Der Medicus von Saragossa
- Автор: Гордон Ной
- Год: 1999
- Язык: немецкий
- Жанр: Историческая проза
Электронная книга - «Der Medicus von Saragossa». Краткое содержание книги:
Der Abdruck von Passagen aus Dantes Göttlicher Komödie (übers. v. Karl Vossler, Piper Verlag GmbH, München 1969) erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Die Stadt Saragossa findet sich auf der Landkarte im Vorsatz unter ihrem lateinischen Namen Cesaraugusta.
Das erinnerte Nuno an etwas, das er Jona unbedingt einschärfen wollte. »In der Stadt gibt es Frauen in großer Anzahl, so viele, daß jeder Mann seine Bedürfnisse unauffällig befriedigen kann.
Aber halte dich von den Huren fern, da viele von ihnen die Lues haben, eine Krankheit, vor der man sich wegen der schrecklichen Folgen hüten sollte.«
Als sie eine Woche später das Haus von Lucia Porta im Stadtzentrum besuchten, prägte sich Jona diese Lektion unauslöschlich ein. »Senora«, rief Nuno, »hier ist der Arzt, der nach Jose und Fernando sehen will«, und gleich darauf hörten sie eine Frau zur Tür schlurfen.
»Hola, Senora«, sagte Nuno. Sie starrte die beiden grußlos an, ließ sie aber ein. Ein kleiner Junge lehnte an der Wand und betrachtete sie teilnahmslos.
»Hola, Fernando«, sagte Nuno. »Fernando ist acht Jahre alt«, sagte er, und Jona empfand Mitleid mit dem Jungen, denn er sah aus wie vier oder fünf. Die Beine waren unterentwickelt und schrecklich säbelförmig verbogen. Er gähnte schlaff und zeigte dabei einen Mund voller mißgebildeter, spitzer und weit auseinanderstehender Zähne.
»Und das ist Jose.«
Auf einem Strohsack lag ein jüngerer Knabe, und Nuno und Jona beugten sich darüber.
»Hola, Jose«, flüsterte Nuno. Bei dem kleinen Jungen zeigten sich Bläschen und Entzündungen um Mund und Nase. »Fernando hat bereits dunkle Wucherungen an Hoden und Anus, wie kleine Weintrauben. Jose wird sie bald bekommen.«
»Habt Ihr noch genügend Salbe, Senora?«
»Nein. Alles weg.«
Nuno nickte. »Dann müßt Ihr zum Apotheker gehen. Ich werde ihm sagen, daß er Euch erwarten und frische Salbe geben soll.«
Jona war froh, als sie wieder in den hellen Sonnenschein hinaustraten und davongingen.
»Die Salbe wird ihnen nur wenig helfen. Es gibt nichts, das ihnen wirklich hilft«, sagte Nuno. »Die Entzündungen ver-schwinden wieder, aber die Zähne bleiben, wie sie sind. Und es kann noch viel schlimmer kommen. Mir ist aufgefallen, daß einige von meinen Patienten, die dem Wahnsinn verfallen sind - zwei Männer und eine Frau -, in ihrer Jugend die Lues hatten.« Er zuckte die Achseln. »Ich kann nicht beweisen, daß zwischen diesen beiden Krankheiten ein Zusammenhang besteht, aber es scheint mir von Bedeutung zu sein, daß diese Verbindung auftritt«, sagte er, und das war für lange Zeit das einzige, was er Jona über die Lues beibrachte.
Nuno meinte, sein Lehrling müsse regelmäßig die Kirche besuchen, obwohl Jona anfangs nichts davon wissen wollte. Es war ihm nicht schwergefallen, in Gibraltar, wo er unter ständiger Beobachtung stand, den Anschein christlicher Frömmigkeit aufrechtzuerhalten, hier aber, in Nunos Haus, wo er spürte, daß einem Ungläubigen keine Gefahr drohte, wehrte er sich gegen die heuchlerische Befolgung katholischer Riten.
Doch Nuno ließ sich nicht erweichen. »Am Ende deiner Lehrzeit mußt du vor den Vertretern der Stadt erscheinen und dich um die Zulassung als Medicus bewerben. Ich muß dich begleiten. Und wenn sie dich nicht als praktizierenden Christen kennen, erhältst du keine Zulassung.« Dann brachte er sein entscheidendes Argument vor. »Wenn man dich entlarvt und tötet, werden Reyna und ich mit dir untergehen.«
»Ich war nur ein paarmal, als es unausweichlich war, in christlichen Gottesdiensten. Damals konnte ich die nachmachen, die in meiner Nähe saßen, ich kniete mich hin, wenn sie knieten, und blieb sitzen, wenn sie es taten. Aber jeder Kirchenbesuch ist gefährlich für mich, da ich die Feinheiten kirchlichen Verhaltens nicht kenne.«
»Das ist leicht zu lernen«, erwiderte Nuno gelassen, und so kam es, daß Jona nicht nur in der Medizin unterwiesen wurde, sondern auch lernte, sich an den richtigen Stellen zu erheben oder hinzuknien, die lateinischen Gebete aufzusagen, als wären sie ihm so vertraut wie das Schema, und sogar, beim Betreten der Kirche das Knie zu beugen, als hätte er es sein Leben lang an jedem Sonn- und Feiertag getan.
In Saragossa kam der Frühling später als in Gibraltar, doch endlich wurden die Tage länger und wärmer. Die Bäume im Obstgarten, die Jona gestutzt und gedüngt hatte, blühten üppig, und er sah zu, wie die duftenden rosafarbenen Blüten abfielen und binnen weniger Wochen die ersten kleinen Früchte an ihre Stelle traten, Äpfel und Birnen, beide noch hart und grün.
An einem regnerischen Tag kam eine Witwe namens Loretta Cavaller zum Haus des Arztes und beklagte sich, daß seit zwei Jahren ihre monatliche Regel so gut wie versiegt sei und sie statt dessen an heftigen Krämpfen leide. Sie war eine zierliche Frau mit heller Haut und mausbraunen Haaren, die nur stockend von ihren Schwierigkeiten sprach, die engstehenden Augen immer zur Wand, nie auf Jona oder Nuno gerichtet. Sie sei bereits bei zwei Hebammen gewesen, berichtete sie, und habe Salben und Zaubermittel erhalten, aber nichts habe geholfen.
»Habt Ihr Stuhlgang?« fragte Nuno.
»Nicht immer.«
Gegen die Verstopfung verschrieb er ihr Leinsamen, den sie in kaltem Wasser eingeweicht einnehmen sollte. Vor dem Haus stand ihr Pferdekarren, doch Nuno trug ihr auf, den Wagen für eine Weile stehenzulassen und auf dem Pferd zu reiten, wann immer sie aus dem Haus müsse. Zur Förderung der monatlichen Blutungen solle sie Kirschbaumrinde, Portulak und Himbeerblätter in Wasser kochen, den Sud viermal täglich in kleinen Schlucken trinken und diese Behandlung noch dreißig Tage nach Wiedereinsetzen der regelmäßigen Blutungen fortsetzen.
»Woher soll ich denn die Zutaten nehmen?« fragte sie, und Nuno sagte ihr, daß sie sie beim Apotheker in Saragossa kaufen könne.
Doch am folgenden Nachmittag sammelte Jona Rindenstreifen von einem wilden Kirschbaum und pflückte Portulak und junge Blätter von einem Himbeerstrauch, und abends ging er mit den Kräutern und einer Flasche Wein zu dem kleinen Haus der Frau am Ebro. Ihre Füße waren nackt, als sie ihm öffnete, aber sie ließ ihn ein und dankte ihm für Rinde und Blätter. Sie gab ihm einen Becher des mitgebrachten Weins und goß sich auch selbst einen Becher ein, und dann saßen sie auf zwei wunderschön geschnitzten Stühlen vor dem Feuer. Als Jona die Möbelstücke lobte, erwiderte sie, daß ihr verstorbener Gatte Fernando Re-verte, der Schreinermeister gewesen sei, sie gefertigt habe.
»Wie lange ist Euer Gatte schon tot?« fragte Jona, und die Frau erwiderte, zwei Jahre und zwei Monate sei es her, seit Fernando vom Soor befallen und dahingerafft worden sei, und sie bete täglich für seine unsterbliche Seele.
Sie waren beide befangen in Gegenwart des anderen, und ihre Unterhaltung verlief schleppend, immer wieder von verlegenem Schweigen unterbrochen. Jona wußte sehr wohl, was er wollte, doch er war nicht bewandert in der Art von Gespräch, die dergleichen herbeiführte. Als er schließlich aufstand, erhob auch sie sich; Jona wußte, daß er gehen mußte, wenn er jetzt nichts unternahm, und so legte er die Arme um sie und bückte sich, um sie zu küssen.
Loretta Cavaller hielt sehr still in seiner Umarmung, löste sich dann, nahm die Öllampe und führte ihn durchs Zimmer. Er folgte ihren nackten Füßen eine steile, schmale Treppe hinauf. In ihrer Kammer erhaschte Jona nur einen kurzen Blick auf ihre Bettstatt, die Fernando noch kunstvoller als die Stühle geschnitzt und über und über mit eichenen Weintrauben, Feigen und Granatäpfeln verziert hatte, denn sie nahm die Lampe und stellte sie auf den Boden des Flurs. Dann war nur noch das Rascheln von Stoff auf Haut zu hören, als sie sich ihrer Kleider entledigten.