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Der Medicus von Saragossa

Электронная книга - «Der Medicus von Saragossa». Краткое содержание книги:

Titel der Originalausgabe: The Last Jew
Der Abdruck von Passagen aus Dantes Göttlicher Komödie (übers. v. Karl Vossler, Piper Verlag GmbH, München 1969) erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Die Stadt Saragossa findet sich auf der Landkarte im Vorsatz unter ihrem lateinischen Namen Cesaraugusta.
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Plötzlich grinste er Jona an. »Außerdem waren deine Ausführungen nicht ganz genau. In den übersetzten Seiten des Kanon, die du mir gegeben hast, spricht Avicenna von zehn verschiedenen Arten des Pulses - und zählt dann nur neun auf! Darüber hinaus schrieb er, daß die feinen Unterschiede im Puls nur sehr kundigen Ärzten nützen. Du wirst feststellen, daß diese Beschreibung nur auf wenige der Männer zutrifft, mit denen wir heute das Brot gebrochen haben.«

Drei Wochen später hatte Nuno einen schweren Anfall. Er stieg eben die Treppe zu seinem Zimmer hoch, als ihn plötzlich ein heftiger, betäubender Schmerz in der Brust überfiel, der ihm den Atem nahm und ihn so schwächte, daß er sich setzen mußte, um nicht böse zu stürzen. Jona hatte Patienten besucht und sattelte gerade im Stall den grauen Araber ab, als Reyna bestürzt die Tür öffnete. »Es hat ihn schwer getroffen«, sagte sie, und Jona eilte mit ihr ins Haus. Gemeinsam schafften sie Nuno ins Bett, wo er, heftig schwitzend, Symptome hervorkeuchte, als würde er an einem Krankenlager stehen und Jona unterweisen.

»Der Schmerz ist... dumpf, nicht... scharf. Aber... heftig. Sehr heftig...«

Als Jona den Puls maß, war er so unregelmäßig, daß es ihn ängstigte. Er schien stoßweise zu schlagen, ohne erkennbaren Rhythmus. Jona flößte ihm tropfenweise Kampfer in Apfelschnaps gegen den Schmerz ein, der trotzdem noch fast vier Stunden anhielt. Am Abend ließ er nach und verschwand schließlich ganz, und danach lag Nuno völlig entkräftet in seinem Bett.

Aber er war ruhig und konnte sprechen. Er bat Reyna, ein Huhn zu schlachten und ihm eine Brühe zu kochen, und dann sank er in einen tiefen Schlaf. Jona beobachtete ihn eine Weile und wurde sich dabei überdeutlich der Beschränkungen des Arztseins bewußt, denn er hätte alles getan, um Nuno wieder gesund zu machen, hatte aber nicht die geringste Ahnung, was das sein könnte.

Nach drei Tagen war Nuno wieder in der Lage, mit Jonas Hilfe langsam nach unten zu gehen und tagsüber in seinem Sessel zu sitzen. Zehn Tage lang hatte Jona noch Hoffnung für ihn, doch am Ende der zweiten Woche war klar, daß es sehr ernst um ihn stand. Seine Brust war verstopft, und seine Beine schwollen an. Anfangs versuchte Jona, ihm nachts Kopf und Brust aufzurichten, indem er ihn im Bett auf mehrere Kissen stützte. Doch bald wurden die Schwellungen und die Atembeschwerden schlimmer, und Nuno wollte Tag und Nacht nur noch in seinem Sessel vor dem Feuer sitzen bleiben. Nachts lag Jona wenige Schritte von ihm entfernt auf dem Boden und horchte auf das gurgelnde Atmen des sitzenden Mannes.

In der dritten Woche waren die Anzeichen einer tödlichen Krankheit unverkennbar. Die Flüssigkeit, die in seinen Lungen gluckerte, schien alles Gewebe seines Körpers durchdrungen zu haben, was ihm den Anschein von Fettleibigkeit gab, mit Beinen wie Baumstämme und einem aufgequollenen, vornüberhängenden Bauch. Er hatte versucht, nicht zu sprechen, da ihm sogar das Atmen schwerfiel, doch nun gab er Jona in atemlosen Stößen seine Anweisungen.

Er wollte auf seinem eigenen Grund und Boden, auf der Hügelkuppe, beerdigt werden. Ein Grabstein sollte nicht aufgestellt werden.

Jona konnte nur nicken.

»Mein Letzter Wille. Schreib ihn nieder.«

Also holte Jona Papier, Tinte und Feder, und Nuno diktierte ihm schwer atmend seine Verfügungen.

Reyna Fadique hinterließ er die Ersparnisse, die er in seiner Laufbahn als Arzt angehäuft hatte.

Ramon Callico hinterließ er sein Land und die hacienda, seine medizinischen Bücher und Instrumente und die Ledertruhe samt Inhalt von Nunos verstorbenem Bruder Manuel Fierro.

Jona konnte sich dies nicht anhören, ohne zu widersprechen. »Das ist viel zu viel. Ich brauche keine...«

Aber Nuno schloß die Augen. »Keine Verwandten...«, sagte er und schloß das Thema mit einer schwachen Handbewegung ab. Dann griff er nach der Feder, und als er das Testament unterzeichnete, war seine Unterschrift nur ein Gekritzel.

»Noch... etwas. Du mußt... mich studieren.«

Jona wußte, was Nuno meinte, glaubte aber nicht, es tun zu können. Es war ihm nicht schwergefallen, ins Fleisch von Fremden zu schneiden, während sein Meister ihn in die Geheimnisse der Anatomie einführte. Aber hier ging es um Nuno.

Nunos Augen funkelten. »Willst du... so sein... wie Calca... oder wie ich?«

Was er wirklich wollte, war, diesem Mann das Sterben abzunehmen.

»Wie du. Ich liebe dich, und ich danke dir. Ich verspreche es.«

Nuno starb, in seinem Sessel sitzend, irgendwann zwischen der regnerischen Dunkelheit des 17. und der grauen Morgendämmerung des 18. Januar 1507.

Jona saß auf seinem Lager und sah ihn lange an. Dann stand er auf, küßte seinem Meister die noch warme Stirn und schloß ihm die Augen.

Trotz seiner Größe und seiner Kraft wankte er unter dem Gewicht, als er die Leiche in die Scheune trug, wo er den letzten Wunsch des toten Arztes erfüllte, als könnte er seine Stimme noch hören.

Zuerst nahm er sich Papier und Feder und schrieb auf, was er vor dem Eintritt des Todes beobachtet hatte. Er schrieb von Husten, der blutfleckigen Auswurf hervorgebracht hatte. Von Haut, die purpurn gefärbt war. Von vergrößerten und pulsierenden Halsvenen, von heftigen Schweißausbrüchen und einem Herz, das so schnell und unregelmäßig schlug, wie eine Maus auf der Flucht rannte. Von schneller, rasselnder und mühsamer Atmung und von weichem aufgedunsenem Fleisch.

Danach nahm er eins der Skalpelle zur Hand, die Manuel Fierro geschmiedet hatte, und betrachtete noch ein letztes Mal das Gesicht des auf dem Tisch liegenden Nuno.

Als er die Brust öffnete, fiel ihm sofort auf, daß das Herz anders aussah als die Herzen, die er mit Nuno untersucht hatte. An der Oberfläche war eine geschwärzte Stelle zu erkennen, als wäre das Gewebe verbrannt. Als er es aufschnitt, sahen die vier Kammern irgendwie falsch aus. Auf der linken Seite war ein Teil einer Kammer geschwärzt und zerfressen, und diese Beschädigung setzte sich fort bis zur Außenseite. Um das Herz genauer zu untersuchen, mußte er das Blut mit weichen Tüchern aufsaugen und wegwischen. Seiner Meinung nach hatte es nicht richtig pumpen können, da sich das Blut in beiden linken Kammern und in Teilen der angrenzenden Adern gestaut hatte. Aus Avicennas Kanon wußte Jona, daß das Blut zur Lebenserhaltung durch den gesamten Körper gepumpt werden mußte, wo es durch große Arterien und ein Geflecht von Adern strömte, die dünner und immer dünner wurden, bis sie schließlich in haarfeinen Gefäßen endeten, die man Kapillaren nannte. Nunos kaputtes Herz hatte dieses Blutverteilungssystem zerstört und ihn das Leben gekostet.

Als er in das geschwollene Gewebe des Bauchs schnitt, fand er es feucht, ebenso wie die Lunge. Nuno war in seinen eigenen Säften ertrunken. Aber woher kam diese ganze Feuchtigkeit?

Jona hatte nicht die geringste Ahnung.

Er hielt sich genau an den Ablauf, den er gelernt hatte, wog die

Organe und zeichnete die Ergebnisse auf, bevor er sie wieder in die Körperhöhle zurücklegte und Nuno zunähte. Dann wusch er sich mit Kernseife und Wasser aus dem Eimer, der immer neben dem Tisch stand, so wie Nuno es ihm beigebracht hatte, und schrieb seine Beobachtungen auf. Erst als dies alles erledigt war, gestattete er sich, ins Haus zurückzukehren.

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