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Der Medicus von Saragossa

Электронная книга - «Der Medicus von Saragossa». Краткое содержание книги:

Titel der Originalausgabe: The Last Jew
Der Abdruck von Passagen aus Dantes Göttlicher Komödie (übers. v. Karl Vossler, Piper Verlag GmbH, München 1969) erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Die Stadt Saragossa findet sich auf der Landkarte im Vorsatz unter ihrem lateinischen Namen Cesaraugusta.
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»Zuerst will ich ihn in seinem Haus sieben Tage lang betrauern«, erwiderte Jona. »Erst dann gehen wir zu den Priestern und in die Kirche, um für ihn die Messe zu feiern.«

Reynas Frömmigkeit war oberflächlich und regte sich nur wegen der Feierlichkeit des Todes, und so zuckte sie lediglich die Achseln und sagte ihm, er solle tun, was er für richtig halte.

Er war sich bewußt, daß er den Tod seines Vaters nie den Riten entsprechend gewürdigt hatte. Nuno war wie ein Vater zu ihm gewesen, und er wollte ihm die letzte Ehre erweisen, auf die Art, die er von früher kannte. Er zerriß eins seiner Kleidungsstücke, ging schuhlos durchs Haus, verhüllte den einen kleinen Spiegel mit einem Tuch und betete jeden Morgen und jeden

Abend das Kaddisch in Nunos Andenken, so wie ein Sohn es für seinen Vater tun würde.

Dreimal in dieser Woche kamen Leute zum Haus, die einen Arzt brauchten; einmal führte Jona einen Mann in das Behandlungszimmer in der Scheune und schiente ein verstauchtes Handgelenk, und zweimal ritt er aus, um Kranke in ihren Häusern zu behandeln. Außerdem besuchte er vier Patienten, von denen er wußte, daß sie seine Zuwendung brauchten, aber wenn er zurückkehrte, hielt er weiter Trauer.

Nach der Woche der Schiwa und nachdem die Seelenmesse für Nuno gelesen worden war, sah sich Jona plötzlich in einem Leben, das ihm fremd vorkam, ein Leben, in dem er sich erst zurechtfinden mußte.

Reyna wartete eine Woche, bevor sie ihn fragte, warum er noch immer auf dem Strohlager in der kleinen Vorratskammer schlafe, da er doch nun der Herr des Hauses sei. Nunos Kammer war das beste Zimmer, mit zwei Fenstern, eins nach Süden und eins nach Osten. Das Bett aus Kirschholz war groß und geräumig.

Gemeinsam gingen sie die persönliche Habe des toten Meisters durch. Nunos Kleidung war von guter Qualität, aber er war kleiner und untersetzter als Jona gewesen. Reyna wußte geschickt mit der Nadel umzugehen und versprach, einige Stücke so zu ändern, daß sie Jona paßten. »Es wird dir sicher gefallen, ab und zu etwas von ihm zu tragen und so an ihn erinnert zu werden.« Was Jona nicht brauchen konnte, nahm sie an sich, um es in ihr Dorf zu bringen, wo man jedes Kleidungsstück dankbar annehmen werde.

Als Jona in das Zimmer einzog, schlief er zum ersten Mal seit seiner Flucht aus Toledo wieder in einem Bett. Doch es dauerte noch ganze vierzehn Tage, bis er das Gefühl hatte, daß dies alles nun wirklich ihm gehörte, das Haus und das Land waren ein Teil von ihm geworden, und er schätzte das Anwesen so hoch, als wäre er dort geboren.

Eine ganze Reihe der Patienten, die er behandelte, sprachen traurig von Nunos Dahinscheiden. »Er war immer ein guter und gewissenhafter Arzt, und wir hatten ihn ins Herz geschlossen«, sagte Pascual Cabrera. Aber für Senor Cabrera und seine Frau -wie für die meisten anderen Patienten - war Ramon Callico in den Jahren seiner Ausbildung ein vertrauter Anblick geworden, und sie schienen mit ihm sehr zufrieden zu sein, und er gewöhnte sich an das ärztliche Alleinsein schneller, als er sich an das neue Bett gewöhnt hatte. Auch fühlte er sich als Medicus nicht wirklich allein. Wenn er einen schwierigen Patienten behandelte, hörte er in seinem Kopf eine ganze Reihe von Stimmen, Avicennas und Galens und Borgognonis. Am lautesten von allen aber war Nunos Stimme, die ihm zu sagen schien: »Denk an das, was die Großen schrieben, und an die Dinge, die ich dir beigebracht habe. Und dann betrachte den Patienten mit deinen eigenen Augen, und rieche den Patienten mit deiner Nase, und taste ihn mit deinen Händen ab, und dann benutze deinen Verstand, um zu entscheiden, was zu tun ist.«

Er und Reyna gewöhnten sich ein stilles, wenn auch etwas verlegenes Miteinander an. Wenn Jona zu Hause war, las er ein Buch aus der kleinen medizinischen Bibliothek oder arbeitete an seiner Übersetzung, und sie achtete darauf, ihn nicht zu stören, während sie ihre häuslichen Pflichten erledigte.

Eines Abends, einige Monate nach Nunos Tod, Jona hatte es sich eben in seinem Sessel vor dem Feuer bequem gemacht, kam Reyna zu ihm und goß ihm Wein nach. »Gibt es irgendwas Besonderes, das du morgen zu Abend essen willst?« fragte sie.

Jona spürte die Wärme des Weins und die Wärme des Feuers. Er sah sie an, wie sie so dastand, eine gute Dienerin, als hätte sie ihn nicht einst als heimatlosen Streuner gesehen und als wäre er schon immer der Herr des Hauses gewesen.

»Es würde mich freuen, wenn du mir morgen geschmortes Geflügel machst.«

Sie sahen einander an. Es war ihm unmöglich zu erraten, was sie dachte. Aber sie senkte den Kopf, und in dieser Nacht kam sie zum ersten Mal in seine Kammer.

Sie war viel älter als er, vielleicht sogar um zwanzig Jahre. Grau durchzog bereits ihre schwarzen Haare, aber ihr Körper war noch straff von lebenslanger schwerer Arbeit, die sie jedoch nicht vor der Zeit zur alten Frau gemacht hatte, und sie war mehr als bereit, sein Bett mit ihm zu teilen. Hin und wieder ließ sie eine Bemerkung fallen, die Jona Grund für die Vermutung gab, daß sie als junge Frau auch mit Nunos Meister, Gabriel Montesa, das Bett geteilt hatte. Doch war es nicht so, daß sie quasi zum Anwesen gehörte. Er erkannte, daß sie sich einfach lebendiger fühlte, wenn sie den Körper eines Mannes spürte, und wie es der Zufall wollte, hatte sie immer alleine mit drei Männern gearbeitet, die sie im Laufe der Zeit alle liebgewonnen hatte.

Doch am Morgen danach war sie ihm immer eine so anständige und ehrerbietige Haushälterin, wie sie es für Nuno gewesen war.

So kam es, daß er, dank der Arbeit, die ihm sehr am Herzen lag, dank ihres guten Essens und der Entspannung, die sie einander in seinem hölzernen Bett schenkten, schon bald sehr zufrieden mit seinem Leben war.

Wenn er über sein Land spazierte, ärgerte es ihn, daß der Boden nicht ordentlich genutzt wurde, aber er hatte nicht vor, ihn bearbeiten zu lassen, und das hatte den gleichen Grund, warum auch seine früheren ärztlichen Besitzer es nicht getan hatten: Es ging einfach nicht, daß peones auf dem Anwesen arbeiteten und so möglicherweise mitbekamen, daß die Scheune neben dem Haus nicht nur ein Behandlungszimmer und einen Operationstisch enthielt, sondern hin und wieder auch für anatomische Studien benutzt wurde, die viele als Hexerei bezeichnen würden.

Als der Frühling kam, bestellte er deshalb nur so viel des

Bodens, wie er mit eigenen Händen und in der verfügbaren Zeit bearbeiten konnte. Er stellte drei Bienenstöcke auf, um Honig zu haben, und stutzte ein paar Oliven- und Obstbäume, die er mit Pferdemist düngte. Später im Jahr schenkte ihm der Garten die erste gute Ernte für Küche und Tisch. Es war ein Leben, das Jona gestattete, den Wechsel der Jahreszeiten zu genießen.

Er versagte sich alle gefährlichen äußerlichen Zeichen jüdischen Lebens, aber am Sabbat zündete er in seiner Kammer immer zwei Kerzen an und flüsterte das Gebet: »Gelobt seist du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der uns geheiligt durch seine Gebote und uns geboten hat, Lichter anzuzünden für den Sabbat.«

Die Medizin füllte sein Leben reich aus, fast so, als wäre sie eine Religion, die er öffentlich ausüben konnte, aber dennoch bemühte er sich, sein inneres Judentum lebendig zu erhalten. Das Übersetzen hatte ihm viel von seiner früheren Leichtigkeit im Umgang mit dem Hebräischen zurückgegeben, aber er hatte die Fähigkeit verloren, in der Tradition seines Vaters zu beten. Er erinnerte sich nur noch an Bruchstücke der Gebete. Sogar die Grundzüge der Sabbatfeier waren ihm entglitten. So wußte er zwar noch, daß der Teil der Feier, der im Stehen gebetet wurde -das Amida -, aus achtzehn Sprüchen bestand. Doch sosehr er sich, das Herz voller Kummer und Enttäuschung, auch bemühte, es fielen ihm nur siebzehn ein. Außerdem bereitete ihm einer der Sprüche, an die er sich erinnern konnte, schreckliches Kopfzerbrechen. Der zwölfte Spruch war ein Bittgebet für die Vernichtung der Ketzer.

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