Die Frequenzen
- Автор: Setz Clemens J.
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: Residenz Verlag
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Die Frequenzen». Краткое содержание книги:
Dies ist die Geschichte von Walter, dem Sohn eines Architekten mit Einfluss. Er will Schauspieler werden — oder will es nur sein Vater? Walter bekommt seine Chance, als ihn Valerie, eine Psychotherapeutin, die bessere Tage gesehen hat, engagiert, um in Gruppensitzungen fiktive Patientenrollen zu spielen. Doch er geht zu sehr in seiner Rolle auf.
Dies ist die Gechichte von Alexander. Er ist Altenpfleger, ein junger Mann mit ausufernder Phantasie, die sich im Schatten einer einsamen Kindheit entwickelt hat. Alexander kündigt seinen Job, und er will seine Freundin loswerden, um mit Valerie zusammenzuleben. Doch die wird eines Tages brutal zusammengeschlagen…
Nach Söhne und Planeten, seinem Debüt, das ihm einhelliges Lob der Kritik einbrachte, legt Clemens J. Setz ein Werk vor, das alle Erwartungen sprengt: atemberaubend kraftvoll, bunt, sprachgewaltig und zart.
Walter schluckte trocken.
— Ich habe nicht die geringste Ahnung, sagte er, ehrlich. Außerdem ist da mit Sicherheit nichts zwischen Gabi und mir vorgefallen, sondern zwischen Gabi und der Rolle, die Sie für mich –
— Okay, es war also etwas, sagte Valerie ruhig. Okay. Dann würde ich Sie bitten, Walter, dass Sie es mir sagen.
— Nein, nein, es war nichts! Sie missverstehen mich.
Das durfte alles nicht wahr sein. Wahrscheinlich sollte er daran schuld sein, dass diese kleine Frau in Valeries Praxis durchgedreht war. Ein traumatisierter Vogel, ein entsetzter Hund. Ein Stoß Papier voller Zahlen. Bestimmt würde sein, Walters, Gesicht erscheinen, wenn man all diese Zahlen auf dem Boden nebeneinanderlegte, wie in diesem Science-Fiction-Film, in dem Außerirdische einem taubstummen Mädchen andauernd Einsen und Nullen diktieren.
— Ich versuche hier wirklich nicht, Sie irgendwie anzuklagen, sagte Valerie. Sie können nichts dafür.
— Nein, nein …
Walter nieste absichtlich, um etwas Zeit zu gewinnen, abzulenken.
— Einen Fehler habe ich natürlich gemacht, plauderte Valerie. Ich habe Gabi darauf hingewiesen, dass das mit den Frequenzen vielleicht mehr als Bild gemeint war. Da ist sie schon zusammengezuckt, und ich hätte sie beruhigen müssen. Aber … darüber wollte ich mit Ihnen eigentlich gar nicht reden –
— Dann lassen wir das, würde ich vorschlagen, sagte Walter.
War sie wieder bekifft?
— Hören Sie mir zu, sagte Valerie etwas bestimmter. Als ich Gabi erzählt habe, dass Sie nur eine Rolle gespielt haben, eine notwendige und ergänzende Rolle, rein zu Therapiezwecken, hat sie vollkommen irrational reagiert. Sie ist richtig über die Ufer getreten! Sie hat erzählt, dass sie ihrem Kind — und dieses Wort hat sie mehrere Male wiederholt, hat sich dabei auf die Stirn geschlagen und gesagt Natürlich, natürlich —, dass sie also ihrem Kind eine Nadel, ja, eine echte Nadel in die Wiege gelegt hat, nur um zu sehen, ob das Schicksal es gut mit ihr meint oder nicht! Verstehen Sie jetzt, wie ernst diese Angelegenheit ist? Und dann sind mir ihre ganzen verdammten Zettel auch schon um die Ohren geflogen! Und Sie sollten erst meine Hündin sehen … Sitzt schon den ganzen Abend vor der Wohnungstür und scharrt. So durcheinander ist sie! Es muss etwas zwischen Ihnen beiden gewesen sein. Walter, bitte …
Er musste sich verhört haben.
— Augenblick, Augenblick. Sie haben was?
— Was?
— Sie haben ihr erzählt, dass ich nicht wirklich –
— Natürlich, sagte Valerie mit fester Stimme. Das war schließlich eine Ausnahmesituation. Die Patientin hat ein Recht, alles zu erfahren. Mein Gott, ich weiß bald wirklich nicht mehr, was ich mir dabei gedacht habe, ich hätte nie einen Laien –
— Aber das können Sie doch nicht einfach so, brüllte er in den Hörer, ich meine …
Walter war entsetzt. Das alles ergab doch längst keinen Sinn mehr! Diese Frau tat, was ihr ihre momentane Stimmung diktierte. Einmal so, dann wieder so. Völlig unprofessionell! Sie gehörte hinter Gitter, sie war ja selbst vollkommen übergeschnappt!
— Sie! zischte Walter, selbst erstaunt über die ungeheure Wut, die er empfand.
Am anderen Ende war es eine Zeitlang still.
— Bitte beruhigen Sie sich, sagte Valerie schließlich. Es geht hier überhaupt nicht um Sie, verstehen Sie das? Trotzdem ist es jetzt sehr wichtig, dass Sie mit mir zusammenarbeiten. Dafür habe ich Sie angestellt. Sie sind Schauspieler, das waren Sie von Anfang an, und die Aufgabe, die ich Ihnen überantwortet habe, war bei Gott nicht so schwierig! Ich begreife also nicht, warum Sie –
Walter legte auf.
Zuerst verstand er gar nicht, was sein Daumen da getan hatte, dann fühlte er eine enorme Erleichterung.
Am nächsten Tag, am späten Nachmittag, bekam er noch einmal einen Anruf, diesmal war die Sprechstundenhilfe am Apparat. Sie fragte ihn, ob er wisse, wo Valerie sei.
— Keine Ahnung, sagte Walter tonlos.
Er wartete und schloss die Augen. Blasse Farbflecke wanderten durch sein Gesichtsfeld. Waren sie immer da? Oder nur, wenn er die Augen schloss? Am äußersten Rand blinkte ein Licht.
Er stellte sich auf ein ausführliches Interview ein. Aber das Gespräch überlebte gerade einmal seine erste, bescheidene Frage nach Valeries Verbleib, da die Sprechstundenhilfe sich wieder um den unverständlichen Lärm kümmern musste, den man im Hintergrund hörte. Menschen schrieen irgendwas durcheinander, jemand brüllte sehr laut das Wort Zahl.
Vielleicht passierte das alles ja jemand anderem. Der Gedanke stand einen Augenblick lang vor ihm und lockte ihn mit seiner befreienden Fiktion, dann verwarf er ihn. Er steckte in seinem Schicksal fest und niemand konnte ihn daraus befreien. Nicht einmal er selbst. Es sei denn, er besaß so etwas wie einen freien Willen. Einen Freien Willen, mit großem F. Selbstverständlich glaube ich an den freien Willen, ich habe ja gar keine andere Wahl, hatte Isaac B. Singer einmal gesagt. Kein riesenhafter Retter hebt dich aus diesem Rahmen, dachte er, und kichert dich an mit seinem riesigen Gesicht, wie ein Brandstifter die ersten, sich scheu um eine Astspitze ringelnden Flammen. Nicht einmal ein doppelter Boden, dachte er und klopfte mit den Fingerknöcheln auf den leeren Koffer, nicht einmal ein doppelter Boden rettet einen vor der Tatsache, dass das alles wirklich passiert, und niemand kann vor- oder zurückblättern in der Geschichte, wie es ihm beliebt. Überhaupt sind diese ganzen Vorstellungen eine einzige riesige Feigheit, ein ängstliches Zurückweichen vor dem Lauf der Dinge, der immer linear, grausam und unerbittlich ist.
Walter packte seinen Koffer in Rekordzeit. Er hatte zwar nicht mitgestoppt, aber er war sich sicher.
Was passiert, passiert immer jetzt, es taucht auf, pflanzt seine Koordinaten in die Wirklichkeit und das war’s. Es lässt dich dumm zurück, ohne irgendwelche Hilfsmittel, Innen-Außen-Vexierspiele, endlose Dialogleitern oder die vollendete Feigheit eines Perspektivenwechsels, eine zwischengeschaltete Stimme, die niemand kennt und die nichts bedeutet.
Er wartete die ganze Nacht, ob sich noch etwas in ihm oder um ihn regte, kündigte seinen Eltern seinen Besuch per E-Mail an, worauf er überraschend schnell eine Antwort bekam (Mirja war wohl noch wach und unterhielt sich mit verschiedenen Single-Websites). Am Morgen ging er los.
Im Stiegenhaus piepte sein Handy. Eine Textnachricht von einer unbekannten Nummer: Das ist das Ende. Walter steckte das Telefon zurück in die Innentasche, hob den ungewöhnlich schweren Koffer an — er hatte einen geschmeidigen Griff, der ihn an Spielzeugpistolen aus seiner Kindheit erinnerte — und machte sich auf den Weg.
Intermezzo
Bericht und Zusammenfassung
Erster Akt. Eine riesige Schlange bewegt sich langsam durch das Land. Der einsame Prinz Tamino kreuzt ihren Weg und erstarrt vor ihr. Wie von einem Schlag auf den Kopf getroffen, fällt er um und schließt die Augen.
Möglicherweise stellt er sich tot.
Drei Frauen kommen gerade noch rechtzeitig und töten die Schlange. Sie verwenden dazu einen langen Stecken mit einem kleinen prähistorischen Feuerkeil an der Spitze. Der schlafende Prinz gefällt ihnen. Sie streiten sich, wer von ihnen ihn für sich gewinnen wird. Anschließend lösen sie sich in Luft auf.
Der Prinz erwacht und sieht einen Menschen in Federkleid, der von Vögeln und Süßigkeiten singt, die er irgendwann gegeneinander einzutauschen gedenkt. Nach dem Lied behauptet der Gefiederte, die Schlange im Alleingang getötet zu haben. Die drei Frauen erscheinen nun wieder und bestrafen ihn für diese Lüge, indem sie ihm den Mund mit einem Schloss verschließen und ihm anstatt des Weines, den er zu trinken gewohnt ist, Wasser geben. Fraglich bleibt, wie er das Wasser überhaupt zu sich nehmen kann.