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Der Medicus von Saragossa

Электронная книга - «Der Medicus von Saragossa». Краткое содержание книги:

Titel der Originalausgabe: The Last Jew
Der Abdruck von Passagen aus Dantes Göttlicher Komödie (übers. v. Karl Vossler, Piper Verlag GmbH, München 1969) erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Die Stadt Saragossa findet sich auf der Landkarte im Vorsatz unter ihrem lateinischen Namen Cesaraugusta.
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neuen Augen und sah in jedem das Skelett und die Organe, die er in dem dünnen Mann gesehen hatte.

Es dauerte eine ganze Woche, bis er den Mut aufbrachte, mit seiner Bitte vor den Arzt zu treten.

»Ich möchte bei Euch die Heilkunst erlernen.«

Nuno sah ihn ruhig an. »Ist das ein plötzlicher Wunsch, der wieder verwehen kann wie Nebel im Wind?«

»Nein, ich habe lange darüber nachgedacht. Ich glaube, Ihr tut Gottes Werk.«

»Gottes Werk? Dann will ich Euch etwas sagen, Ramon. Oft glaube ich an Gott. Aber manchmal tue ich es nicht.«

Jona schwieg, denn er wußte nicht, was er sagen sollte.

»Habt Ihr noch andere Gründe für Eure Bitte?«

»Ein Medicus hilft sein ganzes Leben lang anderen.«

»Ach so. Ihr wollt der Menschheit also Gutes tun?«

Jona hatte das Gefühl, daß Nuno sich über ihn lustig machte, und war verstimmt. »Ja, das möchte ich.«

»Wißt Ihr, wie lange eine solche Lehrzeit dauert?«

»Nein.«

»Vier Jahre. Es wäre Eure dritte Lehre, und ich kann Euch nicht zusichern, daß Ihr sie werdet abschließen können. Ich weiß nicht, ob Gott mir noch vier Jahre gewährt, um sein Werk zu verrichten.«

Um der Aufrichtigkeit willen rang Jona sich ein weiteres Geständnis ab. »Ich muß irgendwohin gehören. Teil von etwas Gutem sein.«

Nuno spitzte die Lippen und sah ihn an.

»Ich würde hart für Euch arbeiten.«

»Ihr arbeitet schon jetzt hart für mich«, erwiderte Nuno sanft.

Kurz darauf nickte er. »Nun gut. Wir wollen es versuchen«, sagte er.

TEIL VI.

DER MEDICUS VON SARAGOSSA

ARAGON 10. FEBRUAR 1501

1. KAPITEL

DER LEHRLING DES ARZTES

Wenn Jona nun mit Nuno zu einem Patienten ritt, wartete er nicht mehr nur untätig, bis der alte Medicus seine Arbeit getan hatte. Aufmerksam stand er neben dem Krankenlager, während Nuno mit leiser Stimme Untersuchung und Behandlung erläuterte. »Siehst du, wie feucht die Laken sind? Riechst du das Saure seines Atems?« Jona hörte genau zu, wie Nuno der Frau des Kranken erklärte, ihr Mann liege mit Fieber und Koliken darnieder, und für sieben Tage leichte, gewürzfreie Kost und Kräuteraufgüsse zum Trinken verschrieb.

Solange sie von Haus zu Haus ritten, trieben sie ihre Pferde zu forschem Trab an, doch auf dem gemächlichen Nachhauseritt hatte Jona für gewöhnlich einige Fragen, die ihm während der Arbeit des Tages gekommen waren. »Wie unterscheiden sich die Symptome einer Kolik?«

»Manchmal geht eine Kolik mit Fieber und Schwitzen einher, manchmal aber auch nicht. Koliken können durch heftige Verstopfung hervorgerufen werden, und dafür sind Feigen, die in Olivenöl und Honig zu einer dicken Paste verkocht werden, ein gutes Heilmittel. Aber auch Durchfall kann Koliken verursachen, und dagegen nimmt man Reis, der zuerst braun geröstet, dann weich gekocht und langsam gegessen wird.«

Auch Nuno selbst hatte immer einige Fragen. »Wie paßt das, was wir heute gesehen haben, zu dem, was Avicenna über die Erkennung von Krankheiten sagt?«

»Er hat geschrieben, daß Krankheit oft an dem zu erkennen ist, was der Körper produziert und ausscheidet, also Speichel, Stuhl, Schweiß und Urin.«

Jona arbeitete weiter an der Übersetzung von Avicennas Buch, und was er dort las, bekräftigte, was Nuno ihn lehrte:

Symptome erkennt man anhand der Untersuchung des Körpers. Es gibt sichtbare, wie etwa Gelbsucht und Ödeme; einige sind mit dem Ohr wahrzunehmen, wie etwa das Glucksen im Bauch bei Wassersucht; üble Ausdünstungen reizen den Geruchssinn, wie zum Beispiel bei eitrigen Geschwüren; wieder andere sind dem Geschmackssinn zugänglich, wie die Säure des Mundes; gewisse sind mittels Berührung bestimmbar: die Festigkeit eines...

Wenn er auf ein Wort stieß, das er nicht kannte, mußte er sich an Nuno wenden. »Hier steht: >die Festigkeit eines...<, das hebräische Wort lautet sartan. Ich weiß nicht, was sartan bedeutet.«

Nuno las den übersetzten Absatz und lächelte. »Das heißt bestimmt Krebs. Mittels Berührung ist die Festigkeit eines Krebses bestimmbar.«

So lehrreich die Übersetzung eines solchen Buches auch war, konnte Jona Avicenna nur sehr wenig Zeit widmen, denn Nuno Fierro war ein anspruchsvoller Lehrer, der ihm unverzüglich auch andere Bücher zum Lesen gab. Der Arzt besaß mehrere klassische Werke der Medizin in spanischer Sprache, und Jona mußte sich das Wissen aneignen, das Teodorico Borgognoni in seinen Schriften über die Chirurgie, was Isaak in seiner Arbeit über Fieber und was Galen über den Puls mitteilte.

»Du darfst sie nicht nur lesen«, schärfte ihm Nuno ein. »Du mußt sie dir einprägen. Du mußt sie dir so einprägen, daß du sie in Zukunft nicht mehr aufschlagen mußt. Ein Buch kann verbrennen oder verlorengehen, aber wenn du es dir wirklich eingeprägt hast, dann ist das Buch ein Teil von dir, und das Wissen wird bestehen, solange es dich gibt.«

Gelegenheit zu weiteren Sektionen in der Scheune bekamen sie nur äußerst selten. Immerhin konnten sie die Leiche einer Frau studieren, die sich selbst im Ebro ertränkt hatte. Als sie ihr den Bauch aufschnitten, zeigte Nuno Jona einen Fötus, der noch nicht voll ausgebildet und so winzig war wie ein Fisch, den jeder Angler in den Fluß zurückgeworfen hätte.

»Das Leben entsteht aus dem Samen, dem Ausfluß des Penis«, erklärte ihm Nuno. »Wir wissen nicht, was im Leib der Frau geschieht, das die Verwandlung bewerkstelligt. Einige glauben, daß die Samen, die mit der männlichen Flüssigkeit ausgestoßen werden, von der natürlichen Wärme der weiblichen Höhlung zum Wachstum angeregt werden. Andere meinen, Ursache sei die zusätzliche Reibungswärme, die durch das wiederholte Stoßen des männlichen Glieds entsteht.«

Als sie die Brust sezierten, wies Nuno ihn auf das schwammartige innere Gewebe hin, in dem sich bei einigen Frauen Tumoren bildeten. »Die Brustwarzen sind nicht nur dazu da, dem Säugling die Milch zu spenden, sie sind auch sehr empfindliche Stellen, die der geschlechtlichen Erregung dienen. Tatsächlich ist es so, daß eine Frau zum Verkehr bereit gemacht werden kann, wenn der Mann gewisse Stellen mit Händen oder Mund reizt, doch es ist ein Geheimnis, das sogar viele Anatomen nicht kennen, daß der eigentliche Quell weiblicher Erregung hier sitzt«, sagte er und zeigte Jona das winzige, knapp erbsengroße Organ, das am oberen Ende des Geschlechts in zwei Hautfalten eingebettet lag wie ein Juwel.

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