Georgs Sorggen um die Vergangenheit
- Автор: Faktor Jan
- Год: 2010
- Язык: немецкий
- Год: Kiepenheuer & Witsch
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Georgs Sorggen um die Vergangenheit». Краткое содержание книги:
— Nein! kreischte Erna, ich bekomme schon das große Bibbern, wenn sich neben mir einer die Fingernägel feilt!
Außerdem roch man dauernd einiges, und man konnte das Fortschreiten der Arbeiten in der Regel auch unter den Türen hervorkriechen sehen. Überall verbreitete sich feinster Mörtelstaub, er krabbelte durch alle Ritzen, blieb überall liegen, beschichtete auch die glattesten Oberflächen. Alle Damen empfanden diese weiße Pest schon als eine ausreichende Bedrohung, hatten aber absolut keine Ahnung, daß auf sie noch viel mehr zukommen sollte.
— Schlimmer als der Hunger und die Wanzen in Auschwitz wird es jetzt nicht sein, meinte meine optimistische Großmutter Lizzy.
Die Träume vom modernen Heizungssystem wurden nach und nach konkret umgesetzt, die entsprechenden Voraussetzungen und Tatsachen geschaffen. Für die vom Onkel ausführlich beschriebenen Umlaufkreise, die auf manchen Strecken parallel verlaufen mußten, wurden breite und tiefe Schneisen in die Wände geschlagen. Wo eine Holztäfelung vorhanden war, wurde sie mit einer unförmigen, zur Kreissäge umgebastelten Bohrmaschine demoliert, mehrere Türfutter wurden oberhalb des Fußbodens waagerecht oder schräg aufgeschlitzt und wunderschön abgetretene alte Hartholzschwellen mannhaft hochgezerrt. Das alles war aber absolut nötig — die Warm- und Kaltwasserwege mußten auch den letzten Winkel der Wohnung erreichen. Bei dem Kampf mit den hartnäckigen Schwellen quietschten einige rostige Nägel so, daß manche Tanten weinen mußten. Urtante Bombe bekam einen Schüttelfrostanfall. Bei diesen Arbeiten sackten oder verzogen sich viele Türrahmen so drastisch, daß die entsprechenden Türen eine Zeitlang nicht geschlossen, manche sogar überhaupt nicht bewegt werden konnten. Die Männer machten auch keinen Halt vor Parkettböden, rissen zackige Schneisen hinein und füllten die entstandenen Gräben mit häßlichen Brettern aus. Bei diesen wippenden und knarrenden Provisorien blieb es dann auch. Herrlich gefräste Fußbodenleisten wurden meterweise herausgerissen und zerbrochen. Museumsreife Gasheizungen, die nicht nur explosionswütig waren, sondern auch regelwidrig an unzulässige Schornsteinzüge angeschlossen worden waren, wurden entsorgt. Daran, daß für sie eventuell auch ein Ersatz hätte angeschafft werden können, dachte dabei niemand. Gerechtigkeitshalber muß ich allerdings eins anführen: Onkel ONKEL ließ seinen eigenen Lebensbereich genauso bluten wie die Lebensräume aller anderen Betroffenen. Wegen der zentralen Lage seines Zimmers teilweise sogar noch böser.
Der allgemeine Kahlschlag traf auch die Prachtstücke der Wohnung — die verzierten hohen Kachelöfen, die der Wohnung bis zuletzt etwas Schloßartiges verliehen hatten. Diese mußten der Moderne weichen, sie sollten sowieso niemals mehr zu etwas nützlich sein. Nichts, was dem Onkel und seinem Helfershelfer in den Weg kam, wurde verschont. Man mußte den beiden inzwischen alles genehmigen und glauben — es gab sowieso kein Zurück. So hochgradig adrenalisierten Menschen, die sich zu derart mitleidslosen Attacken auf alle egal wie wertvollen Hindernisse berechtigt fühlten, hatte man sich einfach zu beugen. Onkel ONKEL als der Gespannführer war unaufhaltsam wie ein soldatischer Bulldozerfahrer, der von einem kurzzeitig siegesberauschten Generalstab vorgeschickt wurde — und der ohne die Möglichkeit, über das eventuell fragwürdig gewordene Zerstörungswerk Rücksprache zu halten, weiterkämpfte.
— Bourgeoiser Schrott, lachte der Onkel, als er mit seinem Kompagnon die kaputten grünen Kacheln und hellen Schamottesteine dieser Kachelöfen herausschleppte und auf einen Haufen neben die Mülltonnen warf.
Es waren die letzten Akte dieser großen industriellen Rebellion, das letzte freudige Aufbäumen bei diesem mit der traurigen Person meines Onkels verbundenen Geschichtssprung. Fast die gesamte Wohnung war anschließend ohne jegliche Heizungsmöglichkeit, ein Testbetrieb eines kleinen Heizkreises — zur Probe — war nicht vorgesehen. Die ganze Bauerei war zeitlich sowieso längst im Verzug. Thermodynamisch gesehen konnte jetzt aber überhaupt nichts mehr schiefgehen. In den vielen Kanälen, breiten Schlitzen, Einschnitten und Mauer-Durchbrüchen lagen schon längst — wie vorgesehen — die hochgelobten flexiblen Schläuche. An sich war diese Installationsvariante — statt traditioneller Stahlrohre Plastikschläuche zu verlegen — damals eine absolute Neuheit. Diese fortschrittlichen Schläuche, die erstaunlicherweise mit simplen Schlauchschellen angeschlossen und miteinander verbunden wurden, sollten genausogut heißes Wasser ertragen, das heißt dicht bleiben und nicht platzen. Und man kam beim Verlegen ohne die üblichen und aufwendigen Schweißarbeiten aus.
Endlich kam es dann zu der letzten Phase des Aufbaus: In den Bauch des Ofens wurde das Herz der Anlage versenkt — der lange erwartete wasserdichte Kessel voller Strömungslöcher. Der Spätherbst und das unvermeidliche Desasterkonnten kommen. Diejenigen, die sich hatten anschließen lassen und sich von einem Teil ihrer Möbel hatten verabschieden müssen — an ihrer Stelle standen nun mal die furchtbar unförmigen Heizkörper — , warteten ungeduldig auf den Startschuß und auf die Wärme.
Die stark wärmesüchtige Tante Györgyi starb beinah in dieser Zeit. Der Herbst hatte schon zeitig mit einer Kältewelle begonnen. Während dieser befand sich der zu versenkende Kessel noch in der Schweißerwerkstatt. Nachdem dieses Prachtstück endgültig angeschlossen, die Anlage mit Wasser gefüllt und von den meisten Luftblasen befreit worden war, kündigte Onkel ONKEL endlich eine kurze Laufphase an. Alle verkrochen sich in ihren Zimmern, warteten gespannt und zitterten — jetzt eher vor Aufregung. Man hörte lange Zeit aufmerksam zu — und man konnte einiges tatsächlich sehr gut hören oder als Erschütterung spüren. Man traute sich allerdings nicht in den Flur. Niemand hatte Lust, sich mit einer Kohlenschippe erschlagen zu lassen. Daß die Umlaufpumpe bereits lief, wußte man schon — man spürte ihre Mühen mehr als deutlich. Die Wände vibrierten regelrecht, in manchen Schränken klirrte das Geschirr. Die grobe Pumpe stand leider nicht auf einer Schaumstoff- oder gummiartigen Unterlage, so etwas wie federnde Schwingungsdämpfer waren für die Montage wahrscheinlich sowieso nie vorgesehen gewesen. Schon in der kurzen Probephase bekam man das dumme Gefühl, in dem elektrischen Pumpgetüm würde etwas zermalmt — nebenbei auch ein Teil von einem selbst. Die geballte Gedankenenergie vieler Tantenhirne konnte dieser Wassermühle, die ihnen den Schlaf zu rauben drohte, bald nur einen schnellen Kollaps wünschen.
Die Wohnung blieb trotz des aus dem Flur kommenden Krachs weiterhin kalt. Der Onkel schaufelte, knallte mit den gußeisernen Türen des Ofenbodys, wackelte an den irgendwann provisorisch angebrachten Thermometern.bewegte alle möglichen Klappen und Schübe — heizte eben. Im Flur war es heiß wie in der Hölle. Und der Onkel schwieg, schwitzte stark und murmelte vor sich hin. Daher erfuhren wir niemals, warum sein System, dieses beeindruckende und an sich ausreichend heiße Monstrum, keine Wärme abgeben wollte. Keine Wärme, immer nur Wasser — kaltes Wasser, manchmal auch lauwarmes. Wir und die Nachbarn unter uns wurden mehrmals von mehreren kleinen oder größeren Wassereruptionen heimgesucht. Da sich der Onkel auch später grundsätzlich weigerte, uns das Versagen seiner Befeuerungs- und Zirkulationsanlage zu erläutern, verdammte er sich selbst zu seiner schon angekündigten und wirklich eisern-finalen Stille.