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Die Frequenzen

Электронная книга - «Die Frequenzen». Краткое содержание книги:

Walter und Alexander waren Freunde, als sie noch Kinder waren — nun kreuzen sich ihre Wege wieder
Dies ist die Geschichte von Walter, dem Sohn eines Architekten mit Einfluss. Er will Schauspieler werden — oder will es nur sein Vater? Walter bekommt seine Chance, als ihn Valerie, eine Psychotherapeutin, die bessere Tage gesehen hat, engagiert, um in Gruppensitzungen fiktive Patientenrollen zu spielen. Doch er geht zu sehr in seiner Rolle auf.
Dies ist die Gechichte von Alexander. Er ist Altenpfleger, ein junger Mann mit ausufernder Phantasie, die sich im Schatten einer einsamen Kindheit entwickelt hat. Alexander kündigt seinen Job, und er will seine Freundin loswerden, um mit Valerie zusammenzuleben. Doch die wird eines Tages brutal zusammengeschlagen…
Nach Söhne und Planeten, seinem Debüt, das ihm einhelliges Lob der Kritik einbrachte, legt Clemens J. Setz ein Werk vor, das alle Erwartungen sprengt: atemberaubend kraftvoll, bunt, sprachgewaltig und zart.
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perhaps this yarn’s the only thing that holds this man together

Tom Waits

Der Fall

Dämmerung. In Zeitlupe ergießt sich ein weiterer Sonnenaufgang über die Stadt. Die Konturen der Häuser lösen sich vom Hintergrund des Himmels. Der morgendliche Chor der Vögel, von dem niemand genau weiß, warum er jeden Tag ausgerechnet um diese Zeit angestimmt wird, ist gerade verklungen, und die winzigen Federtiere holen nach zwei Stunden Dauergesang zum ersten Mal wieder Luft. Alle scheinbar wahllos über die Stadt verstreuten Dinge erwachen zum Leben. Autos setzen sich in Bewegung. Schleusen öffnen sich und Arbeiter verschwinden im Inneren großer Gebäude. Und in einigen besonders eigensinnigen Straßen, die so früh am Tag noch gar nicht wissen, in welchem Jahrhundert sie aufgewacht sind, gehen die Bewohner auf Nummer sicher und kurbeln hundert Jahre alte Markisen aus den Wänden.

Es gibt zwei zentrale Springbrunnen, die durch einen kleinen magischen Schlüssel in Betrieb genommen werden. Es gibt einen niedrigen Berg mitten in der Stadt, auf dem ein Uhrturm mit vertauschten Zeigern steht. Es gibt Dächer und Mauern, westlich gelegen, auf denen die Sonne aufgeht wie ein geheimnisvoll sinkender Wasserstand. Es gibt Menschen, die überall gebückt aus Gebäuden treten und auf schmalen Gehsteigen einander ausweichen. Und auf den zerknitterten Altstadthäusern hocken die hübschesten grauen und roten Dachziegel, die zum Weltkulturerbe gehören und so aussehen, als wären sie in der Mitte irgendwie verrutscht. Es gibt Bäume, die kurze, unentschlossene Alleen bilden, quer durch die Stadt, und Bäume, die allein stehen und manchmal kreisrunde Sitzbänke um ihren Stamm tragen wie Armbanduhren.

Es gibt einen Hauptplatz mit Rathaus und Brunnen. Ein Mann im Overall zieht die über Nacht stehen gebliebenen Tauben wieder auf. Und andere Vögel, die auf den Dachrinnen der ältesten Häuser herumhüpfen, betrachten von oben Marktplätze, Kreuzungen und frisch gefegte Parkwege. Wenn sie noch etwas höher steigen, sehen sie kilometerlange, sich kreuzende Straßen, die immer zu zweit auftreten und jeweils ein ganzes Stadtgebiet durchstreichen wie den fehlerhaften Entwurf eines Zeichners.

Es gibt überall Geplärr und Gedröhne, braunen Verkehrslärm, das Plätschern von Stimmen, während die Glocken in den Kirchtürmen reglos da hängen, von allen Geistern verlassen. Im Innenhof eines Gefängnisses oder einer Kaserne steht eine Gruppe von Menschen beim Morgenappell. Ihre geschorenen Köpfe sehen aus der Ferne alle gleich aus und sie bewegen sich kaum, nicht mehr als die bunten Ballone in einer Jahrmarktschießbude, wenn der Wind sie an ihren Nägeln zittern lässt, Sekunden bevor die Dartpfeile auf sie niederregnen.

Der Himmel ist an diesem prächtigen Frühherbstmorgen ein riesiges Mikroskop, durch das ein ungläubiges Auge herabglotzt, voller Erstaunen darüber, dass sich das Ganze da unten immer noch bewegt und vermischt und organisiert und ständig komplizierter wird, anstatt sich einfach aufzulösen wie die zarte Struktur eines Salzkristalls in Wasser, und warum sich bei jedem, aber auch wirklich jedem Durchlauf des Experiments an allen möglichen Orten diese albernen Kirchtürme bilden und diese vielen langsam dahingleitenden Fahrzeuge, die vor jeder Kreuzung Schlange stehen, als hinge der Fortbestand der Welt davon ab.

In einer bestimmten Straße unweit des Volksgartens hat sich ein Verkehrsschild aus seiner Verankerung im Beton gelockert und ist zur Seite gekippt, wie ein Stundenzeiger, der von der Zwölf auf die Eins springt. Auf die Straße, genauer gesagt, auf eine einzelne Mauer in dieser Straße, fällt bereits Licht; der Schatten der Nachbarhäuser ist langsam gesunken und nun ist die gesamte Mauer ein Abbild des frühen Morgens, brennend und nackt — der einzige Schatten, der geblieben ist, ist der des schief stehenden Vorfahrtsschildes, der scharf über den Asphalt fällt und an einer Stelle einen kleinen Buckel bildet: Er liegt auf einem Menschen.

Ein Mann tritt aus einem der hohen Gebäude, die an den Park grenzen. Er wirft einen Blick auf die Frau, die mitten auf dem Gehsteig schläft.

Am helllichten Tag.

Er blickt auf die Hausmauer gegenüber. Er schüttelt den Kopf. Bestimmt eine Betrunkene.

— Am helllichten Tag! wiederholt er.

Aber natürlich kann ihn niemand hören, am wenigsten die Bewusstlose selbst, denn unter ihr sammelt sich bereits Blut. Und austretendes Blut bedeutet immer einen Mangel an Aufmerksamkeit. Trotzdem schimpft der Mann, ballt sogar die Faust, auf der sein alter Ehering feststeckt. Niemals wird er ihn wieder abnehmen können. Damals war er selbst ja noch dünn wie ein Fahrradschlauch. Erst wenn er irgendwann krebskrank und ausgezehrt sein wird wie ein Skelett, fällt ihm der Ring vielleicht einmal vom Finger. Aber bis dahin …

Er seufzt und steigt über den Frauenkörper hinweg (und der Schatten des Verkehrsschildes gleitet über sein Bein), dabei verfehlt er um Haaresbreite ihr Handgelenk, fast wäre er drauf getreten. Knack. Aber selbst wenn, dann hätte er die fremde Hand nur mit einem Taschentuch gesäubert und wäre davongerannt — und hätte sich erst an der nächsten Straßenecke umgedreht und mit Genugtuung festgestellt, dass sein altes Herz noch immer zu schlagen versteht, tatsächlich, mitten in dieser Einöde. Endlich schlägt es wieder.

Ein Vogel landet im dichten Gebüsch neben dem Gehsteig, wo die bewusstlose Frau liegt. Aber er sieht nur Zweige, Dornen, Gestrüpp: eine eigenartige Welt. Er schüttelt den kleinen Kopf, dann hebt er surrend ab.

Viele Menschen gehen hier entlang, auch auf der anderen Straßenseite, wo ihre Schatten mit absurd langen Füßen an der Wand tanzen. Kinder werden langsamer, fragen etwas, und Mütter antworten, allerdings erst, wenn sie an der Liegenden vorübergegangen sind. Nicht anfassen. Ist vielleicht schmutzig. Außerdem ist es schon spät, wir müssen weiter.

Mehrere Male klingelt es unter der Frau auf dem blutgetränkten Asphalt.

Der Schatten des Zeigers wird immer kürzer und wandert langsam über sie hin, bis er sich irgendwann löst. Wie ein plötzlich abreißendes Gummiband.

Die Luft ist angenehm warm.

In einer Nebenstraße hupt ein Auto. Es ist so windstill, dass ein Luftballon schnurgerade nach oben fliegen würde, wenn man ihn losließe.

Ein unsichtbares Flugzeug zieht einen zarten Kondensstreifen hinter sich her.

Im nahen Volksgarten geht ein Junge spazieren, einer, der sich oft hier herumtreibt, und jeder, der ihn sieht, weiß, dass er eines jener verwahrlosten Kinder sein muss, von denen man andauernd in der Zeitung liest, die sich oft bis zum Abend im Park aufhalten und irgendetwas aushecken. Wahrscheinlich ist ihm langweilig, denn er vollführt einen seltsamen Tanz: drei schnelle Schritte nach vor, dann lässt er sich auf die Knie fallen, aber Gott sei Dank immer ins weiche Gras, sonst würde er sich wehtun. Außerdem muss er ständig achtgeben, dass er nicht in einen Hundehaufen fällt, von denen hier jeder Zentimeter voll ist, jeder Strauch, jede Holzbank. Es ist für die herbstliche Jahreszeit noch recht warm, und da gehen die Leute gern mit ihren Hunden spazieren. Oder Hunde rennen herrenlos und glücklich über die Wiesen, wie im Paradies. Auch so was kommt vor.

Der Junge, dem die Knie nun doch ein wenig wehtun, holt sein Handy hervor. Es ist das allerneueste Modell, mit Kamera, die so viele Pixel hat, wie es Einwohner gibt in Österreich. Für jeden Kopf ein kleiner Bildpunkt. Er sieht sich zum x-ten Mal den Film an, den er gestern Abend in der Nähe des Parks aufgenommen hat. Das Bild ist ziemlich verwackelt, weil seine Hände ängstlich waren, wie immer, trotzdem kann man alles gut erkennen. Er hat die Aufnahme da drüben, gleich hinter dem Hochhaus, gemacht; jetzt meidet er die Stelle.

Der kurze Film zeigt, wie eine Frau mit einer langen Metallstange niedergeschlagen wird. Ihr Hund läuft davon, sein Kopf steckt in einem Trichter. Die Frau taumelt gegen ein Verkehrsschild und biegt es ein wenig zur Seite, bekommt dann einen letzten, vernichtenden Schlag auf den Kopf und fällt hin.

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