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Die Frequenzen

Электронная книга - «Die Frequenzen». Краткое содержание книги:

Walter und Alexander waren Freunde, als sie noch Kinder waren — nun kreuzen sich ihre Wege wieder
Dies ist die Geschichte von Walter, dem Sohn eines Architekten mit Einfluss. Er will Schauspieler werden — oder will es nur sein Vater? Walter bekommt seine Chance, als ihn Valerie, eine Psychotherapeutin, die bessere Tage gesehen hat, engagiert, um in Gruppensitzungen fiktive Patientenrollen zu spielen. Doch er geht zu sehr in seiner Rolle auf.
Dies ist die Gechichte von Alexander. Er ist Altenpfleger, ein junger Mann mit ausufernder Phantasie, die sich im Schatten einer einsamen Kindheit entwickelt hat. Alexander kündigt seinen Job, und er will seine Freundin loswerden, um mit Valerie zusammenzuleben. Doch die wird eines Tages brutal zusammengeschlagen…
Nach Söhne und Planeten, seinem Debüt, das ihm einhelliges Lob der Kritik einbrachte, legt Clemens J. Setz ein Werk vor, das alle Erwartungen sprengt: atemberaubend kraftvoll, bunt, sprachgewaltig und zart.
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Woman beated to death with metal steel.

Gerald überlegt, ob der Titel, unter dem er den Film abgespeichert hat, grammatikalisch korrekt ist. Beated? Beat. Boat? Beaten? Er nimmt sich vor, seinen Englischlehrer zu fragen, bevor er den Film ins Netz stellt.

Man muss zugeben, der Ton ist wirklich schlecht, ein ohrenbetäubendes Rascheln seiner Kleider, und der Clip beginnt mit einer abstrakten Explosion von Pixeln, aber das macht nichts, denn wenn der Film einmal läuft, kann Gerald seinen Blick nicht mehr abwenden. Er hat ihn bestimmt schon vierzig Mal abgespielt, trotzdem hat er das Gefühl, dass er noch längst nicht alles gesehen hat.

Allein

Aber jetzt war alles in sich zusammengestürzt, alle Zusammenhänge, alles kaputt und zerstört, jetzt war alles nur mehr Orientierungslosigkeit und viele, viele Signale, die danach verlangten, aufgenommen und eingeordnet zu werden. Blumen. Eine Hecke. Ein Regenschauer, kurz, aber heftig. Die Begleitmusik für eine Flucht.

Ein beständiges Klirren im Hintergrund, wie von herunterfallendem Metall, das sich im Kopf fortpflanzte, verbreiterte und wieder zusammenzog, sodass es nie zu fassen war.

Sirenengeheul.

Dann die schnell atmende Stille unterhalb des Autos, mehrere Stunden.

Keuchen, hecheln.

Die Unmöglichkeit, am eigenen Fell zu nagen.

Nackenfellsträubende Blitze. Und die Gespenster der Elektrizität zwischen den Zähnen. Lärm aus der Hölle. Fernes Klirren von Metall.

Nichts hasste die kleine, nasse Hündin mit dem rötlichen Fell mehr, als ausgeschlossen zu sein. Gott sei Dank war sie diesmal rechtzeitig davongerannt, bevor man sie wieder verlassen konnte. Früher hatte sie immer laut um Hilfe gebellt, wenn die Menschen in ihrer Gegenwart die Köpfe, die unerreichbar hoch oben, knapp unter der Zimmerdecke schwebten, zusammensteckten und leise miteinander redeten.

— Schschsch, beugte sich dann eines der Gesichter zu ihr herunter, spendete wohltuenden Augenkontakt und schwebte wieder nach oben.

Und die Bedeutung dieses einfachen Zischlautes war im Gegensatz zu den sonst eher unverständlichen Geräuschfeldern und Lautfolgen relativ einfach zu entschlüsseln: Du bist da. Wir haben dich ja bemerkt, also bist du da.

Es gab wenige Dinge, die sich so gut anfühlten wie diese Gewissheit, und es fiel ihr jedes Mal sehr schwer, das Gebell, das sie in solchen Momenten zum Dank für die erteilte Anerkennung anstimmen wollte, zurückzuhalten; aus irgendeinem Grund war es von der Gesellschaft der höheren Regionen nicht gern gehört.

Aber jetzt war alles eingestürzt, alle Zusammenhänge. Die vier Wände, die täglichen Rituale. Ein hässlicher schwarzer Metallstab war aufgeblitzt und hatte sie verjagt, sie hatte die Kontrolle über sich verloren und nun war sie allein. Allein unter einem Auto, für mehrere Stunden in Schach gehalten vom Regen, von den Bewegungen der Stadt, Menschenbeine pendelten vorbei. Ein männliches Paar Schuhe blieb stehen und Asche fiel auf den Asphalt.

Uljana atmete sie ein.

Allein: ein Reuegefühl von vier Pfoten auf kaltem Asphalt.

Der Schlaf hatte Walter eine Weile vor sich hergetrieben, wie ein Stock schwingendes Kind seinen über Gehsteigkanten und Feldwegränder davonspringenden Reifen. Aber dann hatte er den Anschluss verpasst, oder er war irgendwo falsch abgebogen, jedenfalls war er jetzt wieder hellwach, lag auf dem Rücken und starrte an die Zimmerdecke. Wenn er sich konzentrierte, konnte er sich vorstellen, wie er sich auf allen Vieren über die Decke bewegte, als wäre sie der Fußboden. Er kroch um die schräg nach oben stehende Lampe, streckte seinen Kopf durch das Fenster in eine verkehrte Welt und stieß sich das Bein an der kniehohen Schwelle, die die Tür auf einmal hatte.

Sein Kopf lag so, dass sein Nacken von einem kleinen, wurstförmigen Polster abgeklemmt wurde. Das verursachte unangenehme Schwindelgefühle, aber was sollte er tun, wenigstens ging so ein bisschen was weiter. Wenn er sich bewegte, hörte der Schwindel auf und alles war wieder still.

Schritte näherten sich, kündigten jemanden an, der nicht viel wog. Vielleicht einer der Fasane. Mit einem Frühstückstablett im Schnabel. Sonst wollte ihn hier ja niemand sehen, dachte er.

— Walter?

Mirjas gedämpfte Stimme.

— Hm? machte Walter.

— Ich wollte nur fragen, ob du … Walter?

— Ja, sagte er lauter. Ja, ich bin da.

— Darf ich reinkommen?

— Bin müde.

— Okay. Ich wollte auch nur fragen, ob du vielleicht mitgehen magst. Wir gehen irgendwo auswärts essen.

Er überlegte. Die Idee fühlte sich gar nicht mal schlecht an. Aber er hatte keinen Appetit.

— Nein, danke. Ich glaub, ich bleib hier. Ausruhen.

— Sicher?

— Ja.

Er drehte sich auf die Seite und deckte sich mit seinen Lidern zu.

— Okay, dann …

Walter blieb liegen, bis er das Räuspern des in Betrieb genommenen Wagens hörte, der sich zu einem frühen Essen (sagte man um diese Uhrzeit noch Frühstück?) auf den Weg machte. Nur seine Eltern waren imstande, auswärts frühstücken zu fahren.

Reiche Provinzidioten, dachte er.

Er stand auf und zog sich eine bequeme Jogginghose an. Obwohl sie erst wenige Stunden in seinem alten Schrank gelegen war, roch sie bereits danach. Der Zeitsprung war unvermeidlich: Walter erinnerte sich an die vielen Male, da er mit einem Couchpolster über die Treppe hinuntergerutscht war und sich dabei mit den Händen vorangepaddelt hatte wie ein Bobfahrer.

In der unteren Lade des Kleiderschranks fand er ein paar alte T-Shirts, darunter eines mit dem Polizeifoto von Martin L. Gore, dem Keyboarder und Komponisten der Gruppe Depeche Mode. Er hatte einmal alle ihre Platten besessen und sie irgendwann einfach hergeschenkt, an einen Jungen, der ihm gefallen hatte. Roland. Was wohl aus ihm geworden war?

Er zog das T-Shirt an. Es passte ihm immer noch.

In dieser Verkleidung ging er hinunter ins Wohnzimmer. Prächtiges Sonnenlicht fiel durch die Fenster und wärmte die alten, vom Staub zerfressenen Möbel. Er öffnete die Terrassentür. Im Hof mischten sich Wind und Sonne. Klare, warme Herbstluft. Im Türrahmen blähte sich ein altes Spinnennetz.

Walter streunte durch sein Elternhaus, und wie immer, wenn er dachte, dass er aus irgendeinem Grund nicht willkommen war, und sich trotz aller Anfeindung stets wie ein würdevoller Eindringling fühlte, ging er direkt ins Schlafzimmer seiner Schwester, wo er kurzerhand zwei Schubladen vertauschte (Socken und Unterwäsche), und anschließend in das seiner Eltern. Vorsichtig machte er dort Schränke auf und wieder zu, setzte sich auf das große Bett und ließ es federn. Hier hatte er sein erstes Gedicht geschrieben, auf dem Rücken liegend, mit dem Ende der Füllfeder im Mund. Warum eigentlich hier? Er konnte sich nicht mehr erinnern, wie er damals darauf gekommen war. Vielleicht weil es das einzige Zimmer im Haus war, das man absperren konnte, ohne einen Schlüssel zu brauchen (die Tür hatte eine eingebaute Verriegelung, wie bei einer Toilette).

Als sie ihn dabei ertappt hatten, waren seine Eltern natürlich ausgerastet — vor Freude. Sie hielten seine poetischen Kreationen vor sich in die Höhe und lasen sie sich gegenseitig laut vor, in einem sonderbaren Singsang, der wohl irgendwie zu Poesie gehörte. Walters Vater war so stolz, dass er ihm das Angebot machte, einen Privatdruck von Walters Frühwerk zu bezahlen.

Damals hatten seine Eltern es noch geschafft, ihn mit ihrer Begeisterung zu motivieren. Wie ein Wahnsinniger begann er Gedichte zu schreiben. Dann arbeitete er eine Zeitlang mit einem Diktiergerät. Wieso er ausgerechnet dazu übergegangen war, konnte er nicht mehr sagen. Er hatte eine vage Vorstellung von einem glücklichen Moment auf einer Parkbank, in dem ihm eine Stimme zukommen würde, so ähnlich wie bei Rilke auf Schloss Duino, die durch ihn, aus ihm und in ihm zu hören wäre. So was in der Art. Ungefähr. Zu dem Vogelgesang und dem Lärm der Basketball spielenden Jugendlichen (in deren nackte Oberkörper er am liebsten seine jungfräulichen Zähne geschlagen hätte) würde er seine Inspiration in die kleinen Schlitze des Diktiergeräts sprechen. Walter war schon immer ein bedächtiger und langsamer Sprecher gewesen, ein chronischer Reisender, der Landschaften sammelte wie Briefmarken. Zumindest hatte er sich damals so gesehen. Und wie dem begeisterten Philatelisten bereiteten ihm die Fehlfabrikate die größte Freude: ein See, aus dessen Mitte ein verwitterter weißer Kirchturm ragte, der schon vor langer Zeit den Verstand verloren hatte und nur mehr ein paar Seevögel beherbergte; ein ausgeschlachteter Lieferwagen ohne Räder auf einem Kornfeld; ein Wald mit einer gestrandeten Gondel, die langsam von jungen Nadelbäumen zugedeckt und verschluckt wurde; ein Spielplatz in einer namenlosen Vorstadt, der über und über mit Tauben bedeckt war; eine polternde Brücke mit alten Hochwasserwarnschildern, die über ein ausgetrocknetes Flussbett führte; die albtraumhaften Reste eines Zirkuszelts auf einer Gemeindewiese.

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