Der Medicus von Saragossa
- Автор: Гордон Ной
- Год: 1999
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Der Medicus von Saragossa». Краткое содержание книги:
Der Abdruck von Passagen aus Dantes Göttlicher Komödie (übers. v. Karl Vossler, Piper Verlag GmbH, München 1969) erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Die Stadt Saragossa findet sich auf der Landkarte im Vorsatz unter ihrem lateinischen Namen Cesaraugusta.
»Du hast den Mann getötet, der meinen Bruder ermordet hat. Hast du auch anderen das Leben genommen, Ramon?«
»Ja, das habe ich.«
Nuno trank einen Schluck Wein und beobachtete dann seinen Lehrling, während der von seinem Anteil an der Ermordung der beiden Reliquienhändler berichtete.
»Wenn du diese Zeiten noch einmal durchleben könntest, würdest du dich anders verhalten?« fragte Nuno.
»Nein, weil alle drei Männer mich getötet hätten. Aber der Gedanke, daß ich Menschen das Leben genommen habe, ist eine Last für mich.«
»Und willst du Arzt werden, um für all dies zu sühnen, indem du anderen das Leben rettest?«
»Das war nicht der Grund, warum ich dich gebeten habe, mich die Heilkunst zu lehren. Aber es kann sein, daß ich in letzter Zeit solche Gedanken hatte«, gab Jona zu.
»Dann mußt du dir über die Möglichkeiten und Grenzen der Heilkunst klarwerden. Ein Arzt kann die Leiden einer kleinen Anzahl von Menschen lindern. Wir bekämpfen ihre Krankheiten, wir verbinden ihre Wunden, wir richten ihre gebrochenen Knochen und entbinden sie von ihren Kindern. Aber jedem lebendigen Wesen ist ein Ende bestimmt. So kommt es, daß trotz unseres Wissens, unserer Fähigkeit und unserer Leidenschaft einige unserer Patienten sterben, und wir dürfen deswegen nicht übermäßig trauern oder uns schuldig fühlen, weil wir keine Götter sind, die ewiges Leben schenken können. Statt dessen müssen wir, wenn diese Menschen ihre Zeit wohl genutzt haben, dankbar sein, daß ihnen die Gnade des Lebens gewährt wurde.«
Jona nickte. »Ich verstehe.«
»Das hoffe ich«, sagte Nuno. »Denn wenn dir diese Einsicht fehlt, kannst du kein guter Arzt sein, weil du den Verstand verlierst.«
2. KAPITEL
DIE PRÜFUNG DES RAMON CALLICO
Am Ende des zweiten Jahres von Jonas Lehrzeit schien sein Lebensweg klar und bestimmt, und doch lernte Jona mit unverminderter Begeisterung, was Nuno ihm beibrachte. Ihr Wirkungskreis erstreckte sich weit ins Umfeld von Saragossa, und sie hatten viel zu tun, sowohl im Behandlungszimmer in der Scheune wie auch mit Besuchen bei Patienten. Der Großteil von ihnen bestand aus den einfachen Leuten der Stadt und der umliegenden Bauernhöfe. Gelegentlich wurde Nuno auch zu einem Adligen gerufen, und er leistete diesen Rufen immer Folge, gestand aber Jona, daß adlige Patienten oft herrisch seien und den Arzt nur äußerst ungern für seine Arbeit bezahlten, und daß er deshalb nicht sonderlich erpicht auf sie sei. Doch am 20. November des Jahres 1504 erhielt er einen Ruf, den er nicht unbeachtet lassen konnte.
Am Ende dieses Sommers waren König Ferdinand und Königin Isabella von einer zehrenden Krankheit befallen worden. Der König, ein robuster Mann, dessen Widerstandskräfte von Jahren des Jagens und Kriegführens gestärkt waren, hatte sich schnell wieder erholt, doch seine Gemahlin war stetig schwächer geworden. Jetzt hatte sich Isabellas Zustand während eines Besuchs in der Stadt Medina del Campo bedrohlich verschlechtert, und Ferdinand hatte verzweifelte Rufe an ein halbes Dutzend Ärzte ausgesandt, darunter auch an Nuno Fierro, den Arzt von Saragossa.
»Aber dem kannst du unmöglich Folge leisten«, wandte Jona vorsichtig ein. »Nach Medina del Campo ist es ein Ritt von zehn Tagen. Acht Tage, wenn du dich umbringst.« Er meinte das wörtlich, denn er wußte, daß Nuno nicht mehr der Kräftigste war und eine solche Reise nicht unternehmen sollte.
Doch der Arzt blieb stur. »Sie ist meine Königin. Ein Herrscher, der Hilfe braucht, muß ebenso gewissenhaft behandelt werden wie jemand aus dem einfachen Volk.«
Als Jona und Reyna ihn mit vereinten Kräften bestürmten, daß er einen Helfer auf die Reise mitnehmen müsse, ließ Nuno sich schließlich erweichen und stellte Andres de Avila, einen Mann aus der Stadt, als Begleiter ein. Früh am nächsten Morgen brachen die beiden auf.
Sie kehrten zu früh zurück, und in schlechtem, feuchtem Wetter. Jona mußte Nuno vom Pferd helfen. Während Reyna dafür sorgte, daß der Arzt unverzüglich ein heißes Bad bekam, erzählte Avila Jona, was vorgefallen war.
Die Reise war so schlimm gewesen, wie Jona befürchtet hatte. Avila berichtete, daß sie viereinhalb Tage geritten seien. Bei einem Wirtshaus knapp außerhalb der Stadt Atienza angekommen, habe er feststellen müssen, daß Nuno zu erschöpft zum Weiterreiten war.
»Ich überredete ihn, Rast zu machen und etwas zu essen, um Kraft für den Weiterritt zu sammeln. Doch in dem Wirtshaus fanden wir Leute, die auf das Andenken der Königin Isabella tranken.«
Avila erzählte, Nuno habe mit heiserer Stimme gefragt, ob die Zecher sicher wußten, daß sie gestorben sei, und andere Reisende aus dem Westen versicherten ihm, daß die Leiche der Herrscherin bereits nach Granada zur Beisetzung in der königlichen Gruft geschafft werde.
Nuno und Avila hatten eine unruhige Nacht im verlausten
Schlafsaal des Gasthauses zugebracht, und am nächsten Morgen machten sie sich auf den Rückweg nach Saragossa. »Diesmal ritten wir gemächlicher«, sagte Avila, »aber diese Reise stand in jeder Hinsicht unter einem schlechten Stern, und den ganzen letzten Tag mußten wir durch kalten, stürmischen Regen reiten.« Jona war besorgt, als er sah, wie erschöpft und blaß Nuno auch nach dem Bad noch war. Er brachte den Arzt sofort ins Bett, und Reyna nötigte ihm warme Getränke und nahrhaftes Essen auf. Nach einer Woche Bettruhe war er etwas erholt, aber der vergebliche Ritt zu einer sterbenden Königin von Spanien hatte seine beschränkten Kräfte beinahe aufgezehrt.
Es kam die Zeit, da Nunos Hände so zitterten, daß er die chirurgischen Instrumente nicht mehr benutzen konnte, die sein Bruder für ihn gefertigt hatte. Jona benutzte sie an seiner Stelle, wobei der Arzt neben ihm stand und ihn anleitete, erklärte und Fragen stellte, die für den Lehrling herausfordernd und lehrreich waren.
Vor der Amputation eines kleinen Fingers ließ er Jona den eigenen Finger mit den Fingerspitzen der anderen Hand abtasten. »Spürst du die Lücke - den kleinen Spalt, wo Knochen auf Knochen trifft? Hier sollte das zerquetschte Stück abgetrennt werden, aber du mußt die Haut ein gutes Stück über die Stelle hinaus unbeschädigt lassen. Weißt du, warum?«
»Wir müssen daraus eine Lasche machen«, sagte Jona, und der Ältere nickte zufrieden.
Auch wenn Jona Nunos Schicksal tief bedauerte, war es für seine Ausbildung doch von Vorteil, denn im letzten Jahr seiner Lehrzeit operierte er viel häufiger, als er es sonst hätte tun können.
Er hatte ein schlechtes Gewissen, weil Fierro seine ganze Kraft für seine Ausbildung aufwendete, aber als er mit Reyna darüber sprach, schüttelte sie nur den Kopf. »Ich glaube, daß der Wunsch, deine Ausbildung abzuschließen, ihn am Leben erhält«, erklärte sie.
Als das vierte Jahr von Jonas Ausbildung sich dem Ende zuneigte, zeigte sich ein triumphierendes Funkeln in Nuno Fierros Augen. Unverzüglich machte er sich daran, Jona vor die ärztlichen Prüfer des Bezirks zu bringen. Jedes Jahr, drei Tage vor Weihnachten, ernannten die städtischen Beamten zwei Ärzte des Bezirks zu Prüfern für die Bewerber um die ärztliche Zulassung. Nuno hatte auch schon als Prüfer gedient und kannte das Verfahren gut.