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Die Frequenzen

Электронная книга - «Die Frequenzen». Краткое содержание книги:

Walter und Alexander waren Freunde, als sie noch Kinder waren — nun kreuzen sich ihre Wege wieder
Dies ist die Geschichte von Walter, dem Sohn eines Architekten mit Einfluss. Er will Schauspieler werden — oder will es nur sein Vater? Walter bekommt seine Chance, als ihn Valerie, eine Psychotherapeutin, die bessere Tage gesehen hat, engagiert, um in Gruppensitzungen fiktive Patientenrollen zu spielen. Doch er geht zu sehr in seiner Rolle auf.
Dies ist die Gechichte von Alexander. Er ist Altenpfleger, ein junger Mann mit ausufernder Phantasie, die sich im Schatten einer einsamen Kindheit entwickelt hat. Alexander kündigt seinen Job, und er will seine Freundin loswerden, um mit Valerie zusammenzuleben. Doch die wird eines Tages brutal zusammengeschlagen…
Nach Söhne und Planeten, seinem Debüt, das ihm einhelliges Lob der Kritik einbrachte, legt Clemens J. Setz ein Werk vor, das alle Erwartungen sprengt: atemberaubend kraftvoll, bunt, sprachgewaltig und zart.
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Regennasse, schmatzende Echos der Straßen, Getröpfel von Baumwipfeln, Menschenlaute, Autos, das weit entfernte Gejammer verfeindeter Katzengangs — alles harmlos, Spielarten derselben Ereignislosigkeit, fette, weiche, sich überwachsende Natur. Aber das metallische Piep-Piep-Piep des LKWs gegenüber — ich weiß, ich werde genau in dem Moment meinen Höhepunkt erreichen, wenn es zum letzten Mal ertönt und der letzte gellende Schrei in der Nachbarschaft verklingt. Das Geräusch kriecht meine Wirbelsäule entlang, es kitzelt mich, es erregt mich. Das Geräusch und Valeries Mund. Ihre Lippen, die zur Bildung des Lautes Mmh geschaffen worden sind (das minimale Aufeinanderdrücken beider Lippen, begleitet von einem zahm-knurrenden Tierlaut), dazu ihre etwas schief stehenden Schneidezähne, wie die Füße eines Mädchens, das verschämt zu Boden blickt. Mein Penis, dessen Spitze ich im letzten Moment gerade noch ins Wasser tauche, stößt dicke Spermawolken aus, üppige Trauben von Luftblasen, die aus den Öffnungsschlitzen einer Taucherbrille quellen. Ich stelle mir Valeries leicht angewiderten Blick vor, ein dehnbarer Spermafaden zwischen ihrer Unterlippe und meiner Eichel. Ich stöhne laut aus dem Fenster. Mit der rechten Hand ziehe ich mein Glied hoch, und Wasser tropft auf mein nacktes Knie. Danach schütte ich das Wasser mit dem Sperma in den Ausguss. Jeder andere hätte damit irgendetwas angestellt. Wozu sonst in ein Glas mit warmem Aspirinwasser abspritzen?

Unten auf der Straße stöckelt eine Frau vorbei. Ihre Schritte klingen wie doch, doch, doch …, und manchmal verschlucken sie sich: do-doch, doch, doch …

Spätnachts wurde ich von Lärm geweckt. Fallendes Glas, Scherben. Ich torkelte aus dem Schlaf zurück in die Wirklichkeit eines kühlen Schlafzimmers. Ich hatte die Balkontür offen gelassen, und schwere, kalte Spätsommerluft, die man angenehm an den Füßen spürte, hatte sich in der ganzen Wohnung ausgebreitet.

Im Badezimmer glitzerte es überall.

Der Spiegel war von der Wand gefallen und hatte sich in tausend blinkende Puzzlestücke verwandelt. Ich zog meine Straßenschuhe an und machte mich ans Aufräumen, zwei wabbelige Gummihandschuhe an den Händen. Während ich die größeren Scherben, die ich vielleicht wieder zusammenkleben konnte, von den feinen Splittern trennte, kam das Traumbild, das ich abrupt hinter mir gelassen hatte, wieder zurück: Tweety, der ballonköpfige gelbe Singvogel aus den Zeichentrickfilmen — Ich glaub, da war doch eben noch ne Miezekatze —, saß auf einem Hochhaus. Ich zielte mit einem Gewehr auf seinen großen, dummen Kopf. Aber hatte ich auch abgedrückt, im Traum? Ich konnte mich nicht mehr erinnern. Jetzt, mit der träge vor sich her stolpernden Vorstellungskraft, die mir nun zur Verfügung stand, holte ich diesen Gedanken nach. Der Vogelkopf zerplatzte zu rotem Matsch, und das Hochhaus stand wieder ruhig und verlassen da.

Die großen Scherben landeten fürs erste im Waschbecken. Von den kleineren Stücken bis zum feinen Glasstaub, den man für gewöhnlich verhassten Menschen ins Essen mischt, kehrte ich alles mit einem Besen zusammen und leerte es in den Müllkorb, wo es zwischen Eierschalen und Milchpackungen feindselig zu Boden rieselte. Anschließend wechselte ich die Handschuhe, da bereits Splitter in der dünnen Gummihaut steckten.

Als das Badezimmer wieder betretbar war, wischte ich den Boden noch einmal feucht auf, auch um den Straßenschmutz, den ich mit meinen Schuhen überall verbreitet hatte, zu beseitigen.

Als die Arbeit getan war, setzte ich mich im Wohnzimmer auf die Couch. Das Licht im Badezimmer ließ ich an, nur für den Fall.

Es roch ein wenig seltsam, fand ich, vielleicht nach zerbrochenem Spiegel. Morgen würde ich die größeren Scherben zurück auf die Unterfläche kleben. Für einen neuen Spiegel hatte ich kein Geld.

Kühle Nachtluft kroch um meine nackten Beine.

Kein Geld für einen neuen Spiegel — der Gedanke war aus irgendeinem Grund beruhigend, fast poetisch.

Ich musste die Augen zusammenkneifen, bis ich die Uhrzeit lesen konnte, die der schlafende Satellitenreceiver in grünen Digitalziffern anzeigte. Es war halb zwei. Eine unangenehme Uhrzeit, wenn man weiß, dass man nicht mehr einschlafen wird. Ich ging auf den Balkon und betrachtete die Nachbarschaft. Zu Steinblöcken gepresste Dunkelheit. Schwarzes Nachteis. Alle Menschen schliefen. Über den Dächern waren ein paar helle Sterne zu erkennen, aber sie sahen aus, als wären sie lieber unsichtbar.

Selbst der Fernseher kam nicht ganz zu sich, nachdem ich ihn eingeschaltet hatte. Er delirierte vor sich hin und zeigte zusammenhanglos ineinander übergehende Musikclips.

Ich schaute den Fieberträumen des Bildschirms eine Zeitlang zu, dann schaltete ich den Ton ein. Alles ergab plötzlich mehr Sinn, und ich ertappte mein Knie dabei, wie es zu einem Rapvideo mitwippte, dessen ansteckender Rhythmus dem schwappenden Geräusch von Badesandalen ähnelte, wenn man damit kraftlos über nasse Fliesen schlurft. You better lose yourself in the music the moment you own it. Winkende Hampelmänner mit Mikrophonen vorm Gesicht. Szenenfolgen, die den IQ in Zehnerschritten herunterschraubten.

Ich schaltete weiter. Am Fehlen des Senderlogos konnte man sehen, dass es sich um Werbung handeln musste: Ein Mann kommt ins Bild, er hat einen großen Schnurrbart, zwei spiegelbildlich identische Ohren, eine Glatze, zwei Hände, deren sehnenreiche, kräftige Gelenke weiße Schweißbänder tragen. Um seinen Hals hängt eine Trillerpfeife. Er ringt die Hände auf äußerst theatralische Weise: Oh nein! Oh mein Gott! Nein! Er verzieht sein Gesicht zu einer stark überzeichneten Leidensgrimasse, wie die Maske einer Witwe in einem Kabuki-Theaterstück. Oh nein! Ich werde sterben! Der Tod! Der Tod tritt in mein Leben! Ich werde sterben, ich, der größte Schiedsrichter der Welt! <Pfiff!!> Sein Gesicht ist vom Blasen der Trillerpfeife ganz rot geworden. Er sieht direkt in die Kamera, hilflos und entsetzt. Seine Lippen zittern.

Ich wartete die Auflösung nicht ab, sondern schaltete um. Ein still stehender Text auf dem Bildschirm wies darauf hin, dass der Kinderkanal erst wieder ab Morgen früh um sieben Uhr sendete. Ich schaltete den Ton aus und das kleine Symbol am rechten oberen Rand erschien, ein durchgestrichenes Zeichen, das entfernt an im Profil dargestellte Augen in ägyptischen Hieroglyphen erinnerte.

Hieroglyphen, dachte ich. Hieroglyphen …

Am Rand meines Gesichtsfeldes blitzte es.

Ich musste einfach wieder schlafen gehen, sonst nichts. Der kleine Unfall im Badezimmer hatte mich aufgeregt, aber jetzt war alles überstanden und ich konnte zurück ins Bett.

Während ich über diese Idee nachdachte und zu dem Schluss kam, dass sie zweifellos die allerbeste war, ging ich in die Küche und holte mir ein eiskaltes Gingerale aus dem Kühlschrank. Ich trank es im Stehen und sah meinen Füßen zu, deren Zehen sich von ganz allein bewegten, als versuchten sie, eine Teppichfalte aufzuheben, die es gar nicht gab.

Das wirkliche Ende

Frau Doktor Valerie hatte ihn mehrere Male angerufen. Aber erst am Abend war Walter endlich rangegangen, und sie hatte ihm mit ihrer überbehauchten Lakritzschneckenstimme mitgeteilt, dass Gabi mitten in der Sitzung plötzlich aus der Praxis gestürmt und seitdem nicht mehr aufgetaucht war. Die Frequenzen habe sie quer durch das Zimmer geschmissen, sagte Valerie, sie habe eine heillose Sauerei hinterlassen. Der alte Papagei sei entsetzt in seinem Käfig herumgeflogen, auf der Suche nach einem Notausgang. Sogar ihre Hündin sei jetzt vollkommen durcheinander, obwohl sie von aufgebrachten Klienten einiges gewohnt sei, das arme Tier.

— Aber jetzt einmal Klartext, sagte Valerie.

Was sei da zwischen ihm und Gabi vorgefallen? Sein Name sei nämlich einige Male gefallen, aber sie habe sich absolut keinen Reim auf die sonderbaren Andeutungen machen können.

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