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Der Medicus von Saragossa

Электронная книга - «Der Medicus von Saragossa». Краткое содержание книги:

Titel der Originalausgabe: The Last Jew
Der Abdruck von Passagen aus Dantes Göttlicher Komödie (übers. v. Karl Vossler, Piper Verlag GmbH, München 1969) erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages.
Die Stadt Saragossa findet sich auf der Landkarte im Vorsatz unter ihrem lateinischen Namen Cesaraugusta.
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»Erklärt uns, wie sich bei einer Epidemie die Krankheit verbreitet.«

»In verwesenden Leichen oder im brackigen Wasser von Sümpfen bilden sich giftige Miasmen. Warme, feuchte, mit Fäulnis verseuchte Luft gibt schädliche Dämpfe ab, die, wenn von Gesunden eingeatmet, deren Körper befallen und krank machen kann. Während einer Epidemie sollte man die Gesunden auffordern, so weit zu fliehen, daß der Wind die Miasmen nicht bis zu ihnen tragen kann.«

Nun folgten wieder einige schnelle Striche über den roten Bart und eine rasche Folge von Fragen über den Urin: »Was bedeutet es, wenn der Urin gelblich verfärbt ist?«

»Daß er ein gewisses Maß an Galle enthält.«

»Und wenn der Urin die Farbe von Feuer hat?«

»Dann enthält er eine große Menge Galle.«

»Dunkelrote Pisse?«

»Bei jemandem, der keinen Safran gegessen hat, bedeutet das Blut im Urin.«

»Wenn im Urin Bodensatz festzustellen ist?«

»Das deutet auf eine innere Schwäche des Patienten hin. Wenn der Bodensatz aussieht wie Kleie und einen üblen Geruch verströmt, deutet dies auf eine Vereiterung der Harngänge hin. Wenn der Bodensatz zersetztes Blut enthält, bedeutet dies einen entzündlichen Tumor.«

»Wenn Sand im Urin zu sehen ist?« fragte Calca.

»Das deutet auf Steine hin.«

Ein kurzes Schweigen entstand.

»Ich bin es zufrieden«, sagte Calca.

»Auch ich bin es zufrieden. Ein guter Kandidat, in dem sich sein Lehrer zeigt«, sagte Montenegro und erhob sich, um das dicke, ledergebundene städtische Register vom Regal zu holen. Er verzeichnete darin die Namen der Prüfer und des Bewerbers und auch die Auskunft, daß am 17. Oktober im Jahre des Herrn 1506 Senor Ramon Callico aus Saragossa geprüft und für würdig befunden und als Arzt zugelassen worden sei.

Auf dem Nachhauseweg saßen Schüler und Lehrer in ihren Sätteln und kicherten wie Kinder oder Betrunkene.

»Ich glaube, ich habe es bei Teodorico Borgognoni gelesen! Ich glaube, ich habe es bei Teodorico Borgognoni gelesen!« äffte Nuno Jona nach.

»Aber Senor Montenegro... Warum ist er mir beigesprungen?«

»Miguel de Montenegro und ich haben einige Male miteinander seziert, als wir noch jünger waren. Ich bin mir sicher, er hat sofort erkannt, warum du mit solcher Sicherheit über die Erscheinungsform von etwas reden konntest, das sich im Körperinneren befinden soll.«

»Ich bin ihm sehr dankbar, und ich hatte Glück.«

»Ja, du hattest Glück, aber du hast dich auch auf eine Art verhalten, die dir zur Ehre gereicht.«

»Ich hatte großes Glück mit meinem Lehrer, Meister«, sagte

er.

»Du solltest mich nun nicht mehr Meister nennen, denn jetzt sind wir Kollegen«, erwiderte Nuno, doch Jona schüttelte den Kopf.

»Es gibt zwei Männer, denen ich immer dankbar sein werde«, sagte er. »Beide heißen Fierro. Und jeder wird für mich immer ein Meister sein.«

3. KAPITEL

EIN SCHWIERIGES TAGWERK

Nur wenige Wochen nach der Prüfung übergab Nuno Jona einen Teil seiner Patienten. Mit jedem Tag fühlte Jona sich mehr als Arzt und weniger als Lehrling. Ende Februar berichtete ihm Nuno, daß in Saragossa die jährliche Versammlung der Ärzte Aragons stattfinden sollte. »Es wäre gut für dich, wenn du zu der Versammlung gehst und deine Kollegen kennenlernst«, sagte er zu Jona, und beide legten ihre Verpflichtungen so, daß sie teilnehmen konnten.

Als sie in dem Gasthaus eintrafen, fanden sie dort sieben andere Ärzte, die Wein tranken und gebratene, mit Knoblauch gewürzte Ente aßen. Sowohl Pedro de Calca als auch Miguel de Montenegro begrüßten sie, und Nuno bereitete es ein offensichtliches Vergnügen, Jona den anderen fünf - Ärzte aus weiter entlegenen Teilen des Bezirks - vorzustellen. Nach dem Essen hielt Calca einen Vortrag über die Rolle des Pulses bei Krankheiten. Jona fand ihn schlecht vorbereitet, und es betrübte ihn, daß jemand, der ihn erst kürzlich geprüft hatte, einen so armseligen Vortrag halten konnte. Danach stampften die anderen mit den Füßen Beifall, und als Calca sich erkundigte, ob jemand eine Frage habe, wagte keiner, sich zu erheben.

Jona wunderte es, daß Calca nur drei Arten des Pulses genannt hatte: kräftig, schwach und unregelmäßig. Wage ich es, ihm zu widersprechen, fragte sich Jona, der sich nur zu deutlich bewußt war, daß er als Arzt noch ein Neuling war. Doch er konnte nicht widerstehen, und so hob er die Hand.

»Senor Callico?« sagte Calca mit offensichtlicher Belustigung.

»Ich möchte gern hinzufügen... darauf hinweisen... daß Avicenna von neun Arten des Pulses schreibt. Der erste, ein gleichmäßiger, kräftiger Schlag, der auf gesunde Ausgeglichenheit hindeutet. Ein stetiger, noch kraftvollerer Schlag, ein Zeichen für ein starkes Herz. Ein schwacher Puls, der das genaue Gegenteil ist und eine geringe Lebenskraft bedeutet. Und verschiedene Arten der Schwäche - ein langer und ein kurzer, ein schmaler und ein voller, ein oberflächlicher und ein tiefer.«

Entsetzt sah er, daß Calca ihn wütend anstarrte. Und neben sich spürte er, daß Nuno sich erhob.

»Wie gut ist es doch, daß wir bei unserer Versammlung sowohl einen neuen Medicus voller frischem Bücherwissen haben als auch einen hervorragenden und erprobten Heilkundler, der genau weiß, daß in der alltäglichen Behandlung unserer Patienten die Regeln unserer Kunst durch Erfahrung und hart erarbeitete Weisheit ein wenig vereinfacht werden.« Vereinzeltes Kichern kam von den Zuhörern und erneutes Stampfen, und Calca lächelte besänftigt. Jona spürte, wie ihm das Blut ins Gesicht stieg, und setzte sich wieder.

Zu Hause angekommen, machte Jona seiner Empörung Luft. »Wie konntest du nur so reden, wo du doch wußtest, daß Calca unrecht hatte und ich recht?«

»Weil Calca genau der Mann ist, der zur Inquisition geht und einen Rivalen der Ketzerei beschuldigt, wenn er sich beleidigt fühlt, und das hat jeder der anwesenden Ärzte begriffen«, sagte Nuno. »Ich hoffe, in Spanien wird es eines Tages wieder soweit sein, daß ein Arzt ungestraft eine abweichende Meinung äußern und in der Öffentlichkeit gefahrlos disputieren kann, aber heute ist es noch nicht soweit, und auch morgen nicht.«

Jona begriff sofort, daß er ein Narr gewesen war, und er bedankte und entschuldigte sich. Nuno nahm den Vorfall nicht auf die leichte Schulter. »Als du zu mir kamst, warst du dir der Gefahr bewußt, in der du wegen deiner Religion schwebst. Aber auch in unserem Beruf mußt du dich vor gewissen Dingen hüten, denn sie können dich ins Verderben stürzen.«

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