflüssige Stoffe und Gifte bei jedem Wasserlassen ausschied; viel wichtiger schien es ihm, Jona am Krankenbett auf die zitronengelbe Farbe im Urin eines Patienten hinzuweisen, der an einem langwierigen Fieber litt, auf die rötliche Färbung der Ausscheidung zu Beginn eines Malariaanfalls, der alle zweiundsiebzig Stunden wiederkehrte, oder auf den weiß schäumenden Urin, der manchmal mit eitergefüllten Furunkeln einherging. Er lehrte Jona, die unterschiedlichen Gerüche der verschiedenen Krankheit im Urin zu erkennen.

Meisterschaft bewies Nuno auch in Kunst und Wissenschaft der Arzneimittelherstellung. Er wußte, wie man Kräuter trocknete und zu Pulver zermahlte, und kannte sich aus mit der Herstellung von Salben und Tinkturen, aber er verzichtete darauf, seine eigenen Arzneien herzustellen. Statt dessen war er Stammkunde eines alten Franziskaners, Fray Luis Guerra Medina, einem geschickten Apotheker, der bereits für Juan de Gabriel Montesa Arzneien hergestellt hatte.

»Es kommt sehr schnell der Verdacht einer Vergiftung auf, vor allem, wenn ein Mitglied des Hofes stirbt«, erklärte Nuno Jona. »Lange Zeit verbot die Kirche allen Christen, Arzneien einzunehmen, die von Juden hergestellt wurden, da eine Vergiftung befürchtet wurde. Einige jüdische Ärzte stellten trotzdem ihre eigenen Heilmittel her, aber eine ganze Reihe von Ärzten, sowohl Alte Christen wie Juden, wurden von Patienten, die ihre Arztrechnungen nicht bezahlen wollten, des versuchten Giftmords beschuldigt. Juan de Gabriel Montesa hielt es für sicherer, sich eines Apo-thekers zu bedienen, der ein Mönch ist, und auch ich halte mich an Fray Guerra. Ich habe herausgefunden, daß er sehr wohl zwischen Wasserhanf und Röhrenkassie zu unterscheiden weiß.«

Jona erkannte, in welche Gefahr er sich begeben hatte, als er Loretta Cavaller die Heilkräuter brachte, und er begriff, daß er so etwas nicht wieder tun durfte. So lernte er von dem Älteren und hörte aufmerksam zu, wenn Nuno Fierro ihn auf das Leben als Arzt vorzubereiten versuchte, durch die Vermittlung sowohl medizinischen Wissens als auch der einfacheren Dinge, die ein erfolgreiches Praktizieren ausmachten.

Nach gut einem Jahr als ärztlicher Lehrling erkannte Jona eines Tages, daß in dieser Zeit elf ihrer Patienten gestorben waren.

Er hatte bereits genug Medizin gelernt, um zu erkennen, daß Nuno Fierro ein außergewöhnlich guter Arzt war, und zu begreifen, was für ein Glück er mit einem solchen Lehrer hatte, und doch belastete es ihn, daß er im Begriff stand, einen Beruf zu ergreifen, in dem der Ausübende so oft versagte.

Nuno Fierro beobachtete seinen Schüler, wie ein guter Pferdepfleger ein vielversprechendes Tier betrachtet. Er sah, daß Jona erbittert gegen die hereinbrechende Dunkelheit ankämpfte, wenn ein Patient im Sterben lag, und er bemerkte den Ernst, der sich mit jedem Todesfall im Wesen des jungen Mannes verfestigte.

Er wartete ab, bis eines Abends Lehrer und Schüler müde und mit Bechern voller Wein in der Hand vor dem Feuer saßen.

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