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Die Frequenzen

Электронная книга - «Die Frequenzen». Краткое содержание книги:

Walter und Alexander waren Freunde, als sie noch Kinder waren — nun kreuzen sich ihre Wege wieder
Dies ist die Geschichte von Walter, dem Sohn eines Architekten mit Einfluss. Er will Schauspieler werden — oder will es nur sein Vater? Walter bekommt seine Chance, als ihn Valerie, eine Psychotherapeutin, die bessere Tage gesehen hat, engagiert, um in Gruppensitzungen fiktive Patientenrollen zu spielen. Doch er geht zu sehr in seiner Rolle auf.
Dies ist die Gechichte von Alexander. Er ist Altenpfleger, ein junger Mann mit ausufernder Phantasie, die sich im Schatten einer einsamen Kindheit entwickelt hat. Alexander kündigt seinen Job, und er will seine Freundin loswerden, um mit Valerie zusammenzuleben. Doch die wird eines Tages brutal zusammengeschlagen…
Nach Söhne und Planeten, seinem Debüt, das ihm einhelliges Lob der Kritik einbrachte, legt Clemens J. Setz ein Werk vor, das alle Erwartungen sprengt: atemberaubend kraftvoll, bunt, sprachgewaltig und zart.
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Auf seinem Schreibtisch lag ein Haufen Zettel, und Herr Zmal nahm daran eine sorgfältige Obduktion vor.

— Ja, ich weiß, sagte Messerschmidt. Das tut mir auch leid, aber ich war da in einen kleinen Unfall verwickelt.

— Unfall?

Herr Zmal ließ ihn seine beiden würdevollen Augenbrauen sehen. Die Augenbrauen waren genauso, wie Augenbrauen normalerweise sind: groß, väterlich und sehr beweglich. Auch die Nase von Herrn Zmal war heute ein wenig wohlgeratener als sonst, schien es Messerschmidt. Es war ein seltsames Gefühl — und vielleicht entsprach es auch nur seiner Erleichterung, dass ihm nichts Schlimmeres passiert war, der LKW hatte ihn nur gestreift —, aber er sah Herrn Zmal einfach gerne an.

— Ja, wirklich. Keine Ausrede. Hier –

Er rollte sein Hosenbein auf, um die Schramme zu zeigen.

— Schon gut, sagte Herr Zmal, ich habe ja nicht gesagt, dass ich Ihnen nicht glaube. Beruhigen Sie sich.

— Ich bin ja ganz ruhig, sagte Messerschmidt.

Er staunte, dass das die Wahrheit war. Im Grunde hätte er aufgeregt sein müssen, immerhin war die Situation, der er gerade entronnen war, sehr gefährlich gewesen.

— Kommen Sie, setzen Sie sich hin, sagte Herr Zmal.

Schon saß Messerschmidt vor ihm. Jetzt konnte er auch genau erkennen, was Herr Zmal da tat: Er ging die Abrechnungen durch, kontrollierte alle Summen, so wie er es immer gerne machte. Die Arbeit würde viele Stunden, vielleicht sogar Tage beanspruchen, aber Herr Zmal machte es freiwillig, weil er ein Perfektionist war. Messerschmidt wusste, dass Herr Zmal dabei nicht gerne gestört wurde, und fragte sich, warum er gebeten worden war, sich hinzusetzen.

— Also …

Herr Zmal hielt den Korrekturbleistift immer noch in der Hand, als würde er jeden Moment wieder zu seiner Arbeit zurückkehren. Aber er tat es nicht, sondern er begann zu sprechen:

— Es ist gut, dass Ihnen nichts passiert ist. Erzählen Sie, was war denn?

Sein Blick war unverrückbar auf Messerschmidt gerichtet. Das war nichts Ungewöhnliches, Messerschmidt kannte dieses charakteristische Starren, dieses genaue Mustern der Umwelt, aber gleichzeitig irritierte es ihn ein wenig.

Er schaute auf den Fußboden, der aus kleinen hellen Holzbrettern bestand, die in einem Wellenmuster ineinandergesteckt worden waren. Messerschmidt fragte sich, ob ein solches Holzbrett länger oder kürzer war als sein Schuh. Er zog seine Füße unter dem Sessel hervor, dann aber kehrte seine Aufmerksamkeit zu dem starren Blick von Herrn Zmal zurück, den er wie einen stetigen Luftstrom auf seiner rechten Gesichtshälfte spüren konnte.

— Ich bin über die Straße gegangen, es war Grün für mich –

— Also haben Sie nichts falsch gemacht, unterbrach ihn Herr Zmal gleich.

Auch das war eine der Angewohnheiten seines Vorgesetzten. Herr Zmal musste immer alle Menschen, mit denen er sprach, unterbrechen, ihre Aussagen kurz zusammenfassen oder kommentieren. Vermutlich tat er das, um selbst nicht den Faden zu verlieren, denn er war ein Mann, der sehr leicht von allem Möglichen abgelenkt wurde.

Messerschmidt räusperte sich.

— Ja, stimmt schon, aber dann habe ich … einem Radfahrer Platz gemacht, und der ist dadurch langsamer geworden, und irgendwie … ich weiß nicht mehr, alles ist ziemlich schnell gegangen … zur Seite gekippt und schon hat mich ein Auto von hinten gestreift … Ja …

Er hatte alles ein wenig ausgeschmückt. Er schämte sich dafür, aber was sollte man machen, er wollte keine unnötigen Fragen beantworten müssen.

— Und sonst ist nichts passiert?

— Den Kopf hab ich mir, glaube ich, angeschlagen, gestand Messerschmidt.

Es musste beim Sturz auf sein Knie passiert sein, Schmerzen hatte er keine. Aber gut, sein Kopf war immer schon sehr robust gewesen. Dickschädel, hatte seine Frau früher oft respektvoll gesagt. Jetzt fiel ihm ein, dass er zuhause anrufen sollte, man machte sich bestimmt schon Sorgen um ihn. Aber warum? Er war doch ganz normal in die Arbeit gegangen und war schließlich auch hier angelangt, ganz einfach. Nein, zuhause wusste doch niemand von der Verspätung, es sei denn, Herr Zmal hatte bei ihm angerufen und seine Tochter hatte nicht gewusst, wo er war. Sie hatte eine erschrockene Hand zum Mund bewegt, und der Telefonhörer hatte in der anderen Hand zu zittern begonnen. Ist … ist er nicht in der Arbeit erschienen? Ja, so konnte es gewesen sein.

— Hat meine Tochter hier angerufen, sagte er.

Es war merkwürdig, der Schock hatte ihm offenbar auch die Stimmbänder gelähmt, denn er bekam die Satzmelodie einfach nicht richtig hin. Die Frage klang wie ein leidenschaftsloser Aussagesatz. Und außerdem war sie ganz verkehrt gestellt. Haben Sie?, hätte er eigentlich fragen müssen. Haben Sie bei mir zuhause? Aber egal.

— Nein, warum? fragte Herr Zmal.

Auch das klang nicht wie eine Frage. Für einen Augenblick sah es so aus, als würde Herr Zmal seine Schreibarbeit wieder aufnehmen, aber der Korrekturbleistift bewegte sich nur wenige Millimeter über das mit Zahlen bedeckte Papier, als unterliege er einer Art natürlicher Fortbewegung, wie etwa der Mond oder der Schatten eines Hauses, während der Tag verging.

Messerschmidt winkte ab.

— Ich hab nur gedacht … nein, natürlich nicht, da hab ich was verwechselt, glaube ich.

Eine Weile schwiegen sie. Es war völlig still. Messerschmidt lehnte sich im Stuhl zurück, um ihn knacken zu lassen, aber das Holz schien dafür viel zu geschmeidig, obwohl es ein sehr alter Stuhl war. Die gesamte Einrichtung im Büro war sehr alt. Dass das angenehme Knarren und Knacken der hölzernen Stuhllehne ausblieb, enttäuschte Messerschmidt so sehr, dass er unvermittelt aufstand.

— So, also dann, sagte er, ich werde dann mal an die Arbeit gehen.

— Ja, in Ordnung, sagte Herr Zmal.

Er hielt Messerschmidt die Hand hin. Zwischen zwei Fingern hing noch immer der Bleistift. Messerschmidt, der nicht unhöflich sein wollte, sagte nichts über die kleine Vergesslichkeit seines Chefs und ergriff die Hand, wobei er achtgab, den Bleistift nicht zu berühren.

Als er sich zum Gehen wandte, hörte er hinter sich etwas zuklappen. Er drehte sich kurz wieder um und sah, dass es die Mappe mit den Jahresabrechnungen war. Herr Zmal war offenbar bereits fertig.

— Schon fertig mit den Korrekturen, sagte Messerschmidt freundlich.

Herr Zmal schien zu erschrecken. Er sah nach links und rechts, wischte sich über die Stirn, die plötzlich verschwitzt war und auch leicht gerötet. Sein Blick traf Messerschmidt nicht, obwohl dieser für einen Augenblick stehen geblieben war. Eine Weile wartete er, aber es geschah nichts. Herr Zmal antwortete auf seine Frage nicht. Wann hatte er die Korrektur gemacht? Es konnte nicht während ihres kurzen und merkwürdigen Gesprächs geschehen sein, denn Messerschmidt hatte genau darauf geachtet, obwohl er gar nicht genau sagen konnte, wieso.

Genau darauf geachtet, genau darauf geachtet: eine warme Berührung an seinen Oberschenkeln.

M’lp. M’lp.

Die junge Japanerin wischte ihre nasse Hand an der provisorischen Schürze ab, dann holte sie das Apfelmus, mit dem sie Herrn Messerschmidt fütterte. Das Mus kam in einen Beutel, und der Inhalt des Beutels gelangte über eine Sonde direkt in den Magen. Wenn sie die ständig verklebte Eingangsstelle am Bauch des alten Mannes reinigte und frisch mit einer Mullbinde überklebte, verbreitete sich ein beißend saurer Geruch im ganzen Zimmer.

Sie seufzte.

Heute war ihr die Arbeit besonders unangenehm. Ihr Körper verlangte nach etwas anderem. Sie hatte sich heute ein paar Minuten früher von ihrem neuen Freund trennen müssen, um rechtzeitig bei Herrn Messerschmidt zu sein. Sie waren zu gar nichts gekommen. Dabei brauchte sie es so dringend, auch wenn es peinlich war, das zuzugeben. Aber jetzt waren sie schon eine Woche zusammen, und alles, was sie bisher getan hatten, war ein wenig Oralverkehr, akrobatisch ineinander verkeilt wie Zwillingsgalaxien. Mein Gott, er hatte so gut geschmeckt, so verdammt gut, und das kam nicht oft vor bei Männern. Die meisten schmeckten säuerlich oder bitter oder überhaupt nur nach ungepflegten, dornigen Schamhaaren, aber Colin — Colin roch und schmeckte gut. Er hielt sehr viel auf Pflege und Hygiene. Sie wusste es genau, denn neulich hatte sie mit ihrer Zunge –

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