Die Frequenzen
- Автор: Setz Clemens J.
- Год: 2009
- Язык: немецкий
- Год: Residenz Verlag
- Жанр: Современная русская и зарубежная проза
Электронная книга - «Die Frequenzen». Краткое содержание книги:
Dies ist die Geschichte von Walter, dem Sohn eines Architekten mit Einfluss. Er will Schauspieler werden — oder will es nur sein Vater? Walter bekommt seine Chance, als ihn Valerie, eine Psychotherapeutin, die bessere Tage gesehen hat, engagiert, um in Gruppensitzungen fiktive Patientenrollen zu spielen. Doch er geht zu sehr in seiner Rolle auf.
Dies ist die Gechichte von Alexander. Er ist Altenpfleger, ein junger Mann mit ausufernder Phantasie, die sich im Schatten einer einsamen Kindheit entwickelt hat. Alexander kündigt seinen Job, und er will seine Freundin loswerden, um mit Valerie zusammenzuleben. Doch die wird eines Tages brutal zusammengeschlagen…
Nach Söhne und Planeten, seinem Debüt, das ihm einhelliges Lob der Kritik einbrachte, legt Clemens J. Setz ein Werk vor, das alle Erwartungen sprengt: atemberaubend kraftvoll, bunt, sprachgewaltig und zart.
Ich nahm die Münze aus der Tasche und hielt sie hoch.
— Entschuldigen Sie, sagte ich. Ich würde hier gerne rein.
Er drehte sich um, lächelte.
— Ich bin Erster, sagte er.
Um sicherzugehen, dass ich auch begriff, was er meinte, deutete er mit einem gespielt fragenden Gesichtsausdruck auf das Messingschild. DRin. VALERIE MESSERSCHMIDT. Ich nickte automatisch. Ja, sie. War das ein französischer Accent auf dem einen E ihres Vornamens? Ein Sprung im Messing?
— Wird gleich aufgesperrt, sagte der Mann zur Tür.
Hinter mir hörte ich Schritte, ich drehte mich um. Vor mir stand eine Frau, die ein kleines Mädchen an der Hand hielt. Sie nickte mir höflich zu. Das kleine Mädchen nagte am Daumen ihres Handschuhs.
Nach ein paar Minuten kam ein Mann mit einer Augenklappe.
Um acht Uhr zählte die Schlange bereits neun Menschen. Ich war der Zweite in der Reihe. Die Tür wurde von einem jungen Mann aufgesperrt, der uns kurz musterte und dann aufforderte, langsam einzutreten. Auch auf der Treppe behielten die Menschen die Reihenfolge der Warteschlange bei. Vor der Tür zur Praxis standen wir noch einmal an, allerdings nur für kurze Zeit, aber immerhin lange genug, dass sich die Ordnung auflöste. Nachdem wir eingelassen worden waren, drängelten sich alle vor dem Anmeldeschalter.
Leise Radiomusik kam aus den Wänden. Ein Telefon läutete melodisch in irgendeiner Ecke und niemand hob ab. Eine Sprechstundenhilfe ging an mir vorbei. In ihrem Ohr steckte ein Hörgerät, das wie geschmolzenes Wachs aussah.
Gleich würde ich Valerie sehen, ich konnte es kaum erwarten. Gleich würde ich erfahren, warum sie gestern nicht gekommen und auch bei sich zuhause nicht erreichbar gewesen war. Gleich würde sie mir, einem unerwarteten Patienten, der gar keiner war, erzählen, wie sie ihr Telefon verloren und auf der Suche danach die Zeit übersehen hatte. Oder es hatte einen Notfall in ihrer Nachbarschaft gegeben. Ein brennendes Haus, eine entlaufene Katze. Wer weiß. Gleich, gleich.
Mein Herz klopfte Synkopen der Vorfreude.
Aus dem einen Menschen vor mir waren drei geworden.
Ich hielt die Anspannung nicht mehr aus.
— Werfen wir eine Münze!
Ein paar Leute starrten mich an — ein Verrückter, der mit ziemlich lauter Stimme sprach:
— Los! Wir werfen eine Münze, um zu sehen, wer als Erster drankommt!
Bevor mir irgendjemand widersprechen konnte, schnippte ich die Münze mit dem Daumen in die Höhe. Sie drehte sich, ein winziger Propeller, eine transparent flirrende Kugelform, erreichte ihren höchsten Punkt, wo sie kurz in der Luft stehen blieb, schließlich fiel sie auf den Teppichboden, und ein paar Männer beugten sich über sie, als wäre tatsächlich eine Entscheidung gefällt worden: ein Kranz von neugierig herabblickenden Gesichtern, wie man sie aus Operationssälen oder Träumen vom merkwürdigen Beginn des Lebens kennt.
Messerschmidt
Der Wind griff in das grün bespannte Baugerüst und verlieh dem Haus für Sekunden wilde, sich gegen den Himmel aufbäumende Segel. Das Haus aber bewegte sich keinen Zentimeter. Im Gegenteil, damit es sich auch wirklich nicht vom Fleck rühren konnte, wurde es an einem Fahrrad festgezurrt.
Eine schlanke Gestalt löste sich von dem Fahrrad, schüttelte ihre kräftigen Hände aus den Ärmeln und band sich das strähnige, schwarze Haar zu einem Pferdeschwanz zusammen. Sie nahm den Rucksack ab, in dem ein paar Drumsticks knöchern aneinander rieben, dann verschwand die junge Frau im Hauseingang.
Seit seinem Unfall wohnte Messerschmidt zeitweise ganz allein. Seine Abgeschiedenheit war so groß, dass er nicht einmal den Drang nach Selbstgesprächen oder tierischer Nähe verspürte. Manchmal war er sich selbst zu viel. Ein Raum, in dem er sich befand, war bis zum Bersten gefüllt.
Der Hergang seines Unfalls kam ihm jeden Morgen mit den ersten Sonnenstrahlen, die über seinem Bett flimmerten, wieder zu Bewusstsein. Alles begann bei der Tabaktrafik. Das heruntergekommene, von einer alten, schon etwas lahmen Frau betriebene Geschäft lag sehr ungünstig, daran gab es nichts zu rütteln, mitten auf einer Art Verkehrsinsel, auf der nur das Häuschen und ein kleines Rasenstück Platz fanden, in Schach gehalten von einem nie abreißenden Verkehrsstrom, und Messerschmidt war sich sicher, dass er noch nie einen anderen Kunden gesehen hatte als diesen dicken Mann, der dort manchmal auf und ab ging, ein unsympathischer Kerl mit einem kreisrunden Gesicht. Wie eine Karikatur von dem Mann im Mond.
Messerschmidt überquerte diese Straße nun schon zum tausendsten Mal, und immer fühlte es sich gleich an. Der Verkehrslärm wurde ein wenig lauter, wenn man in der Mitte der Kreuzung stand, der Augenblick ballte sich zusammen und entließ einen wieder, auf die andere Straßenseite. Unendlich fließender Verkehr. Autos in verschiedenen Farben und Formen.
Die Ampel war grün und alles lud ihn ein zu gehen. Aber aus unerfindlichen Gründen zögerte er eine Sekunde, bevor er sich in Bewegung setzte. Die weißen Zebrastreifen glitten langsam unter ihm dahin, wie gigantische Leitersprossen im Traum. Er blieb stehen, in Betrachtung des schwarzen Zwischenraums zwischen den Streifen. Er wirkte ungewöhnlich tief, wie ein unbewegtes Moorgewässer. Und die Zebrastreifen selbst wie die Rücken schlafender Krokodile, über die man springen musste.
Von hinten näherte sich Lärm, ein großes, schwarzes Fahrzeug, das von hinten auf ihn zukam. Das Motorengeräusch schwoll an, und der Laster rauschte an ihm vorbei, zog irgendetwas von ihm mit, aber Messerschmidt konnte nicht erkennen, was es gewesen war, seine Armbanduhr war jedenfalls noch an ihrem Platz. Aber warum blickte er ausgerechnet auf seine Uhr? Sein linker Arm kribbelte. Da bemerkte er, dass die Zeiger der Uhr nur mehr sehr langsam gingen. Die Batterie war wohl schon schwach.
Messerschmidt fluchte leise und trat auf den Gehsteig. Dabei stolperte er und stieß sich das Knie. Er rollte das Hosenbein hoch, um zu sehen, ob es sehr schlimm war. Ein kleiner Kratzer, nichts Weltbewegendes.
Ein einsamer Mann mit Zeitung stand an der Ecke. Messerschmidt sprach ihn an, ob er wisse, wie spät es sei. Der Mann kräuselte die Nase, als müsste er niesen, dann entspannte sich sein Gesicht wieder. Messerschmidt trat nahe an ihn heran. Der Blick des Mannes wurde immer ausdrucksloser und leerer, bis er Messerschmidt Angst machte.
Nach einer Weile sah der Mann tatsächlich auf die Uhr und kratzte sich am Handgelenk.
Na, egal, er würde eben zu spät zur Arbeit kommen. Er liebte seine Arbeit. Zeichner in einem Architekturbüro, ein schöner Beruf. Man verdiente zwar nicht viel, aber es machte Spaß, sich mit den Wünschen eines kreativen Menschen zu beschäftigen, der zudem noch mehr vom Leben zu verstehen schien als andere.
Trotzdem, er fühlte sich seltsam. Als ginge er auf Watte.
Er schüttelte den Kopf.
Tatsächlich?
Ja, es war sein Kopf gewesen. Mein Gott, er war heute wirklich etwas neben sich.
Er würde seinen Vorgesetzten, den Architekten Zmal, bitten, ihn heute etwas früher nach Hause gehen zu lassen, zu seiner Tochter, die in kurzer Zeit ihre Praxis eröffnen würde. Ja, sie war jetzt einunddreißig, aber sie lebte immer noch bei ihm. Das war ungewöhnlich, zugegeben, aber sie bildeten ein gutes Team. Er hatte sie nie ausdrücklich gebeten, weiter bei ihm zu wohnen. Nein, das war ihre eigene, schwer zu durchschauende Entscheidung gewesen. Er war sich sicher, wenn er etwas dazu gesagt hätte, hätte sie es sich anders überlegt. Sie war ein Trotzkopf. Wenn du einmal ausziehst, wenn du einmal einen Mann findest, mit dem du leben möchtest, dann bleib ich hier mit dem Hund allein, hatte er ihr gesagt. Sie wechselte darauf immer gern das Thema.
— Sie sind spät, sagte Herr Zmal, ohne aufzublicken.